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Reisen

Mit voller Fahrt durch Südholland

Von Peter Pohn  25. September 2021 10:20 Uhr

Mit voller Fahrt durch Südholland
Radeln auf dem Deich und darunter

Blumen, Windmühlen, malerische Landschaften, aber vor allem bestens ausgebaute Fahrradwege: Holland, das Mekka der "Pedaltreter", ist ein Muss für Freunde des sanften Tourismus. Kombiniert mit einer Schiffsreise ist für reichlich Abwechslung gesorgt.

Die Ampel steht auf Rot. Von links flitzt ein Radfahrer über die Kreuzung. Am Gepäckträger ein Sitz mit einem Kleinkind, in einem Tragegurt ein Baby. Wir sind in der Radfahrmetropole Amsterdam, wo es heißt: "Wer bremst, verliert!" Gemütlicher geht es da schon auf den Wasserstraßen, den Amsterdamer Grachten, zu. Gemeinsam mit den Grachten-Häusern, erbaut von reichen Kaufleuten im 17. Jahrhundert, dem sogenannten goldene Zeitalter, gelten sie als wichtigstes Wahrzeichen der holländischen Hauptstadt. Unweit der Altstadt, auf der Hinterseite des Bahnhofes, im Hafen Ruijterkade West, liegt unser Vehikel für die nächsten Tage vor Anker.

Mit voller Fahrt durch Südholland
Grachten durchziehen auch die Altstadt von Delft.

Schwimmendes Hotel

Die "De Amsterdam" startet immer samstags ihre Motoren. Doch bevor das Flusskreuzfahrtschiff Fahrt aufnimmt, begrüßt Bar-Chefin Monika Cejková die gut 100 Gäste mit einem Gläschen Sekt; die von vielen schon sehnsüchtig erwartete Radübergabe folgt im Anschluss. Mit den 20-gängigen Mountainbikes sind die täglich durchschnittlich 40 Kilometer auch für untrainierte Radler problemlos zu schaffen. Die Strecken sind flach, die Radwege bestens ausgebaut und breit. Die Orientierung ist leicht. Wer keine App besitzt, folgt den weißen Tafeln mit grünem Rand. Für Radfahrer gibt es außerdem separate Ampeln und Straßenübergänge. Nur wenn von hinten lautes Motorknattern zu hören ist, sollte man schnell rechts halten. In den Niederlanden dürfen auch Mopedfahrer die Radwege benützen.

Die erste Tour führt entlang der Vecht, einem Nebenkanal des Rheins, mit Ziel Utrecht. Doch zuvor steigen wir in der Kleinstadt Breukelen vom Rad, Namensgeberin für den New Yorker Stadtteil Brooklyn. Viele Holländer waren im 17. Jahrhundert in die USA ausgewandert und als wohlhabende Kaufleute heimgekehrt. Entlang der Vecht errichteten sie Villen oder Schlösser mit großen Blumengärten. Viele kleine Brücken führen über den schmalen Flusslauf, der sich windet und vorbei an kleinen Orten mit gemütlichen Pubs und Cafés führt. Eine Idylle ohne jeglichen Massentourismus.

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37.000 Kilometer an Radwegen, davon 3900 Kilometer Radfernwege (LF-Routen), machen die Niederlande zu einem Radfahrparadies.

Es radelt sich wie von selbst, Rückenwind fungiert als hilfreicher Zusatzantrieb. Das gemäßigte Meeresklima von Südholland präsentiert sich in den Sommermonaten mit angenehmen Temperaturen. So richtig heiß wird es hier selten, aber auch vor einem plötzlichen Regenguss ist man nie gefeit. "Jacke und Pulli, aber vor allem Regenschutz sollte man immer dabeihaben", lautete der Ratschlag von Guide Nico van Es zu Beginn der Tour. Im Moment blickt er konzentriert auf die Wetter-App seines Handys. Dunkle Regenwolken sind aufgezogen. Als Routinier weiß der 70-Jährige, der seit seiner Pensionierung Radtouristen begleitet, um einen Unterstand auf der Strecke. Den braucht es auch, denn ein heftiger Schauer zieht über uns hinweg. "Der Regen wird um die Mittagszeit vorbei sein", informiert er gelassen und lotst die Fahrradfahrer zu einem Café mit großem Gastgarten, wo eine Markise Unterschlupf bietet. Zeit, um den Schiffen zuzuschauen. Es ist Wochenende und viel los bei der Schleuse in Muiden, die die Vecht mit dem Ijsselmeer, ein bevorzugtes Revier für Freizeitkapitäne, verbindet. Man könnte das Treiben stundenlang verfolgen, doch die Fahrt geht weiter.

