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Reisen

Von Salzsäcken und Heidegeistern

Von Kerstin Jansen   15. Oktober 2022 14:00 Uhr

Von Salzsäcken und Heidegeistern
Andächtiges Staunen am „Totengrund“, einem sagenumwobenen Stück Heide

Hamburg, Tor zur Welt, ist ein Begriff. Die niedersächsische Tiefebene hingegen haben wohl nur wenige auf der Liste der Traum-Reiseziele. Dabei bieten die Lüneburger Heide und die Moore bei Rotenburg an der Wümme aktive Entspannung in einzigartiger Natur, Kopfkino in vergangene Zeiten und Träume unterm Reetdach.

Nicht Paris, nicht Venedig, nein, Lüneburg besingt die Band "Top for Tea" als "schönste Stadt der Welt". Die Einwohner stimmen zu und wundern sich nicht über ganzjährig stabile Besucherzahlen. Als Kulisse für die Telenovela "Rote Rosen" braucht es eben malerische Fassaden, belebte Plätze und romantische Gässchen. Der Zauber hält stand, auch wenn es herbstelt am Rande der Lüneburger Heide. Reisende sollten von der Gelassenheit der Lüneburger lernen und sich die Entdeckerfreude von Regenschauern nicht nehmen lassen. "Moin", begrüßt man sich in der Salz- und Hansestadt zu jeder Tageszeit. Wir stärken uns erst einmal für die Stadtsafari am Food-Truck des Hotels Wyndberg unter starken Marktschirmen, die dem prasselnden Regen ebenso trotzen wie der sturmfeste Kellner. Pünktlich zum Espresso reißt es auf.

Von Salzsäcken und Heidegeistern
Prachtbau mit Doppelgiebel, Beispiel des „steinreichen“ Lüneburgs

Mit der Sonne um die Wette strahlt Stadtführerin Carolin Schäfer und erzählt mit Begeisterung Anekdoten von prächtigen Giebeln, barocken Fassaden und Ornamenten, wie die teuren Backstein-Rosetten am Haus des "steinreichen" Sülfmeisters (Eigentümer von mehreren Salzsiedepfannen) Hinrik Garlop in der Reitende-Diener-Straße. Bau-Hoppalas führten zu bizarren Formen. So hatte im Jahre 1384 der Baumeister den Turm von St. Johannis alles andere als lotrecht errichtet und sich angeblich vor Scham von demselben herabgestürzt. Er überlebte, nur um sich am gleichen Tag trunken vor Freude und vom Heidegeist das Genick zu brechen.

1400 Häuser stehen unter Denkmalschutz und atmen Geschichte. So wie das "schwangere Haus", das seinen erhabenen Bauch vom Pfusch mit Gipsmörtel hat und dennoch die Jahrhunderte überdauerte. Die westliche Altstadt steht komplett schräg, weil sich unter ihr der Salzstock befindet. Schon um 950 wird das Salzsieden urkundlich erwähnt. Der Abbau des "Weißen Goldes", das der Stadt im Mittelalter und in der Renaissance zu unermesslichem Reichtum verhalf, wurde zum Fluch, als die Erde unter den Häusern bis zu drei Meter nachgab und der Stadtteil mehrfach absackte. Heute ist die Gefahr gebannt, die Erdbewegung minimal und das Wohnviertel wegen seines schiefen Charmes beliebt.

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Der Stintmarkt im alten Hafen, Lüneburgs romantische Flanier- und Gastromeile

Den besten Rundumblick über die Stadt und das niedersächsische Flachland erlebt man vom Wasserturm, einem Museum und Info-Zentrum rund ums Thema H2O. Wunderschön präsentiert sich der alte Hafen am Stintmarkt, wo das Flüsschen Ilmenau – heute von Cafés und Restaurants gesäumt – einst Verkehrsweg zum Transport des Salzes gen Norden war. Der "Stint" ist übrigens ein kleiner, heringsartiger Fisch, der hier gefangen und gehandelt wurde. Eine regionale Spezialität, die im Februar und März Saison hat. Nun muss man sich für ein Lokal unter den über 300 Restaurants, Cafés, Bars und Kneipen entscheiden. Lüneburg punktet mit der größten Beisldichte Deutschlands. Der Dichter Heinrich Heine, der sich bei seiner Verwandtschaft am Ochsenmarkt 1 recht langweilte, hätte heute sicher seinen Spaß in dem märchenhaften Städtchen. Wir finden noch Platz im urigen und belebten Mälzer Brau- und Tafelhaus mit kupfernen Braukesseln und einer feinen Auswahl an Bieren.

