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Reise-Storys

SIZILIEN, „wir kommen“

Von Christian Ennser   18. Oktober 2016 15:14 Uhr

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben...

Franz und ich, wir sind begeisterte Motorradfahrer Mitte fünfzig.

Einmal im Jahr geht es in die für uns große, weite Welt hinaus. Südtirol – Schwarzwald – Slowenien – Schweiz (da fällt mir auf, es fangen alle Ziele mit „S“ an, egal).

Diesmal soll es nach Sizilien gehen. Eine Tour über 14 Tage ist geplant, natürlich mit unseren Frauen am Sozius. Waltraud und Berta. Nach langer Zeit der Vorbereitung und der Vorfreude ist es so weit. Wir starten von Oberösterreich aus in Richtung Wien Südbahnhof, wo wir den Autoreisezug nach Rom gebucht haben. Von dort aus soll es auf Achse runter nach Sizilien, rundherum - kreuz und quer durch die Insel und anschließend gemütlich durch ganz Italien wieder herauf nach Vorchdorf gehen.

Die zwei Stunden Fahrt nach Wien waren im Nachhinein gesehen die problemlosesten der ganzen Reise. Dann ging es aber schon los. Am Südbahnhof angekommen, sagte man uns kurz und bündig: „Da Zug fahrt heit net"...im ersten Schock sofort die Ticket kontrolliert, alles passt:

Richtige Zeit, richtiger Tag. Dann die Meldung: „Da Zug fahrt net, weil de Italiener streiken“...wir sollen noch ein wenig warten. Dann die Überlegung: „Fahr'n ma selber die Strecke nach Rom – brauch ma drei Tage.“

In der Zeit fiel mir die Auskunftsperson der ÖBB auf. Er ging so komisch und machte seltsame Geräusche. Meine Frau sagte: „Schau dir mal seine Schuhe an.“ Es waren wahrscheinlich die Uniformschuhe seines Vorgängers und der hatte Größe 52. Der Mann vor mir hatte aber höchstens 42. Man hätte ihm locker hinter die Ferse eine Flasche Bier in die Schuhe stellen können.

„Achtung, eine neue Information.“  Es fährt doch ein Notzug, aber nur für Personen. Die Motorräder würden auf Lkw verladen und auf der Straße nach Rom gebracht. Die würden allerdings etwas länger brauchen. Wer das Angebot annimmt, möge sich draußen bei den Lastwagen anstellen.

Wir überlegten nicht lange und machten uns auf die Suche nach den Lastwagen. Tatsächlich hat man Transportboxen von der Firma KTM angemietet, um die Mopeds zu verstauen. Leider war das ÖBB-Personal für diese Aufgabe restlos überfordert. Darum verzurrten die meisten der über 50 Motorradfahrer ihr Gefährt selber in diesem Käfig. Anschließend wurden die Boxen mit einem Gabelstapler auf die Lkw verladen. Das ganze Chaos hat ungefähr 3 Stunden gedauert. Diese Zeit wollten wir eigendlich zum Abendessen am Bahnhof nützen, aber der Zug fährt in 10 Minuten ab. „Egal, dann essen wir halt etwas im Speisewagen“ dachten wir. Nur gab es keinen Speisewagen, nicht einmal eine kleine Kombüse, nichts. Wenigstens ein Wurstsemmerl, nein, nicht einmal Manner-Wafferl. Das Einzige, was wir bekamen, waren 4 Flaschen Bier. Mit einem riesigen Loch im Bauch und einer Flasche Bier legten wir uns knurrend nieder. Nach 11 Stunden Fahrt kamen wir in Rom an. Es war 8 Uhr morgens und weit und breit keine Info, wie und wann unsere Motorräder ankommen. Als Erstes gehen wir sofort was essen.

Die Zeit vergeht und wir warten und warten. Dann eine Information. „Der Lkw ist schon in Florenz.“  Wir warten geduldig weiter, draußen im Schatten.

Plötzlich ein Aufschrei eines unbekannten Mannes in Lederdress. „Daaa, da fahrt unser Lkw. Und er ward nicht mehr gesehen. Alle strömen zur Information. „Sie können Ihre Fahrzeuge in der 'Via Zano del Verano' abholen.