Wir nehmen die Universitäts- und Bischofsstadt Utrecht ins Visier, fahren auf den höchsten Turm Hollands zu, der uns wie ein Leuchtturm den Weg in die viertgrößte Stadt Hollands weist. Das 112 Meter hohe Bauwerk gehört zum Utrechter Dom. Wir steigen nicht hinauf, sondern kehren mit den 12-Uhr-Glockenschlägen in ein nahes Fischrestaurant ein. Die Wahl ist leicht. Das niederländische Nationalgericht "Broodje haring", ein Hering auf Brot mit Zwiebeln und Gewürzgurken, als kleine Stärkung tut gut, das schwimmendes Hotel ist noch 20 Radminuten entfernt.

Das gesellschaftliche Zentrum an Bord der "De Amsterdam" ist der Salon. Hier trifft man sich auf einen Drink oder ein Kaffeetratscherl, hier gibt es die Tourinfos für den nächsten Tag. Das dreigängige Abendessen wird im Bordrestaurant eingenommen. Während frische Luft und Bewegung die Passagiere bald in ihre bequemen Betten drückt, beginnt für Eldert van Dasler die Arbeit. Der Kapitän hat mehr Zeit auf dem Wasser als zu Land zugebracht. Seit 60 Jahren ist der 74-Jährige auf Schiffen zugange, begann als Matrose, um später, wie sein Vater, Kapitän zu werden. Über Nacht bringt er seine Passagiere an ihr nächstes Ziel.

Zwischen Tradition und Moderne

Aufwachen in Rotterdam, der Stadt mit dem größten Hafen Europas und den höchsten Wolkenkratzern in den Niederlanden, bekannt für seine Architektur und sein buntes Nachtleben. "Im Zweiten Weltkrieg bombardierten Flieger der Deutschen Wehrmacht den Rotterdamer Stadtkern, kaum ein Gebäude ist heil geblieben. Ab den 1950er-Jahren wurde das Zentrum in einem modernen Baustil wieder aufgebaut", erklärt Janneke Rietberg, der unser Tagesprogramm bestreitet und uns durch die Stadt führt. Rotterdam war auch die Wirkungsstätte einer österreichischen Trainerlegende.

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Rotterdam: Erinnerung an eine österreichische Trainerlegende.

Ernst Happel gewann Anfang der 70er-Jahre mit dem Rotterdamer Traditionsklub Feyenoord als erster niederländischer Klub den Europapokal der Landesmeister, außerdem den Weltpokal sowie zahlreiche Meistertitel. Heute führt eine "Ernst Happelstraat" zum Stadion, auf der die "Österreich-Delegation" unter den radelnden Kreuzfahrtpassagieren früh

morgens ehrfurchtsvoll spaziert. Ein Blick auf die Happel-Büste im VIP-Bereich des Stadions bleibt dem Quintett jedoch verwehrt. Dafür hätte es einer Anmeldung bedurft (siehe Infobox). Doch die Zeit ist ohnehin knapp.

Wir lassen die Wolkenkratzer und Glasbauten der modernen Hafenstadt hinter uns, radeln durch kleine Wälder und Naturschutzgebiete zurück ins traditionelle Südholland weiter nach Delft. Der Beiname "Manhattan an der Maas" erschließt sich einem schnell. Der Verkehr ist dicht, hier kreuzen sich zudem zahlreiche Radrouten. Da ist die Hilfe von Tourguide Rietberg sehr willkommen. Doch Delft ist weit mehr, vor allem königlich blau. In der Royal-Delft-Porzellanmanufaktur entsteht das berühmte Delfter Blau, mit dem Tassen, Vasen, Fliesen mit feinen Pinselstrichen verziert werden. Jedes Stück ist ein Unikat, händisch bemalt von einem der zehn Meistermaler. "Königin Máxima und König Alexander bestellen bei uns Gegenstände für Auslandsbesuche wie zum Beispiel eine Tulpenpyramide, die vier Wochen lang bemalt wird und 16.000 Euro kostet", erzählt Vertriebsleiter Frank Verhoeven stolz.

