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Sprechen Sie Rapanui?

Von Gerhard H. Oberzill   14.März 2020

Sprechen Sie Rapanui?
Die Moai-Steinfiguren des Ahu Tongariki vor der brandungsumtosten Steilküste

"Iorana!" schallt es den Ankömmlingen entgegen. "Hallo, Willkommen, Guten Tag!" Aber welche Sprache erklingt hier? Es ist Rapanui, und so heißen auch die Insel und ihre Einwohner. Bei uns freilich kennt man das Eiland als Osterinsel. Ein Name, der auf die "Entdeckung" durch den Holländer Roggeveen am Ostermontag 1722 zurückgeht. Er nannte es Paasch-Eyland, was die europäischen Sprachen übernahmen: Easter Island im Englischen oder auf Spanisch Isla de Pasqua. Aber das hören die Einheimischen nicht so gerne, sie bevorzugen die polynesische Bezeichnung.

Es ist ein gastfreundliches Völkchen, das die Besucher auf dem Mataveri-Flughafen von Rapa Nui begrüßt. Nahezu jeder Bewohner hier bietet Privatzimmer an, dazu gibt es Cabañas und Hotels. Fast alle holen ihre Gäste mit Kränzen aus Frangipani- und Hibiskusblüten ab. So auch unsere Wirtin Merina, bei der wir das Ferienhäuschen Ta Miti gemietet haben. Flugs klettern wir in ihren Pick-up und bekommen auf dem Weg zu unserer Bleibe gratis eine Stadtrundfahrt dazu. Aufgrund der "Größe" des Hauptortes Hanga Roa ist die Tour freilich in zehn Minuten absolviert.

Der Tourismus ist Rapa Nuis Haupteinnahmequelle. Außer Süßkartoffeln, Bananen und ein paar Hendln produziert das Eiland selbst kaum etwas. Fast alles Lebensnotwendige kommt vom südamerikanischen Kontinent. Bloß, dass dieser "Conti", wie die Einheimischen sagen, mehr als 3500 Kilometer entfernt liegt. Schon allein wegen dieser Distanz ist auf der Osterinsel nichts billig. Auch der fünfstündige Flug von der chilenischen Hauptstadt Santiago reißt ein ordentliches Loch in die Reisekasse. Dennoch sind die Maschinen – täglich eine oder zwei – bis auf den letzten Platz ausgebucht.

So macht inzwischen auch hier das Schlagwort vom "Overtourism" die Runde, besonders bei jenen, die vom Fremdenverkehr nicht unmittelbar profitieren. Immerhin sehen sich knapp 8000 "Ostereiländer" jährlich 120.000 Touristen gegenüber. Und die lassen nicht nur Geld da, sondern auch Müll, vor allem aber brauchen sie (zu viel) Wasser. So wurde schon vor zwei Jahren die maximal erlaubte Aufenthaltsdauer für Fremde von 90 auf 30 Tage reduziert. Was freilich für die Bevölkerung wohl eher ein Placebo sein soll: Mehr als höchstens eine Woche bleibt sowieso niemand, meist sind es zwei bis drei Tage.

Warum aber kommen trotz der hohen Kosten Touristen aus aller Welt auf dieses winzige Fleckchen Erde inmitten der Weiten des Pazifiks? Weil – wie man spätestens seit Thor Heyerdahl weiß – Rapa Nui etwas ganz Besonderes zu bieten hat: die Moai. An die 1000 dieser übermannshohen Steinfiguren stehen oder liegen auf dem Eiland herum, davon allein 400 wie buchstäblich bestellt und nicht abgeholt am Abhang oder im Krater des erloschenen Vulkans Rano Raraku, dem "Steinbruch". Hier entstanden die zwischen zwei und 21 Meter hohen und einige zehntausend Kilo schweren Statuen. Hier zeigt sich aber auch, wie eine übermäßige Ausbeutung von Ressourcen zum Niedergang einer Zivilisation führt. Hoffentlich kein Menetekel für unsere eigene Zukunft.

