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Reise-Storys

Costa Rica im Dezember

Von Karin Wimmer   31. Oktober 2016 10:28 Uhr

Tischdeko im Hotel

Einmal dem Weihnachtsrummel entfliehen

Seit Anfang Oktober sind in Österreich die Angestellten der Möbelhäuser am Umräumen und seit Mitte des Monats erstrahlen die Kaufhäuser im Lichterglanz. Christbaumkugeln in allen Farben türmen sich in riesigen Behältnissen, stimmungsvoll sind Stroh- und Glitzersterne, Styropor-Schneeflocken, Weihnachtsmänner und Watte-Schnee dekoriert. Wie immer um diese Jahreszeit versuche ich die üppige Vor-Vor-Weihnachtsdekoration einfach auszublenden. Wie immer gelingt es mir kaum. Ich grüble. Wird irgendwann die Vor-Weihnachtsdekoration im Kalender so weit nach vorne rutschen, dass sie zur Nach-Weihnachtsdekoration wird?

Wie schön, dass ich dem Trubel dieses Jahr entfliehen kann, denn ich werde den Advent weit weg im warmen Costa Rica verbringen. Ich werde das Land erkunden, die Sonne und das Meer genießen und den Weihnachtsrummel vergessen. Nicht einen einzigen Gedanken werde ich an Keksebacken und Mistelzweige verschwenden. Rechtzeitig zum Fest werde ich zurück sein und die typischen Weihnachtsdüfte und -geschmäcker so richtig auskosten, weil ich dieses Mal nicht übersättigt sein werde.

Der Abflug von München verzögert sich wegen deutlicher Minusgrade und Schnee. Die Mitarbeiter kommen mit dem Enteisen der Maschinen kaum nach. Ankunft am Urlaubsziel in San José bei Sonnenschein, wolkenlosem Himmel und 25 Grad. Weit weg sind Weihnachten und Winter - völlig ausgeblendet. Der Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum ist kurz. Aber was ist das? Als erste „Sehenswürdigkeit“ strahlt mich in der heißen Mittagssonne ein glanzvoller überdimensionaler Coca-Cola-Weihnachtsbaum an. An der Spitze der Ho-Ho-Ho-Weihnachtsmann in Übergröße. Das gibt es doch nicht! Das darf doch nicht wahr sein!

Weihnachtsmann am Frühstücksbuffet

Bei meinen Reisevorbereitungen hatte ich einfach übersehen, dass ich in ein katholisch geprägtes Land reise und Weihnachten natürlich auch dort ein wichtiges Thema ist. Menschen feiern Weihnachten unabhängig von den Außentemperaturen.

Der Eingangsbereich im Hotel nötigt mir ein Schmunzeln ab. Das kleine runde Tischchen in der Mitte ist zentimeterhoch mit weißer Watte bespannt. Die darauf platzierten Rentiere mit ihrem gestrickten Bauch und dem gestrickten Kopf auf den langen Beinen aus dünnen Ästen scheinen mich anzulächeln. Fast so als kämen sie sich selbst ein wenig deplatziert vor.

Tischdeko in der Hotel Lobby

In der Ecke der Lounge ein wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum, der gut Modell stehen könnte für ein Journal „Englische Landhäuser“. Für jeden Mitarbeiter hängt ein Socken mit Namen und Foto an der Wand, wie wir das von den Nikolosackerln kennen.

Socken für jeden Mitarbeiter

Beim Abendspaziergang in Bluse und leichter Sommerhose stoße ich auf die Vorweihnachtsfeier einer Schülergruppe. In T-Shirts, am Kopf die roten Weihnachtsmannmützen mit dem weißen Bommel, singen die Kleinen mit Hingabe und Spaß „Jingle Bells …. dashing through the snow". Ich bin ziemlich sicher, dass keines der Kinder je Schnee gesehen, geschweige denn gespürt, gerochen oder gar gekostet hat.

Die Lichterketten über den breiten Straßen der Hauptstadt könnten mit ihrem Leuchten und den bunten Farben erfolgreich mit europäischer Dekoration konkurrieren. Sterne, Maria und Josef vor der Krippe, alles wird als Lichtergirlande dargestellt. Und jeden Abend erhellt ein Feuerwerk den Nachthimmel über San José.

Krippe in Cartago

Zum Frühstück bei sommerlichen Temperaturen genieße ich frisch geerntete Ananas, Bananen und Papayas, dazu tönt leise das vertraute „Jingle Bells“ aus dem Lautsprecher und – habe ich mich wirklich nicht verhört? – „Stille Nacht“!

Jetzt bin ich neugierig geworden auf weitere Weihnachtserlebnisse fern der heimatlichen Tradition. Bei meiner Fahrt durch das Land sehe ich, dass die Terrassen vieler Einfamilienhäuser mit Plastiktannen geschmückt sind, liebevoll und aufwendig dekoriert mit Kugeln, Maschen und Bändern. Echte Bäume wären wohl zu teuer. Überhaupt erstaunt es mich, dass in einem Land, in dem die Vegetation so üppig grünt und blüht, so viele Plastikblumen und -zweige Verwendung finden, nicht nur für Weihnachtsdekoration, sondern fast immer auch auf Gräbern.

Palme mit Weihnachtskugeln

Ein Straßenschild „Venta Arboles de Navidad“ (Christbaumverkauf) lädt diejenigen, die keine Lust auf Plastik haben, sondern sich einen natürlichen Weihnachtsbaum gönnen wollen und vor allem leisten können, zum Kauf einer kegelförmigen Konifere ein. Die eine oder andere Minipalme, fest verwurzelt im Boden, mit goldenen und silbernen Kugeln aufgeputzt, stellt für die Einheimischen ebenfalls eine preiswerte Alternative dar. Selbst die armseligsten Blech- und Lagerhütten sind an Fenster und Türen mit künstlichem Tannenreisig, Kunstblumen und Sternen eingefasst oder mit weihnachtlichen Aufklebern versehen. Unter rostigen Wellblechdächern glitzern goldene Maschen und Weihnachtssterne und auch die Tankstellen werden geschmückt.

Dekorierte Tankstelle

Aufblasbare Krippen mit ebensolchen Figuren im Garten sind unter der glühenden Sonne keine Seltenheit. Ein aufblasbarer Schneemann verzieht den Mund unter seiner karottenfarbigen Nase zu einem Grinsen. Es tut mir fast ein wenig leid, dass ich eine solche Krippe nicht als Souvenir mit nach Hause nehmen kann. Mein Garten würde zum Gesprächsstoff im Ort. Mehr noch als die nach amerikanischem Vorbild gestalteten Gärten, die bei uns immer mehr im Vormarsch sind.

Aufblasbarer Schneemann

Als ich im kurzärmeligen Leiberl schwitzend zum Flughafen fahre, um die Rückreise anzutreten, sendet der spanisch-sprachige Radiosender „Leise rieselt der Schnee“ - auf Deutsch.
Noch ist alles weit weg, aber langsam beginne ich mich auf den ersten Punsch in der kalten Heimat zu freuen, die Weihnachtslieder, die dekorierten Auslagen und die ersten Weihnachtskekse, die mir heuer besonders gut schmecken werden.

Flughäfen in Europa sind gesperrt und Österreich versinkt im Schnee. In 4 Tagen ist Heiliger Abend.