Das sind ungefähr 7 Kilometer. Sie müssen sich ein Taxi nehmen. Behalten Sie die Rechnung, die ÖBB wird sie rückerstatten.“ Alles strömt zu den Taxiständen.

7 Kilometer, in voller Motorradbekleidung, in einem heißen alten BMW durch Rom, gratis! In der Via Zano del Verano hat inzwischen einer der beiden Lkw einen kleinen Stapler abgeladen. Dieser versucht unter Vollgas diese Transportboxen  vor die Friedhofsmauer zu stellen. Uns wird Angst und Bange.

Wir begutachten unsere Maschinen und schrauben wieder alle Rückspiegel, Blinker und Kofferhalterungen, die wir wegen der engen Kisten abmontieren mussten, sorgfältig an ihre Stelle. Es ist 5 Uhr Nachmittag.

So...jetzt kann der Motorradurlaub endlich losgehen. Ich starte meine GS und sehe im Rückspiegel, wie der Franz ganz aufgeregt fuchtelt. Ohne einen Meter gefahren zu sein, steigen meine Frau und ich wieder ab und gehen zum Franz zurück. „De springt net an, des Luada.“ O.k. Ganz ruhig. Wir versuchen es mit Anrennen (mit 100 PS nicht ganz ungefährlich). Es funktioniert. So, jetzt einmal weg von diesem Friedhof mitten in Rom. Nach einem Tankstopp müssen wir leider wieder anschieben, es funktioniert. Wir suchen uns ein Zimmer. Es ist mittlerweile 8 Uhr Samstagabend. Nächster Tag: „Sonntag“ Alle Werkstätten geschlossen. Egal, wir schieben wieder kräftig an und fahren los, Richtung Fähre nach Messina. Während der Fahrt beschleicht mich ein ungutes Gefühl, ob man auf dem glatten Boden einer Fähre so einfach ein Motorrad anschieben kann. Die Antwort lautet: Bei 1200 Kubik und zwei Zylindern: „NEIN“.

Dann müssen wir sie halt hinausschieben, kein Problem. Unter dem Staunen der anderen wurde es dann auch so gemacht. Wie gesagt, es ist Sonntag.

Wir bekommen frühestens morgen Hilfe in einer Werkstätte. Also fahren wir, solange die Maschine noch irgendwie anspringt. Wir sehen uns Cefalu an und schieben wieder. Wir müssen tanken und schieben wieder. Wir gehen essen und schieben wieder. Genug, wir nehmen uns ein Zimmer. Es ist Montag und Hilfe naht, aber sie ist 180 km entfernt, denn in Italien muss man in eine Vertragswerkstätte des Herstellers. Von denen gibt es in Sizilien zwei. Wir entscheiden uns nach Messina zurückzufahren. Vorher müssen wir aber wieder schieben und schieben und schieben. In Messina suchen wir drei Stunden lang diese Vertragswerkstätte, bis wir sie endlich finden. Es ist 15 Uhr, kurz vor Feierabend. Der Werkstättenleiter kommt heraus und schüttelt den Kopf. Dann verschwindet er und taucht mit einem Mechaniker wieder auf. Dieser deutet auf die Uhr und schüttelt auch den Kopf.  Doch dann wirft er einen Blick auf das österreichische Kennzeichen und schiebt das Motorrad in die Werkstätte. Da es sich um einen kaputten Starter handelt, denken wir, das dauert sicher zwei Tage, bis einer aufgetrieben ist. Kosten für einen neuen, plus Überstunden mindestens 400 Euro. Nach einer halben Stunde trauen wir unseren Augen nicht. Der Mechaniker fährt mit der reparierten Maschine wieder heraus. Er hatte eine private Unfallmaschine vom gleichen Modell im gleichen Baujahr mit einem guten Starter in der Halle stehen. Und jetzt kommt die Krönung.

