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Reisen

Was blieb vom einstigen Gottesstaat?

Von Heimfried Mittendorfer   08. September 2012 00:04 Uhr

Was blieb vom einstigen Gottesstaat?
Die Hauptmoschee in der „Heiligen“ Stadt Ghom ist noch immer Pilgerstätte für gläubige Muslime.

Jahrzehnte nach der Revolution bricht die Fassade des Iran langsam auf. Was bleibt, sind Reste einer Kultur, die mehr als 4000 Jahre zurückreicht.

Energisch tönt Manfreds „Kopftuch“ zum wiederholten Male durch den Bus. Wieder einmal nähern wir uns einer Polizeistation, wo das strenge Auge der Staatsdiener auch die Gelegenheit wahrnimmt, Touristen auf die Einhaltung der Bekleidungsvorschriften zu überprüfen. Längst haben sich unsere Damen damit abgefunden, bis zur Unkenntlichkeit durch Kopftuch und einem langen Umhang eingehüllt, bei hochsommerlichen Temperaturen, ihr Dasein fristen zu müssen.

Jahrzehnte nach der Revolution ist vom Gottesstaat eigentlich nur die Fassade intakt. Nach außen gibt man sich einigermaßen vorschriftsgemäß und zugeknöpft, hinter verschlossener Tür hat man sich seit langem aber die erwünschte Freiheit genommen: Partys, Alkohol und saloppe Kleidung sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Eine weitere, friedliche Revolution, der totale Bruch mit den Verfechtern eines Staates von Gottes Gnaden ist seit langem im Gange.

Bei der Jugend ist mehr Interesse für europäischen Fußball und westliche Musik zu bekunden, als für religiöse Traditionen.

Ayatollah Khomeini, dem Vater dieses im Umbruch befindlichen Systems, hat man im Anschluss an den Heldenfriedhof Behest-e Zahra, wenige Kilometer außerhalb von Teheran, ein überdimensionales Mausoleum errichtet. In welch aufgeweichter Form an diesem bedeutenden Wallfahrtsort die Verehrung des ehemaligen Revolutionsführers über die Bühne geht, erweckt beim Besucher Erstaunen und Nachdenklichkeit – Kinder spielen Fangen, Lärm und Durcheinander erinnern eher an eine Bierzeltatmosphäre als an einen Ort des Gedenkens.

Der Iran, das wichtiges Verbindungsglied zwischen Nahem Osten und asiatischem Raum, war im Laufe der Geschichte immer als Transitland von großer Bedeutung. Die Landschaft dominiert das zentrale Hochland, das mit Durchschnittshöhen zwischen 800 und 1000 Metern aufwarten kann, jedoch im Norden, Süden und Westen von gewaltigen Gebirgsketten begrenzt wird, die weit über 4000 Meter aufragen und im Damavand mit 5671 Metern die höchste Erhebung des Landes erreichen.

Stürme der Begeisterung löst bei uns die wilde Gebirgslandschaft Luristans aus. Stundenlang passieren wir Gebirgszüge jüngster Entstehungszeit, die uns einen tiefen Einblick in die Formenwelt der Erdkruste gewähren. Im Osten gehen die Steppen und Wüstensteppen des Hochlandes in die Vollwüsten Kavir und Lut über.

Zu den wenigen nomadischen Stämmen, die sich mit ihren großen Schaf- und Ziegenherden aus den Glutnestern der Niederungen im Sommer in die kühleren Höhen der Zagrosketten absetzen, sind vor allem noch die Qashqai zu zählen. Bewundernswert ist die Selbstsicherheit, mit der sie problemlos den Bekleidungsanliegen des Staates trotzen konnten. Die Buntheit und Auffälligkeit ihrer Kleidung bringt Kontrast in die karge Landschaft des Südens.

Viel Staub beim Umzug

Viel Staub wird aufgewirbelt, wenn eine Familie mit ihren Herden zu den Sommerweiden umzieht. Der Hausrat für die nächsten Monate befindet sich auf den Rücken der Packesel. Unvorstellbar für einen Mitteleuropäer, mit dieser Ausrüstung über längere Zeit das Auslangen finden zu müssen. Die fröhlichen Gesichter der Viehhirten beweisen die Machbarkeit.

