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Reisen

Idylle mit Tiefgang

Von Johannes Jetschgo   23. Juli 2022 00:04 Uhr

Vysocina

Die tschechische Region Vysocina lohnt, entdeckt zu werden.

Havlickuv Brod mit ihren 25.000 Einwohnern ist eine Kleinstadt in der Vysocina, der böhmisch-mährischen Höhe. Ihr Hauptplatz verströmt altösterreichisches Flair, man kann ihn sich gut als Kulisse für den Bezirkshauptmann von Trotta vorstellen, der in Joseph Roths Roman "Radetzkymarsch" sonntäglich auf seinen Balkon tritt, um die Militärkapelle zu begrüßen, nach dem Mittagsmahl von "Wein, Rindfleisch und Kirschknödeln". "Sie war die Heimat des Sommers", heißt es von dieser literarischen Provinz und das könnte auf Havlickuv Brod zutreffen, dessen gepflegte historische Innenstadt solche Zeitreisen begünstigt, umso mehr, als sich die Stadtpolitik schon vor Jahren entschieden hatte, störende Plattenbauten abzutragen.

Vom Hotel "Zum goldenen Löwen" an der Nordseite des Platzes hat man den schönsten Blick auf das renovierte Geviert der Innenstadt, die in der Vergangenheit sichtbar vom nahen Silberbergbau profitierte. Vis-à- vis das Renaissance-Rathaus mit seinem memento mori, einem Sensenmann, der im obersten Stockwerk den Überblick behält über das blühende Leben.

Johann Wenzel Stamitz (1717–1757), der als Komponist die Konzertsinfonie prägte und schließlich "Hofinstrumentalmusikdirektor" in Mannheim wurde, kommt aus dieser Stadt. Und hier am Platz klärt sich auch, warum sich mein Quartier "Hotel Brixen" nennt. Südtirol ist hier doch weit weg. Eben deshalb. Karel Havlicek Borovsky, ein Demokrat und Journalist der ersten Stunde, also vor 1848, wurde hier in seinem Elternhaus in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" von der Polizei verhaftet und nach Brixen ins Exil befördert. Havlicek-Borovsky fühlte sich als Austro-Slawe, er war vom Zarismus, den er bei Russland-Aufenthalten kennengelernt hatte, enttäuscht. Er wollte die Föderalisierung des Österreichischen Kaisertums auf Nationalitätenbasis, war aber kein Nationalist. Aber er verlangte und engagierte sich für demokratische Reformen.

Von den Kommunisten vereinnahmt

Das war für den erstarkten Absolutismus des jungen Kaiser Franz Joseph schon zu viel. Havlickek-Borovskys Zeitungen wurden eingestellt, er selbst sollte durch seine Umsiedlung nach Brixen mundtot gemacht werden. Die Wahl des hierorts exotischen Hotelnamens hat also gute politische Gründe. Wie viele Demokraten der ersten Stunde wurde Havlicek-Borovsky von den Kommunisten vereinnahmt, die ihn als bürgerlichen Vorreiter ihrer eigenen Ideen ausgaben.

Die Vysocina besitzt auch – als UNESCO- Welterbe – das Monument eines der populärsten politischen Heiligen: die Wallfahrtskirche Zelena Hora/Grüner Berg in Zdar an der Sazawa, eine knappe Autostunde von Havlickuv Brod. Wer über Land fährt, durch ungestörte, von Zersiedelung verschonte Gegenden, begleitet immer noch von alten Obstbaum-Alleen, erkennt bald, dass es hier auf den Granitböden, vergleichbar dem Mühlviertel, eine lange Erdäpfelzuchttradition gibt. Der Grüne Berg gehört Johannes von Nepomuk. Oder mindestens so sehr jenem Barockbaumeister, der ihm und den Pilgern diesen Platz geschaffen hat: Giovanni Santini Aichel. Dessen fantastisches Gesamtkonzept offenbart sich, wie es hier heißt, eigentlich nur dem Auge Gottes: Tatsächlich wird erst in der Luftaufnahme die Raffinesse der Anlage vollkommen sichtbar, das Spiel mit Zahlensymbolik, mit der Zahl Fünf, die im Strahlenkranz des Heiligen in fünf Sternen zugrundegelegt ist und den fünf Buchstaben des lateinischen "tacui" ("ich habe geschwiegen") entspricht.