Der Mechaniker verlangt keinen Cent, weder für den Starter, noch für seine Arbeit. Franz gab ihm 100 Euro und wir fuhren erstmals los, ohne schieben. Wir waren einfach nur glücklich, dass es weitergeht. Wir nehmen die Autobahn, denn in Cefalu waren wir schon. Am nächsten Tag geht es über die Berge, Richtung Trapani. Franz fährt hinter mir, kurvige Strecke. Ich bemerke, dass die Straße spiegelglatt poliert wie in einer alten Fußgängerzone ist, da höre ich einen Knall hinter mir. Ich bleibe stehen. Franz kommt nicht. Ich fahre zurück und sehe Berta auf der Leitschiene sitzen, das Motorrad lieg im Rinnsal. Franz läuft seinem abgerissenen Seitenkoffer hinterher. Ihm ist nichts passiert, aber Berta hat Schmerzen im Knöchel und kann nicht mehr auftreten.

Beim Motorrad ist der Blinker kaputt, der Seitenspiegel und die vordere Felge verbogen, der Seitenkoffer abgerissen. Wir flicken alles notdürftig mit Kabelbinder und Isolierband. Nach einer Verschnaufpause fahren wir die 5 Kilometer bis Trapani und finden sofort ein kleines Krankenhaus.  Die E-Card wird sofort akzeptiert und Berta ist innerhalb von 5 Minuten bei einem Arzt.

Diagnose: „Fraktura“ am Sprunggelenk. Wir gehen raus an die frische Luft und nach einer Stunde kommt ein Krankenpfleger mit Berta im Rollstuhl beim Haupteingang heraus. Sie hat einen Gips bis zum Knie und den Motorradstiefel in der Hand. Auf die Frage, was wir jetzt machen sollen, sagte der Krankenpfleger. „Moto, brumm brumm“ und verschwand. Franz rief sofort unseren Versicherungsvertreter in Österreich an, wo wir eine Unfallversicherung hatten. Der meinte, er müsse alles abklären und braucht eine Bestätigung vom Krankenhaus. Dann sehen wir weiter. Nach unzähligen Telefonaten war noch immer nicht geklärt, was mit Berta passiert. Es wurde bereits dunkel, als ein Rettungsfahrer vom Dienst zu seinem Auto ging und uns bemerkte. Er fragte uns, ob wir Hilfe brauchen. Ein Engel, der uns über den Weg lief. Er nahm Berta mit dem Auto mit und führte uns zu einem günstigen Hotel. Wir wollten ihm etwas geben, aber er stieg in sein Auto und war weg.

Es folgten weitere Telefonate mit Österreich. Berta muss irgendwie nach Hause kommen, aber nicht auf dem Motorrad. Ein Vorschlag der Versicherung: Mit dem Zug. Dann ein anderer: Mit der Linienmaschine vom Flughafen in Palermo. Bis sich endlich die Versicherung bereit erklärt hat, die Tyrolian Air Ambulance zu schicken und sie auf einem kleinen Flughafen nahe Trapani abzuholen.

Tatsächlich wurde Berta am nächsten Tag mit einem Rettungsauto vom Hotel abgeholt – zum Flughafen gefahren und nach Linz geflogen, wo auf der Rollbahn schon das Rettungsauto wartete, um sie nach Wels ins Krankenhaus zu fahren. Nach bestätigter Diagnose in Wels brachte man Berta am selben Tag noch nach Hause.

Jetzt standen wir drei da. Am Ende von Sizilien, ohne Berta. Franz fühlte sich schuldig und er war traurig. Und mit dem lädierten Motorrad können wir nicht weiterfahren. Also suchten wir eine Werkstätte und wurden auch sehr bald fündig. Eine ganz kleine Motorradwerkstätte, die fast alles auf dem Gehsteig reparierte. Felge ausgebaut – ausgebogen – geschliffen – eingebaut. Blinkerbirne neu und Glas zusammengeklebt. Rückspiegel ausgebogen und Seitenkoffer fest verzurrt. Preis: 10 Euro! Unglaublich, aber wahr!!   Über Hilfsbereitschaft in Sizilien braucht uns keiner mehr was erzählen. Wir hatten noch 1700 km bis nach Hause. Nach 4 Tagen mit herrlichen Spagetti Vongole und Calamari fritti fuhren wir auf direktem Wege zu unserer Berta nach Vorchdorf, die uns mit einer grandiosen Essigwurst empfing.