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Hut ab

Von Christian Schreiber   16.Februar 2020

Hut ab
Sonnenuntergang in der Bucht von Qui Nhon

Lan van Do ist ein kleiner, dürrer Mann. Er ist geboren und aufgewachsen in der Provinz Phu Cat in Zentralvietnam und hat seine Heimat nie verlassen. Ohne Übersetzer kann er Touristen nichts Wörtliches zu seinem Land überliefern, weil er nur seine Sprache beherrscht. Und doch erfährt man bei ihm mehr über Vietnam, als so mancher Guide berichten könnte. Der Besucher blickt in ein faltiges Gesicht und bemerkt sofort die hellwachen Augen, die die Umgebung scannen.

Vietnam ist eines der letzten kommunistischen Länder der Erde, wenngleich die Politik bereits 1986 eine vorsichtige Wende von Marx zu Money einleitete. Aber die Alten wissen immer noch, dass man niemandem von der ersten Minute an trauen darf. So ist Lan lange Zeit zurückhaltend und abwartend. Eisbrecher bei 30 Grad im Schatten ist eine Dose Cola, die ihn dazu bringt zu lächeln und zu erzählen. Lan hat kaum noch Zähne, eine Spätfolge der Mangelwirtschaft. Heute können die Menschen alles bekommen, auch die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten gilt als ausreichend. Aber viele Vietnamesen sind schlichtweg arm und müssen von weniger als 100 Euro im Monat leben.

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Lan van Do flicht ein Nationalheiligtum, die Non Las genannten Kegelhüte.

Lan war ein Kind, als er anfing seinem Vater bei der Arbeit zu helfen. Sechzig Jahre später ist zwar der Vater nicht mehr, aber der Sohn betreibt noch immer dasselbe Business. Er flicht vietnamesisches Nationalheiligtum, die Non Las. Das sind jene Kegelhüte, die man aus Filmen, Prospekten und Büchern kennt. Sie spenden Schatten, wenn sich die Frauen in der Hitze des Tages über die Reisfelder beugen, und bieten Schutz vor dem prasselnden Wasser, das in der Regenzeit vom Himmel fällt. Die Hüte halten lange – Lan präsentiert sein ältestes Exemplar, das vor 170 Jahren entstand.

Hüte mit Tugenden

Es gibt nur noch weniger als 100 solcher Hutmacher in Vietnam. "Plastik macht das Geschäft kaputt", erzählt Lan. Die nachgemachten Non Las sind deutlich günstiger. Wer bei Lan einkauft, muss ab 20 Euro rechnen, es können aber auch 250 Euro sein. Bis zu zehn Tage dauert es, einen Hut von Hand zu fertigen. Man braucht die Blätter des Zhang Tree. Sie werden von Hand in Streifen geschnitten, zu Tausenden eingefädelt und verwoben. Die Ringe zum Befestigen schneidet Lan aus der Ananaswurzel, die regen- und sonnenfeste Schicht besteht aus Blättern des Kokosnussbaums. In die Spitze des Hutes sticken die Tanten und Töchter von Lan den Namen des Besitzers ein. Außerdem erhält jeder Non La Verzierungen auf der Innenseite. Bei Frauen werden traditionell Symbole eingenäht, die die Tugenden der Vietnamesinnen widerspiegeln sollen: Fürsorge, Schönheit, Geschick und Glückseligkeit.

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Reisfelder, so weit das Auge reicht

Wer will kann sich auch Symbole für Gelassenheit, Ruhe und Langsamkeit einsticken lassen. Dabei tragen die Menschen in Zentralvietnam all das im Herzen und in den Genen. Gemeinhin kann man sie als die rücksichtsvollsten Autofahrer des Erdballs bezeichnen. Keiner käme auf die Idee, wild zu beschleunigen oder zu drängeln. Selbst die unzähligen Mofas und Roller sind im Verkehr voll akzeptiert. Wer sie überholt, gibt als Vorwarnung ein vorsichtiges Hupzeichen, hält einen großzügigen Sicherheitsabstand ein und erhöht den Druck aufs Gaspedal nur ganz sanft. So fühlt sich Entschleunigung auf der Überholspur an.

Der langsamste Kaffee der Welt

An das langsame Tempo muss sich der Europäer erst gewöhnen. Aber es herrscht auch in der Küche. Die besten Rezepte dauern Stunden und werden nicht gekocht, um satt zu machen, sondern um den Gast mit Freude und Liebe zu erfüllen. Wer Kaffee bestellt, erhält einen Phin-Filter, der auf jede einzelne Tasse gestellt wird. Es handelt sich um den vermutlich langsamsten Brühvorgang der Welt. Europäer schütteln den Kopf über so viel Langsamkeit. Die Vietnamesen lachen über die ungeduldigen Ausländer. Nach zehn Minuten ist die Tasse halbvoll. Immerhin schmeckt der Kaffee sehr stark und erinnert ein wenig an italienischen Espresso.

