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Reisen

Schönheit im Uhrzeigersinn

Von Jochen Müssig   19. Januar 2019 15:00 Uhr

Schönheit im Uhrzeigersinn
"Die Dolomiten sind die eindrucksvollsten Bauwerke der Welt", meinte der Architekt Le Corbusier.

Einmal die Sellaronda fahren, die vielleicht schönste Skitour der Alpen.

Da haben sich offenbar zwei gefunden. Sie tut so, als umarme sie diesen mächtigen Kerl, mit süßem Lächeln und verliebtem Blick. Ein schönes Foto. Sie, 22 Jahre alt; er, geringfügig älter, vor rund 230 Millionen Jahren in der Kreidezeit langsam groß geworden. Sie ist Holländerin, aufgewachsen auf vermutlich zehn Metern Höhe über null. Ihn, den Fotopartner, nennt man Piz Boè, mit 3151 Metern der höchste Berg der mächtigen Sella-Gruppe der Dolomiten. Die Holländerin mahnt zum Aufbruch. "Ich will ganz herum! Jetzt!", ruft sie und macht im Grätenschritt Tempo bis zum ersten Gefälle.

Die Sellaronda wartet. Es ist neun Uhr. Der Schnee glitzert, und der Himmel hat jenes Tiefblau, das es nur in den Bergen gibt. Da kribbelt es im Bauch. Es geht mit einer roten Abfahrt los. Und rot werden auch die meisten Abfahrten sein. Blaue Anfängerhänge sind selten, schwarze Könnerpisten ebenso. Nur zum Schluss muss eine sein . . .

40 Kilometer in drei Stunden

Auf den ersten Abfahrten hat man noch gar keinen Blick für diese Traumlandschaft um einen herum. Zu lustvoll geht’s den Berg hinab. Die weltberühmte Ski-Rundtour um den Sella-Stock ist 40 Kilometer lang, davon 26 Kilometer Abfahrten – bei einem Start in Wolkenstein auf 1563 Metern Höhe. Wer ohne Pause im Uhrzeigersinn um die Berggruppe und mittel bis gut Ski fährt, schafft die Runde in rund drei Stunden. Aber wer will das schon? Wenn solche Panoramen vor einem liegen, Wintersport auf Welterbe trifft und so manche Baita (ladinisch für Hütte) verführerisch "Herein!" zu flüstern scheint.

Trotzdem: Schnellfahrer bringen es auf drei Runden an einem Tag! Sie hassen Zeitdiebe wie Gondeln, Ski abschnallen, anstellen, und würdigen die Hütten mit keinem Blick. Eine wie Isolde Kostner fährt die Runde spielend drei Mal am Tag. Drei olympische Medaillen, zwei Weltmeistertitel und zwei Abfahrtsweltcupsiege stehen auf dem Konto der bekanntesten Skisportlerin aus dem Grödner Tal, zu dem die Sella-Gruppe gehört.

Entstanden ist die Tour in den 1980er Jahren. Die erste Runde in den Alpen haben natürlich die Einheimischen entdeckt, als man noch nicht verbundene Stücke mit dem Taxi überwand, aber gleichzeitig sukzessive an ihrem Ausbau arbeitete. Bis heute ist sie nicht hundertprozentig vollendet, denn nicht nur für manche Gondel müssen die Skier abgeschnallt werden. Auch bei dem einen oder anderen kurzen Weg heißt es: Skier schultern …

Nach den ersten lustvollen Kilometern nimmt man immer mehr diesen mächtigen Sella-Stock wahr, den man den ganzen Tag nie aus den Augen verliert und den man durch die Runde aus allen vier Himmelsrichtungen sehen kann. Die Sella schenkt ihren Besuchern eine gewisse Erhabenheit. Und nach Momenten der Ruhe folgt des Menschen Unruhe: Handys werden gezückt, um Fotos wie "Ich auf der Sella-Runde" zu versenden.

Le Corbusier, einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, meinte: "Die Dolomiten sind die eindrucksvollsten Bauwerke der Welt." Und wenn man rund um die Sella fährt, dann unterschreibt man diese Aussage – obgleich der Himalaya doch viel höher und die Anden doch viel länger sind. Für die UNESCO, die 2009 die Dolomiten zum Welterbe erklärte, bilden diese "eine Serie einzigartiger Gebirgslandschaften von außergewöhnlicher Schönheit".

In der Hütte wird einem zur Mittagsjause auf der Speisekarte klar, dass die Tour nicht nur durch vier ladinische Täler und drei italienische Provinzen führt, sondern auch durch drei Sprachgebiete. So heißt das Grödner Tal (deutsch) auf Italienisch Val Gardena und auf Ladinisch Gherdeina, und die Knödel werden zudem als Gnocchi oder Bales bestellt.

Zum Finale die schwarze Saslong

Sella stammt aus dem Italienischen und bedeutet Sattel. Zum Schluss wird dieser Sattel verlassen und ein kleiner Umweg gemacht. Jeder will nach der Runde noch die Saslong fahren, die berühmte und gefürchtete schwarze Weltcup-Abfahrt: 3,5 Kilometer lang, 839 Höhenmeter. Die Strecke führt von der Seilbahnstation Ciampinoi unterhalb des Langkofels hinab ins Tal nach Wolkenstein. Und wer oben steht und kein Unten mehr sieht, weil die Abfahrt gleichsam wie nach einer Abbruchkante in die Tiefe führt, der würde am liebsten den mächtigen Langkofel nicht nur für ein Foto umarmen, sondern ihn eher umklammern und gar nicht mehr loslassen. Runter geht’s trotzdem. Bis die Oberschenkel brennen und die Knie zittern.

 

Skigebiet: Dolomiti Superski bietet 450 Liftanlagen, 1200 Pistenkilometer, den Tagespass gibt’s zwischen 47 und 59 Euro. Unterkunft in Wolkenstein: Für Kulinarik- und Wellnessgenießer "Gran Baita Sport- und Wellnesshotel", DZ ab ca. 220 Euro inkl. HP, www.hotelgranbaita.com. DZ mit Frühstück in schönen Pensionen gibt es um 100 Euro.

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