Vermeer und viele Farben

Die Delfter Innenstadt präsentiert sich wie das Bad Ischl Hollands. Nicht der Kaiser, sondern der Maler Jan Vermeer (1632–1675) begegnet einem hier an jeder Ecke in den unterschiedlichsten Formen: Bilder, Illustrationen, Skulpturen erinnern an den berühmten Sohn der Stadt, der sein ganzes Leben hier verbrachte und nur 37 Werke schuf, darunter sein berühmtestes "Das Mädchen mit den Perlenohrringen". Zu Lebzeiten kaum beachtet, starb er völlig mittellos und wurde in einem Armengrab der "Oude Kerk" beigesetzt.

Prunkvoll und ein Blickfang hingegen ist die letzte Ruhestätte von Wilhelm von Oranien (1533–1584), der unweit, in der "Nieuwe Kerk" begraben liegt. Der Staatsmann und Feldherr gilt nach mutigem Kampf gegen die spanische Herrschaft als "Vater des Vaterlandes". Er wurde von einem Fanatiker ermordet. Sein Grab besteht aus 850 Einzelteilen, die zahlreiche symbolische Bedeutungen haben. Allesamt stehen sie aber für Wilhelms Willen, sein Volk zu befreien.

"Als Gott die Welt erschuf, vergaß er Holland. Deshalb mussten sie ihr eigenes Land erschaffen", so lautet ein altes holländisches Sprichwort. Die Hälfte des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Um das Land dennoch als Wohngebiet nutzbar zu machen, wurde mit der Windenergie von Mühlen das Wasser aus den Tiefebenen gepumpt. Seit den 1950er-Jahren verrichten das Elektromotoren.

Im grünen Herzen

Für den Kampf gegen das Wasser und für die Gewinnung von Lebensraum stehen die 19 Windmühlen von Kinderdijk; neben den Amsterdamer Grachten zählen auch sie zum UNESCO-Welterbe. Um sie zu erreichen, steigen wir vorerst nicht aufs Rad, sondern in den Wasserbus. Aart van Krimpen stammt aus einer Müller-Dynastie.

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Kinderdijk: Drei der 19 Windmühlen sind zu besichtigen.

Er informiert über die Arbeit eines Müllers in Kinderdijk: "Wenn sie am Morgen aufwachten, schauten sie sofort gegen den Himmel, um die Regenwolken zu beobachten. Die Müller wurden in der Windmühle geboren und starben auch darin." Urlaub gab es keinen, wenn im Sommer und Herbst die Hochwassergefahr nicht so groß war, halfen sie in der Landwirtschaft aus.

Farbenwechsel von Blau auf Grün. Wieder auf dem Rad in Richtung der "Silberstadt" Schoonhoven, die entlang des Dammes führt, begleiten uns links und rechts riesige Weideflächen. Das Auge erfreut sich an den farbigen Blumen, doch das Bunt dürfte von kurzer Dauer sein. Kuhherden befinden sich bereits im Anmarsch, während die Radler auf die berühmte Käsestadt zusteuern. Doch der Gouda muss waren. Denn hier trennen sich die Wege der Passagiere. Während für die einen die Fahrt in Richtung Nordseeküste weitergeht, endet für die anderen hier nach vier Tagen die Südholland-Tour – mit vielen Eindrücken und einem Stück Gouda im Gepäck.

Südholland-Tour

  • Anreise mit dem ÖBB-Nightjet ab Linz täglich ab 21.30 Uhr, Preis: 109 Euro.
  • Unterkunft: Frühstück und Abendessen finden an Bord statt, für unterwegs sind Lunchpakete vorgesehen.
  • Radtouren: An fast allen Tag stehen zwei individuelle Radtouren auf dem Programm. Man erhält vorab detaillierte Radkarten, Routentipps sowie Zugriff auf eine Smartphone-App (iOS, Android) mit allen Streckenbeschreibungen.
  • Rotterdam Stadion: Führungen immer werktags von 9.30 bis 17.30 Uhr, samstags von 9.30 bis 17 Uhr, Anmeldung unter feyenoord.com
  • Preisbeispiel: 8-tägige kombinierte Rad- und Schiffsreisen (ab 712 Euro) mit der „De Amsterdam“ können ab April 2022 gebucht werden.
  • Weitere Infos bei radundschiffsreisen.de

Artikel von

Peter Pohn

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