Lade Inhalte...

Reisen

"Unten ohne" im Storchenschritt

Von Manfred Lädtke   04. August 2019 00:04 Uhr

"Unten ohne" im Storchenschritt
Armbad im kalten Wasser: Der koffeinfreie "Kneippsche Espresso" ist ein echter Muntermacher.

Wellness-Tour auf Deutschlands Schwäbischer Bäderstraße.

von Manfred Lädtke

Der Weise erfreut sich am Wasser", sagt eine chinesische Weisheit. Sie hätte auch aus der Feder von Sebastian Kneipp (1821-1897) fließen können. Für den findigen Weltstar der Heilkunst war das Nass ewiger Quell gegen Krankheit und allerlei Wehwehchen. "Unten ohne" im Storchenschritt durch kniehohes kaltes Wasser schreiten und gelegentlich durchs Moor stapfen, gelten als Kernstücke seiner Gesundheitslehre.

Entwickelt hat der "Wasserdoktor" seine weltweit anerkannte Heilmethode Mitte des 19. Jahrhunderts im Allgäuer Bauernnest Wörishofen. Heute darf sich das elegante Bad "Pionierstadt der Naturheilkunde" nennen. Wörishofen ist eines von neun Mitgliedern der Schwäbischen Bäderstraße.

Fesch schaut er aus: Barfuß, in Lederhose und mit zum Zopf gebundenen Rasterhaaren könnte Toni Fenkl die optisch coole Variante des berühmten Schwaben sein. Auf Barfußpfaden führt der Guide seine Gäste in einen Aromagarten im nahen Kurpark. Wie die Duft- und Heilkräuter so wirke auch Wasser als natürlicher Reiz und fördere lindernde Reaktionen des Körpers, erklärt Toni und taucht seine Arme langsam in ein Bassin mit kaltem Wasser. Der "Kneippsche Espresso" rege an, aber nicht auf. Nach 30 Sekunden beendet Toni das Armbad. Ein- bis zweimal am Tag könne jeder auch zu Hause seine Arme in eine 10 bis 14 Grad kalte Wasserschüssel tauchen, um richtig wach zu werden. Wenn das Kältegefühl spürbar wird: abbrechen. Mehr als 40 Sekunden halte es ohnehin niemand in der gefühlten "Eisschale" aus.

Von Tuberkulose geschwächt

Unterwegs zu einem moorigen Schlammloch erzählt der Barfußführer von Kneipps Jugendjahren: Im Sommer ohne Schuhe über Felder und Wiesen zu gehen war für ihn das Natürlichste auf der Welt. Nur die Winter setzten dem Burschen zu. Jahrelanges Weben im feuchten Keller des Elternhauses forderte schließlich seinen Tribut. Von Tuberkulose geschwächt, schreibt er sich an der Universität München für Theologie und Philosophie ein, besucht jedoch kaum eine Vorlesung. Fast am Ende seiner Kraft entdeckt der Student ein Buch, das Lungenkranken empfiehlt, morgens und abends in einem kalten Quell oder Fluss zu baden. An einem Novembertag steigt Sebastian zum ersten Mal in die eiskalte Donau. "Kaltes Wasser bringt Kraft und Frische in meinen Körper zurück", notiert er. Kneipp wird gesund und besteht sein Examen. Während Ärzte ihn des Hokuspokus bezichtigen, ist der Theologe von der Heilkraft des Wassers überzeugt und entwickelt alternative Heilmethoden.

Als die ersten "Schwarzfußindianer" wieder aus der Moorgrube steigen und sich tapfer mit nackten Füßen über einen Steinparcours plagen, gibt Toni ganz im Sinne von Kneipp zu bedenken: "Quäle deinen Körper, sonst quält er dich." Zu viel Gesundheit sei aber ungesund. Der "kalte Halsguss" in einem Biergarten sei sicher auch im Sinne des Pfarrers und Lehrers Kneipp.

Auf der 180 Kilometer langen Wellness-Straße zwischen Bad Wörishofen und Überlingen servieren im "Haus am Stadtsee" in Bad Waldsee flinke Hände schwäbische Spezialitäten wie Schupfnudeln oder Flädlesuppe. Zwar "predigte" auch Kneipp gesunde Ernährung, scherte sich aber einen Deibel um Diäten und Askese. "Oifach babbsadd" zu werden war aber auch nicht sein Ding: "Wenn du merkst, du hast gegessen, dann hast du schon zu viel gegessen." Derweil berichtet der Kurchef, dass das Projekt "Bäderstraße" keine Schnapsidee war, sondern aus einem kommunalen Schulterschluss hervorging, der sich zunächst gegen den Lärm eines dann stillgelegten Militärflughafens richtete.

Nahezu geräuschlos und "elektrisierend" ist eine E-Bike-Tour ins zwölf Kilometer entfernte Aulendorf. Ein Seitensprung auf leisen Reifen hat hier durchaus seinen Reiz. Jenseits des Bäderradwegs öffnen sich Täler, über denen der Sommer wie Perlen im Licht flimmert. Ins Schwäbische Oberland nach Aulendorf kommen Ausflügler, um zu baden, aber auch, um zu essen und zu trinken wie die alten Rittersleut im dortigen Schloss. Unerwünschten messbaren körperlichen Folgen einer deftigen, mittelalterlichen Tafelrunde entkommt am ehesten, wer sich am nächsten Morgen auf seinen Drahtesel schwingt und weiterradelt.

 

Information

Kneipp-Pauschalangebote gibt es ab rund 329 Euro für drei Tage im DZ plus Anwendungen. Ein Paket für eine Nacht/DZ kostet ab 107 Euro.

Barfußführungen im Kurpark in Bad Wörishofen: bad-woerishofen.de

Die Torfbahn in Bad Wurzach fährt noch am 11. u. 24. 8., am 8. u. 28. 9., am 13. u. 26. 10.
torfbahn.de

Ritteressen: Im Ritterkeller von Aulendorf ab 33,90 Euro

Übernachten:

Sehr originell im mittelalterlichen Stil eingerichtet ist das zum Ritterkeller gehörende Hotel „Arthus“, DZ ab 109 Euro. ritterkeller.de

Meditative Stille erwartet Gäste in der „Kuroase“ im 162 Jahre alten Dominikanerkloster, dem Geburtsort der Kneipp-Kur, pro Person im DZ ab 71 Euro.

schwaebische-baederstrasse.de

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Reisen

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less