Ein ökologisches Desaster

Um Stämme für den Transport der Moai zu gewinnen, schlägerten die Insulaner die einst dichten Toromiro-Wälder und verursachten damit ein ökologisches Desaster. Zum Schluss blieb nicht einmal mehr Holz für den Bau von Fischerbooten. Und weil zudem tropische Regenfälle den fruchtbaren Boden wegschwemmten, konnte weder Meer noch Land die Leute ernähren. Vermutlich trieb Hunger die Steinmetze dann zum Aufstand. Ein nachfolgender Krieg zwischen den Stämmen der Kurz- und der Langohren besiegelte das endgültige Aus einer großartigen Steinzeitkultur. Kevin Costner hat die dramatischen Szenen in seinem Film "Rapa Nui – Rebellion im Paradies" eindrucksvoll nachgestellt.

Die Blütezeit der Osterinsel – hier ist sich die Wissenschaft jedoch uneins – lag irgendwo in den Jahrhunderten um das Jahr 1000. Damals wurden die Ahu geschaffen, wohl zunächst als Altäre dienende Plattformen, auf denen später bis zu 15 Moai Platz fanden.

Mit übergroßem Kopf, ernst aus einst korallenbelegten, heute leeren Augen blickend, stehen die Kolosse da oben; gelegentlich noch von einem rostroten steinernen "Hut" gekrönt, dem Pukao.

Lokale Agenturen bieten Exkursionen in Kleinbussen an. Wer aber die Insel auf eigene Faust erkunden will und auch gehörig risikofreudig ist, mietet ein Auto. Standardvehikel für alle Selbstfahrer sind neben Quads die geländegängigen Suzuki Jimnys. Zum Glück bekamen wir eine uraltes rotes Modell, an dem kein Quadratdezimeter Blech heil war. Zum Glück? Da es auf Rapa Nui keine Autoversicherung gibt, der Mieter also jeden Kratzer bis zum Totalschaden selber zahlen muss, ist es günstig, wenn eine Karosserie für allfällige Beulen gar keinen Platz mehr hat!

Wächter mit Trillerpfeifen

Ist das obligate Nationalparkticket um 80 US-Dollar gekauft, kann die Fahrt losgehen. Absolutes Topziel ist wegen seiner Dichte an Statuen zweifellos der genannte Steinbruch. Klug angelegte Wege führen an den einzelnen Monumenten vorbei, Steineinfassungen verwehren das Berühren der Figuren. Zudem passen trillerpfeifenbewehrte Wächter auf, dass kein Unfug passiert. Die Erosion durch Wind und Wetter ist der bei Weitem ärgste Feind der Moai. Darum muss es ja auch wirklich nicht sein, dass Besucher den "Schwarzen Mandern" in der Nase herumbohren ...

Wenn die Osterinsel auch seit 1888 zu Chile gehört, kulturell fühlen sich ihre Einwohner Polynesien viel näher verwandt als dem weitgehend europäisch geprägten "Mutterland". Polynesien (griechisch für "viele Inseln"), das ist der riesige südpazifische Archipel mit den Eckpunkten Hawaii im Norden, Neuseeland im Süden und im Osten eben Rapa Nui. Aus diesem Raum wurde die Osterinsel vermutlich in mehreren Wellen besiedelt. Thor Heyerdahls Versuch, mit seiner spektakulären Expedition "Kon Tiki" zu beweisen, dass die Besiedlung des Eilands von Peru aus stattgefunden habe, betrachtet die Wissenschaft heute als gescheitert.

Am "polynesischsten" geben sich die Insulaner während des zweiwöchigen Tapati-Festes. Junge Männer konkurrieren im Bananenboot-Paddeln, Schilfmatten-Rutschen und anderen Geschicklichkeitsübungen, die Frauen messen sich in Tanz-, Sing- und Kochwettbewerben, eine Königin wird erkoren, auf den Straßen finden Umzüge statt. Als wir zu so einem Volksfest zurechtkommen, glauben wir zunächst mitten in Hanga Roa in einen FKK-Kongress geraten zu sein. Erst ein näherer Augenschein ergibt, dass die Teilnehmer außer einer Bemalung doch auch geringe Stoffmengen am Leib tragen. Doch wozu mehr, die Luft ist warm, und falsche Scham hat in der Südsee noch nie jemanden geplagt. Peinlich ist die Situation höchstens dem Fotografen, als er die Quasi-Nackerten ablichtet.

