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Reisen

Ist das Venedig?

27. Juni 2020 00:04 Uhr

Ist das Venedig?
Mit Masken durch die Wasserstraßen gondeln

Am Tag der Lockerung der coronabedingten Einschränkungen machte sich Bert Brandstetter mit seiner Frau Magda auf eine Erkundungstour durch beliebte Gegenden im Norden Italiens. Die größte Überraschung bot die Lagunenstadt Venedig.

"Solo un poco", sagt Paolo und zuckt mit den Schultern, als ich ihn frage, wie denn das Geschäft so gehe. "Nur ein bisschen", meint der Gondoliere mit dem schwarz-gestreiften T-Shirt. Er steht schon gute zehn Minuten auf dem kleinen Platz vor der Rialtobrücke und spricht alle an. Doch niemand will eine der romantischen Gondelfahrten durch die Kanäle der Lagunenstadt buchen.

Dabei wäre er durchaus verhandlungsbereit, wie mir später mein Tischnachbar in der kleinen Trattoria erzählt. 100 Euro wäre der Ausgangspreis gewesen, gefahren seien er und seine Frau schließlich um 40 Euro. Da müsse man schon zugreifen, wenn Derartiges einmal so günstig sei, sagte der Südtiroler Hüttenwirt. Gerade hätten sie beide noch Zeit für einen Ausflug nach Venedig, in einer Woche ginge der Hüttenbetrieb oben in der Nähe des Brenners wieder los. Nur sehr viel Geschäft erwarten sie sich auch noch nicht. Corona habe zu viele Leute abgeschreckt, selbst vor einer Bergtour, befürchten sie.

Ist das Venedig?
Gespenstische Leere auf dem Markusplatz, sogar die Tauben fehlen

Auf dem Markusplatz, dem weltweit vielleicht schönsten Stadtplatz, befällt uns akustisches Staunen. Dort, wo normalerweise unzählige Menschen stehen, schauen, fotografieren und lärmen, hallen die Rufe der wenigen Menschen an den Wänden wider. Die gespenstische Leere scheint sogar die Tauben zu stören, kaum eine ist heute dort zu sehen. Auch keine Spur von Menschenschlangen vor dem Markusdom oder gegenüber vor dem Campanile. Die wenigen Touristen scheinen aus Italien selbst zu kommen. Vielleicht, um sich "ihr" Venedig einmal in Ruhe anzuschauen, bevor es wieder von asiatischen Gästen überlaufen wird. Warum also nicht, denken wir uns und fragen den Gondoliere auf der Piazza San Zaccharia nach dem Preis. 80 Euro bietet er uns, was wir als zu hoch ablehnen. Schnell sind wir bei 50 und schließlich werden auch wir um 40 Euro, aber ohne Rechnung, elegant kutschiert.

"Nach Venedig sollten wir wirklich auch noch schnell", geben sich Gisela Hopfmüller und Franz Hlavac entschlossen. Bloß eineinhalb Stunden Fahrzeit trennen die beiden ehemaligen ORF-Redakteure von der Lagunenstadt, die seit 20 Jahren im friulanischen Varmo einen kleinen Weinbau mit 300 Stöcken betreiben. Zu Recht können sie stolz sein auf ihren gemischten friulanischen Satz aus den Trauben Friulano, Verduzzio und Pinot Griggio. Wein zu machen ist für beide kein Hobby: Neben ihrer Arbeit haben sie sich zu professionellen Weinfacharbeitern ausbilden lassen, möglicherweise sind sie die einzigen Akademiker in diesem Fach.

Ist das Venedig?
Die ehemaligen ORF-Redakteure Gisela Hopfmüller und Franz Hlavac widmen sich im friulanischen Varmo dem Weinbau.

Um in der Pension ihrem ursprünglich studierten Beruf treu zu bleiben, schreiben Hopfmüller (Kunsthistorikerin) und Hlavac (Historiker) Bücher über ihr Friaul. Sechs davon gibt es bereits, das letzte davon, "111 Orte in Friaul, die man gesehen haben muss", wird derzeit ins Italienische übersetzt. Corona hat die Nerven der beiden hart strapaziert. "Das Auto war in Wien bereits gepackt für die Fahrt hierher, als die totale Sperre kam". Nur guten Freunden aus der Nachbarschaft sei es zu danken, dass das wunderbare kleine Gut in Varmo in den drei Monaten nicht verwildert ist.

Städte an der oberen Adria wie Caorle, Jesolo oder Bibione hatten schon immer eine enorme Anziehungskraft für Urlauber aus nördlicheren Ländern. Die weichen Sandstrände und das für Kleinkinder ideal sanft abflachende Meer sorgen für jährliche Besucherströme, die ihre Schwimmutensilien oft viele Meter schleppen müssen, um sich am Strand niederzulassen.

Ist das Venedig?
Am Tag des Besuches fehlten an diesem Strand bei Jesolo noch die Urlauber.

Sorgfältig hätten die Betreiber heuer die Abstände zwischen den Liegen gelockert, um die Abstandsregeln einzuhalten, wurde verkündet. Bei unserer Stippvisite konnten wie diese Vorkehrungen bestätigen, jedoch: was fehlt, sind die Urlauber, zumindest bisher. Selbst bei schönstem Wetter zeigen sich die Parkplätze unmittelbar am Meer bloß spärlich besetzt und die Strände so gut wie menschenleer.

25 Erkrankte, ein Todesfall

Zu 25 Prozent sei man ausgelastet, schätzt Niklas Beckmann, der für die Ferien-Wohnungsgesellschaft Hapimag das neue Resort in Cavallino Treporti leitet. In normalen Jahren müsste die Anlage bereits im Juni ausgebucht sein, 2020 habe alles anders gemacht. Erst jetzt sperre man das Restaurant auf, nach und nach starte der Normalbetrieb. Dabei habe es in Cavallino mit seinen 13.000 Einwohnern bloß 25 Corona-Erkrankte und einen Todesfall gegeben. Um nur ja kein Risiko einzugehen, halte man sich selbstverständlich an die geltenden Vorschriften mit Masken und Abstand. Das gelinge vielleicht auch deswegen so leicht, "weil die Italiener ein schlechtes Gewissen haben, dass die Seuche unten in Bergamo so arg war", vermutet Beckmann.

Meine Frau erkundigt sich, selbstverständlich mit Maske, im entzückenden Dolomitenort Pieve die Cadore nach dem Geburtshaus des Malers Tizian. Ihr Gegenüber bittet sie, den Abstand zu vergrößern, bevor ihr Auskunft erteilt wird. Sowohl dort als auch unten in Treviso oder hoch oben in Innichen fällt uns auf, dass die Maskenpflicht noch ernster genommen wird als in Österreich.

"Vielleicht führt das Ganze zu einer recht gesunden Rückbesinnung von dem ganzen touristischen Wahnsinn", sagt Willi Sulzenbacher, mit dem wir abends ganz zufällig am Wirtshaustisch zusammensitzen. Er ist der Zahnarzt hier in der Stadt und scheint die für Juni ungewohnte Ruhe durchaus zu genießen. Innichen hat 3500 Einwohner und 4000 Gästebetten. Sulzenbacher, der auch aktiver Jäger ist, hält das für viel zu viel, verglichen an dem, was für Mensch und Natur gut ist.

Ohne die Situation bewerten zu wollen, treten wir die Heimreise an und freuen uns über weitgehend leere Straßen quer durch die Dolomiten, genauso wie die Fahrt hinunter durch das Canaltal trotz einiger Baustellen durch keinen einzigen Stau behindert.

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