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Reisen

Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental

Von Gerhard H. Oberzill   24. Oktober 2021 09:30 Uhr

Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental
Vor knapp einem Jahrhundert entstand Badens Thermalstrandbad im Art-Déco-Stil.

Die Aufnahme Badens in die UNESCO-Welterbeliste hat die Kurstadt erneut in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

In Baden bei Wien badeten schon die alten Römer. Zivilisten und Legionäre aus Vindobona und Carnuntum suchten hier, die Schmerzen ihrer rheumatischen Erkrankungen zu lindern. "Aquae" nannten sie den Ort wenig einfallsreich – "Wässer" also, im Sinne von "Quellen". Dabei verdankten sie die Entdeckung der warmen Schwefelquellen dem altersschwachen Hündchen eines Soldaten, das beobachtet wurde, wie es im Thermalwasser seine wehen Gelenke badete. Sagt die Legende.

Jedenfalls kann die Römer- oder Ursprungsquelle, an der Baden sozusagen begann, heute noch im Rahmen einer Stadtführung besichtigt werden. Brav trippeln die Besucher hinter Cicerone Christine durch einen langen unterirdischen Gang bis zu einem blau verfliesten Kuppelbau. Dort blicken sie ergriffen in die gluckernde Tiefe, wo der Born seit Jahrtausenden sprudelt. Auch ins Stadtwappen fand der Badebetrieb Eingang: Es zeigt ein (verschiedengeschlechtliches) Pärchen in einem Holzzuber. Und zwar textilfrei, worüber sich freilich heutzutage niemand mehr entrüstet.

Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental
Der Stollen führt zur Römerquelle.

Ein Cabrio-Theater

Direkt über der Römerquelle thront der Jugendstilbau der Badener Sommerarena, die alljährlich in der warmen Jahreszeit ein buntes Operettenprogramm bietet. Eine technische Besonderheit stellt das Glasdach des Hauses dar, das je nach Witterung geöffnet oder geschlossen werden kann – ein Cabrio-Theater gewissermaßen. Diese geniale Idee mag Pate gestanden haben für eine noch kühnere Konstruktion: das größte frei hängende Glasdach Europas über der Schwimmhalle der Römertherme, einer der beiden riesigen Wellness-Oasen der Stadt.

Die andere Oase, das denkmalgeschützte Thermalstrandbad, hält derzeit bis zum nächsten Mai einen verdienten Winterschlaf. In der Zwischenkriegszeit in einem bemerkenswerten Kraftakt im Art-Deco-Stil errichtet, zeichnet sie sich durch Österreichs größten künstlichen Sandstrand aus. Und als besondere Attraktion vermeldete die Badener Zeitung am 24. Juli 1926, dem Eröffnungstag, geradezu Unglaubliches: "Obwohl eine Nachtbenützung nicht geplant ist, so wurden doch die Kabinengebäude mit elektrischem Lichte versehen."

Das Thermalstrandbad liegt direkt an der Schwechat, der wir flussaufwärts folgen. Zuerst geht es unter dem mächtigen Aquädukt der ersten Wiener Hochquellen-Wasserleitung hindurch, danach promenieren wir auf dem berühmten "Wegerl im Helenental", das Alexander Steinbrecher in seinem Singspiel "Brillanten aus Wien" verewigte. Dazu scheint die Herbstsonne und lässt die Blätter der Wienerwaldbäume von gelb bis rot in den schönsten Verfärbungen leuchten. Auf dem Berg gegenüber wacht die Ruine Rauhenstein, ihr zu Füßen birgt die Helenenkirche mit ihrem Töpferaltar ein Kuriosum: die heilige Trinität in Gestalt dreier Herren.

Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental
Strauß sitzt, Lanner muss stehen.

Eine Infotafel preist den Pfad als "das romantischste Wegerl der Welt" und informiert die Besucher, dass 1796 Kaiser Franz I. (damals eigentlich noch als [letzter] Kaiser des Heiligen Römischen Reiches der Zweite seines Namens) Baden zu seiner Sommerresidenz erkor und damit einen enormen touristischen Aufschwung initiierte. Denn wo der Hof hinzog, kam der Adel nach, später folgte ein wohlhabend gewordenes Bürgertum, es entstanden viele Villen, die großteils heute noch zu bewundern sind. Badens "Kaiserzeit" begann also schon an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und erlebte im Biedermeier eine erste Blüte.

Spaziergänger finden auf dem "Wegerl" nach einer kurzen Strecke eine erste Labestation im Waldgasthaus Hauswiese vor, wo schon anno dazumal in einem eigenen Musikpavillon die Walzerkönige Josef Lanner und Johann Strauss senior zweimal die Woche Kurkonzerte gaben. Engagiertere Wanderer schreiten indes weiter den Schwechatbach aufwärts, via Krainer- bis zur Augustinerhütte. Nach Mayerling und Heiligenkreuz ist es freilich dann noch ein Stückchen, für das man sich besser ein Fahrrad besorgt, bequemerweise ein E-Bike.

