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Reisen

Rindviecher im Schafspelz

Von Christiane Neubauer   13. Februar 2021 00:04 Uhr

Rindviecher im Schafspelz
Die "Glockenträger aus Halubje"

Im Hinterland der Kvarner Bucht hat mit den "Halubajski Zvoncari" eine archaische Faschingstradition die Jahrhunderte überdauert, die so außergewöhnlich ist, dass sie 2009 ins Immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde.

Dicke Schneeflocken tanzen durch die Gassen von Marcelji, einem Bergdorf im Hinterland der Kvarner Bucht in Kroatien. Dalibor Marcelja zieht das Schafsfell um seine Schultern enger zusammen. Wie alle Männer, die sich an diesem Morgen auf dem Dorfplatz versammeln, trägt auch der 46-Jährige nur ein dünnes, blauweiß gestreiftes T-Shirt unter dem Fell sowie eine ebenfalls dünne weiße Hose und ein rotes Halstuch. Ein bisschen wenig bei diesem Wetter! Aber Schnee zur fünften Jahreszeit? "Wann hat es das zuletzt gegeben?" fragt Dalibor sein Gegenüber fast empört. Es muss Jahrzehnte her sein, denn keiner der Männer kann sich erinnern.

Dalibor und die anderen Männer sind "Halubajski Zvoncari", "Glockenträger aus Halubje". Woher der Name rührt, ist weder zu übersehen noch zu überhören. Oberhalb des Gesäßes trägt jeder Zvoncari (sprich: Swonschari) eine riesige Kuhglocke. "Fünf bis sechs Kilo wiegt die", sagt Dalibor. Mit einem groben Seil werden die Glocken oberhalb der Hüfte verzurrt. Gekrönt wird das Kostüm von einer Maske, die jeder Zvoncari in Handarbeit fertigt. Wie der Kopf eines Stiers oder einer Kuh sehen die meisten dieser Masken aus. Bisweilen ist aber eine darunter, die eher wie eine Ziege, ein Widder oder ein Bär aussieht. In der Hand halten die Glockenträger eine Art Streitkolben: knorrige Holzstäbe oder geschnitzte Keulen, mit Felldekor geschmückt. Während des Faschings ziehen die Männer in dieser Verkleidung auf uralten festgelegten Routen von Dorf zu Dorf, wo sie kurzzeitig ein ohrenbetäubendes Spektakel veranstalten.

"Außerhalb der Region ist unser Brauch kaum bekannt, und das, obwohl er so alt ist", bedauert Marina Juric, die Direktorin des Fremdenverkehrsamtes in Vikovo. Seit Jahren setzt sie sich dafür ein, dass die Zvoncari über die Grenzen des Landes hinaus mehr Aufmerksamkeit finden. "Jeder Gast kann unsere Glockenträger auf einem Teil oder auch auf der ganzen Strecke begleiten", wirbt sie – entsprechende Kondition vorausgesetzt. Denn die Märsche sind anstrengend und pro Tag zwischen 20 und 30 Kilometer lang. 56 Dörfern in der Halubje-Region statten die Glockenträger insgesamt einen Besuch ab, bis zu 20 Dörfer an einem Tag. Einen Rucksack mit Wegzehrung braucht man nicht. In jedem Dorf erwartet die Maschkerer ein Buffet mit regionalen Spezialitäten und Getränken. Wer mit den Zvoncari marschiert, isst und trinkt einfach mit.

Eine große Ehre

Die jüngsten Teilnehmer sind gerade einmal sechs Jahre alt. Auch Dalibor ist das erste Mal mit sechs Jahren mit den "Großen" mitgelaufen. 1979 war das, und er wird es nie vergessen, denn es war ein großer Tag in seinem Leben: "Zvoncari zu sein ist eine große Ehre", sagt er. Rund 120 kleine Buben, Jugendliche und Männer haben sich eingefunden, und der Marsch beginnt. Rhythmisch schlagen die Glocken bei jedem Schritt gegen die Hintern. Der Lärm wird sie von nun an auf ihrem Weg durchs Unterholz, durch Olivenhaine, Hohlwege und über die verschneiten Weideflächen begleiten.

