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Reisen

Und ewig grüßt der Ohrwaschlkaktus

Von Carsten Hebestreit  30. Oktober 2021 00:29 Uhr

Und ewig grüßt der Ohrwaschlkaktus
Ob Zierpflanze oder Unkraut neben der Straße: Die Kakteen waren ständige Begleiter auf der Tour.

Wer sich mit dem Motorrad den Kick geben möchte, der ist am südlichen Ende des italienischen Stiefels richtig. Die Tour auf zwei Rädern führt entlang traumhafter Felsküsten, durch fantastische Nationalparks und in Orte, die durch den neuen James Bond weltberühmt wurden.

Die Tour startet mit einem gruseligen Prickeln. Dort, wo der fiktive Mafiaboss Gennaro Savastano regierte, im neapolitanischen Stadtteil Secondigliano, schaut’s eigentlich aus wie im Rest der Stadt. Pizzerien, Handy-shops, Bars – typisch italienisch.

Und doch fährt die Ganslhaut mit. Denn Autor und Mafia-Aussteiger Roberto Saviano hatte in der preisgekrönten TV-Serie "Gomorrha" ebendort die Parallelwelt der brutalen Clans sichtbar gemacht. Inzwischen tummeln sich auch Touristen in Secondigliano.

Wie auch im Stadtzentrum, etwa bei der berühmtesten Pizzeria der Region. Die Neapolitana kostet bei Da Michele nur 3,50 Euro, doch der Preis ist irrelevant. Es werden, sagen feine Gaumen, hier die besten Pizzen der Welt gebacken. Die Menschenschlange vor dem Lokal lässt erahnen, was der Kellner bestätigt: "Due Ore!" – zwei Stunden Wartezeit. Mindestens. Das Lokal ist weltberühmt und klein. "Und wenn ich’s mitnehme, die Pizza?" Dauert’s auch "due ore". Fazit: Andere Lokale haben auch gute Pizzen.

Kurvenräubern an der Amalfiküste

Also ab zum Kurvenräubern – mit angezogener Bremse. Die Amalfiküste muss auf der SS 163 abgefahren werden, logisch, aber oft nur im Schritttempo. Denn Autos geben auf der engen Traumstraße das Tempo vor. Überholen? Meist unmöglich. Bleibt mehr Zeit, um die Blicke auf die atemberaubenden Felsformationen und das schier unendliche Meer zu genießen. Wer auf Kultur abfährt, legt nach Salerno bei Paestum einen Stopp ein und besucht den Archäologiepark mit den Tempeln der Athena und des Poseidon.

Nicht so spektakulär wie die Amalfi, aber trotzdem sehenswert schlängelt sich die SS 267, später die SR 447 die Steilküste entlang. Wer Meter machen möchte, dem sei die Autostrada empfohlen, denn das nächste Ziel liegt deutlich weiter südlich: Tropea.

Am Fuße des weltberühmten Senkrecht-Felsen siedelte sich das Drei-Sterne-Hotel Le Roccette Mare an. Die großzügigen Appartements fallen in die Klasse "günstig", die Tiefgarage ist bewacht. Und der Sandstrand könnte romantischer nicht sein – mit eben dem Postkartenanblick auf die hohe Felswand. Der einzige Nachteil: Die idyllische Altstadt liegt gefühlte 2000 Stufen weit oben auf dem Plateau. Fitness ist also gefragt, die bisherigen Pizzen werden hier von den Hüften genommen. Nach Tropea heißt’s: Navi-Geräte auspacken und das Kriterium "kurvenreich" bei der Routenplanung aktivieren. Die Tour zum nächsten Zielort Scilla führt im Landesinneren durch den Nationalpark Aspromonte, denn die Küste verspricht viel Industrie.

Kiefern, Fichten, Tannen bedecken Hektar um Hektar den Karstboden, oft unterbrochen durch dichte Laubwälder, die über den asphaltierten Wegen ein dichtes Dach bilden. Zieht noch Herbstnebel zwischen den enorm hohen Stämmen hindurch, ist klar: stehen bleiben, GoreTex-Handschuhe ausziehen, iPhone herausholen. Da werden Fotos für Facebook, Instagram und Twitter geschossen. Und für das digitale Fotoalbum daheim. Wobei der sagenhafte Eindruck ohnehin unweigerlich im Kopf verewigt wird.

Im Rückzugsgebiet der Mafia

Aspromonte gilt als Rückzugsgebiet der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia. Ob deshalb der Asphalt oft in einem erbärmlichen Zustand ist – wer weiß. Dazwischen lädt ein völlig ebener, griffiger Belag zu extremen Schräglagen ein. 31 Grad maß die neue Africa Twin von Honda. Neigung, nicht Temperatur. Denn dort oben, auf 1000 bis 1500 Metern fröstelt es nicht nur die eine oder andere Bikerin. Also keine Rede von Badetemperaturen jenseits der 30 Grad.

Für alle Nationalparks gilt: "Achtung vor freilaufenden Tieren!" Schafe, Ziegen, Kühe, Hunde, Pferde – das Vieh betrachtet die geschützte Zone als sein Zuhause und Motorradfahrer als Eindringlinge. Nur widerwillig räumte das eine oder andere Nutztier die Fahrbahn. Selbst in tiefsten Wäldern standen plötzlich einzelne Rinder in der Fahrspur. Zumindest dort, wo Grün zum Futtern wuchs.

