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Reisen

Visite bei einer alten Geliebten

Von Bert Brandstetter  22. Februar 2020 08:55 Uhr

Visite bei einer alten Geliebten
Salzburg – studentische Heimat von 1971–1975

Wie sehr verändert sich eine Stadt, in der man einst studiert hat, im Laufe der Jahrzehnte? Ein Lokalaugenschein in Salzburg nach knapp 50 Jahren.

Eng ist Salzburg geworden, so scheint es uns, als wir mit unserem Pkw kreuz und quer durch mein damaliges Wohnviertel in Salzburg-Maxglan fahren und staunen, wie elegant die Omnibusse jedes parkende oder fahrende Hindernis umschiffen. Dass die grünen Verkehrspolitiker der Mozartstadt den Individualverkehr nicht gerade gefördert haben, leuchtet uns schön langsam ein. Dabei ist jetzt Winter und wenig los in Salzburg. Im Sommer geht dann gar nichts mehr. Wir parken unser Auto für vier Tage am Stadtrand und steigen als glückliche und wenig zahlende Pensionisten in den Bus.

Nostalgische Erinnerungen

Unsere Visite beginnt mit einer Überraschung. Direkt am Torbogen, der in den Domplatz führt, steht sie noch immer: die kleine Trafik, in der ich als Student gerne meine Stempelmarken gekauft habe, die für jedes Prüfungszeugnis notwendig waren. Irgendeinmal war es die letzte Prüfung, was ich der Trafikantin stolz erzählte und worauf sie mir die Stempelmarke schenkte. "Das muss meine Oma gewesen sein", lacht Peter Haller, der heute die Trafik mit den vier Quadratmetern führt. Ob der Platz ideal sei, bezweifelt er. "Heute sicher nicht, im Jänner kommt kaum einmal jemand". Seine Ware, Zigaretten, Zeitungen und allerlei touristische Sticker, sind hingegen in der warmen Zeit durchaus gefragt, sodass es sich schon lohnt, die 500-Euro-Miete hinzublättern. Den Jedermann, der quasi sein Nachbar ist, beachtet er kaum noch, "der schadet mir sogar wegen der vielen Absperrungen". Früher war das anders, da traf sich manche Prominenz sogar in der Trafik. "Daheim haben wir noch einen Schemel, auf dem der Fritz Muliar gesessen ist".

Kein Stein mehr auf dem anderen ist am unteren Ende des Domplatzes, wo einst im Wallis-Trakt Pädagogik und Philosophie unterrichtet wurde. Landeshauptmann Wilfried Haslauer hat es geschafft, alle Nachbarn an einen Tisch zu holen und damit wenig später das wunderbare Domquartier aus der Taufe heben zu können. Neben atemberaubenden Ausblicken auf die Salzburger Altstadt erlaubt es den spannenden Gang durch die Salzburger Geschichte.

Einer der Höhepunkte auf diesem Weg führt über die Balustrade des Domes und beschert eine weitere Erinnerung.

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Die Balustrade auf dem Domplatz: eine ehemalige Wirkungsstätte

Neben dem damaligen Spielansager des Jedermann, Michael Heltau, durften je drei Gesangsstudenten des Mozarteums als dessen Herolde singend auftreten und unseren Gesang von eben dieser Balustrade nach unten schmettern. Zwei Auftritte pro Aufführung waren vorgesehen, Zeit für ein schnelles Bier im Zipfer. Das Lokal gibt es nach wie vor, die behutsame Restaurierung hat keineswegs geschadet, der Eindruck einer gutbürgerlichen Gaststätte ist geblieben.

Sepp Forcher als Platzlwirt

Auf der anderen Salzachseite befindet sich dort, wo die Staatsbrücke in die Linzerstraße eingebunden wird, das Platzl. Früher der Ort des legendären Platzlkellers, wo die Bauern gerne ihre Waren zwischengelagert haben, vor allem, solange es noch die Elektrische gegeben hat. Von 1971–1976 war Sepp Forcher der Platzlwirt und er verschaffte dem Lokal schon damals einen legendären Ruf. Künstler trafen sich dort, Studenten natürlich und Journalisten. Der Sepp konnte mit jedem reden und er tat das auch leidenschaftlich gern. Er redete und kellnerte, seine Frau Helli kochte. "Wir haben an die 500 Hektoliter Bier umgesetzt", sagt er durchaus stolz. Dass er nebenher längst eine Institution war bei den radiohörenden Salzburgern, war uns Studenten damals völlig unbekannt. Er trug seinen Ruhm nie groß vor sich her, sondern war, wie er auch heute noch ist: der Sepp Forcher.

Vor allem schienen wir Jungen ihm genauso viel wert wie die Prominenten von damals, der Dietrich Fischer-Dieskau etwa, der öfters zu Gast war, oder wichtige Leute aus Funk und Fernsehen. "Ich hatte damals schon bis zu 250 Sendungen im Jahr und habe sie alle selbst aufgenommen und geschnitten." 1976 dann, kurz nach dem Schlussstrich im Platzlkeller, tauchte Sepp erstmals im "Klingenden Österreich" auf, der Fernsehsendung, die er über Jahrzehnte geprägt hat und die seine Bekanntheit auf ganz Österreich ausdehnte. Die Zeit im Platzl wollen sie nicht missen, die Helli und der Sepp. "Wir waren fleißig, aber es hat sich auch gelohnt". Nur Wirt möchte er nach seinen vielen diesbezüglichen Erfahrungen vorher auf diversen Hütten nicht mehr werden: "Da sind mir viel zu viele Auflagen geschaffen worden."

