Lade Inhalte...

Reisen

So frei wie ein Vogel

Von Bernhard Lichtenberger   20. Januar 2019 10:00 Uhr

So frei wie ein Vogel
Auf diese Weise kam Weinberger zu seinem Trail-Namen „Freebird“

Eine Auszeit an der US-Westküste genehmigte sich der Ottensheimer Stefan Weinberger. Die Wander-Reise seines Lebens beschenkte den 49-Jährigen mit Natur und Erkenntnissen.

Der Wunsch, seinem Ich freien Lauf zu lassen, keimte schon früh. Mit dem Fahrrad Australien zu entdecken, wäre ein Weg gewesen. Den durchkreuzte die Gründung einer Familie. Die Abenteuerlust war damit allerdings nicht erloschen, nur die Pausetaste gedrückt. Die löste sich, als der freiberufliche Physiotherapeut, Feldenkraislehrer und Fotograf mit einem Mal vor der Frage stand, in welche Bahnen er künftig seine Arbeit lenken werde.

"Das war der Moment, in dem ich mir zur Lebensmitte eine Auszeit gönnen wollte", sagt der 49-jährige Ottensheimer. Die Distanz zum Alltag sollte durch eine geografische Entfernung verstärkt werden. Da kam der Pacific Crest Trail (PCT) gerade recht: 4270 Kilometer an der US-Westküste von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze, populär geworden durch den Film "Der große Trip – Wild" mit Reese Witherspoon.

So frei wie ein Vogel
Erster Fernblick in die kalifornische Wüste.

Dann ging alles sehr schnell. Fast zu schnell. Nachdem der Familienrat – Ehefrau Martina sowie die in Wien lebenden und studierenden Kinder Sarah und Tobias – das Vorhaben abgenickt hatte, mussten daheim noch alle Dinge erledigt, um die Trailgenehmigung und das Visum angesucht werden. "Zwei Tage vor dem Abflug schaute ich, was ich im Gewandkasten hatte", sagt der Mühlviertler.

Ehe er Mitte März 2018 den ersten Fuß auf den Pfad setzte, der ihn für fünf Monate mit der Natur verband, verbrachte Weinberger in San Diego einen Tag in einem Outdoor-Spezialladen, um sich für die Reise seines Lebens mit ultraleichter Ausrüstung einzudecken. Mehr als sieben Kilo (inkl. drei Kilo Fotoausrüstung) sollte sein 55-Liter-Rucksack nicht wiegen, da ohnedies noch fünf bis 13 Kilo Wasser und Proviant dazukamen. Ein zehn Gramm schwerer Kocher reichte, dafür gönnte sich der Weitwanderer eine komfortablere Isoliermatte, "denn guter Schlaf ist wichtig". Den fand der Tramper häufig im Cowboy-Stil: in den Schlafsack gepackt unter dem Himmelszelt. Auch an eigenem Gewicht gab es im Laufe der Tour immer weniger zu schleppen. Maß die Waage vor dem Abmarsch satte 94 Kilogramm, brachte der Wanderer nur noch einen 75-Kilo-Körper ans Ziel.

So frei wie ein Vogel
Weite Wiesenflächen in der South Sierra Wilderness

Weinberger war kein Getriebener. Er ließ sich treiben. "Ich war zeitlos unterwegs, um meinen Rhythmus und den der Natur zu spüren. Das geht nur, wenn du nicht ständig im Internet hängst." Andere Wanderer wurden hingegen nicht müde, Twitter, Facebook und Instagram mit ihren Trail-Stoffen zu füttern. "Die Selbstdarstellung ist extrem geworden, das hat wohl auch damit zu tun, dass die Jungen noch auf Sinnsuche sind", meint er.