Von ebendiesem satten Grün wechselte die Farbe von einer auf die andere Sekunde auf ein bräunliches Orange. Blätter wie Nadeln leuchten in dem grellen Farbton. Und rasch wird klar: Hier wütete während der extremen Hitzeperiode im Sommer einer der gefürchteten Waldbrände. Also keine Herbstidylle, sondern Dokumente einer Katastrophe. Bei Trockenheit reduzierten sich die Eindrücke auf die beängstigende Optik, erst Nieselregen setzte auch den typischen Brandgeruch frei. Bis urplötzlich, von einem Meter auf den anderen, wieder das gesunde Grün dominierte. Ein schaurig-schönes Naturschauspiel.

Und ewig grüßt der Ohrwaschlkaktus
Keine Herbstidylle, sondern Überreste der verheerenden Waldbrände im Sommer

Vom wunderbaren Scilla ist Sizilien zum Greifen nah und in einiger Entfernung der Stromboli zu sehen. Fährfahrten hinüber zu dem Vulkan, der alle 15 Minuten speit, werden in vielen Orten entlang der Küste angepriesen.

Unspektakulär dreht sich bei Palizzi Marina die Küstenstraße (E 90) um fast 90 Grad. Kein Schild, kein Zeichen, nichts: Hier befindet sich der südlichste Punkt von Festland-Italien.

Kilometer um Kilometer säumen Sandstrände die Südseite des "Zehs", nur unterbrochen von Orten, die offensichtlich vom Tourismus leben, dies aber selten zeigen. Hier ist Italien wirklich noch Italien. Und hier ist auch der Ohrwaschlkaktus allgegenwärtig. Als Zierpflanze und als Unkraut. Entlang der Straßen grüßt er überall die Reisenden.

Hinauf auf der SS 179 Richtung Sila-Nationalpark lohnt ein Stopp in der Residenz Villa Maria in Villaggio Mancuso. Auf 1200 Metern werden zwei Antipasti-Platten serviert, die nicht nur die Gaumen außerordentlich verwöhnen, sondern auch zwei g’standene Biker satt machen. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um eine Vorspeise um 12 Euro. Mahlzeit!

Das Stilfser Joch schlittert angesichts der Kurvenorgie auf der SP 187 ins Abseits. Hinunter nach Corigliano Calabro schlängelt sich die Route von einer Kehre zur nächsten, eng, sauber und alle im Radius.

Der Schlenker nach Norden in den Nationalpark Pollino lohnt allemal. Viele Karstflächen ohne Wald, dafür aber atemberaubende Fernsichten ergeben eine willkommene Abwechslung zu den anderen Naturgebieten.

Und ewig grüßt der Ohrwaschlkaktus
Ähnlich dem Stilfser Joch: die SP 187 hinunter nach Corigliano Calabro

Den "Stöckel" hinunter

Entlang der Westküste des Stöckels wechseln einander flache Felsküsten und Sandstrände ab. Die Architektur der maximal einstöckigen Wohnhäuser erinnert an arabische Länder. Das Cruisen hier entspannt nach den Höhen der Nationalparks ungemein. Anfang Oktober waren die kleineren Küstenorte ausgestorben, Leben regte sich noch in der Touristenhochburg Gallipoli, das vor allem durch eine üppige Gastronomieszene in Erinnerung bleibt.

In Leuca, dem südlichsten Punkt des Stöckels, schaut die Statue von San Pio Richtung Süden. Touristen stapfen derweil an dem ein Meter hohen Heiligen vorbei zur wirklich letzten Landzunge. Selfie-Alarm!

Nach dem obligatorischen Stopp beim Leuchtturm von Santa Maria di Leuca empfiehlt sich gemächliches Tempo auf der SP 358: Die Felswände hinunter zum Meer sind steil und geschätzte 200 Meter hoch, dann und wann klammern sich Wohnhäuser mit riesigen Panoramafenstern an die Felsen. Die Frage fährt unentwegt mit: Wie kommt man in derart exponierten Lagen an Baugenehmigungen?

In Lecce ist wieder einmal gemütliches Schuhwerk gefragt. Bikes haben wie Autos Fahrverbot in der ausgedehnten Altstadt. In den Gassen herrscht ein Treiben, das nicht nur vom Tourismus befeuert wird. Diese Altstadt wird noch von Einheimischen bewohnt.

Zum Höhepunkt warten Matera und Gravina in Puglia. Im neuesten James Bond ("Keine Zeit zu sterben") springt der Spion von der uralten Brücke in Gravina und brettert im Aston Martin DB5 durch die idyllische Stadt Matera. Einst ein Armenviertel, in dem die Menschen in Höhlen ("Sassi") wohnten, erlebt die europäische Kulturhauptstadt von 2019 jüngst einen enormen Aufschwung. Was angesichts des pittoresken Ensembles keineswegs verwundert.

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Sandstrand an der Westküste des "Stöckels"

Tipps für Süditalien

Der Weg ist weit, aber er lohnt sich. Süditalien bietet landschaftliche wie historische Höhepunkte. Wer mag, kann Kultur wie auch pures Badevergnügen erleben.

Von Linz nach Salerno sind es 1300 Kilometer, mit dem Auto samt Motorrad-Anhänger ist die Strecke in 16 Stunden zu bewältigen. Alternativ kann der Weg auch durch den Autoreisezug Wien – Livorno oder eine Fähre (Genua/Livorno – Palermo) abgekürzt werden.

Das Preisniveau ist im Süden durchwegs niedriger als in Norditalien. Pizzen kosten vier, fünf Euro. Nur bei Hotels ist davon nur selten etwas zu spüren. Ein Liter Super kostete Anfang Oktober 1,67 bis 1,74 Euro.

Ein kurzer Abstecher nach Sizilien lohnt allemal. Die Fähre nach Messina fährt rund um die Uhr und kostet 26 Euro hin und retour (pro Person und Motorrad). Der Trip auf den Ätna führt über traumhafte Straßen.

Artikel von

Carsten Hebestreit

Redakteur Motor

Carsten Hebestreit
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