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Winter im "Tibet der Alpen"

Von Maria Kapeller, 13. Februar 2017, 00:04 Uhr
Winter im "Tibet der Alpen"
Bild: Livigno

Früher war das Leben in der 1816 Meter hoch gelegenen italienischen Gemeinde mühselig. Heute zählt Livigno zu den beliebtesten Wintersportorten und steht für Freeriden, Heliskiing und zollfreies Einkaufen.

Das Leben ist hart und kräftezehrend. Das eigene Heim aus Lärchenholz und Stein gebaut. Wenn es draußen bitterkalt ist, wärmt drinnen ein offenes Feuer. Die Winter sind lang, hier oben auf 1816 Meter Seehöhe. Die Sommer sind kurz. Zu kurz, um Felder zu bestellen oder Gemüse zu ernten. Einzig Rüben kommen mit den kargen Bedingungen zurecht, sie werden zu Brot und Würsten verarbeitet. Ansonsten sind die Lebensmittel knapp. Eine Verbindungsstraße in die nahegelegene Schweiz gibt es nicht. Der Weg über den nächstgelegenen italienischen Pass ist im Winter zugeschneit.

Lange Zeit abgeschnitten

Unter diesen Bedingungen hat die ältere Generation in Livigno, zu Deutsch Luwin, bis in die Fünfziger- und Sechzigerjahre gelebt. Ein Leben voller Entbehrungen inmitten grandioser Natur. Die italienische Gemeinde war lange Zeit vom Rest der Welt abgeschnitten. Diese Exponiertheit brachte ihr den Beinamen "Klein-Tibet" ein. Erst seit 1951 ist der 2291 Meter hohe Passo Foscagno nach Rest-Italien mit Schneeketten auch im Winter befahrbar. In den Sechzigerjahren folgte der Bau des Munt-la-Schera-Tunnels vom schweizerischen Engadin nach Livigno. Der Tunnel ist einspurig, niedrig und schmal. Nach der Ausfahrt hat man kurz das Gefühl, tatsächlich in Tibet gelandet zu sein. Gigantische Berghänge ragen vom Ufer des Livigno-Stausees auf, der von Schnee und Eisplatten überzogen ist. Die Straße schlängelt sich mehrere Kilometer entlang einer ursprünglichen, kolossalen Naturlandschaft, bevor die ersten Häuser sichtbar werden.

Tourismus brachte Wohlstand

Die verbesserte Infrastruktur brachte Tourismus und Wohlstand. Heute hat Livigno, das zur Lombardei gehört, mehr als 6400 Einwohner und ist zu einem beliebten Wintersportgebiet geworden. Auf dem Programm stehen neben Skifahren, Langlaufen und Schneeschuhwandern auch Adrenalin-Sportarten wie Eisklettern, Fatbiken oder Paragleiten. Profisportler aus aller Welt kommen auf Europas größte Hochebene zum Höhentraining. Nachts stapfen Besucher mit der Stirnlampe hinauf zu urigen Hütten, wo gebackener Käse, Risotto und die Buchweizennudeln Pizzoccheri aufgetischt werden.

Winter im "Tibet der Alpen"
Abwechslung: Fatbiken im Schnee Bild: Kapeller

Beliebter Neuling

Der alle zwei Jahre durchgeführten Urlauber-Befragungsstudie "Best Ski Resorts" zufolge zählt Livigno aktuell sogar zu den Top-3-Skigebieten der Alpen, gleich hinter Zermatt in der Schweiz. Erstmals in das Ranking aufgenommen, schaffte es die italienische Gemeinde gleich auf Platz 1 in den Bereichen Freundlichkeit, Ambiente, Ruhe und Erholung, Wellnessangebot und Authentizität sowie in der Kategorie Preis/Leistung Liftticket. Kein Wunder: Gerade einmal 60 Straßenkilometer vom exklusiven Schweizer Nobel-Skiort St. Moritz entfernt, punktet Livigno mit angemessenen Preisen und familiengeführten Hotels.

Auch italienisches Flair bucht man mit dem Skiurlaub quasi gleich mit: In den Bars werden nach dem Pistentag Aperol Spritz und Oliven serviert, Feinkostläden verkaufen Hartkäse und Sugo mit Speck. Bei zweistelligen Minusgraden bummeln Urlauber durch die Einkaufsstraßen als würden sie Livigno mit Lignano verwechseln. Apropos einkaufen: Livigno ist seit mehr als 200 Jahren zollfreie Zone, Napoleon höchstpersönlich hat das 1805 so entschieden. Der Grund dafür war die exponierte, schwer zugängliche Lage.