Unterwegs begegneten dem 49-Jährigen nicht nur karge Wüstenlandschaften (mit einer schnappenden Klapperschlange) und die schneebedeckte Bergwelt der High Sierra (mit der Besteigung des aussichtsreichen, 4421 Meter hohen Mount Whitney). Noch näher ging ihm eine andere Erfahrung – "die Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner". So vergaß der Oberösterreicher auf einem Campingplatz seinen Energiespeicher, die Powerbank. Nach einem gut 30 Kilometer langen Marsch kam er an zwei Picknicktischen vorbei. Dort lag der vermisste Akku, begleitet von einer Notiz: "For the Austrian photographer!" Für den österreichischen Fotografen. Ein Paar mit einem Trailer, das er auf dem Campingplatz kennengelernt hatte, hatte die Powerbank dort abgelegt – und dafür eine Fahrt auf rund 80 Straßenkilometern in Kauf genommen.

So frei wie ein Vogel
Ein Baum erobert sich die Wegmarkierung.

"The Trail provides" sagen die PCT-Hatscher zu diesen leuchtenden Momenten, in denen sich Probleme von selbst zu lösen scheinen. "Wenn du Hilfe brauchst, kommt sie", hat Weinberger eine Übersetzung für das geflügelte Wort und für sich eine Abwandlung gefunden: Life provides – auf dem Weg des Lebens ergeben sich die Dinge mit einer Leichtigkeit. "Das ist das größte Geschenk des Trails", sagt der Weitwanderer, "dieser rote Faden, der mit dem Ende des Trails nicht aufgehört hat."

Die kanadische Grenze erreichte Weinberger nicht. Nach vier Monaten traf er sich mit seiner Frau Martina in Portland, der größten Stadt Oregons. Einen Monat lang marschierten sie gemeinsam weiter. "Das war die schönste Beziehungszeit", sagt er. "Vor meiner Reise waren wir nie länger als ein bis zwei Wochen auseinander gewesen. Die vier Monate bedeuteten auch für sie einen Freiraum. Sie ging quasi den Trail daheim, als Lebensweg."

So frei wie ein Vogel
Erster Fernblick in die kalifornische Wüste.

Wer sich auf den weiten Weg durch die Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington macht, klaubt einen Spitznamen auf, den andere Hiker fallen lassen. Stefan Weinberger geht als "Freebird" in die PCT-Annalen ein. Auf einer Anhöhe, beim ersten Blick in die Wüste, lehnte er sich in den Wind. Wie ein Vogel, so frei.

Vorträge: Am 1. und 2. Februar, 19 Uhr, nimmt Stefan Weinberger im Pfarrsaal Ottensheim mit auf sein Abenteuer "Pacific Crest Trail"; am 9. 2. im Musikhaus Walding und am 16. 3. im Pfarrheim Pichling. Vorverkaufskarten und weitere Termine unter stefanpicart.at

 

So weit die Füße tragen

 

Weitwandern ist gefragt. Eine weltweite Auswahl an herausfordernden Trails:

1. Great Trail (Kanada): Von St. John’s an der Ost- bis Vancouver an der Westküste und bis in die Northern Territories führt der mit 24.000 km längste Wanderweg der Welt – der in 500 Etappen aufteilbar ist.

2. Te Araroa Trail (Neuseeland): 3040 km liegen zwischen Cape Reinga auf der Nord- und Bluff auf der Südinsel – ein anstrengendes Abenteuer.

3. Rim of Africa (Südafrika): Sechs Pässe sind auf der 650 km langen Strecke durch Südafrikas Kap-Region zu passieren.

4. Tokai Nature Trail (Japan): Drei Monate sollte man sich für den 1700 km langen Fernwanderweg Zeit nehmen, der die Schönheiten des japanischen Hinterlandes freigibt.

5. Great Himalaya Trail (Nepal): 1700 Kilometer mit dem Blick auf das Dach der Welt – eine absolute Herausforderung.

6. Salzkammergut BergeSeen-Trail: Wozu in die Ferne schweifen, liegen 350 km mit 35 Seen und 14.000 Höhenmetern doch vor der Haustür.

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Reisen

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less