Was heute nur im Karneval zelebriert wird, war früher eine alltägliche Notwendigkeit. "Hier im Hinterland lebten vor allem Hirten mit ihrem Vieh. Und die trugen stets eine Glocke mit sich, um die Wölfe zu vertreiben", erklärt Dalibor. Der Legende nach geht der Brauch aber auf eine Zeit zurück, als Türken und Tataren auf ihren Eroberungszügen gegen Westen auch in die Bergregionen am Kvarner einfielen. "Waffen hatten die Hirten nicht, also blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als sich in Schafsfelle einzuhüllen, sich Glocken umzuhängen, sich schreckliche Masken aufzusetzen und mit den Knüppeln in der Hand die Türken und die Tataren zu erschrecken. Und die rannten wie die Hasen", sagt ein grinsender Dalibor, als wäre er selbst dabei gewesen.

Schwingende Hüften

Nach mehr als zwei Stunden erreicht die Gruppe den Ortsrand des mittelalterlichen Kastav. Der Ort liegt auf einem Hügel oberhalb von Opatija. Von den meisten Plätzen aus hat man einen herrlichen Blick auf das Ucka-Gebirge und auf das Meer. Für schöne Aussichten haben die Zvoncari jetzt aber keine Muße. Gleich kommt ihr großer Auftritt. Angeleitet von einer Art Zeremonienmeister, der eine weiße Uniform trägt, nehmen die Männer Aufstellung. Beim Laufen schwingen sie nun ihre Hüften rhythmisch nach vorne und nach hinten, so dass jede einzelne Glocke lauter ist als je zuvor. (K)ein Schelm, der dabei ans Kopulieren denkt. Schließlich sehen die Zvoncari ihre Aufgabe nicht nur darin, die Geister des Winters zu vertreiben, sondern auch durch Fruchtbarkeitsrituale den Frühling buchstäblich herbeizuläuten.

Wenn sie das Dorfzentrum erreicht haben, bilden sie konzentrische Kreise. Irgendwann stehen sie glocken- und keulenschwingend Rücken an Rücken im Kreis und produzieren mit kraftvollen Hüftschwüngen ein ohrenbetäubendes Geläute. Auf einen Wink des Zeremonienmeisters hin endet das Getöse, die Männer nehmen die Masken ab, begrüßen Freunde und Verwandte und strömen auf das Buffet zu, das die Frauen von Kastav vorbereitet haben. Zu den Schmankerln gehören zum Beispiel "Fritule", das Äquivalent zu unseren Faschingskrapfen, sowie "Presnac", ein köstlicher Kuchen aus Mehl, Reis, Äpfeln, Milch und Zimt, oder "Kobasica", eine Wurstspezialität aus der Region. Dazu gibt es Bier, Wein oder Schnaps sowie "Bambus", ein in der Region beliebtes Mischgetränk aus Rotwein und Cola.

Während die Männer weiterziehen zum nächsten Dorf, zu ihrem nächsten großen Empfang, kehrt in Kastav wieder Ruhe ein. Am Abend werden die Zvoncari bei Einbruch der Dunkelheit in Vikovo erwartet, wo in der Ortsmitte unter lautem Glockengeläute einer Strohpuppe namens Pust mit Spiritus und Streichholz der Garaus gemacht wird. Dalibor steht ganz vorne in der ersten Reihe, als Pust sich in Asche auflöst. Die Maske und das Schafsfell hat er abgenommen und streckt die Arme – in einer Hand den Streitkolben – in den schwarzen Himmel, wo die Funken des Strohfeuers mit den Schneeflocken verschmelzen. Kalt ist es Dalibor jetzt mit Sicherheit nicht mehr.

Unterkunft: Wenige Kilometer von den Glockenträger-Dörfern entfernt liegt am Meer in Opatija das Designhotel Navis, DZ mit Balkon und Meerblick ab 320 Euro inkl. Buffetfrühstück, Parkplatz, WiFi, Pool und Sauna, hotel-navis.hr

Boutique-Hotel Kukuriku in Kastav (kukuriku.hr/DE.index.php), 15 individuell gestaltete Zimmer, DZ ab 90 Euro inkl. Frühstück

Allgemeine Infos: kvarner.hr, tz-viskovo.hr

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