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Reisen

Im tropischen Norden Australiens

20. Oktober 2019 00:04 Uhr

Im tropischen Norden Australiens
Einer von hundert Sonnenuntergängen und doch einzigartig

Wir tauchen ein ins Northern Territory. Auf dem Weg ins rote Zentrum begegnen wir vielen Europäern, wir genießen die Multikulti-Hauptstadt Darwin und viele warme Thermalquellen.

Nach fast drei Monaten in Westaustralien werden wir heute diesen abwechslungsreichen Bundesstaat verlassen und in das Northern Territory einreisen. In der Kleinstadt Kununurra stocken wir unsere Vorräte auf. Wie jeden Sonntag telefonieren wir mit Opa und Opa und hören, was es Neues gibt – vorausgesetzt es gibt Handyempfang. Ein Blick auf die Weltuhr hilft, denn nach der unscheinbaren Grenze haben wir wieder zwei Stunden Zeitverschiebung und es soll ja niemand aus dem Schlaf geholt werden.

Nächster Halt ist Katherine. Wir haben über die Online-Plattform "helpX" mit Farmbesitzerin Linda vereinbart, dass wir für vier Tage bei ihr mitarbeiten wollen. Gespannt öffnen wir das erste von insgesamt drei Toren und fahren einen ausgetrockneten Flusslauf entlang. In der Nähe des Wohnhauses kommen uns zwei riesige Hunde entgegen, freundlich zwar, aber aufgrund ihrer Größe eines Kalbes doch ganz beeindruckend. Kurz darauf erscheint zwischen Dutzenden von alten Lastwägen, Traktoren und Autos, Gänsen und Hühnern auch ein kleines Mädchen, das unseren Nachwuchs gleich zu einem Trampolin mitnimmt. Ein Start ganz nach dem Geschmack unserer Kinder. Auch der Rest wird herzlich begrüßt. Linda zeigt uns den Stellplatz für die kommenden Tage. Die Nussschale neben uns entpuppt sich als Mini-Zelt einer jungen Französin, die ebenfalls auf der Farm arbeitet. Wir werden zu Tisch gebeten. Das Abendessen wartet. Und wer hat gekocht? Holly, ein englisches Au-pair. So viel Europa an einem Tisch haben wir nicht erwartet.

In gemütlicher Runde diskutieren wir angeregt über die Geschichte Australiens, die europäische Kolonialisierung und die daraus resultierenden Herausforderungen für die indigenen Völker. Arbeit gäbe es genug auf der Farm, aber Linda offenbart uns, dass sie uns eigentlich nicht zum Arbeiten, sondern aus Gastfreundschaft und Neugierde eingeladen hat. Es ist ihre Art zu reisen – sie holt sich die Welt in ihr Zuhause. Wir erfahren, dass viele Australier nicht einmal einen Pass besitzen. Wir verbringen viel Zeit bei den lokalen warmen Quellen. Ein erstaunliches Badeerlebnis – und bei fast 40 Grad Außentemperatur fühlen sich selbst 33 Grad Wassertemperatur erfrischend an.

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Die Thermalquellen sind nicht nur warm, sondern auch glasklar.

Auf bald und zwei Berliner

Beim Abschied versprechen wir wiederzukommen. Die Farm liegt auf dem Weg zum "Roten Zentrum" und somit auf unserem Rückweg. Doch zuvor erkunden wir auf dem Weg nach Darwin den Litchfield-Nationalpark, eine tropische Buschlandschaft mit Süßwasserpools und riesigen Termitenhügeln. Doch weil in Australien gerade Ferien sind, teilen wir uns die unzähligen Wasserfälle mit gefühlt tausend anderen Northern Territorianern. Noch dazu sind alle Bush-Camps ausgebucht, was uns zwingt, den Nationalpark zu verlassen und auf einem großen Campingplatz zu übernachten. Das ist so gar nicht unser Ding, aber immerhin landet ein Hubschrauber neben uns.

Tags darauf klappt es mit einem Stellplatz bei einem der kleinen Bush-Camps. Viel besser! Nur mit dem Allrad geht es zu den Wasserfällen, die man sich mit einem längeren Fußmarsch verdienen muss. Die Belohnung sind tropisch grüne Wanderwege, kühle Naturpools und so gut wie keine Touristen. Überall warnen "Be Crocwise"-Schilder. Salzwasserkrokodile können sich bis zu 200 Kilometer im Landesinneren aufhalten, weshalb man nie in unbekannten Gewässern oder Flüssen baden sollte. Eine Warnung, die wir bereits verinnerlicht haben.

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Kann ich auf dir reiten?

Unsere Parzelle am Bush-Campingplatz ist so groß, dass wir noch ein Auto mit Zeltdach zu uns einladen. Ein Berliner Ehepaar und ihr Sohn leisten uns Gesellschaft und erzählen uns von ihren Reisen. Die beiden Lehrer unterrichten für drei Jahre in Shanghai und verbringen in Australien ihren Kurzurlaub.

