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Reisen

Wenn Lech den grünen Teppich ausrollt

Von Roswitha Fitzinger  03. September 2022 14:00 Uhr

Wenn Lech den grünen Teppich ausrollt
Lech liegt auf 1440 Metern, der Gipfel des Omeshorns auf 2557 Metern Seehöhe.

Lech – ein Ort mit klingendem Namen, bei dem jedem weiß wird vor Augen, weil man ihn unweigerlich mit Schnee verbindet. Wer die Wiege des heimischen Skisports im Sommer oder Herbst besucht, erlebt nicht nur blaue, sondern grüne Wunder.

Inge Bischof hat Wort gehalten. "Das schönste Zimmer" im Haus hatte die Hotelwirtin vom "Formarin" am Vortag versprochen. Nach einer Nacht, in der fernes Kuhglocken-Gebimmel mich ins Traumland schickte, fällt der erste Blick morgens, noch vom Bett aus, auf ihn: Wuchtig und mächtig steht er da, drängt alle anderen Erhebungen in den Hintergrund. Das Wort Platzhirsch fällt einem unweigerlich ein. Was das Matterhorn für Zermatt, der Traunstein fürs Salzkammergut, ist das 2557 Meter hohe Omeshorn für Lech. Die Lecher nennen den markanten Riesen schlicht "Hausberg". Die Morgensonne lässt das bis weit oben reichende Grün noch zusätzlich leuchten als gelte es ihn besonders in Szene zu setzen. Auf alle Fälle stellt er den kleinen Ort zu seinen Füßen beinahe in den Schatten, obwohl dieser einen großen Namen trägt:

Lech. Hier wurde der heimische Wintersport quasi erfunden, bereits vor 120 Jahren der erste Ski-Club gegründet. Heute verzeichnet man in der Wintersaison bis zu 850.000 Nächtigungen, man verfügt nicht nur über eine der zehn steilsten präparierten Pisten der Welt, sondern ist Teil des größtes Skigebiets Österreichs (Ski Arlberg) mit insgesamt 97 Liften und Bahnen, 350 Kilometern präparierten Pisten und 200 Kilometern ausgewiesenen Tourenabfahrten. Doch Lech kann nicht nur Winter. Allein der sommerliche Ausblick vom Hotelbalkon in Oberlech, gepaart mit der frischen Morgenluft hier auf 1600 Metern Seehöhe, macht hungrig – bewegungshungrig. Die Bergschuhe bleiben jedoch im Kasten, auf den Berg geht es dennoch – zum Yoga.

Die Gipsböden

Das ganze Programm

Der Bergstation der nahen Petersbodenbahn kehren die auf einer Holzplattform Aufstellung nehmenden Yogis den Rücken. Aus gutem Grund. Grün und Berge in allen anderen Richtungen. Allein der Anblick wirkt entspannend, während die Lungen mit Bergluft gefüllt, die Muskeln gedehnt werden. Yoga ist eine von zahlreichen Aktivitäten, die Inhabern der "Lech Card" (Näheres unten) geboten werden. Sie inkludiert etwa den Eintritt in das Waldschwimmbad und die Tagesgebühr für Driving Range, Putting Green und Pitching Area bei der Golfübungsanlage. Man kann aber auch an einer geführten Tour mit dem E-Bike teilnehmen, zu einer gemeinsamen Sonnenaufgangswanderung aufbrechen oder auf der Kaltenberghütte auf ein Bergfrühstück einkehren.

Der Magen macht sich nach der eineinhalbstündigen Yogaeinheit bemerkbar. Automatisch steuern die Füße durch das noch feuchte Gras direkt auf Essbares zu. Nur wenige Schritte braucht’s, bis man vor der "der Wolf"-Hütte steht. Animalisches erwartet einen nicht, vielmehr kommt man hierher um zu essen – und um sich des Ausblicks zu erfreuen. Wieder einmal.

Bergpanorama der Wolf’schen Hütte

Zunächst jedoch verharrt das Auge am Ungewöhnlichen: keine karierten Vorhänge oder Tischdecken, weder Schnörkel noch Malereien, dafür eine Architektur, die in ihrer Schlichtheit an Kargheit grenzt. Alles ist aus Holz, unbehandelte Fichte, nur die Möbel aus Lärchenholz. Ob auf der windgeschützten Terrasse oder im Inneren, man blickt auf die Natur wie durch einen (Holz-)Rahmen. Christian Wolf wollte das Hüttenthema einmal anders interpretieren und doch authentisch sein. "Die Architektur hier oben war immer geradlinig. Je karger die Gegend, desto schlichter war sie", sagt der Hüttenwirt.

