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Reisen

Nach der großen Freiheit

Von Roswita Fitzinger  04. April 2020 00:04 Uhr

Nach der großen Freiheit
Wieder daheim im Mühlviertel: Uli, Lauren, Jolanda, Birgit und Linus Koller.

Einmal ganz Australien sehen, diesen Traum hat sich die Familie Koller aus St. Gotthard/Mkr. erfüllt. Ein Jahr war sie mit mit ihrem Wohnwagen unterwegs und hat der OÖN-Leserschaft monatlich von ihren Erlebnissen berichtet. Ein Interview und Resümee 100 Tage nach ihrer Heimkehr.

OÖNachrichten: Liegt Australien gefühlt schon eine Ewigkeit zurück oder ist es, als sei es erst gestern gewesen?

Uli Koller: Es liegt gefühlt eine Ewigkeit zurück. Die erste Zeit war geprägt von ganz viel Wiedersehensfreude und Einladungen. Erst im Februar ist schön langsam wieder der Alltag eingekehrt und hat uns ein ordentliches Stück weit von Reise entfernen lassen.

Physisch seid ihr ja seit knapp 100 Tagen hier, ist auch das mentale Ankommen bereits abgeschlossen?

Ja, was noch im Gange ist und für einige Zeit auch noch bleiben wird, ist, das gewonnene Lebensgefühl in unseren Alltag hier in Österreich zu integrieren. Die Australier haben immer Zeit zum Plaudern, haben uns ihre Türen geöffnet, obwohl sie uns nicht kannten. Diese Offenheit sagt uns sehr zu und das wollen wir beibehalten.

Andere Temperatur, andere Luft, anderer Himmel – gab es an den ersten Tagen daheim so etwas wie ein Fremdeln?

Nein, alles war ganz schnell wieder vertraut. Meine Familie hat uns am Flughafen abgeholt, Birgits Familie hat uns in unserem Haus in St. Gotthard überrascht. Es war eine sanfte Landung im Schoß der Familie. Wir sind fast auf den Tag genau – nur ein Jahr später– zurückgekommen, hatten also die Jahreszeit wieder, die wir verlassen hatten. Nach ihrem ersten Waldspaziergang ist Birgit dagestanden und hat gesagt: "Da komm i her, in dieser Natur kenn i mi aus." Die Kinder haben sich total über das Haus gefreut, über die vertrauten Spielsachen, und wollten sofort ihre Cousins und Cousinen sehen, Omas und Opas und Freunde. Für uns Eltern war das schon fast zu viel Zug nach außen. Wir dachten, wir sollten ihnen und uns noch mehr Ruhe zum Ankommen gönnen.

Wem ist die Umstellung leichter gefallen – den Kindern oder den Erwachsenen

Definitiv den Kindern. Sie leben im Hier und Jetzt, dort wie da. Sie haben sich auf Österreich gefreut, vor allem auf den Dialekt. Zitat Linus: "Da ist es so fesch, weil mich wieder jeder versteht!" Bei Birgit und mir ist die anfängliche Wiedersehenseuphorie schnell überlagert worden von dem Gefühl der Sehnsucht nach diesem überschaubar einfachen Leben – nur wir fünf, pur, in dieser Freiheit, die das Reisen mit sich bringt. Reisende Menschen nehmen sich Zeit zum Leben.

Was vermisst ihr?

Birgit: Den Duft und das Rauschen der Eukalyptusbäume beim Aufwachen, das abendliche Vorlesen und Kuscheln im Wohnwagen – was wir hier auch machen, aber es ist anders, weil der Wind nicht "mitsingt", die vielen Lebensmodelle, andere Menschen kennen zu lernen, das Mitarbeiten auf den HelpX-Farmen, die Weisheit der Aborigines, die Fokussiertheit auf uns und die Reise, es hat nichts abgelenkt, die Erdung mit der Natur durch das Barfußgehen auf dem Sand und auf der roten Erde.

Laurin: Das Meer und das Fischen.