Am schönsten Sandstrand der Osterinsel, in der mit Kokospalmen gesäumten Anakena-Bucht, finden sich Schwimmer und Sonnenanbeter anderntags in normaler Badetracht wieder. Bewacht von den sieben Moai des erhöht liegenden Ahu Nau Nau, von denen vier noch ihren roten Pukao aufhaben. Wer aber annimmt, dass die Kolosse mit dem Rücken zum Meer stehen, weil sie schon genug nackte Haut gesehen haben, der irrt: Bis auf die ebenfalls sieben Figuren des Aku Akivi im Inselinneren wenden sich Moai grundsätzlich dem Land zu.

Zauberhaftes Orange

Natürlich hat auch Rapa Nui Plätze, an denen man – wenn das Wetter mitspielt – spektakulär die Sonne auf- beziehungsweise untergehen sehen kann. Für den Abend empfiehlt sich dafür der von Hanga Roa zu Fuß erreichbare Ahu Vai Uri im Norden des Ortes, nahe dem sehenswerten Friedhof. Den Sonnenaufgang aber "muss" man hinter dem Ahu Tongariki in der Nähe des Steinbruchs erleben. Da auch die lokalen Agenturen Touren dorthin anbieten, geht es in situ entsprechend lauschig zu. Fröstelnd harrt die Menge im klitschnassen Gras aus. Da, zögernd erst, dann immer kräftiger bahnen sich die ersten Strahlen einen Weg durch die Wolken und tauchen den Himmel in zauberhaftes Orange.

Messe mit "Südseemusik"

Wer es einrichten kann, sollte am Sonntag, um neun Uhr morgens, die Messe in Hanga Roas Hauptkirche mitfeiern. Schon vor Beginn der Zeremonie dringt aus den geöffneten Fenstern "Südseemusik" ins Freie. Die Texte der Gesänge werden auf Rapanui an die Wand projiziert, dazwischen erscheint immer wieder das Zeichen Fotografierverbot.

Fremde sind beim Gottesdienst herzlich willkommen, ihre Handys sollen sie aber gefälligst im Sack lassen. Am Ende der Messe fassen Einheimische wie Besucher einander an den Händen, frei nach dem Motto "Alle Menschen werden Brüder". Mit dem heurigen Beethoven-Jubiläum hat das aber sicher nichts zu tun.

Es wird Zeit, von der Osterinsel Abschied zu nehmen. Merina bringt uns zum Flughafen, doch plötzlich ist sie verschwunden. Als sie wieder auftaucht, hängt sie uns als Andenken Muschelketten um. Verblüfft und gerührt bleibt uns nur, "mauruuru" zu stottern, das zweite Rapanui-Wort, das wir auf der Osterinsel gelernt haben: "Herzlichen Dank!"

Osterinsel – Eiland im Pazifischen Ozean

Mit 162 Quadratkilometern ist die Osterinsel ein Zwerg, sie umfasst etwa gerade einmal ein Viertel des Bezirks Urfahr-Umgebung.

Anreise: Die Insel ist nur auf dem Luftweg zu erreichen, das Monopol darauf hat die chilenische Gesellschaft LATAM, die auch von Europa nach Santiago de Chile fliegt.

www.latam.com/de

Von Reiseveranstaltern wird die Osterinsel meist als optionale Verlängerung einer Südamerika-Tour angeboten, zum Beispiel von

www.kneissltouristik.at

Selbstfahrern stehen mehrere Autovermieter zur Auswahl.

Touristische Informationen: imaginaisladepascua.com/en

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05. Juni 2020