Ein Stück weit ist diese innere Ruhe und Gelassenheit natürlich dem Buddhismus, Religion Nummer eins in Vietnam, geschuldet. Er ist aber nicht so präsent wie in anderen asiatischen Ländern, wo an jeder Ecke ein Tempel samt Ganesha wartet. In Vietnam gibt es in jeder Provinz ein großes Kloster, was mehr oder weniger der kommunistischen Maxime geschuldet ist, alles zu zentralisieren.

Ein runder Geselle

Beim Besuch des Tieng-Hung-Klosters nahe der Stadt Qui Nhon trifft man im Eingangsbereich gleich auf den Lieblings-Buddha der Vietnamesen. Di Lac ist ein runder Geselle mit lachendem Gesicht und strahlenden Augen. Er sitzt dort, um zu demonstrieren: Glück, Gesundheit, Geld und Fröhlichkeit sind das Schönste im Leben. Angesichts seiner Körperfülle scheint jede schnelle Bewegung ausgeschlossen. Er ist ein Vorbild an Ruhe und Gelassenheit. Man darf ihm den Bauch streicheln, Selfies sind erwünscht. Es ist ein erfrischender Umgang mit Religion, der sich im Tempel fortsetzt. Die Gläubigen bringen Opfergaben für die einzelnen Götter. Und so stehen auf den Altären Energydrinks in der Son–deredition und Pralinen in der Designerpackung. Für die Götter muss es schon etwas Besonderes sein.

Ein Stück weiter Richtung Qui Nhon steigen Touristen zum 1000 Jahre alten, hinduistischen Champa-Tempel empor. Auch wenn es diesig ist, reicht die Sicht auf Hochhäuser der Stadt, die erst in den vergangenen Jahren entstanden sind, und auf die Küste mit ihren Sandbuchten. Erst wenige Hotels und Ressorts haben sich dort angesiedelt. Der Touristenboom, der mit Rucksacktouristen vor 20 Jahren anfing und Zentren wie die Halong-Bucht mit Millionen Besuchern pro Jahr hervorbrachte, ist noch nicht in Zentralvietnam angekommen. In Planung ist zwar ein Großprojekt mit Golfplatz und Safaripark in der Nähe des Flughafens, aber das Meer in der Bucht von Qui Nhon gehört noch den Fischern und nicht den Badegästen. Die bunten Boote tuckern zu den Fang- und Zuchtkäfigen, die nachts beleuchtet sind, weil das Tintenfische anlockt. Bis dato gibt es auch kaum touristische Agenturen, die Rundfahrten oder Ausflüge anbieten. Man muss auf eigene Faust losziehen oder sich an die wenigen Hotels halten. Einige machen sich die Mühe und bieten ein entsprechendes Programm.

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Die typischen vietnamesischen Fischerboote

Das Anantara Qui Nhon, zu dem auch das günstigere Avani-Hotel gehört, hat zusammen mit den einheimischen Mitarbeitern ein ansprechendes Ausflugsprogramm auf die Beine gestellt. Die Ressortgäste haben die Möglichkeit, Fischerdörfer zu besuchen, Reispapier herzustellen und einen der letzten Hutmacher des Landes kennenzulernen.

Eine Chance für die Enkel

Lan findet es gut, dass Besucher endlich auch in seine Region kommen. Es bereitet ihm sichtlich Freude, seine Tradition in die große, weite Welt hinaustragen zu können. Er weiß aber auch, dass Tourismus die Chance für seine Enkel und deren Kinder ist. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Familie noch mal drei Generationen im Non-La-Business überlebt, ist eher gering. Was die eigene Zukunft betrifft, hat Lan nur einen Wunsch: Nur einmal in seinem Leben möchte er eine Reise machen. "Angkor Wat ist mein großer Traum."

Sein Traum befindet sich gerade einmal 700 Kilometer fern der Heimat. Für Lan, den aufrichtigen, aber armen Hutmacher aus der vietnamesischen Provinz Phu Cat wäre es eine Weltreise.

Anreise: Ab Wien fliegen verschiedene Gesellschaften nach Ho-Chi-Minh-Stadt. Retourticket rund 1000 Euro.

Einreise: Österreichische Staatsbürger benötigen ein Visum, das sich online beantragen lässt.

Unterkunft: Anantara: (Strand-)Villen ab 330 Euro/Nacht. anantara.com; Avani: Zimmer ab 114 Euro/Nacht. avanihotels.com

Infos: vietnamtourism.gov.vn

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03. Juni 2020