Wie fast immer hätten wir es auch hier noch länger ausgehalten, doch wir wollen weiter nach Darwin, wo wir erwartet werden. Auf dem Weg dorthin teilen wir die Strecke und machen einen Stopp bei den Berry Springs. Wieder einmal heiße Quellen unter Palmen.

In Darwin dient uns ein sattgrüner Garten zwischen alten Bäumen als Parkplatz. Es ist die Einfahrt von Josh und Hanna und ihrem sechs Wochen alten Max. Auch hierher wurden wir "weiterempfohlen". Dick, ein charismatischer Yoga-Lehrer, wohnt als Untermieter hier und gemeinsam bilden wir eine kleine, feine Wohngemeinschaft. Drei Hennen liefern das Frühstück, legen ihre Eier (und auch sonst so manches) überall hin und bescheren unseren Kindern täglich eine österliche Eiersuche. Zwei Geburtstage wollen gefeiert werden. Dick wird 57 und unser Linus fünf.

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Happy Birthday, Linus (5)

Im Garten-Dschungel veranstalten die Geschwister für Linus eine Schatzsuche. Mit Taschenmesser, Kompass und Feuerstein – seinen Geburtstagsgeschenken – sind wir für kommende Abenteuer noch besser gerüstet. Und was wünscht sich das Geburtstagskind zum Essen? Österreichische Käsespätzle.

Doch so schnell lässt uns Darwin nicht los. Die Stadt zeigt sich in den zehn Tagen unseres Aufenthalts als besonders attraktiv (Höhepunkt 1). Unsere Tauschhausfamilie aus dem Vorjahr ist vor gut einem Jahr hierher gezogen und Jerry hat ein Boot. Da leuchten schon unsere Augen! Diesmal jedoch gehen unsere Fischer-Helden mit leeren Händen von Bord. Die Natur hat eben ihre eigenen Gesetze. Dafür kommen wir während unseres Aufenthalts in den Genuss eines krokodilsicheren Wellenbades an der Waterfront, von Spielplätzen mit Fitnessparcours, öffentlichen Bibliotheken und vielen Laufstrecken. Uli macht bei zwei "Park Runs" mit, ein Fünf-Kilometer-Lauf ohne Wettbewerb, bei dem nur die persönliche Bestzeit und die gemeinsame Freude an der Bewegung zählen. Ein kostenloses Museum erzählt die tragische Geschichte von Zyklon "Tracey", der an Heiligabend 1974 fast die ganze Stadt zerstörte, und berichtet davon, wie sie mit vereinten Kräften wieder aufgebaut wurde. Auch viele Informationen über die Tier- und Pflanzenwelt im Northern Territory werden vermittelt, was die Vorfreude, die Fauna und Flora in echt anzuschauen, steigen lässt.

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Darwin: Feuerkünste auf dem Strand

Das Wissen der Ureinwohner

Wir verabschieden uns von unseren liebgewonnenen "WG"-Bewohnern und machen uns auf zum Kakadu-Nationalpark, dem ersten seiner Art, der von Aborigines gemeinsam mit der Naturschutzbehörde geführt wird (Höhepunkt 2). Birgit bucht eine Aboriginal-Tour und gemeinsam mit einer 60-jährigen Ureinwohnerin geht es für einen Tag noch weiter in die Wildnis.

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Ameisen als Snack oder zum Würzen

Patsy teilt gern ihr traditionelles Wissen, erklärt, welche Kräuter zum Würzen und als Medizin verwendet werden, wie man essbare Muscheln aus vertrockneten Flussbeeten herausstochert, welche Palmen sich zum Essen und welche zum Korbflechten eignen und wie man am Lagerfeuer Fleisch und Damper, eine Art Brot, kocht.

Der Reichtum der Natur, der Wissensschatz und die Weisheit der australischen Ureinwohner beschäftigen uns am abendlichen Familientisch. Unseren Körpern macht hingegen die Hitze zu schaffen. Doch in den Flüssen tummeln sich allerorts Krokodile und Wasserbüffel und so schwitzen wir lieber, als gefressen zu werden. Auf dem Rückweg kommen uns die heißen Quellen von Katherine wieder in den Sinn, wie versprochen sagen wir nochmals bei Linda Hallo.

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Kakadu-Nationalpark: Unser ganz persönlicher Naturpool mit Ausblick!

