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Reisen

Wandern in Zeitlupe

Von Maria Kapeller   14. August 2021 00:04 Uhr

Wandern in Zeitlupe
Auf dem Slow Trail am Kitzelberg mit Blick auf den Klopeiner See

Langsam, gemächlich und mit allen Sinnen: Die Kärntner Slow Trails laden zum Müßiggang ein.

"Lebe ich oder lebt es mich?" Eine Frage, die vermutlich viele Menschen während des vergangenen, von der Corona-Pandemie geprägten Jahres beschäftigt hat. Willi Pinter, 57, klein gewachsen, sportlich, blitzblaue Augen und graues Haar, stellt sie gern. Meistens dann, wenn er mit Urlaubern irgendwo rund um den Klopeiner See unterwegs ist. Der Bewegungstrainer und Mentalcoach hat sich schon lange vor Ausbruch von Corona mit dem Sinn des Lebens befasst – gezwungenermaßen. Als kleiner Bub mit sieben Geschwistern wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Damals sammelte er in den Hotels rund um den See die Essensreste ein und brachte sie mit nach Hause. Es folgte eine Leichtathletik-Karriere, die ihn zum Nachdenken brachte: "Wir haben trainiert wie die Irren, aber es ist zu wenig herausgekommen. Dann habe ich gemerkt: Wenn ich loslasse und die Bewegung mehr mit meinem eigenen Leben abstimme, dann bringe ich eine viel gesündere Leistung."

Heute ist Pinter nicht nur gefragter Fitnesscoach, sondern leistet sich auch gern einmal ein Essen in einem der Seerestaurants. Während er mit einer kleinen Gruppe den Slow Trail am Kitzelberg beschreitet, erklärt er: "Gerade die Bewegung in der Natur hat einen enormen Effekt auf uns Menschen. Wir bekommen einen völlig anderen Zugang, wenn wir spüren, was wir tun", sagt er und schüttelt verständnislos den Kopf, während ein Paar ohne nach links und rechts zu schauen vorbeirauscht. Der breite Kiesweg führt bergauf durch einen Mischwald, vorbei an Erdbeerblüten und Heidelbeersträuchern, bis zu einer Aussichtsplattform mit Blick über den Klopeiner See und den kleineren Turnersee.

Sehnsucht nach Freiheit

Aktivsein im Freien, Sonne auf der Haut und Seenähe: Nach dem vielen Daheimsein ist die Sehnsucht nach Freiheit groß. Die mittlerweile elf Slow Trails in Kärnten greifen genau diese "Seensucht" auf: Sie stehen für gemächliches, entspanntes Wandern, bei dem das eigene, bewusste Empfinden quasi die größte Sehenswürdigkeit ist. Alle Slow Trails liegen direkt am Wasser, die meisten führen entlang von Seeufern. Die Pfade sind rund zehn Kilometer lang und haben nicht mehr als 300 Höhenmeter. Auf keinem der Wege ist man länger als drei Stunden unterwegs.

So wie am neuen Slow Trail Afritzer See, einem bei Campern und Fischern beliebten, kleinerem Badesee zwischen Millstätter See und Ossiacher See. Das Gewässer liegt eingebettet in die Gipfelwelt von Mirnock und Wöllaner Nock. Mehr als 15 Fischarten tummeln sich darin, vom Karpfen bis zum Hecht, außerdem der wieder angesiedelte Edelkrebs.

Beim gemächlichen Gehen in die eigene Kraft kommen, heißt es auch am Pressegger See, der sich im Sommer auf bis zu 28 Grad Celsius aufwärmt und liebevoll als "Badewanne der Gailtaler" bezeichnet wird. Der hiesige Slow Trail startet beim Strandbad Hermagor und geleitet einmal um den See herum. Das erste Wegstück führt durch eine Moorlandschaft und einen dichten Schilfgürtel, der aber heuer von Schneebruch und Regen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er dient Libellen als Lebensraum sowie Haubentauchern und Stockenten als Brutplatz. Vorbei an satten Blumenwiesen geht’s bis zum Aussichtspunkt mit Blick auf die Bergrücken der Gailtaler Alpen.

Zu Gast beim Slow-Food-Pionier

Sich langsam und genüsslich durch die Natur zu bewegen, lässt Appetit aufkommen. Als erste Slow Food Travel Region hat sich Kärnten mittlerweile einen Namen gemacht. Keine zehn Fahrminuten vom Pressegger See entfernt empfängt Slow-Food-Pionier und Speckproduzent Hans Steinwender vom Hotel Schloss Lerchenhof seine Gäste. Er ist überzeugt: Gutes Essen hat auch etwas damit zu tun, wie man mit sich selbst umgeht. Rund um das 1848 errichtete Biedermeier-Schloss, das unter Denkmalschutz steht, baut die Familie selbst Getreide und Gemüse an, ganz ohne Düngemittel.