Die Architektur und das Bergpanorama werden kulinarisch abgerundet mit Bewährtem aus den Alpen wie Kaspressknödeln mit Bergkäse aus dem Klostertal und Trendigem wie Burger und Curry. Mir ist nach einem deftigen Bergfrühstück, ich lasse mir Schinken, Speck und Käse aus dem Ländle sowie Brot vom Lecher Laib und Arlbergstangerl schmecken. Sommer oder Winter – was sei schöner in Lech, lautet die abschließende Frage an den Hüttenwirt. Seine Antwort fällt trotz des grandiosen sommerlichen Bergpanoramas diplomatisch aus. "Wenn im Winter alles im Weiß versinkt, ist, dann hat das auch etwas", versichert Christian Wolf.

Die kalte Jahreszeit ist gedanklich so weit entfernt wie das heimatliche Linz. Gleich ums Eck sind hingegen die Gipslöcher. Die aus dem Boden ragenden Gesteinsverwerfungen erinnern auf den ersten Blick an die Felskamine in Kappadokien. Tatsächlich sind es Dolinen, mehr als 1000 an der Zahl, die größte mehr als 30 Meter tief und mit einem Durchmesser von fast 100 Metern. Ein Lehrwanderweg führt durch diese geologische Besonderheit, in der zwischen Juli und August auch 20 Orchideenarten blühen.

Himmel und Erde als Kunstinstallation

Ein hoher Pfiff gellt durch das Gelände. Es ist der Warnruf eines Murmeltiers. Die Bergbewohner haben in dem weichen Gipsgestein ihre Höhlen eingerichtet. Labyrinthartig verlaufen auch die Gehwege kreuz und quer durch das Naturschutzgebiet auf 2000 Metern Höhe. Die Berge helfen bei der Orientierung. Auf das Omeshorn zugehend, bewegt man sich auf Oberlech zu. Ich steuere den Großen Widderstein im Norden an, weit entfernt davon ihn je zu erreichen. Doch der Berg ist auch nicht das Ziel.

Das Skyspace Lech

Der US-amerikanische Künstler James Turrell hat 2014 hier im hochalpinen Raum einen begehbaren Lichtraum geschaffen. Es ist eines von mehr als 75 Skyspace-Kunstwerken, jedoch das einzige mit einer Kuppel, die sich öffnen lässt. Man sitzt in einem ellipsenförmigen Raum und blickt in den Himmel, während die Öffnung am Ende eines 15 Meter langen Eingangstunnels vom Gipfel des Biberkopfs ausgefüllt ist.

Im Reich der Ringe

Tags darauf ist so weit. Die Bergschuhe werden geschnürt. Themenwanderung, Gipfeltour, Weitwanderweg – Gehbeigeisterte haben die Qual der Wahl in Lech und brauchen dazu nicht einmal ein Auto. Die Bergbahnen bringen einen hinauf, die blauen Lechbusse wieder heim oder hin – etwa zum Formarinsee. Der Hochgebirgssee auf knapp 1800 Metern Seehöhe, in dem auch gefischt werden kann, bildet sich Jahr für Jahr aus dem Schmelzwasser. Ein breiter Wanderweg umrundet ihn beinahe und führt hinauf zur Freiburger Hütte. In der entgegengesetzten Richtung nimmt hingegen der 125 Kilometer lange „Lechweg“ seinen Anfang. Die erste Etappe (Formarinsee–Lech) führt zunächst den Formarinbach und dann der Lech entlang. Wer nicht die gesamten 14 Kilometer nach Lech gehen möchte, steigt bei einer der Haltestellen des Lechbuses zu und fährt retour.