Speisen für den kleinen Mann

Keine Spur mehr gibt es von einer Einrichtung, die für uns damaligen Studenten eine Institution war: der Otto. Direkt am Alten Markt hatte er seinen weißen Bus aufgestellt, der zu einem Würstelstand umgebaut war. Und wir Studenten waren seine liebsten Kunden. Mit uns diskutierte er über unsere Fächer, er kannte Hinz und Kunz und vor allem: Er hatte geniale Würstel. Um die zehn Schilling werden sie gekostet haben, das war leistbar für uns, wir wurden satt davon und beim Otto waren wir auch. Fastfood aus dem vergangenen Jahrhundert.

Gute Würstel gibt’s auch heute noch: ein paar Schritte weiter zum Kollegienplatz, wo vormittags immer der Grünmarkt stattfindet. Die Burenwürste dort oder auf der Schranne drüben bei der St. Andräkirche: Die sind mehr als eine Wurst, sie sind ein Stück Salzburger Kultur! Oder wem nicht gar so nach nackten Würsten ist: Wie wäre es mit eingepackten, genannt Bosna?

Man würde sie nicht mit Salzburg verbinden, aber sie hat hier bereits lange Tradition. Damals war diese Art von Wurst interessant und wir stellten uns an, um ein Paar dieser Bratwürstel im aufgeschnittenen Weckerl, mit Zwiebeln und einer speziellen Soße individuell gewürzt, zu bekommen. Getreidegasse 33 ist die Adresse und man MUSS hin, selbst Küchengott Eckhart Witzigmann gab einst zu, immer wieder zum Balkan-Grill in die Getreidegasse zu müssen.

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Der Balkan-Grill: ein Würstelstand mit Geschichte

Deftiges in der Mozartstadt

Möglicherweise, so sagt die Legende, wurde die Bosna sogar hier in Salzburg erfunden! Dem aus Bulgarien stammenden Zanko Todoroff wurde sie zugeschrieben. In der Augustinerbrauerei in Mülln soll er sie gegrillt und verkauft haben und schon 1950 habe sich der Balkan-Grill damit in der Getreidegasse niedergelassen. Nur merken konnten sich die Salzburger seine Nadanitza nicht, weshalb die Spezialität kurzerhand Bosna genannt wurde. So ist sie bis heute weitum bekannt geblieben.

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Braustübl: eine Institution im ehemaligen Augustinerkloster Salzburg

Wenn wir schon einmal im Augustinerbräu sind, das hierzulande ausschließlich unter Bräustübl bekannt ist, setzen wir uns an einen der riesengroßen Tische, auch wenn wir bloß zu zweit sind. Oder, wenn alles besetzt scheint, an einen Tisch ganz einfach dazu. Die Salzburger tun das und wir dürfen das auch. Zuerst sollte man sich an der Schank aber das Bier holen und im Gang draußen ein bisschen was zum Essen, heißen Leberkäse und knusprige Salzweckerl vielleicht. Oder ein Hendlhaxerl oder einen Rindfleischsalat. Aber man kann auch was von daheim mitnehmen, das spielt hier gar keine Rolle, solange man das Bier hier kauft. Und dann sitzt man und genießt man und man schaut auf die Wände und liest Sprüche, die schon immer amüsiert haben, und nach einer Stunde kennt man die Leute am Tisch und vielleicht auch einen Kellner, denn serviert bekommt man das Bier auf speziellen Wunsch natürlich auch.

Einer der dienstältesten Kellner hier ist Antonio aus Kroatien. 25 Jahre gehört er bereits zum Kellnerteam. Fünf Jahre wollte er nach seiner Ankunft in Österreich hier arbeiten, geworden ist daraus ein glückliches Vierteljahrhundert ohne Ende in Sicht.

Mit einer vier Quadratmeter kleinen Trafik haben wir unseren Salzburg-Vergleich begonnen, mit einem sieben Quadratmeter großen Geschäft beenden wir ihn. Es ist das Kaslöchl am Eingang zum Hagenauerplatz, dem Platz, an dessen anderen Ende das allerberühmteste Haus Salzburgs steht: Mozarts Geburtshaus. Freilich habe man schon überlegt, das Lokal zu wechseln, "davon wird der Käse aber auch nicht besser, die Größe allein bringt’s nicht", sagt Günther Soukup, dessen Hamburger Frau das Kaslöchl 1997 übernommen hat. 90 Prozent der Kunden kommen immer wieder, wann immer sie der Weg aus Deutschland, aus Wien nach Salzburg führt. "Dabei haben wir kaum finanzielle Okkasionen, aber halt durchwegs Spitzenkäse aus allen möglichen Regionen dieser Welt", sagt Soukup, der seinen Laden versteht wie ein Käse-Fachgeschäft in Frankreich. 180 Sorten lagern hier, ergänzt wird das Angebot durch die alljährlichen Käsereisen des Ehepaares, das sich das Wissen über Käse im Selbststudium beigebracht hat.

Bilanz: Salzburg geht immer

Nach vier eigenen ganz intensiven Salzburg-Jahren, nach vielen Besuchen seither und dieser Vergleichsvisite könnte man meinen, es würde wieder reichen. Schließlich ist Oberösterreich und meine engere Heimat im Mühlviertel an Schönheit auch nicht zu verachten. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Radio jedoch ein Konzert der Salzburger Mozartwoche und es kommt, wie es kommen muss: Am liebsten würde ich aufstehen und hinauffahren in die Mozartstadt. Das Konzert würde ich wohl nicht mehr erreichen, aber um 15 Uhr öffnet das Bräustübl. Der Sonntag wäre gerettet.

 

Klingender Abschied

Mit der 200. Ausgabe „Die große Liebe – Mein klingendes Österreich“ wird sich Sepp Forcher von seinem Fernsehpublikum verabschieden: 21. März, 20.15 Uhr, ORF 2

Artikel von

Bert Brandstetter

Bert Brandstetter
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