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Reisen

Und am Fenster: Berlin

Von Pia Niederwimmer-Raunjak   22. Juni 2019 00:04 Uhr

Und am Fenster: Berlin
Blick vom Brandenburger Tor auf das berühmte Hotel Adlon

Das Hotel Adlon Kempinski in Berlin ist Deutschlands berühmtestes Hotel. Der Mythos aus der Kaiserzeit hat drei politische Systeme und einen ruinösen Brand überlebt, um in der vereinten Hauptstadt wie Phönix aus der Asche zu steigen und Ort mondäner Sehnsüchte zu werden.

Über Nacht hatte es geschneit und draußen, am noch dunklen Pariser Platz, wurde Schnee geschaufelt. Drei Mal habe ich ihn gewechselt, um auch wirklich die allerbeste Aussicht zu haben: Und dann saß ich da, am schönsten Frühstückstisch der Stadt, mit direktem Blick auf das beleuchtete Brandenburger Tor. Dieses Frühstück hat sich in mir eingeprägt wie kein zweites und ich wusste, ich würde wiederkommen, ins Hotel Adlon.
Das Taxi fährt noch eine enge Runde am Brandenburger Tor vorbei, bevor ich über den roten Teppich zum Eingang schreite. „Willkommen im Hotel Adlon Kempinski“, begrüßt uns der Wagenmeister, in der glühenden Sommerhitze diesmal ohne Hut. In der Lobby gleiten livrierte Kellner zwischen den Fauteuils hin und her, im Hintergrund spielt ein Pianist Klavier. Das Gurgeln des indisch inspirierten Brunnens, in dessen Zentrum acht Elefanten eine Lotusblüte in die Höhe stemmen, mischt sich höchst vornehm mit dem leisen Geplauder der internationalen Gästeschar.

Schon taucht man ein in die exklusive Welt eines Grandhotels. Der Begriff enthält sowohl Größe als auch Grandeur, und das von der Kempinski-Gruppe geführte Haus gehört zudem zu den 375 „Leading Hotels of the World“. Obwohl: Das Domizil mit der Adresse „Unter den Linden 77“ ist nicht ein Hotel der höchsten Kategorie. Es ist „das Adlon“. Und das ist eine ganz eigene Kategorie.

„Moderne Einrichtung“ und „großen Komfort“ versprach Erbauer Lorenz Adlon zur Eröffnung 1907. Der ehrgeizige Geschäftsmann und Gastronom fand in Kaiser Wilhelm II. einen Unterstützer der ersten Stunde, der später nur zu gerne vor den zugigen Räumen seines Schlosses in die gut beheizten des Adlons floh. Familien des Hochadels verkauften damals ihre Winterpalais in Berlin, um in den Suiten des Hotels zu residieren, die mit „fließenden heißem und kaltem Wasser und Fernsprecher“ bestachen.

Die Definition von Luxus hat sich seither erweitert, wenngleich der größte Luxus damals wie heute dem Hotelgast zu Füßen liegt: Der Blick auf das Brandenburger Tor, kaum hundert Meter entfernt. Von meiner Hotelsuite im sechsten Stock beobachte ich den Imagefilm-Dreh der Berliner Polizei um fünf Uhr morgens, chinesische Falun-Gong-Mitglieder beim friedlichen Protest und Touristen aus aller Welt beim Foto-Marathon bei Sonnenuntergang. Ich komme nicht umhin, ganz oft aus dem Fenster zu sehen und die Szenerien, die der Tageszeit angepasst sind, zu vergleichen. Die Aktivität draußen hebt die vornehme Ruhe im Hotel noch hervor. Ganz ruhig ist unser zweieinhalbjähriger Sohn selten. Und trotzdem haben wir nicht das Gefühl, zu stören. Das liebevoll gerichtete Gitterbett, die Baby-Pflegeprodukte im Bad, die Dame am Empfang, die Noah erst einmal Gummibärchen aussuchen lässt, und die Wagenmeister, die ihn immer besonders freundlich anlächeln – die Gäste von morgen sind spürbar willkommen. Trotzdem wählen wir mit unserem Knirps morgens lieber das ruhige Erdgeschoß, statt es uns auf den Couchen der belebteren Bel Etage gemütlich zu machen.

Ein Frühstück um 45 Euro

Endlich sitze ich wieder an „meinem“ Frühstückstisch. Über Nacht hat es geregnet. Die ersten Sonnenstrahlen fallen über den noch leeren Pariser Platz und hinterleuchten das Brandenburger Tor. Schweres Silberbesteck und weiß eingedeckte Tische wirken in den hohen Räumen schon frühmorgens festlich. Das Frühstücksbuffet des Hotel Adlon ist mit 45 Euro pro Person standesgemäß das teuerste weit und breit. Standesgemäß spielt es auch alle Stücke – von der Kaviar-Bar über erlesene Tees und Champagner bis hin zu chinesischen Shao-Mai-Teigtaschen.