Die Gipfeltour auf den Mohnenfluh (2542 m) führt über die romantische Gaisbühelalpe

Sportlich ambitionierter sind da jene 1000 Skifahrer unterwegs, die jährlich am „Weißen Ring“ teilnehmen. Das Rennen, bei dem es fünf Abfahrten (und fünf Lifte), einen intensiven Anstieg sowie eine anspruchsvolle Skiroute zu bewältigen, dabei 22 Kilometer und 5500 Höhenmeter zu überwinden gilt, hat Kultstatus im Arlberggebiet. Das Sommer-Pendant heißt „Grüner Ring“. Neben einem Trailrennen Mitte August lässt sich die Berglandschaft auf den Spuren der legendären Skirunde aber auch hervorragend erwandern – gemütlich in drei Etappen oder in nur einer:

Die Rüfikopfbahn bringt mich auf 2300 Meter, wo ein Panoramarestaurant seinen Frühschoppen mit Livemusik, Fondue-Abende und das Gipfelfrühstück anpreist. Die der Gondel entstiegenen Bergwanderer verflüchtigen sich schnell, sei es auf den Geoweg, einen der umliegenden Gipfel oder hinab nach Zürs. Dorthin begleiten mich schon bald nur noch das Gebimmel der Kuhglocken und die Pfiffe der Murmeltiere. Der breite Weg erlaubt es, die Landschaft zu genießen. Wieder einmal scheint es, als hätte Lech den grünen Teppich ausgerollt. Am kleinen Monzabonsee oder auf der Monzabon Alpe kann man verweilen und sich in der Hüttenbibliothek ein Buch schnappen und lesen. Charmebefreit, trostlos und wie ausgestorben präsentiert sich hingegen Zürs – zumindest zu dieser Jahreszeit.

Immerhin, der Bus zurück nach Lech ist pünktlich. Ich will Arlbergs ersten und einzigen Bierbrauer schließlich nicht warten lassen. Dass das Treffen in einem 4-Sterne-Hotel stattfindet, ist nicht die einzige Überraschung. Clemens Walch ist Hotelier, eigentlich jedoch gelernter Bäcker, außerdem brennt er vier Sorten Gin und sein Speck trocknet auf 2000 Metern Höhe in Almhütten über einem ein Meter hohen Heubeet. Als vor vier Jahren die Bäckerei vom Keller des Hotels „Gotthard“ an den Lecher Ortsrand übersiedelte, stellte sich für den 60-Jährigen nicht lange die Frage, was tun mit den frei gewordenen 1000 Quadratmetern. Seither kocht in den Kupferkesseln der Sud für ein ungefiltertes „Arlbeer“, ein „Helles“ (Lager), außerdem ein Pale Ale und ein Weizen. In Anlehnung an Lechs Hausberg hat Clemens Walch sein Bier „Omes“ getauft, von dem er jährlich 800 Flaschen eigenhändig abfüllt und etikettiert.

Winter oder Sommer? Zum Schluss auch an ihn die Frage, welche Jahreszeit in Lech schöner ist. „Der Winter ist zum Geldverdienen, der Sommer ist fürs Herz“, sagt Walch und legt seine linke Hand an die Brust.

Sonst noch …

  • Die Lech Card kann ab einer Übernachtung bezogen werden. Die je nach Gültigkeitsdauer gestaffelten Preise (1–2 Tage 28 Euro; 3–4 Tage 44 Euro …) beinhalten die Beförderung mit Lechbus und Bergbahnen sowie sämtliche Aktivitäten wie geführte Wanderungen, E-Bike-Touren oder Eintritte. mylechcard.at, lechzuers.com
  • Übernachten: Das Hotel „Formarin“ in Oberlech ist eine echte Empfehlung. In dem familiengeführten 3-Sterne-S-Haus kommt man in den Genuss eines Frühstücksbuffets, das keine Wünsche offenlässt, einer herrlichen Sonnenterrasse mit Blick auf Lech und herzlicher Gastgeber. DZ mit Halbpension in der Nebensaison ab 120 Euro/Person. (formarin.com)

 

  • Kulinarisch: In Lech-Zürs trifft man auf die weltweit höchste Dichte an Haubenlokalen im Verhältnis zur Einwohnerzahl.
    Zu einem der Besten gehört das Weinrestaurant „s’Achtele“ im Lecher Ortsteil Zug. Bei Schönwetter unbedingt auf der Terrasse essen und die grandiose Aussicht genießen. (staefeli.at)

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Roswitha Fitzinger

Roswita Fitzinger

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