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Reisen

My home is my Balkon

Von Klaus Buttinger  21. März 2020 00:04 Uhr

My home is my Balkon
Es muss nicht gleich eine derart üppige Deko sein, aber die Behübschung Balkoniens ist mitentscheidend für den Erholungsfaktor.

Was zurzeit passiert, ist Zwangsurlaub auf Balkonien. Für das, was jetzt fast alle machen müssen, entscheiden sich üblicherweise 40 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher freiwillig. Sie bleiben im Urlaub daheim. Bekenntnisse und Ratschläge eines Balkoniers.

 

Wie man derzeit erkennen kann, tun sich viele Anfänger mit dem Balkonisieren schwer. Sie sind ja allzu schnell in ihr Glück geworfen worden. Es blieb gerade einmal Zeit, sich mit Klopapier einzudecken. Dabei gilt hier wie bei jedem Urlaubsaufenthalt: Vorbereitung ist alles. Wer nach Balkonien reist, sollte in ein Land kommen, das für den Gast bereit ist. Das heißt: keine Schmutzwäsche im Korb, keine Bügelwäsche mehr, die Räume (inklusive sanitärer Nasszelle) sind geputzt, der Rasen gemäht und der Pool – sofern vorhanden – ordentlich in Schuss. Ansonsten heißt es Planschbecken aufblasen. Ja, und auch Kühlschrank und Speisekammer sollten entsprechend gefüllt sein. Wenn Sie diese Arbeiten, die ja sowieso gemacht gehören, mit der Zumutung vergleichen, einen Koffer zu packen, wird klar: Daheim passiert Urlaub von Anfang an.

"Machen Sie sich eine Liste, was Sie tun möchten im Urlaub", rät die Ratgeberliteratur in Glanzbuntperiodika zu genauer Planung. Erfahrene Balkonier machen keinen Plan, sie wollen die Götter nicht zum Lachen reizen. Als herausfordernder, reizvoller und überraschender erweist sich das rituelle Gespräch zum Abendessen. Man weiß, wie das Wetter wird, und fragt den Partner/die Partnerin mit freundlichem Gesicht: "Schatz, wollen wir morgen etwas gemeinsam unternehmen?" Befinden Sie sich in einer glücklichen Beziehung, sagt er oder sie mit herzlichem Blick Nein, und so kann jeder tun, was er/sie will. Wunderbar.

Zum Eingewöhnen auf Balkonien hat sich ein ausgedehnter Entspannungsprozess als zielführend erwiesen. Schalten Sie Ihr Handy aus (ja, das geht!) und beginnen Sie das Digital-Detox-Erlebnis. Eine Stunde Mobiltelefon am Tag reicht. Das sollte Ihrer Erholung dienlich sein. Deaktivieren Sie zudem Ihre Haustürklingel, indem Sie die Sicherung dafür suchen und herausdrehen. Wer es nicht so mit dem Elektrischen hat: Altmodische Türklingeln sind mittels eines Stücks Wettex zwischen Schlägel und Glocke recht gut stillzulegen.

Legen Sie sich in Ihre Hängematte oder auf Ihre Liege. Niemand reserviert sie mittels Handtuch. Keine Schlägereien am Pool. Herrlich! Nutzen Sie die Zeit der Ruhe, um darüber nachzudenken, welche Leute Sie am Nachmittag zu Besuch einladen (bitte stellen Sie sich eine Postcoronawelt vor). Menschen, die Sie gern haben, die Sie vielleicht zeitmäßig ein wenig vernachlässigt haben. Bieten Sie ihnen belebende Getränke wie Kaffee, Eistee oder Sekt an, dann fühlen sich die meisten Eingeladenen dazu ermutigt, für die Mehlspeise zu sorgen. Wieder ein Weg gespart. Ja, und das Bier hat auch immer die ideale Temperatur, sofern Sie Ihren Kühlschrank im Griff haben.

