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Reisen

Schöne Unbekannte in Böhmen

Von Manfred Lädtke 17. August 2019 00:04 Uhr

Schöne Unbekannte in Böhmen
Der pfeilförmige Marktplatz von Cheb

Karlsbad und Marienbad sind bekannte Größen im Bäderdreieck Tschechiens. Die Kleinstadt Cheb (deutsch: Eger) hingegen ist die schöne Unbekannte mit reicher Vergangenheit.

Morgenstund hat Gold im Mund", ist eine Lebensregel, die im tschechischen Cheb (früher Eger) gerne als Zugeständnis für ein frühes Bier interpretiert wird. In der ehemaligen Freien Reichsstadt versteht und spricht man Deutsch und weiß das flüssige Gold für die Kehle den ganzen Tag über zu würdigen. Sind anderswo ein heißer Kaffee oder schneller Espresso gefragte Wachmacher, darf es zwischen Böhmerwald und Erzgebirge als Morgentrunk gerne ein "svetlé pivo" sein. Nichttrinker werden mitleidig belächelt, gelten als nicht gesellschaftsfähig und als "komische Käuze".

Im schummrig-gemütlichen Altstadt-Pub "Deravy´ Kotel" (Lochkessel) in der Z?idovská 18 wischt sich Michael den Schaum vom Mund. Während am Tresen Arbeiter und Studenten nach dem zweiten "Frühstück" im Halbliterkrug verlangen, schiebt der Kunstmaler aus Deutschland den schweren rustikalen Holztisch beiseite und macht sich auf den Weg in seine Atelierstube. In Eger habe schon sein Großvater gewohnt und gearbeitet, erzählt er auf dem langgestreckten Marktplatz mit den sorgfältig sanierten, bunt gestrichenen Häusern. Ab und zu besuche er seine Eltern "nebenan" im 15 Autominuten entfernten Bayern. Als Wohn- und Arbeitsort ziehe er aber Cheb vor. Miete, Essen und Trinken seien fast 50 Prozent billiger. Der (noch) günstige Wechselkurs zur tschechischen Krone mache es möglich. Käme auch hier der Euro, könnte der für ihn wie auch für die deutschen und österreichischen Tagesbesucher zur Spaßbremse werden, befürchtet der 28-Jährige. Auf dem von zwei Brunnen geschmückten Markplatz zeigt er hinüber zum "Stöckl": "Ein Geschichten erzählendes Juwel der Egerer Architektur", beschreibt Michael das freistehende Konglomerat kleiner Fachwerkhäuser auf dem buckeligen Pflaster. Dann verschwindet er mit Blick auf seine mehr als 80 Jahre alte Eisenbahner Taschenuhr eilig in eine der romanischen Seitengassen.

Schöne Unbekannte in Böhmen
Die historische Stadt Ellbogen an der Eger nahe Cheb

Mittlerweile scheint die Sonne auf die früher jüdischen Kaufmannshäuser, die 1270 einen Stadtbrand überstanden. Das nur 160 Zentimeter breite Krämergäss-chen teilt den wundersamen Komplex aus elf eng ineinander verschachtelten Gebäuden in zwei Blöcke. Die architektonische Wiege des "Stöckl" (von aufstocken, gestöckelt) waren Krämerbuden und Fleischläden. Im Laufe der Zeit wuchs das Ensemble gotischer Häuschen zusammen. Chebs beschauliches Stadtbild, mehr jedoch ein geschichtliches Ereignis, macht die Stadt nach Jahren des Verfalls zum Ziel für Kurzurlauber und Flaneure.

Auf Tuchfühlung mit Wallenstein

Als Goethe 1821 nach Eger reiste, soll er dem gastgebenden Bürgermeister enttäuscht vorgehalten haben, dass es keine wegweisenden Informationen zu Wallenstein gebe, der doch in der tragischen Stadtgeschichte eine herausragende Rolle spielte. Unrecht hatte der Herr Geheimrat nicht. Immerhin kamen seit Schillers 1799 vollendeter Trilogie "Wallensteins Tod" etliche Geistesgrößen an die Eger. Aber erst, als sich der Pulverdampf der Geschichte gelegt hatte, richteten die Stadtväter in jenem Haus, in dem der Generalissimus der kaiserlichen Armee 1634 auf Befehl von Kaiser Ferdinand II. ermordet wurde, ein Museum ein.