Durchs Lumpentürl

Zum Glück hat Baden seit zwei Jahrhunderten keine Stadtmauer mehr. Sonst ginge es uns nach solch einem ausgedehnten Ausflug vielleicht wie so manchem mittelalterlichen Zecher, der nach einem Heurigenbesuch in einem der umliegenden Weinbaudörfer nach Einbruch der Dunkelheit vor verschlossenen Stadttoren stand. Doch die beschwingten Heimkehrer mussten nicht vor der Mauer kampieren, gegen ein Sperrsechserl wurde ihnen ein kleiner Durchlass geöffnet – das erhalten gebliebene "Lumpentürl".

Diesem "Noteingang" schräg gegenüber steht an der Adresse Rathausgasse 10 das sogenannte Beethovenhaus, eigentlich das einstige Anwesen des Kupferschmieds Johann Bayer. Drei Sommer lang wohnte der geniale "Tonsetzer", wie Beethoven amtlich tituliert wurde, dort zur Miete und arbeitete eifrig; unter anderem entstanden hier große Teile seiner Neunten Symphonie. Gleich beim Eintritt braust dem Besucher – interpretiert von Daniel Barenboim und seinem west-östlichen Diwan-Orchester – deren vierter Satz entgegen, die von Beethoven vertonte Schillersche Ode an die Freude, die bekanntlich zur Europa-Hymne avancierte.

Insgesamt weilte Beethoven mindestens 15 Mal in Baden, doch da er kein pflegeleichter Zeitgenosse war, wollte ihn so mancher Vermieter kein zweites Mal beherbergen. Auf ein anderes Musikgenie, nämlich Mozart, stoßen wir in der Pfarrkirche St. Stefan. Hier erklang zum ersten Mal die von ihm in einer einzigen Badener Nacht komponierte berühmte Motette Ave Verum Corpus. Gar 17 Mal wiederum sommerfrischte Franz Seraphicus Grillparzer hier, und auch er war neben dem Kuren schöpferisch tätig (wofür er als pflichtbewusster österreichischer Beamter während des Dienstes natürlich keine Zeit hatte); der Nebenerwerbsdichter wurde vom Genius loci zum "Goldenen Vlies" inspiriert.

Nicht zuletzt diesen Geistesgrößen verdankt Baden die kürzlich erfolgte Aufnahme in den erlauchten Kreis von elf "Great Spa Towns of Europe", den wichtigsten Kurstädten des Kontinents, die als UNESCO-Welterbe gelistet wurden. Natürlich reiste die kulturelle, politische und gesellschaftliche Prominenz wegen der umfangreichen Therapie-, Kur- und Unterhaltungsmöglichkeiten an, die Badens 14 Schwefelthermalquellen samt Infrastruktur dem Gast bis heute bieten. Zur Auszeichnung trug aber auch die Einbettung des Ortes in die Naturlandschaft des Wienerwaldes bei, der übergangslos an den Kurpark anschließt.

Warum muss Lanner stehen?

In diesen Kurpark zieht es uns abschließend, freilich nicht ohne vorherige Stärkung mit einem Waldbeerfleck in Herwig Gassers (ehemalige) kaiserliche Hofbackstube auf dem Hauptplatz. In der Grünanlage sticht ein Denkmal für Josef Lanner und Johann Strauß (Vater) ins Auge. Sozusagen stellvertretend für alle Künstler der "leichten Muse", die Baden viele Jahrzehnte hindurch ebenfalls bereicherten. Warum aber, fragt sich der Besucher, darf nur Johann Strauß sitzen, während Josef Lanner stehen muss? Weil Strauß vor einem Jahrhundert, als die Bronzen entstanden, als der Bedeutendere galt, dem man mit einem Sessel mehr Ehre erweisen wollte? Die Einheimischen zerbrechen sich darüber nicht den Kopf, sondern konstatieren pragmatisch: Lanner ist derjenige, der am Strauß "lahnt"…

  • Weitere Infos beim Tourismusbüro tourismus.baden.at
  • Unterkunft: Aus der Fülle der Hotels seien zwei Schlösser genannt: hotelschlossweikersdorf.at und das-gutenbrunn.at, wobei Letzteres mit einem außergewöhnlichen Frühstücksbuffet aufwartet und einen Direktzugang zur Römertherme bietet.
  • Als Stadtführerin kann c.triebnig-loeffler@aon.at empfohlen werden.
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