Jolanda: Die Pferdefarm und den Wohnwagen.

Linus: Alle typischen australischen Tiere wie Kängurus Koalas, Opossums, aber auch den großen Walhai.

Uli: Das Reiseleben mit wenig Besitz und Verpflichtungen, täglich mit jedem kleinen Abenteuer das Leben spüren, die Biografien der Menschen, die Sonnenscheingarantie, die Vielfalt der Farben und die kräftige Natur allgemein, dann die Lebenseinstellung der reisenden Menschen, täglich mit jedem kleinen Abenteuer das Leben und den Herzschlag zu spüren. Ich vermisse das Eintauchen in eine neue Kultur, die Stille, den unglaublichen Sternenhimmel, die Weite des Meers und generell das Meer als ständigen Begleiter.

Von der großen Freiheit in die Quasi- Isolation – wie geht es euch damit?

Für uns ändert sich momentan nicht allzu viel. Wir haben für ein Jahr unsere Familie und Freunde nicht gesehen – und jetzt ist es wieder so. Wir bleiben unter uns, so wie wir das gewohnt waren in Australien. Es findet halt nicht auf zwölf, sondern auf 150 Quadratmetern statt. Auch der tägliche Einkauf und der Kaffeehausbesuch waren im Busch keine Option. Und mit unseren Freunden und Familien skypen wir auch, so wie das ganze Reisejahr. In der Isoliertheit sind wir ja erprobt und fühlen uns okay damit. Dass Reisen derzeit keine Option ist, fühlt sich hingegen etwas eigenartig an.

Was hat sich in eurem Leben verändert – vor und nach Australien?

Wir schätzen Trinkwasser und eine intakte regionale Infrastruktur noch viel mehr. Wir wissen, dass jedes Land seine Stärken und Schwächen hat (mehr darüber hier). Außerdem haben wir in Australien bereits um die Mitte unserer Reise den Entschluss gefasst, dass der nächste Lebensabschnitt ein Leben mit und nicht nur in der Natur sein soll. Wir wollen Aufgaben haben, die wir täglich erfüllen, wie Gemüse ernten, Eier abnehmen, Bienen betreuen, wollen mehr Selbstversorger als Konsumenten sein. Dieser Traum wird nun wahr. Wir haben im Nachbarort einen Bauernhof gefunden, den wir nun gemeinsam mit den Besitzern renovieren, und werden dann gemeinsam mit diversen Tieren darin wohnen.

Welche Spuren hat Australien hinterlassen?

Wir haben erfahren, dass es eine Unmenge an Möglichkeiten gibt, wie man ein Leben leben kann und dass es für alles eine Lösung gibt. Die Menschen, die wir kennen gelernt haben, verstehen sich mehr auf das Sein anstatt auf das Haben. Der australische Easy-Going-Lifestyle hat uns daran erinnert, dass wir vieles viel zu ernst nehmen und das Hamsterrad sich viel zu schnell dreht.

Hat dieses Jahr euch als Familie verändert?

Eindeutig. Wir wissen jetzt, dass wir als Familie jede Herausforderung meistern können. Das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb von uns fünf ist nochmal gestiegen – und die gegenseitige Akzeptanz, die Eigenarten des anderen anzunehmen. Wenn man derart lange in einem Wohnwagen zusammenlebt, entwickelt man eine noch stärkere Sensorik für die Stimmung der anderen, man wird wie ein Klangkörper.

War Australien eine einmalige Sache, oder gibt es bereits neue Reisepläne?

Australien als Kontinent werden wir bestimmt wieder sehen. Abenteuer werden immer Teil unseres Lebens bleiben. Wir mögen das Unbekannte, andere Kulturen, andere Menschen und die Größe der Natur, planen aber im Moment nicht, uns in absehbarer Zeit wieder für ein Jahr auf die Reise zu machen. Birgits Traum ist es, eine Weitwanderung mit Pferden zu machen, aber das muss nicht der große Sprung sein. Abenteuer gibt es auch in Österreich, in Europa, vor der Haustür.

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