Ein Bush-Camp voller Tiere

Der nächste Stopp wird in Mataranka eingelegt. Auch hier gibt es Thermalquellen – ja, wir lieben inzwischen warmes, krokodilfreies Wasser – und ein Camp, das alles bisher Gesehene an Gemütlichkeit überbietet. Unter einem großen Baum steht eine lange Tafel, wo täglich frisches Brot serviert wird und alle Reisenden gemeinsam frühstücken. Erlebtes wird geteilt und so manche gemeinsamen Reisepläne werden geschmiedet. Die Pferde, Rinder und anderen Tiere werden von den Kindern gefüttert, egal ob hungrig oder nicht. Dann holt Tess seine geretteten Reptilien heraus und die Kinder laufen mit Blauzungen-Lizarden in der Hand und Pythons um den Hals durch die Gegend. Das Lagerfeuer brennt den ganzen Tag, in großen gusseisernen Töpfen wird Curry gekocht und täglich um 20 Uhr werden die Flughörnchen gefüttert. Unsere Zirkusspielsachen wirken wie ein Magnet und unser Wohnwagen wird zu einem Platz der Begegnung für Jung und Alt: Es wird Karten gespielt, geturnt, mit den Fingern gehäkelt und unsere Kinder bringen den anderen Deutsch bei, zur Erheiterung aller.

Doch irgendwann heißt es Abschied nehmen, schließlich wollen wir zum Uluru und der "Heilige Berg" im roten Zentrum Australiens liegt noch 1500 Kilometer entfernt … Mehr über unsere "Abenteuer im Abenteuer" im nächsten Artikel.

Höhepunkte

Kakadu-Nationalpark: Kakadu ist landschaftlich als auch kulturell einzigartig und deshalb sowohl Weltnatur- als auch Weltkulturerbe. Der Nationalpark wird gemeinschaftlich von Naturschutzbehörden und den seit 50.000 Jahren vor Ort lebenden Aborigines geführt. Sümpfe und Flüsse durchziehen den 20.000 Quadratkilometer großen Nationalpark und er stellt mit seinen tausenden Pflanzenarten und seiner enormen Tiervielfalt einen unglaublichen biologischen Reichtum dar. Bei kostenlosen Führungen von Rangern (eine Art Parkwächter und Förster) erhalten Besucher tiefe Einblicke in die Lebensweise der halbnomadischen Aborigines, deren enge Symbiose mit der Natur und der Kreislauf der sechs Jahreszeiten ihren Alltag bestimmt. In unzähligen Felsmalereien auf mehr als 5000 Stätten halten die Ureinwohner seit vielen Generationen ihre Schöpfungsgeschichte, ihr mythisches Leben und den Alltag in Bildern fest. Einige davon sind öffentlich zugänglich und stellen einen unschätzbaren Einblick in die weltweit älteste, lebende Kultur dar.

Darwin: Darwin ist bekannt als das „Tor nach Asien“, finden sich unter seinen Bewohnern fast 80 verschiedene Nationalitäten wieder – und etwa ein Viertel der Bewohner gehört den indigenen australischen Völkern an. Diese bunte, multikulturelle Stadt mit ihrem breiten Angebot an Kultur, lebendigen Wochenmärkten und faszinierender Natur stellt für viele Australienreisende den Start- oder Endpunkt ihrer Reise dar. Aufgrund der klimatischen Extreme gibt es aber nur wenige Monate im Jahr, die hier angenehm sind. Die Zeit vor den Monsunregen („build-up“) ist extrem feucht und schwül und dann kommen die Monate der Wolkenbrüche und der Gewitter („wet“). Die Stadt bemüht sich mit einem besonders engagierten öffentlichen Angebot, trotz des extremen Klimas, möglichst viele Leute und auch Touristen ganzjährig und über Jahre hier zu halten. Nicht zuletzt auch, weil es für die lokale Industrie schwierig ist, Arbeitskräfte zu finden. Darwin wurde in der Vergangenheit nicht nur von Wirbelstürmen fast komplett zerstört, sondern auch 1942 von japanischen Luftstreitkräften angegriffen. Diese Attacken sind allgegenwärtig und stellen für Australien immer noch ein militärisches Trauma auf der sonst so entspannten Insel dar.

 

Wissenswertes

  • Northern Territory: Fast halb so groß wie Europa ist das Northern Territory, das wahre Outback Australiens. Die Region ist bekannt für ihre Naturwunder, die uralte Kultur der Ureinwohner und unglaubliche Biodiversität. Die Hälfte der im „Territory“ lebenden 250.000 Menschen wohnen in der Multikulti-Hauptstadt Darwin, der Rest sind fast unberührte Landstriche. Die ideale Reisezeit für den tropischen Norden ist von Mai bis September – Alice Springs und Uluru von Februar bis April bzw. Oktober bis Dezember.
  • Aborigines: 60.000 Jahre lang lebten die australischen Ureinwohner abgeschottet von der Außenwelt als steinzeitliche Jäger und Sammler. Doch als im 19. Jahrhundert die Weißen den Kontinent besiedelten, änderte sich alles. Die Aborigines wurden abgeschlachtet, ihr Land wurde geraubt, ihre Tradition missachtet, sogar ihr Aussterben prophezeit. 2008 entschuldigte sich die Regierung erstmals bei den Ureinwohnern für das ihnen zugefügte Leid. Heute leben ungefähr 600.000 Aborigines in Australien. Ihre soziale Lage ist schlecht. Armut und Alkoholismus, Drogen und Gewalt spielen eine große Rolle.

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