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Reisen

Totsein auf Korsika

Von Claudia Woitsch   01. November 2016 00:04 Uhr

Totsein auf Korsika
Der Friedhof über der Meerenge von Bonifacio, zwischen Korsika und Sardinien, ist im Sommer gut besucht. Touristen lassen sich die Schönheit der Ruhe dort nicht entgehen.

"Nur keine falsche Bescheidenheit" scheint das Credo zu sein, wenn es den Korsen um ihre letzte Ruhestätte geht. Die schönsten Grundstücke mit der besten Aussicht bewohnen auf der Insel die Toten.

Genau genommen ist auf Korsika so einiges ungewöhnlich: Munition und Schusswaffen kaufen die Korsen im Gartencenter, Schaf- und Ziegenkäse sind eine Spezialität der Insel, nur die Tiere dazu sieht man kaum; und der legendär faule Korse ist das sicher nur außerhalb der Saison, denn wenn die Touristen da sind, sind Korsen gastfreundlich und emsig. Am besten stimmt man sich auf Land und Bewohner mit dem zwanzigsten Band von Asterix ein.

Das zu den Korsen im Allgemeinen. Jetzt zu den Friedhöfen: Die örtlichen Pompes funèbres (auf wienerisch Pompfüneberer) sind Baumeister für die Ewigkeit und haben einen Hang zur Opulenz. In Korsika hieß es im 19. Jahrhundert: "Man baut sich zwei Häuser. Eines für das Leben und eines für den Tod."

Dass die Gräber auf Korsika beeindruckende Dimensionen und Standorte aufweisen, geht auf eine lange Tradition zurück. Bereits in prähistorischer Zeit hat man sich nicht lumpen lassen, wie der Steintisch Fontanaccia in Cauria, südlich von Sartène, beweist. Er zählt zu den schönsten und am besten erhaltenen Zeugnissen der Megalithkultur. Alleine der Deckstein wiegt mehr als drei Tonnen. Der Grabraum ist vier Quadratmeter groß. Über das Grab weiß man nichts. Archäologen vermuten, dass es für eine bedeutende Persönlichkeit errichtet wurde.

Vermutlich war dies der Startschuss, der Auslöser für die Üppigkeit. Alle, die danach beerdigt wurden, wollten sich keine Knausrigkeit nachsagen lassen, deshalb ist die Pracht der Gräber auf Korsika entstanden.

Wenn man geschichtlich korrekt beginnen möchte, dann ist der Steintisch Fontanaccia das älteste Grab. Nur ein paar Schritte daneben stehen in einer Lichtung im Eichenwald die Menhire von Rinaiu. Die Statuen von Santari befinden sich ebenfalls in der Gegend, leicht zu Fuß erreichbar. Der Rundweg dauert circa eine Stunde.

Der atemberaubendste Friedhof von ganz Frankreich steht in Bonifacio, ganz im Süden der Insel. Hoch oben auf den weißen Kreidefelsen thront der Cimetière marin de Bonifacio. Wer nicht weiß, dass es sich um Gräber handelt, der sieht eine Stadt aus kleinen Gassen, die allesamt Namen haben, wunderschöne helle winzige Steinhäuser, teilweise mit Vorplätzen und Laternen an der Häuserfront und prunkvollen Eingängen. Man wartet beinahe darauf, dass aus einem der Häuser eine Märchenfee tritt.

Dort ist auch der Marinefriedhof untergebracht. Hier liegen einige Opfer des größten Unglückes eines französischen Schiffes im Mittelmeer, der französischen Fregatte Sémillante, die in der Straße von Bonifacio gesunken ist. (Der größere Teil der knapp 600 ertrunkenen Seeleute wurde auf der Insel Lavezzi und in Nordsardinien begraben.)

Von einer Stätte der letzten Ruhe kann man in Bonifacio in der Hauptsaison nicht gerade sprechen, zwischen Juni und September besuchen hunderte Touristen den Friedhof, um die monumentalen Mausoleen und blütenweißen Grabstätten abzuschreiten und Inschriften zu studieren. Hundertschaften pro Tag wohlgemerkt.

Die "Dame von Bonifacio", die ältesten menschlichen Überreste, die 6570 v. Chr. datiert sind, weilen nicht mehr in der Felsenstadt, sondern im Museum in Levie im Alta Rocca.

Die Friedhöfe auf Korsika haben alle etwas gemeinsam: die Aussicht. Entweder befinden sie sich auf einem Grundstück direkt am Meer mit Ausblick auf Bucht und stahlblaues Wasser oder in den Bergen, von wo man den Blick über dichtbewaldete Täler schweifen lassen kann. Auf Aussicht legen die Korsen anscheinend Wert, zumindest nach ihrem Ableben. Denn einige der Friedhöfe liegen auf den schönsten Grundstücken. Kein Wunder, brachte man mit den Grabstätten auch die Stellung der Verstorbenen zu Lebzeiten zum Ausdruck.

In Solenzara, einem Ort an der Ostküste, gibt es ein weiteres Beispiel: Direkt am Meer gelegen, auf einem leicht abschüssigen Grundstück, sodass auch die Grabreihen weiter hinten nicht benachteiligt sind. Ungewöhnlich ist die Steintreppe, die vom Friedhof ins Meer hinunter führt. Zu Allerheiligen und Allerseelen mischen sich auch die Familienmitglieder unter die weniger werdenden Touristen. Sie kommen, um die Gräber zu säubern und für die Feiertage zu schmücken. Aber nicht jeder hat sein Grabmal in einer Totenstadt. Sehr häufig findet man auf Korsika monumentale Mausoleen auf Privatgründen oder auf dem Campingplatz. Manche haben den Anschein, als stünden sie einfach so in der Landschaft.

Versteckte Schönheiten

Bei Sotta, einer Gemeinde im Süden, gibt es eine kleine Anordnung von Gräbern direkt neben der Straße; prächtiger Treppenaufgang und üppige Palmenbepflanzung inklusive. Quer über die Insel verstreut finden sich Zeugnisse eines teuren Totenkults. An den schönsten Exemplaren fährt man oft zufällig vorbei, bei einem Ausflug zu einer ganz anderen Sehenswürdigkeit. Und davon gibt es genügend auf Korsika.

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