Zwischen glattem Standarddeutsch sticht schnell das gefällige Österreichisch von Philipp Pögl hervor, der gut gelaunt und gewandt durch die Frühstücksräume schwirrt. Er begrüßt das Paar nebenan in perfektem Italienisch, telefoniert betreffend der Erfüllung der Wünsche einer Delegation aus den Emiraten („Selbstverständlich haben wir eigene Küchenbereiche für ihre privaten Köche reserviert“) und rührt ganz nebenbei die Mandelcreme durch („Die muss wirklich öfter aufgerührt werden!“). Der gebürtige Grazer jongliert seit dreieinhalb Jahren exklusive Gästewünsche und wurde vor einem Jahr zum F&B-Chef mit rund 240 Mitarbeitern und zahlreichen Servicestationen. Darunter fallen neben drei Restaurants auch die Lobby-Bar, der Room-Service, das „Adlon To Go“, das Mitarbeiterrestaurant, die Patisserie sowie das umfangreiche Bankettgeschäft mit Empfängen und Galadiners.

Das Adlon war von Anfang an gesellschaftliche Bühne: Startenor Enrico Caruso wohnte hier ebenso wie Charlie Chaplin, Greta Garbo, Marlene Dietrich, Richard Strauss oder der junge John F. Kennedy. Die Bars, Restaurants, Spielerzimmer, Rauchersalons und Cafés boten in den mondänen 20er- und 30er-Jahren internationalen Glanz. Der stetige Aufschwung des Hotels nahm mit dem Beginn des NS-Regimes im Deutschen Reich allmählich ein Ende. Die NS-Bonzen konnten sich mit dem internationalen Flair des Hauses nicht so recht anfreunden und später wurde es sogar als Lazarett genutzt. Fatalerweise brannte es in den ersten Tagen nach Kriegsende aus, besetzt von brandschatzenden Rotarmisten.

Neuer Glanz am alten Platz

Hedda Adlon, die Witwe des letzten Eigentümers, schloss ihre Memoiren 1955 mit den Worten: „Ich möchte das Adlon wieder aufbauen – aber nur dann, wenn man nicht mehr von einem West- oder Ostsektor spricht, und nur dort, wo es gestanden hat und wo ich die glücklichste Zeit meines Lebens verbrachte.“ Ihr Wunsch wurde 1997 mit der Eröffnung des neuen Adlon erfüllt. Der Neubau ist keine Rekonstruktion, sondern ein historisierender Neuentwurf in Anlehnung an den Vorgängerbau. Ausgesuchte Antiquitäten und elegante Möbel aus Italien, prunkvolle Venini-Kronleuchter aus Murano-Glas und wertvolle Materialien wie Kalkstein, Leder, Messing und Onyx knüpfen an die damalige Glorie an. Die holzvertäfelten Fahrstühle zeigen altmodisch ihren Weg mit einem Messingzeiger nach oben, der über die Stockwerkzahlen knarrt. Die Prunktreppe aus weißem Marmor wurde originalgetreu nachgebildet.

Von Michael Jackson bis Barack Obama

Schnell wurde das Adlon wieder Treffpunkt für Staatsoberhäupter, Politiker, Stars, Intellektuelle, Künstler und Unternehmer. Sie kommen heimlich durch die Tiefgarage oder öffentlichkeitswirksam zum Vordereingang. Michael Jackson gefährdete unter Mediengetöse sein Baby, indem er es über das Balkongeländer hob. Michael Gorbatschow blickte von seiner Suite auf das geeinte Berlin. Angela Merkel speiste hier mit Barack Obama zum Abschied seiner Amtszeit. Das Adlon ist das inoffizielle Gästehaus der deutschen Regierung und mit gleich drei Präsidentensuiten mit je rund 200 Quadratmetern dementsprechend ausgestattet. Butler Ricardo steht den elitären Gästen dort 24 Stunden zur Verfügung.

Beim Afternoon Tea beobachte ich die geschäftige Szenerie in der Lobby. Das Aroma des exquisiten Tees vermengt sich mit dem Bukett der unzähligen Lilien in den Vasen und den schweren, historischen Düften der Parfümerie in der Geschäftspassage nebenan. Mit meiner Tasse mit über Kiefernholz geröstetem „Smoked China“ gehe ich ans Fenster. Eine Limousinen-Kolonne mit Polizeibegleitung rollt Richtung Hotel und neu designierte Botschafter in Landestracht steigen unter Blitzlichtgewitter aus. Über den Pariser Platz am Brandenburger Tor zog schon immer der Wind der weltmännischen Größe. Das Hotel Adlon, das erste Haus der Stadt, hat seit über einem Jahrhundert seinen Anteil daran.