Die sanfte Landschaft des Umlandes hatte es Heine allerdings angetan, er sehnte sich oft "nach Torfgeruch, nach den lieben Heidschnucken der Lüneburger Heid …" Womit wir bei den Stars der Region und den Gärtnern der romantischen Kulturlandschaft wären: den Schafen mit ihren schwarzen Gesichtern und kräftigen Hörnern. Denn lässt man andere Naturreservate tunlichst unberührt, hat die Heidelandschaft nur Bestand, wenn die dreizehn Heidschnucken-Herden sie von Baumschösslingen und Gräsern freihalten. Rund ums Jahr durchstreifen die Tiere mit ihren Schäfern die Landschaft und halten auch die Besen- und Glockenheide, Erica calluna und Erica tetralix, kurz. Wir sind im Radenbachtal unterwegs auf einer Etappe des Heidschnuckenwegs, einem 223 km langen Weitwanderweg, der von Hamburg-Neugraben-Fischbek bis nach Celle führt.

Mit Respekt durch die Heide

Übermütig in die Heide laufen und nach Heidschnucken suchen, dürfen wir nicht, denn als eines der größten und ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands unterliegt die Heide strengen Regeln – absolute Autofreiheit gehört dazu. Wander- und Reitwege sind getrennt, man wandelt ungestört auf kniefreundlichen Sandwegen. Auch Radler suchen hier Entschleunigung statt Tempo und verhalten sich entsprechend rücksichtsvoll.

Heide-Ranger Jan Brockmann klärt uns auf über Entstehung, Bodenbeschaffenheit, Klima- und Umwelteinflüsse und das Leben der "Heidjer", der Menschen, die in und von der Heide lebten. Klingt trocken, ist es aber nicht, denn Jan widerlegt das Klischee des wortkargen Niedersachsen und fesselt mit interessanten Zusammenhängen. So konnte dem extrem kargen Boden nur Roggen, Hafer und Buchweizen abgetrotzt werden, indem der Schnucken-Dung mit Lebendhumus aus dem Heidekraut vermischt und aufs Feld ausgebracht wurde.

Heidschnucken auf dem Teller

Hart war das Leben, doch mit Wolle und Bienenerzeugnissen war ein bescheidener Wohlstand möglich, bis die Importgüter Baumwolle und Zucker eine Auswanderungswelle auslösten. Wir könnten ewig zuhören und merken gar nicht, dass wir mit dem Wilseder Berg die höchste Erhebung der norddeutschen Tiefebene erklommen haben und uns auf 169 Meter über Normalnull befinden. Mit einer Urkunde und einem Stamperl Heidegeist wird der "Gipfel" gefeiert. Zur Mittagseinkehr im Melkhus im Museumsdorf Wilsede ist auch die Heidschnucke wieder vertreten – in Form von faschierten Laibchen und Wurst.

Von Salzsäcken und Heidegeistern
Heidschnucken bei der Arbeit

Bei allem Wissensdrang will man spätestens am "Totengrund" die Stille auf sich wirken lassen. Die weite Heidefläche ist mit Wacholderbüschen, den "Wächtern", gespickt. Nachts erwachen hier die Seelen der Verstorbenen noch einmal, um sich zu verabschieden. So sagt es der Volksmund und ihm glaubt man, wenn sich die Wolken senken und mystische Licht-Schatten-Effekte erzielen. Die fleißigen Heidschnucken haben sich heute nicht gezeigt, und doch ist es, als hätten sie uns durch die noch blühende Heide begleitet. Am Stimbekhof begrüßt uns das junge Gastronomen-Team am prasselnden Kaminfeuer mit hausgemachten Waffeln und wir geraten ins Plaudern. Zum Beispiel darüber, warum die Pferdeköpfe, die die typischen Giebel der Reetdächer zieren, mal nach außen, mal nach innen zeigen: Jeder Weiler hat hierzu eine eigene Interpretation, z. B. bringen sich anschauende Rosse Glück, abgewandte schützen vor Unheil. Aber auch über Gastlichkeit, Nachhaltigkeit und über eine Kooperation mit regionalen Gewerken erfahren wir einiges. Hiesige Spezialitäten – ein guter Gin aus dem Wacholder aus der Heide darf nicht fehlen – kann man gleich am Hof kaufen.

Ein neuer Tag, eine neue Landschaft. Und norddeutsches "Schietwetter". Schon in der Nacht regnete es ergiebig aufs Reetdach und er hört nicht auf. Allerdings ist er nach einem extrem trockenen Sommer bitter nötig für die – ebenfalls geschützten – Hochmoore.