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Chebs Wahrzeichen ist das „Stöckl“, ein aus Krämerbuden und Fleischläden gewachsenes Fachwerk-Ensemble.

Im Pachelbelhaus unmittelbar hinter dem "Stöckl" widmet sich eine Ausstellung Geschehnissen aus dem Dreißigjährigen Krieg. Ob der ehrgeizige Feldherr tatsächlich einen Staatsstreich gegen seinen Kaiser plante oder das Opfer von Intrigen war, bleibt im Dunkeln. Dafür zeigt das Bezirksmuseum Habseligkeiten von Wallenstein, dessen rekonstruierten Todesraum sowie die Partisane, mit der ein kaisertreuer Hauptmann den tödlichen Stoß geführt haben soll. Begehrtes Schauobjekt ist das in der Schlacht bei Lützen getötete Pferd des böhmischen Herzogs. Wallenstein ließ "Amore mio" 1632 nach Prag schaffen und präparieren. 350 Jahre später wirbt Chebs Museum damit, das vermutlich älteste ausgestopfte Pferd Mitteleuropas erworben zu haben. Beim Anblick des filigranen Vierbeiners bedarf es allerdings einiger Fantasie, darin ein ehemaliges Schlachtross zu entdecken.

Seit 2005 taugt die Historie des legendären Heerführers zum Spektakel regelmäßiger Wallenstein-Festspiele in Cheb. Einer von vielen Schauplätzen ist in diesem Jahr von 30. bis 31. August wieder die "Chebsky´ hrad", die hoch über dem Flusslauf der Eger gelegene Burg. Wer es nun schafft, dem duftenden kulinarischen Erbe aus der K.-u.-k-Monarchie wie bayerisch-österreichischem Schweinsbraten, böhmischem Apfelstrudel, Wiener Palatschinken und ungarischem Gulasch in den Straßenrestaurants (vorerst) zu widerstehen – Vegetarier haben hier ohnehin keine große Auswahl –, erreicht mit strammen Schritten in 15 Minuten den schwarzen, kantigen Gefängnisturm der Festung. Gut möglich, dass plötzlich eine Reitergruppe über die Zugbrücke prescht oder vor dem Burgtor zwei mittelalterlich gewandete Söldner mit gekreuzten Lanzen den Weg versperren: "Laut allerhöchst von Seiner Kaiserlichen Majestät bestätigten Verordnung ist passieren nur mit Eintrittskarte gestattet!" Der Auftritt ist Blickfang für Turnierspiele im Festungshof der 800 Jahre alten, von Friedrich Barbarossa I. gebauten, einst wuchtigen Kaiserpfalz und oft Aufgalopp für Wallenstein-Festspiele.

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Marsch in die Vergangenheit. Alle zwei Jahre ist Cheb Schauplatz der Wallenstein-Festspiele.

Glotzende Gestalten

Alle zwei Jahre geben Heerlager, ein historischer Jahrmarkt, dörfliches Leben, Theaterspiele mit tapferen Musketieren und verwegenen Haudegen, Umzüge und natürlich Albrecht von Wallenstein mit seinem Gefolge dem finsteren Mittelalter ein folkloristisch-harmloses Gesicht. Auf die intakte doppelstöckige Burgkapelle oder die übrig gebliebene Ruine des Palastes, in dem Wallensteins Generäle gemeuchelt wurden, dürften Touristen dann kaum ein Auge haben. Von dem irdischen Treiben bis zu einer himmlischen Aussicht sind es genau 108 steile Stufen. Ist der Aufstieg im Turm geschafft, liegt Besuchern das alte Eger wie einst kaiserlichen Hoheiten zu Füßen.

Auf dem Weg zurück in die Altstadt lohnt ein gelegentlicher Blick auf die Hausfassaden, von denen merkwürdige Gestalten herab glotzen und feixen. Künstler aus ganz Tschechien haben die Figuren in Nischen und Kartuschen gestellt, die früher Statuen und Wappen der Hausbesitzer vorbehalten waren. In einer Wand hinter dem "Stöckl" zum Beispiel thront David auf Goliaths Kopf. David ist als Buddha, Goliath als der Boxer Mike Tyson dargestellt. Auf der Suche nach schattigen Plätzchen und einem kühlen Umtrunk leitet auf dem Altstadt-Boulevard eine "Zeitachse" Schritt für Schritt durch gute und schlechte Zeiten in Cheb/Eger. Wie ein kleines Geschichtsbuch ist die Fußgängerzone "gepflastert" mit Geschehnissen aus 950 Jahren.