Kochen, nun ja, das ist so eine Sache

Speiseplan? Vergessen Sie das. Erinnern Sie sich lieber an Ihren letzten Besuch am Hotelbuffet – und den Ellbogenkampf davor. Viel besser, man kocht spontan aus der Kammer oder bemüht einen Lieferservice. Halten Sie aber mit dem Lieferanten kein Schwätzchen, er hat es drawig, geben Sie ihm lieber ein fürstliches Trinkgeld. Er lebt davon. Ja, und vergessen Sie nicht, die Türglocke für diese Interaktion zu reaktivieren.

Sollten Sie selbst kochen wollen, sei geraten, wegen der lieben Nachbarn einen raucharmen Griller zu besorgen oder besser noch einen Gas- oder Elektrogriller. Überlegen Sie sich vor der Verwendung, dass man das Ding reinigen muss. (Wo war doch gleich noch der Zettel mit dem Lieferservice?)

Das Auge urlaubt mit

Befassen wir uns noch kurz mit der Dekoration. Besorgen Sie sich im Sinne einer feschen Urlaubsoptik eine Palme und/oder ein Zitronenbäumchen. Es gibt auch Obstbäume im Kübel, deren Früchte Sie vernaschen können. In Balkonkistchen angebaute mediterrane Kräuter erfreuen das Gemüt zusätzlich: Basilikum, Oregano, Thymian, Rosmarin. Vergessen Sie die Minze nicht. Die wuchert zwar ziemlich, lässt sich aber durch regelmäßiges Beschneiden zum Behufe der Mojito-Herstellung in den Griff bekommen. Dafür brauchen Sie weiters: Havanna Club Rum (drei Jahre), Bacardi geht zur Not auch, Sodawasser, Limetten, braunen Zucker und Crushed Ice. Legen Sie dazu Musik vom Buena Vista Social Club auf. Erinnern Sie sich an die horrible Musikauswahl an den Strandbars aus Ihrem früheren Leben? Uffza-uffza-Schlagzeug und nichtssagende, vocoderverzerrte Stimmen. Damit hat übrigens diese unnedige Sängerin Cher angefangen. Sicher erinnern Sie sich noch mit Schaudern an ihre Nummer "Believe". So etwas muss nicht sein.

Nehmen Sie ein Buch zur Hand. Ja, das sind die Dinger mit den vielen Papierseiten und einem Einband aus mehr oder weniger hartem Karton. Tolle Sachen, brauchen keinen Strom. Nachteil: Wenn Sie beim Lesen einschlafen und so ein Zwei-Kilo-Schinken knallt Ihnen aufs Gesicht, sind Sie wieder munter. Minimieren Sie diese Gefahr, indem Sie auf der Seite liegend lesen. Oder setzen Sie Hörbücher ein. Einschlafen und sich erholen werden Sie auf jeden Fall.

Träumen Sie von einem noch schöneren Balkon, einer noch schöneren Terrasse. Legen Sie zum Beispiel Ihr Nest mit Kunstrasen aus. Neuere Produkte sehen einem echten Rasen täuschend ähnlich. Sogar braune, quasi verdorrte Halme sind ins grüne Geflecht eingewoben. Besorgen Sie sich zudem einen schönen Kerzenständer für die Abendstunden. Verzichten Sie hingegen auf blaulichtige Insektenverbrutzler, es gibt nur noch wenige von den Tierchen. Sie lassen sich mittels wohlriechender Repellents vom Leib halten. Sprechen Sie über das passende Produkt mit dem Apotheker oder der Apothekerin Ihres Vertrauens.

Haben Sie jede Verlustierung probiert und ist Ihnen wirklich fad, dann lernen Sie doch Ihre Stadt kennen. Besuchen Sie einen schattigen Tierpark – mit dem Fahrrad vielleicht. Der Fahrtwind kühlt, man lernt seine Umgebung und die Gefahren des Straßenverkehrs ganz neu kennen. Abenteuerurlaub ist Kinderkram dagegen. Zudem gibt es vielerorts so etwas wie Freibäder (nein, die sind nicht gratis), Stadtwanderwege und andere Freizeitangebote. Laut Institut für Tourismusforschung sprechen diese Möglichkeiten Einheimische und Touristen gleichermaßen an und können zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Region beitragen. Na, wenn das kein Argument ist für den Standort, was dann?

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Klaus Buttinger

Redakteur Magazin

Klaus Buttinger
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