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Reise-Storys

Preußen ist überall

Von Martina Sens   29. November 2016 14:10 Uhr

fresh salads and fish

Wenn Vorurteile und Stereotypen immer noch fest in unseren Köpfen verankert sind

Zum ersten Mal aufgefallen war er uns auf irgendeiner Raststätte. Pinkelpause.

Wir liefen an ihm vorbei in Richtung WC. Unsere Blasen waren ordentlich gefüllt und im Vorbeihuschen hörte ich seine Ausführungen: „Die… sind ein schlechtes Volk und die… sind ein schlechtes Volk. Logisch, da muss es ja krachen, wenn zwei so böse Völker nebeneinander leben.“

Obwohl mir augenblicklich allerlei Beschimpfungen und genauso viele vernünftige Argumente für eine hitzige Diskussion auf der Zunge lagen, gingen wir an ihm vorbei. Die Blase pochte auf ihre Vormachtstellung und die Tochter pochte darauf, dass ich nicht jetzt schon streiten solle.

Ich weiß nicht mehr, welche beiden Völker er genannt hatte. Ich habe es aufgegeben, mir Schwachsinn merken zu wollen.

In jedem Volk gibt es solche und solche und in fast jedem Volk sind die schlechten in der Überzahl – auch in dem Volk des Mannes, der da sprach. Ich hätte ihm diesen Sachverhalt gerne erklärt, aber wie gesagt: Die Blase und die Tochter gingen vor. So schluckte ich es runter.

Ein unverdaulicher Brocken. Seit dieser Pinkelpause war er in meinem Gedächtnis, in meinem Hirn und nach dem Einsteigen in den Bus fiel mir auf, dass er zwei Reihen vor uns saß.

Der heruntergeschluckte Argumentkloß lag schwer auf meiner Seele und um nicht daran denken zu müssen, wollte ich ihn einfach nicht sehen.

Doch zwei Reihen direkt vor meiner Nase, sein Hinterhaupt, sein Nacken – so viel Wegsehen war gar nicht machbar.

Ich war fest davon überzeugt, dass er für das Militär gearbeitet haben muss. Dieser Ton, diese Arroganz und Herrschsucht – das muss man doch lange praktiziert haben, um es so einfach und unbeschwert in seine Mitwelt schleudern zu können.

Vielleicht rührte daher auch sein Glasauge, von einer militärischen Verletzung, von einem Kampf zur Verteidigung seines Vaterlandes gegen einen fremden Eindringling, einen Chinesen möglicherweise, der gerade mit Stäbchen aß.

Die Haltung seinen Mitmenschen gegenüber war also unüberhörbar.

Später machte der Busfahrer eine Durchsage. „Wir werden Österreich nun bald verlassen und um Unannehmlichkeiten an der Grenze zu vermeiden, möchte ich Sie bitten, mir bekannt zu geben, ob sich andere Nationalitäten in der Gruppe befinden. Ich werde an der Grenze nach den Pässen gefragt und muss wissen, ob es auch andere als österreichische gibt. Nur darum geht es. Ich danke für Ihr Verständnis.“

Völlig unbedacht und ungeniert meldeten wir uns also. Ich ging nach vorne, um dem Fahrer mitzuteilen, dass wir beide, meine Tochter und ich, deutsche Reisepässe besaßen. Ich dachte mir nichts mehr dabei.

Früher war ich noch geschockt, als man mir einmal sagte, ich könne unmöglich beim Radio moderieren, weil ich ein preußisches Idiom hätte. Ich wusste weder, was ein Idiom ist, noch, wo Preußen lag. Aber danach wusste ich es dann. Nach dieser Absage habe ich die Atlanten und Geschichtsbücher studiert und obwohl es mir auch egal gewesen wäre – aber seit dieser Absage weiß ich ganz genau, dass ich mit Preußen nichts zu tun habe.