Winter im "Tibet der Alpen"
Lawinen-Forscher Fabiano Monti Bild: Kapeller

Den zollfreien Status hat Livigno bis heute beibehalten, die Grenzen wären ohnehin nur schwer kontrollierbar. Neben Benzin und Diesel können Urlauber vor allem Zigaretten, Alkohol, Parfüms, Kameras, Brillen, Computer und andere elektronische Geräte vergünstigt einkaufen. Auffällig ist auch die Vielzahl an Outdoor-Bekleidungs- und Sportartikelgeschäften. Nebst der Zollfreiheit wartet Livigno mit noch mehr Eigenheiten auf: Im Ort befindet sich die höchste Brauerei Europas, deren Bier den passenden Namen "1816" trägt. Und das zur Gemeinde gehörende Dorf Trepalle ist mit bis zu 2250 Metern Seehöhe angeblich der höchste ständig bewohnte Ort Europas.

Außerdem ist Livigno das einzige Skigebiet Italiens, in dem Freeriden ausdrücklich erwünscht ist. Auch Einsteiger sind willkommen und werden bei geführten Touren mit Lawinenrucksack, Teleskopsonde, Schaufel und Piepser ausgestattet. Dafür, dass das Fahren abseits der Piste so sicher wie möglich ist, sorgen Info-Tafeln sowie täglich aktualisierte Schnee- und Lawinenberichte auf der Website des örtlichen Tourismusverbandes. "Unsere Bergführer sind jeden Tag in der Früh draußen und füllen einen Schneebericht aus", erklärt Lawinen-Wissenschafter Fabiano Monti, Miterfinder des Livigno-Freeride-Projekts. Er zeigt auf die Schneeprofil-Simulation auf dem Computerbildschirm in seinem Büro. "Wir bauen dann aus allen gesammelten Daten ein Puzzle zusammen, um uns ein Bild über die Konditionen und die Stabilität zu machen." Allein der Temperaturunterschied zwischen den einzelnen Schneeschichten oder das Wissen über die Form der Schneekristalle können entscheidend sein. Die Datendichte sei für die vergleichsweise geringe Größe des Gemeindegebietes extrem hoch, so Monti.

Winter im "Tibet der Alpen"
Genuss-Hütte "Tea da Memi" Bild: Kapeller

Heliskiing-Angebot

Besonders abenteuerlustige Freerider will der Wintersportort mit Heliskiing locken. Die kostspieligste Form des Skifahrens ist in den wenigsten Skigebieten der Alpen erlaubt, in Österreich bisher nur am Arlberg.

In Livigno sieht man die Sache pragmatisch: Früher musste man häufig einen teuren Hubschrauber kommen lassen, zum Beispiel um gefährliche Schneemassen zu beseitigen. "Bei Schwierigkeiten am Berg braucht man den Helikopter so schnell wie möglich, bei schlechtem Wetter kann er die Bernina-Alpen aber nicht passieren", erklärt Wissenschafter Monti. Seit einiger Zeit ist deshalb ein eigener Hubschrauber in der Gemeinde stationiert, der im Ernstfall sofort einsatzbereit ist. Finanziert werden kann das Projekt nur dank der touristischen Heliskiing-Flüge. In Livigno wusste man sich eben schon immer zu helfen.

 

Livigno-Tipps

Anreise: Livigno ist von Innsbruck aus über die Schweiz in rund zweieinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar. Im Engadin führt der 3,5 Kilometer lange, mautpflichtige Tunnel Munt la Schera direkt über die Grenze ins italienische Livigno.

Wintersport: 31 Lifte und 115 Pistenkilometer, 30 Kilometer Langlaufwege mit Biathlon-Arena, Heliskiing und ein in Italien einzigartiges Freeride-Projekt. Ein Tages-Skipass für Erwachsene kostet in der Hauptsaison 46 Euro.

Freeriden: Täglich aktualisierter Lawinen-Bulletin unter https://www.livigno.eu/de/avalanche-bulletin

Heliskiing: Zwei Flüge kosten bei einer Vierergruppe inklusive Begleitung eines Bergführers 275 Euro/Person.
Unterkunft: Hotel Touring – zentral gelegenes, familiengeführtes 4-Sterne-Hotel – www.touringlivigno.com

Kulinarik-Tipps: Jeden Donnerstag Early Morning Skiing mit anschließenden Frühstück im Restaurant Costaccia auf 2360 Meter Seehöhe; regionale Spezialitäten in der Hütte „Tea da Memi“ im Val Federia oder in der Panorama-Skihütte „Cip & Ciop“; Käse- und Milchprodukte im Restaurant der genossenschaftlichen Molkerei „Latteria“.

Kultur: Mus! Museum von Livigno und Trepalle (3,50 Euro)

Wellness: Aquagranda – frisch renoviertes Wellnesscenter mit Schwimmbad, Spa, Fitnesscenter und Beauty-Bereich.

Einkaufen: In rund 250 Geschäften in Livigno kauft man zollfrei ein, es gibt aber Obergrenzen.

Links: www.livigno.eu; www.best-skiresorts.com

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