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Reisen

Liebenswürdiges im Land des Voodoo

Von Gerhard Oberzill   09. Februar 2019 15:00 Uhr

Liebenswürdiges im Land des Voodoo
Die ganze Dorfgemeinde tanzt auf dem Voodoo-Festival

Togo und Benin, zwei kleine Länder am Golf von Guinea, gelten als Heimat der Voodoo-Religion. Mit Glück kann der Besucher faszinierende Zeremonien miterleben.

Nein, wir sind auf keinem Tierfriedhof gelandet. Obwohl sich allenthalben Krokodil- und Pferdeschädel, Affenköpfe, Schildkrötenpanzer, Leopardenfelle, Vogelbälge, Rinderhörner, Steinbockgeweihe und andere animalische Reste stapeln. Aber die ebenfalls angebotenen Holzschnitzereien, Statuetten zumeist, doch auch Penisse und diverse Amulette, verraten: Wir befinden uns auf Westafrikas größtem Fetischmarkt in Togos Hauptstadt Lomé.

Gerade rührt einer der Händler auf diesem Marché des Féticheurs eine Arznei für einen Asthmatiker an. Normalerweise sind die Rezepturen ja geheim. Aber in uns Touristen sieht der Mann keine Konkurrenz. Also verrät er, dass er für diesen Patienten zerstampfte Schlangenknochen mit Honig mixt. Aber was heißt hier Händler! Er ist vor allem ein "Guérisseur en médicine traditionelle", ein Heilkundiger und gleichzeitig Voodoo-Experte. Seine "Ordination" liegt in einem Verschlag hinter dem Verkaufsstand.

Liebenswürdiges im Land des Voodoo
Ambulante Wasserversorgung auf dem großen Markt von Lomé.

Um wie viel farbenfroher als die Tiernekropole präsentiert sich Lomés Grand Marché! Hier gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Kosmetika, Werkzeug, Dessous und großgemusterte Kleiderstoffe, dazu Gemüse, offen daliegendes Frischfleisch, Trockenfisch (man gehe nur der Nase nach), Konserven und Getränke, darunter Trinkwasser in 1-Liter-Plastiksackerln, die man "auszuzelt". Zwischen den fixen Ständen balancieren ambulante Verkäuferinnen auf ihren Köpfen turmhohe Lasten durch das Gedränge. Und wenn es noch eines Belegs für Togos historische Beziehung zu Frankreich bedarf, wird er von Körben voll duftender Baguettes erbracht.

Liebenswürdiges im Land des Voodoo
Traumhafte Sandstrände im Süden, an der Goldküste

Ehemalige deutsche Kolonie

Die aus dem Zentralmarkt ragenden Doppeltürme der neugotischen Cathédrale Sacré Coeur sind indes keine Reminiszenz an die Grande Nation, sondern ein Relikt aus der wilhelminischen Vergangenheit des kleinen Landes, war doch Togo von 1884 bis 1916 "Schutzgebiet" des deutschen Kaiserreichs, sprich: Kolonie. Spuren dieser Episode finden sich auch in Togoville, damals Hauptort des Protektorats. Schon vom gegenüberliegenden Ufer des Togosees sieht man die Marienkirche aufragen, die errichtet wurde, wo einst die Jungfrau erschienen sein soll.

Selbst an einem normalen Wochentag ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Das erstaunt, gilt doch Togoville als ein Zentrum des Voodoo-Kults. Aber über die Jahrhunderte haben sich die okkulten einheimischen Praktiken mit dem Christentum zu einer neuen Religion vermischt, einer Art katholischem Voodooismus. Wobei dem Besucher immer wieder versichert wird, dass man hier nur weiße Magie betreibe, keine schwarze, die Menschen schade.

Liebenswürdiges im Land des Voodoo
Der Hahn wird die Voodoo-Zeremonie nicht überleben.

Eindrucksvoll erleben wir die Kraft der Geister im Messertanz. Schon bei der Ankunft in dem kleinen Dorf packt uns der mitreißende Rhythmus von Glocken- und Trommelschlägen. Vor einem Fetischaltar wird eben Räucherwerk und Schnaps geopfert, später muss ein Hahn dran glauben: Er sitzt auf dem Kopf einer Adeptin wie weiland der Apfel auf Walter Tell. Immer ekstatischer bewegen die Tänzer ihre Körper im Takt, geraten in Trance. Plötzlich ergreift einer ein Messer, richtet es gegen seine Brust, scheint sich gar die Zunge abzuschneiden, bleibt aber unverletzt. Mittlerweise verspeist der Priester für alle sichtbar eine Rasierklinge. Eine billige Show? Nein, sagen die Einheimischen, alles echt, die Akteure würden vom Fetisch geschützt.