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Das „kaiserliche“ Café im Casino ist das älteste Kaffeehaus in Franzensbad.

Biedermeierliches Heilbad

Vom Schlusspunkt der Chronik nahe dem Bahnhof fahren Busse ins fünf Kilometer entfernte Franzensbad. Dieser Archetyp eines biedermeierlichen Heilbades gehörte anfänglich zum Stadtgebiet von Eger und ist das heimeligste und bei Weitem anmutigste der drei westböhmischen Weltbäder. Gesäumt von schattigen Parkanlagen sind Ruhe und Erholung jenseits vom Schaulaufen neureicher Wendeprofiteure das Maß aller Dinge.

Wenn die Schriftstellerin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach Mitte des 19. Jahrhunderts giftete, dass hier die Damenwelt ungeniert Mode vorführe "gleichgültig, was drinnen steckt, ob wattiertes Gerippe oder formloser Koloss", trifft diese Beobachtung auf das heutige Mittelklassepublikum reiferen Alters kaum mehr zu. Damals bummelten vor den kaisergelben Kolonnaden und palastähnlichen Bauten Herrschaften des Hochadels, biedere Bürger, Bauern und Heilungsuchende aus Armenspitälern. In Nachthemd und Morgenrock begegnete man sich morgens an den Brunnen zur kollektiven Trinkkur mit dem berühmten abführenden Wasser, das schon 100 Jahre früher in der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie geschätzt wurde.

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In der rustikalen Bauernstube „Selska Jizba“ in Franzensbad schmettert Ruzenka tschechische Volkslieder.

Das Lindern von Wehwehchen hob Standesschranken auf, wie es im Alltagsleben unvorstellbar war. Schwefeleisenhaltiges Moor und Heilgase ergänzen heute die 24 Quellwasser des nach Kaiser Franz I. benannten Kurortes. Bei dessen Pavillon mit der Hauptquelle steht die "vielversprechende" Statue des "Franzel". Der Knabe mit Fisch ist das Wahrzeichen des Kurortes und Symbol für Fruchtbarkeit. Frauen, die das "beste Stück" des Nackedeis anfassen, verspricht Franzel, bald in guter Hoffnung zu sein. Also Finger weg! Oder auch nicht. Der "Zugriff" ist immerhin die preiswerteste, wenn auch nicht die erfolgversprechendste Kuranwendung in "Kaiser-Franzdorf".

Reiseinfos

Beste Reisezeit: März bis Oktober

Unterkunft in Cheb: Die ***Sterne Pension „Hannibal“ liegt 300 Meter von der Altstadt entfernt. Ausgezeichnete Küche im rustikalen Biergarten und Restaurant. Zimmerpreis pro Person ab 27 Euro. www.pension-hannibal.webnode.cz

Sehenswert:
In Cheb dürfen Besucher schiefen Patrizierhäusern aufs hohe Dach steigen. Auf die für Tschechien einzigartigen Dachstühle aus sechs Jahrhunderten bietet das Touristen-Infocentrum Führungen an. www.historickycheb.cz/de

Preiswert Essen und Trinken kann man in Chebs zahlreichen Restaurants und Bierstuben auf dem Marktplatz und in den Seitengassen. Deftige Kost im typisch tschechischen Kneipenambiente gibt es unter anderem im „Restaurace U Kralé Jinho“ in der Bfezinova 2 ab fünf Euro.

Veranstaltungen: Wallenstein-Spiele 30. bis 31. August 2019. Rechtzeitige Hotelreservierungen empfohlen.

Hotels in Franzensbad: Je nach Saison und Kategorie kosten Hotelzimmer zwischen 50 und 120 Euro pro Person. Unterkunft in Pensionen ab 30 Euro. Preiswert sind Wellness-Pauschalen. Ein 7-Tage-Programm mit Halbpension und zehn Therapieanwendungen in einem 4****Hotel sind ab 385 Euro/DZ pro Person im Angebot. Auskünfte: Telefon: 00420 359 604 504. www.franzensbad.cz

Literatur: „Tschechien“, Michael Müller Verlag, 672 Seiten, 22,90 Euro.

Informationen: www.czechtourism.com

Artikel von

Manfred Lädtke

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