Die Jesuiten mit ihrem untrüglichen Gespür für die Medien ihrer Zeit haben Johannes zum Patron des Beichtgeheimnisses gemacht und zum Volksheiligen, der an allen Brücken begegnet. Johannes von Nepomuk war aber zunächst Priester und Notar, Jurist des Erzbischofs von Prag. Und als solcher hatte er sich als Generalvikar gegen die Vetternwirtschaft König Wenzel IV. gestellt, der ein neugeschaffenes Bistum mit einem Günstling besetzen wollte. Diese Opposition wurde ihm zum Verhängnis, der König beging an ihm 1393 einen Justizmord. Die Jesuiten rückten stattdessen seine Rolle als Beichtvater der Königin in den Mittelpunkt und die Legende von der unverwesten Zunge und dem Schweigegebot bewährt sich bis heute.

Die Zunge als Symbol

Natürlich hat sie auch Santini-Aichel, der italienischstämmige Prager Künstler, folgerichtig kultiviert. Man begegnet der Zunge als beinahe surrealem Symbol im gesamten Bauwerk, das – wie Kunsthistoriker meinen – den Kubismus vorwegnimmt. Es ist das bedeutendste Beispiel an Barockgotik, einer nur in Böhmen vorhandenen Stilvariante, deren gedanklicher Unterbau in Zeiten der Gegenreformation die Anknüpfung des Barock an die Kirchenbauten des Mittelalters ist und damit an die Einheit der katholischen Kirche. Der Zisterzienser-Abt Wenzel Wejmluva hatte die Wallfahrtskirche vor der Tür seines Klosters noch vor der Heiligsprechung Johannes in Auftrag gegeben.

Das Kloster selbst, es wurde von Josef II. aufgehoben, gehört heute wieder der Familie Kinsky. Constantin Kinsky, in Frankreich aufgewachsener Unternehmensberater, verwaltet hier 5700 Hektar Landwirtschaft und 750 Hektar Teiche. Er rechnet vor, es bedürfe eines Hektars Wald, um einen Quadratmeter der Dachfläche des weitläufigen einstigen Klosterbaus zu erhalten. Was bei den Borkenkäfer- und Klimaschäden zur Herausforderung wird. Es brauche ein neues Forstgesetz, er will anknüpfen an der Idee des "mixed forest", die

seine Großmutter Eleonore bereits in den 1920er Jahren in zwei Reservaten in die Praxis umgesetzt hat. In Sachen Nachhaltigkeit habe man freilich 50 Jahre verloren.

Museum der neuen Generation

"Wir waren schon immer hightech" sagt Kinsky und spielt auf die uralte ausgeklügelte Wasserwirtschaft der Zisterzienser an und deren Wissen um Bodenkultur. So wird er demnächst ein Photovoltaik-Pilotprojekt auf einem seiner Teiche starten, gekühlt, beweglich und ohne Bodenverbrauch. Und Hightech beweist tatsächlich das "Museum der neuen Generation", in dem er und seine Frau nicht nur die Region, sondern überhaupt die Öffentlichkeit mit der bewegten Geschichte bekanntmachen.

Man geht mit Audioguide, auch in Deutsch, in 90 Minuten durch ein spannend und kurzweilig interaktiv gestaltetes "Museum", in dem Station für Station quer durch die Jahrhunderte mit Videomapping und animierten Grafiken erlebbar sind, exemplarisch unterstützt durch Originaldokumente und Exponate, erzählte Geschichte im besten Sinn.