Aber egal. Sollen sie doch glücklich werden mit ihrer Eingeschränktheit, mit ihrem engen Blick, der ganz Deutschland in Bayern und Preußen, ganz Österreich in Inländer und Ausländer, die ganze Welt in Schwarz und Weiß unterteilt.

Nein, eigentlich sollen sie nicht glücklich werden.

Es war wirklich eine lange Fahrt gewesen. Alle waren müde und hungrig und genervt, als wir endlich unser Hotel erreichten.

Außer unserer Gruppe befand sich noch eine große Gruppe im Hotel, und als endlich das Buffet eröffnet wurde, strömten auf einen Schlag sicher hundert Menschen an die Teller und Schüsseln und Wärmebehälter.

Wir hatten großes Glück, wir saßen direkt daneben und wir reagierten schnell. Als eine der Ersten hatten wir also unsere erste Portion mit kleinen Vorspeisen und Salaten. Wir genossen unsere ersten Bissen an diesem Tag und freuten uns schon auf den nächsten Gang.

Wir stellten uns mit unseren benutzten Tellern wieder an, denn auch um an frische Teller zu kommen, hätte man anstehen müssen.

Diesmal war die Schlange vor uns lange.

Da tauchte er wieder auf. Er stand noch nicht in der Schlange, aber respektlos versuchte er einen Quereinstieg. Er, der Machterfüllte hatte es wohl nicht nötig, sich hinten anzustellen. Nein, einfach so dazwischen wollte er! Und nicht nur einfach so und irgendwo – vor mich wollte er. Entschuldigung, aber er… Nein, das ging auf gar keinen Fall. Ich ließ seinen Quereinstieg nicht zu. Ich drängte mich dicht an meinen Vordermann, um auf jeden Fall zu verhindern, dass er sich vor mich drängen konnte. Wo kämen wir denn da hin?

Er zischte ein paar abfällige Worte vor sich hin und dann sah er es. Er sah mir über die Schulter und er sah meinen Teller. Und dann begann er lauthals zu schimpfen. Das wäre eine Unverschämtheit, er hätte noch nichts gehabt und ich stehe schon zum zweiten Mal da.

„Das ist so bei einem Buffet. Man darf öfter gehen, wenn man mag.“ Er schimpfte mit all seinen Aggressionen und seinem Hunger, die in ihm steckten. Schimpfte über die, die sich vordrängen – und es war ihm nicht peinlich, dass er derjenige war, der sich vorgedrängt hatte. Schimpfte über die, die sich mehr als ein Mal Essen am Buffet holen, und dann kam es: „Immer diese Scheiß-Preußen. Überall, wo die hinkommen nehmen die alles an sich und machen alles kaputt. Immer diese Scheiß-Preußen.“

„Ich bin keine Preußin“, schleuderte ich ihm voller Überzeugung und voller Wut entgegen, denn das wusste ich ja nun auch ganz sicher, dass Preuße für Österreicher ein Schimpfwort war und dass ich mit Preußen absolut nichts zu tun habe. Völlig unverhohlen ließ er all seiner Primitivität ihren Lauf. „Halt die Fresse. Halt du ja die Fresse. Wenn du nicht deine Fresse hältst, dann zieh ich dir den Teller über den Schädel. Scheiß-Preußin.“

Ich glaube, es dauerte ein paar Sekunden, bis ich wieder Luft und Worte fand und die Worte, die ich fand, waren viel zu brav, viel zu leise. Eigentlich hätte ich ihn auf der Stelle anzeigen sollen oder ich hätte mich an seinem zweiten Auge vergehen können. Ich versuchte es ihm entgegenzuschleudern, dass er ein verdammter Rassist ist und dass er bei so viel Fremdenhass doch eigentlich zu Hause bleiben müsste. Ein paar zornige Sätze kamen und dann überwog die Fassungslosigkeit. Was könnten meine Sätze bewirken. Für so einen ist Rassist ein Kompliment – aber müsste er nicht wenigstens zu Hause bleiben…