Wärme wird mit der eigenen Hackschnitzelheizung erzeugt, Strom mittels Wasserkraftwerk am nahe gelegenen Fluss. "Wie geht es euch?", richtet sich Steinwender mit vertrauter Stimme an die Schweineschar, während er die Tür zum Stall öffnet. Die Ferkel kommen allesamt aus dem Gailtal und werden mit Heu aus der eigenen Landwirtschaft gefüttert. Das Fleisch hat mit zehn bis zwölf Monaten doppelt so viel Zeit, um zu reifen, als in herkömmlicher Produktion. Das macht Muskel- und Fettgewebe zart. "Es geht zwar langsam, aber so soll es auch sein", erklärt der Hausherr, "weil es nur dann beständig ist".

Die Tiere werden direkt am Hof geschlachtet und verarbeitet – zum geschützten Gailtaler Speck, zu Wurzelspeck, Heuspeck und Castellovino. Präsentiert mit Kren und Kapern zergehen sie allesamt regelrecht auf der Zunge. Küchenchef ist seit ein paar Jahren der Sohn des Hauses, Johann Steinwender junior. Als junger Bursch hat er sich die Küchen der Welt angesehen und in Ländern wie Botswana oder Tansania gearbeitet. Dabei wurde ihm klar, wie wichtig und sinnvoll die Zubereitung mit regionalen Lebensmitteln ist. "Papa", soll er damals am Telefon gesagt haben, "wenn du etwas mit Slow Food machst, komme ich heim und übernehme die Küche."

Nach Hause in die Kärntner Seenlandschaft hat es auch Ida Winkler gezogen. Die 22-Jährige arbeitet im Frühstücksbetrieb des 2020 eröffneten Neusacherhofs. So hat sie nachmittags genügend Zeit für ihre geliebten Pferde. Drei Monate hat sie in Großbritannien fremde Luft geschnuppert, jetzt lebt sie wieder in ihrer Heimatgemeinde Weissensee. "Die Steilklippen und das Meer in England waren schön, aber nicht dasselbe wie hier. Wahrscheinlich muss man erst einmal weg, damit man das, was man vor der eigenen Tür hat, wieder schätzen kann", erzählt sie und serviert einen Caffè Latte. Den trinken Gäste auf der großzügigen Terrasse mit Blick auf den See und den hoteleigenen See-Spa. Der Weissensee liegt auf 930 Meter Seehöhe und ist damit Kärntens höchst gelegener Badesee. Sein Name kommt vom weißlichen Kalkschlamm an den Uferstreifen, die das Wasser türkisblau erscheinen lassen.

Nah am Wasser verläuft auch hier der Slow Trail – ein schmaler, von Wurzeln überzogener Pfad durch Buchen- und Fichtenwälder, der seit Jahrhunderten genutzt wird. Zum Startpunkt geht’s mit dem Linienschiff weit hinein in die fjordartige Landschaft, zurück per pedes gemächlich auf dem Spazier- und Wanderweg.

Großteils unverbaute Ufer

Der Weissensee verfügt als einziger größerer See in Kärnten über keine Umfahrungsstraße, das haben die Einheimischen in den 1970er-Jahren zu verhindern gewusst. Zwei Drittel des Ufers im Naturpark Weissensee sind bis heute unverbaut und von Wald und Wiesen umsäumt. "Bei uns hat so gut wie jedes Haus einen eigenen Seezugang. Nur rund ein Prozent der Ufergrundstücke sind nicht im Privatbesitz", erklärt Thomas Michor, der Leiter des Tourismusbüros.

Nur das letzte Teilstück teilt sich der Slow Trail mit der Straße, dafür kommt man beim Bootsbau Domenig vorbei, einem der letzten heimischen seiner Zunft. Direkt am Seeufer betreibt er einen Bootsverleih mit dem angeschlossenen Hauben-Bistro "Bootshaus". Auch das Fischhaus des Weissensee-Fischers Martin Müller passieren Slow-Motion-Wanderer. Dort kann man sich im Verkaufskubus aus Holz und Glas ein Stück Räucherfisch holen. Der wird am besten ganz bewusst und langsam verspeist, mit Blick auf den See, versteht sich.

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