Nordpfade durchs Moor

"Dör’t Moor", also durchs Moor, soll es heute gehen im Landkreis Rotenburg an der Wümme. Wir spazieren auf Pfaden, die es so erst seit 2014 gibt. Dafür hat es "Dör’t Moor" 2021 bereits auf Platz eins als "Deutschlands schönster Wanderweg" geschafft. "Und zwar ohne Berge und Täler," erklärt Guide Udo Fischer, Initiator und treibende Kraft bei der Umsetzung des Projekts. "Wir haben 24 Nordpfade im Landkreis, die wir alle komplett neu angelegt haben. Radtourismus gab es schon, dass man das Moor mit Genuss durchwandern kann, haben viele nicht geglaubt. Aber der Publikumspreis im ‚Wandermagazin‘ macht uns mächtig stolz auf das Erreichte."

Wir starten am Bullensee und gehen auf gemulchten Wegen, über Holzbrücken, die wegen der monatelangen Trockenheit nicht auf dem Wasser, sondern auf Grund liegen. Der Weg führt uns durch Wald, der immer wieder den Blick auf mystische Moorflächen freigibt. Pflanzen wie Gagel, Moosbeere oder Sonnentau wachsen hier. Das Moor ist ein Paradies für Vögel. Das größte Spektakel veranstalten dabei die Kraniche, die auf ihrem Weg nach und von Süden auf den Moorwiesen rasten.

Da es auf der Strecke keine Einkehrmöglichkeit gibt, hat sich das Nordpfade-Team für Gruppen das "Tischlein-deck-dich" ausgedacht. Buchbar sind feine Fingerfood-Picknicks im Grünen. Zwei Rotenburger Restaurants servieren in einem vom Dung vorsorglich befreiten Original-Schafstall.

Von Salzsäcken und Heidegeistern
Szene im Museum „Kiekeberg“ an einem „Tag der gelebten Geschichte“

Zum Schluss reisen wir wieder durch die Zeit und landen direkt im Jahr 1904. Im Freilichtmuseum "Kiekeberg" im Landkreis Harburg schlüpfen an "Tagen der gelebten Geschichte" Freiwillige in Trachten und historische Kostüme und führen den Alltag anno dazumal vor. Eine Bäuerin scheucht ihre Gänse vor sich her, ein Fischer knüpft vor der Kate sein Netz, in der Stube surrt die Nähmaschine und fleißige Hände spinnen Wolle. Das Museum steht besonders bei Familien hoch im Kurs, ist Geschichte doch hier im wahrsten Sinne erlebbar.

Stolz ist man auf die entstehende "Königsberger Straße", die Alltagsbilder von 1945 bis 1970 zeigt. Jüngste Errungenschaft ist die Original-Tankstelle von 1956, als der Sprit 35 Pfennige kostete.

Geschichtsstunde mit Gänsehaut

Ein Schaudern erfasst uns in einem "Nissenhaus", einer Blechbaracke, in der zum Ende des Zweiten Weltkriegs Menschen, deren Wohnungen zerbombt waren, Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer Unterkunft fanden. Not und Enge sind unmittelbar spürbar. Am Tisch teilen Menschen eine Jause, die Mutter streicht "falsche Leberwurst" – ein Haferflocken-Zwiebel-Aufstrich mit Majoran – auf grobes Brot. Ein Kriegsversehrter trägt noch den blutigen Kopfverband, ein alter Mann im abgetragenen Kommiss-Mantel schält Erdäpfel, die Schalen hebt er sorgsam auf. So authentisch ist die Szenerie, dass eine ältere Dame, an ihre Kindheit erinnert, verstohlen die Tränen wegwischt.

Unterkunft

C. Wyndberg Lüneburg: Egersdorffstraße 1a, 21335 Lüneburg
Hotel, Restaurant, Destille. Rezeption unter freigelegten Deckenbalken mit restaurierter Bemalung. Das Haus in seiner Ursprungsform 1438 erbaut, heute eine Kombi aus historischen Details und moderner Einrichtung.

Stimbekhof: Oberhaverbeck 2, 29646 Bispingen
Remise, Kutscherhaus, Schnuckenstall, Kornspeicher, Haupthaus und Pferdestall, liebevoll eingerichtete Wohlfühloase am Heiderand.

Zur Kloster Mühle: Kuhmühler Weg 7, 127419 Groß Meckelsen/Sittensen, Individuelle Zimmer, Tagungshotel, ruhige Lage im Grünen.

Links

lueneburger-heide.de
heidschnuckenweg.de
nordpfade.de
kiekeberg-museum.de

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