Ein Architektenstar wie Giovanni Santini-Aichel wurde in seiner Zeit weiterempfohlen. So finden sich in der näheren Umgebung etliche sehenswerte Zeugnisse seiner Arbeit. Das Prämonstratenserkloster Zeliv gehört dazu. Hier ist an den beiden Chororgelbauwerken sein virtuoses Spiel mit der Symmetrie sichtbar. Zeliv begegnet uns als kontraststarker Platz. Um wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen, hat der Orden in der einstigen barocken Abtei ein gediegenes Hotel samt Kur- und Wellnessresort eingerichtet, versorgt mit guter Küche und der klostereigenen Brauerei, quasi ein kleines Start-up, bei dem die nahe Privatbrauerei Bernard Geburtshilfe geleistet hat.

Ein großes Deckengemälde des Jugendstilmalers Anton Häusler lässt hier alle böhmischen Nationalheiligen auftreten – ein interessantes Dokument, wie sehr auch die katholische Kirche in Zeiten der Monarchie die Legitimation böhmischer Staatlichkeit unterstützte.

Ein dunkles Kapitel

Im Kreuzgang begegnet uns ein Kapitel jenseits der Glorie. Eine Dauerausstellung erinnert an die dunklen Jahre, als das Kloster zwischen 1948 und 1956 sogenanntes "Konzentrationskloster" war, in dem Hunderte Ordenspriester interniert waren. Die kommunistische Staatspolizei entsorgte nicht nur die wertvolle Bibliothek der Abtei in der nahen Papierfabrik, sie ermordete den Prämonstratenser Josef Toufar nach einem Schauprozess. Das Wissen um die Folgen eines totalitären Regimes ist präsent. Requisite wie die geheim gefertigte Monstranz aus Blechkonserven sind anschauliche Sakralgegenstände einer verfolgten Kirche.

Die reizvolle Region der Vysocina erinnert an vielen ihrer Orte an beides: an furchtbare Exzesse der Macht und an fruchtbare kulturelle Symbiosen. Eine solche ist das Künstlerpaar Bohuslav Reynek und Suzanne Renaud. Reynek und seine französische Ehefrau pendelten bis 1938 zwischen Grenoble und Petrkov und schufen als Übersetzer eine Brücke zwischen der jungen Tschechoslowakei und Frankreich.

Reyneks Familienbesitz in Petrkov ließ sie nach dem Zweiten Weltkrieg bleiben. Die Idylle, die an Kubins Refugium in Zwickledt erinnert, wurde zum Exil im eigenen Land. Briefwechsel mussten Reisen ersetzen, das kleine Guts-haus aus der Renaissance wurde letztlich zur Falle für zwei Weltbürger und ihre Söhne. Obwohl Bohuslav Reynek nicht nur ein großer Zeichner war, sondern auch begeistert neben französischen Autoren Georg Trakl übersetzte, gibt es kaum Übertragungen seiner eigenen Literatur ins Deutsche. Hier ist viel zu entdecken. Immerhin ist der "Blaue Salon" erhalten geblieben, ein Raum mit einzigartiger Wandmalerei.

Eine weltabgewandte Zeit

Das Kulturministerium arbeitet an der Wiederbelebung des Ortes, der einst, auch in der Dissidentenzeit, ein Zentrum geistig-künstlerischen Austausches war. Ungeachtet der laufenden Renovierung will das Nationale Literaturmuseum das Haus offen halten. Monatliche Veranstaltungen werden online angekündigt, Familien-Fotografien Daniel Reyneks illustrieren das Los der Eltern, das symptomatisch ist für die weltabgewandte Zeit der 1950er Jahre.

Der Lyriker Jan Skacel formulierte treffend den Charakter, der diesen Ort und die Landschaft ringsum auszeichnet: "Die mährische Hymne ist nämlich – Stille".

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