Eine Reise durch den Iran konfrontiert einen an allen Ecken und Enden des Landes mit den bis ins 4. Jahrtausend zurückreichenden Kulturen. Wenn auch nur mehr wenige Bauwerke aus der elamischen Periode die immense Zeitspanne überdauerten, so ist man bemüht, dem Besucher durch Rekonstruktionen eine vage Vorstellung von deren Größe und Aussehen zu vermitteln, wie es etwa bei der Zikkurat Choga Zanbil, die als pyramidenförmiger Stufenturm zu Ehren des Stadtgottes von Dur Untash errichtet worden war, der Fall ist.

Unter der Herrschaft der Achämeniden, federführend unter Dareios I. (6. Jh. v. Chr.) begann die Grundsteinlegung für den äußerst weitläufigen Palastkomplex von Persepolis. Durch das Heranziehen von Kunsthandwerkern aus allen Landesteilen fanden verschiedenartigste Strömungen in Architektur und Dekoration ihren Niederschlag. Das Prunkstück bildet die zur Apadana hochführende Freitreppe. An manchen Stellen hat der Stein, der auf Hochglanz poliert war, sein Leuchten bis heute erhalten. Im Allgemeinen ist er aber von einer grauen Patina überzogen, Steinfraß macht sich bemerkbar.

Pistaziensträucher in unendlich langen Pflanzungsstreifen begleiten uns auf dem Weg von Kerman nach Yazd. In der Nähe der Stadt, treffen wir auf zwei zoroastrische Bestattungstürme, Türme des Schweigens, in denen die Toten der Zoroastrier den Geiern zum Fraß ausgesetzt wurden. Seit 1970, auf Veranlassung des letzten Schahs wird von dieser Art des Totenkultes Abstand genommen. Yazd selbst verdient es, „Stadt der Bagdire“ genannt zu werden. Wie alle anderen Städte am Wüstenrand, verdankt auch Yazd ihre Wasserversorgung den Qanaten.

Zum Höhepunkt unserer Reise quer durch den Iran wurde der Besuch Isfahans, der Perle unter den Städten des Landes. Immer wieder zog es uns zum Terrassenteehaus hoch über dem Nordtor des Königsplatzes, denn von dieser Stelle aus war der gesamte zentrale Komplex mit all seinen baulichen Kostbarkeiten leicht überschaubar und lud zum Träumen ein.

Eine doppelstöckige Arkadenanordnung umrahmt den mit viel Grün und Wasserfontänen ausgestatteten Meidan-e Imam. An jeder Seite des rechteckigen Platzes trifft man auf Zeugnisse safawidischer Baukunst. Arkaden scheinen es der Stadt angetan zuhaben, denn selbst der Hauptfluss der Stadt, der Zayande-Rud, wird durch Arkadenbrücken überspannt.

Dareios I. auch der Große genannt, war Großkönig des persischen Achämenidenreichs. Sein persischer Name bedeutet „Das Gute aufrechterhaltend“. Dareios I. gilt als einer der bedeutendsten Großkönige des altpersischen Reichs. Zu seinen Leistungen gehört die Erneuerung der Reichsstrukturen. Seine Verwaltungsreformen wurden noch lange nach dem Ende des Achämenidenreiches als vorbildhaft erachtet.

Quanate dienen der Wasserversorgung. Sie führen das lebenswichtige Trinkwasser unterirdisch oft über Distanzen bis zu 70 Kilometer heran. In den Trockengebieten des Landes ist man noch auf diese, auf das 1. Jahrtausend v. Chr. zurückgehende Wasserversorgungstechnik angewiesen.

Bagdire sind Windtürme. Durch ihre senkrechten Schlitze wirken sie wie eine Klimaanlage, indem die leisesten Luftbewegungen eingefangen und über Schächte im Turminneren auf ihrem Weg in darunter befindliche Räume abgekühlt werden.

Reiseinformationen

Reisezeit: Als beste Reisezeit für das gesamte Land gelten die Monate März bis Mai und September bis November

Kleidung: März bis Nov. leichte sommerliche Kleidung, Pullover oder Strickjacke

Geld: 1 Euro entspricht 14.897,2 Iranischen Rial (IRR), (Juli 2012) Moscheenbesuch: Barfuß, keine Fotos, Frauen werden häufig Chadors verabreicht, Nichtmuslimen ist der Zutritt zu den wichtigsten schiitischen Heiligtümern wie z.B. in Qom, untersagt.

Zeitunterschied: MEZ +2,5 Stunden

Hauptstadt: Teheran

Fläche: 1,6 Millionen km2

Einwohner: 68,8 Millionen; Amtssprache: Persisch

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