 

Die Brösel fürs Schnitzel kommen extra aus Wien

Seit Jänner 2016 arbeitet Philipp Pögl im Hotel Adlon Kempinski in Berlin und wurde 2018 zum F&B-Manager befördert. Der 33-jährige Steirer blickt auf Auslandsaufenthalte in Abu Dhabi, Ägypten, Kenia und England zurück.

Die Brösel fürs Schnitzel kommen extra aus Wien
Philipp Pögl in einer der drei Präsidentensuiten

Wie erging es Ihnen, als Sie zum ersten Mal über den roten Teppich des Hotel Adlon gegangen waren?
Philipp Pögl: Es ist nicht nur der rote Teppich, das Imposanteste war für mich die Lobby, das Atrium, mit dem Elefantenbrunnen und den vielen Details in Gold. Man spürt sofort die Geschichte des Hauses. Man kann sich zwischendurch so gut in diese Geschichte hineinversetzen.

Wie beschreiben Sie Ihre Stelle im Hotel Adlon als F&B-Manager?

F&B-Manager im Adlon zu sein, ist etwas Großes, etwas Gigantisches, und heißt auch 240 Mitarbeiter zu führen. F&B bedeutet ja „Food & Beverage“, also jeder Service, der mit Essen und Trinken zu tun hat. Aber im Grunde bedeutet es für mich, Menschen glücklich zu machen und Erlebnisse zu kreieren. Wir versuchen, jedem Wunsch nachzukommen. Wenn ein Stammgast morgens zum Frühstück Wachteleier haben möchte, dann wird das notiert und dann heißt es bei uns im Team: „Herr Soundso kommt wieder, bitte Wachteleier vorbereiten.“ Das entscheidende Wort ist für mich Empathie. Die Gäste kommen mit den verschiedenen Erwartungen herein. Ich möchte diese verstehen und auch ein ganz individuelles Service bieten.

Welche individuellen Wünsche gab es zum Beispiel?

Ein Gast wollte etwa, dass zum Hochzeitsjubiläum um zwei Uhr in der Früh ein E-Gitarrist vor der Tür spielen soll. Wir haben das geschafft, ohne dass andere Gäste gestört wurden. Ein anderer wollte unbedingt einen Kühlschrank auf der Suite, der genau auf 3,5 Grad abkühlt. Im Kühlschrank musste ein Thermometer liegen, damit der Gast das dann auch nachprüfen konnte. Wir trieben so einen Kühlschrank auf, jedoch – sobald man ihn aufmachte, waren es 4 Grad. Also schraubten wir die Tür des Eisfaches herunter. Nach drei Tagen ging der Kühlschrank dadurch kaputt, aber der Gast war ohnehin schon ausgecheckt. Ich habe einige Jahre in Abu Dhabi gearbeitet, da waren die Wünsche noch extremer. Dort musste ich für einen Gast einmal 60 Flaschen eines bestimmten Mineralwassers auftreiben, weil er sich damit waschen wollte.

Nachdem Sie gebürtiger Steirer sind – gibt es bei Ihnen im Haus Kernöl?

Ganz klares Ja! Es gibt sogar Kernöl in unserem Mitarbeiterrestaurant für unsere Crew von 470 Leuten plus 70 Auszubildende. Kernöl benutzen wir auch für den steirischen Backhendl-Salat, den wir in unserem Restaurant „Quarré“ servieren. Die Brösel für das Wiener Schnitzel beziehen wir übrigens direkt aus Wien.

Wer war für Sie der imposanteste Gast, den Sie jemals betreut haben?

Barack Obama war sicher einer der imponierendsten Gäste, die hier im Adlon logierten. Von seiner Art ist er ein sehr entspannter Mensch. Er ist ganz locker mit einem Kaffeebecher über den Pariser Platz marschiert, statt in die Limousine zu steigen. Alle CIA-Leute rundherum waren vollkommen nervös, weil Obama selbständig den Plan geändert hat und einfach mal spaziert ist. Aber es gibt auch viele andere Menschen, die hier zur Tür hereinkommen, die mich beeindrucken. Leider darf ich keine Namen nennen. Aber, so viel kann ich sagen – der österreichische Bundespräsident Van der Bellen war schon hier. Und er war sehr entspannt.

 

Adlon Reisetipps

Die Übernachtung für zwei Personen mit Frühstück gibt es ab 290 Euro im Executive Zimmer. Insgesamt stehen 13 verschiedene Kategorien an Zimmern und Suiten zur Verfügung. Die Suiten blicken zur Prachtstraße „Unter den Linden“ oder zum Brandenburger Tor. Hochsaisonen sind Mai/Juni sowie September bis November. Für alle Gäste gibt es einen exquisiten Wellnessbereich mit Hallenbad und Saunen. Viele Sehenswürdigkeiten und das Tourismusbüro sind nur einen Steinwurf entfernt. Für eine exklusive Anreise vom Flughafen steht ein Rolls Royce Ghost mit Chauffeur-Service zur Verfügung (250 Euro).

 

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