Anderntags ereignet sich bei einer Zangbeto-Zeremonie noch Unglaublicheres. Zangbetos, das sind Nachtwächter, also Wesen, die in der Dunkelheit durch die Orte patrouillieren, um die Bewohner vor Bösewichten zu schützen. Bei ihrem öffentlichen Auftreten drehen sich die mit gelbem, türkisem oder lila Stroh bedeckten mannshohen Kegel zum aufreizenden Sound unablässig im Kreis, sodass einem allein vom Zuschauen schwindlig wird. Doch durch ein Gitterfenster im Kostüm können sich die Personen im Kegelinneren orientieren.

Liebenswürdiges im Land des Voodoo
In den „Nachtwächtern“, den Zangbetos, stecken ganz bestimmt keine Menschen drinnen. Sie drehen sich, weil sie von Geistern beseelt sind. Ganz bestimmt.

Das ist freilich unsere westliche Sichtweise. Die Afrikaner schwören Stein und Bein, dass sich kein Mensch in dem hohlen Kegel befinde. Ein Zangbeto sei "automobil", bewege sich durch die Energie des Geistes, der von ihm Besitz ergriffen habe. Zum Beweis stürzen die Helfer die bunte Hülle um, lassen uns gleichsam unter den Rock des Nachtwächters schauen. Tatsächlich ist da niemand. Höhepunkt des Zaubers aber ist die Opferung des Hahns, der keine fünf Minuten später gerupft und gegart aus dem Inneren des Zangbeto heraus essfertig serviert wird.

Zangbetos treten auch im Nachbarland Benin auf, das ebenso ein Voodoo-Hotspot ist wie Togo. Hauptdarsteller des alljährlichen Voodoo-Festivals sind die fetisch- und amulettgeschmückten Priester, die mitsamt ihrer trommelschlagenden und wild tanzenden Entourage einen Augen- und Ohrenschmaus bieten. Angeführt werden sie vom Chef-Feticheur oder auch "Voodoo-König", der von einem Ehrenschirm geschützt einzieht.

Verehrung genießen im Voodoo-Kult auch Schlangen, denen im einstigen Sklavenhafen Ouidah gegenüber der katholischen Basilika sogar ein eigener Tempel errichtet wurde. Ein bisschen aufpassen muss man freilich schon, dass man auf keinen der faul im Heiligtum herumliegenden Pythons tritt. Mit eher mulmigem Gefühl lässt sich mancher Besucher für ein Selfie so ein Kriechtier gar um den Hals hängen. Die magische Kraft der Schlangengeister schützt, wenn sie sich nur einigermaßen zu benehmen wissen, selbst vorwitzige Touristen.

 

Togo

In dem Land zwischen Benin und Ghana wohnen auf bloß zwei Dritteln der Fläche Österreichs acht Millionen Menschen, so viele wie bei uns. Es hat nur einen kleinen Anteil an der Goldküste des Golfs von Guinea. Diese Sandstrände sowie festungsartige Lehmgehöfte im Norden und die eindrucksvollen Voodoo-Riten seiner multiethnischen Bevölkerung machen für Togo-Besucher den besonderen Reiz aus.

Kneissl-Touristik erschließt Togo in einer zweiwöchigen Studien-Erlebnisreise zusammen mit den Nachbarländern Benin und Ghana an mehreren Terminen im Jahr: www.kneissltouristik.at
Fetische sind Objekte, die kultische Verehrung genießen, da sie als belebt oder beseelt
gelten. Im Voodoo-Glauben versucht der Priester die in Fetischen wohnenden Geistwesen durch Tieropfer und Geschenke günstig zu stimmen. Die Vielzahl der Geistwesen („Loa“) verdeckt, dass Voodoo im Grunde nur einen Gott kennt, Bondieu (französisch „guter Gott“). Dadurch ist Voodoo auch mit dem Monotheismus des Christentums und des Islams kompatibel.

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