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Reisen

Höhenangst auf dem Priesterstuhl in Stavanger

Von Franz M. Rohm   19. Mai 2019 15:00 Uhr

Höhenangst auf dem Priesterstuhl
Der Blick von der Kante geht 604 Meter in die Tiefe.

Tom Cruise ist schuld, dass die norwegische Hafenstadt Stavanger ein Sehnsuchtsort für Abenteuerhungrige ist.

Exakt 604 Meter geht es von der Klippenkante in die Tiefe. Dort glitzert tiefblau das Wasser des Lysefjords. Am Preikestolen (deutsch: Predigtstuhl) spielt eine der Schlüsselszenen der neuesten Folge von "Mission Impossible”. Auch für den Normaltouristen kommt nach zweieinhalb Stunden Aufstieg an der Felskante der Moment der Wahrheit. Wie nah rangehen bis zu der Stelle, an der es ungesichert senkrecht in die Tiefe geht? Hunderte sind morgens aufgebrochen, haben den schweißtreibenden Aufstieg für diesen unvergesslichen Moment geschafft und wollen jetzt als Höhepunkt das Selfie an der Kante.

Akrobatische Verrenkungen

Die Wagemutigsten setzen sich auf den Hosenboden und lassen die Beine herunterbaumeln. Das Gros der Priesterstuhl-Erklimmer jedoch hält einen respektvollen Sicherheitsabstand von etwa einem Meter. Ängstliche schmiegen sich an die rückwärtige Felswand, Eltern lassen ihre Kinder nicht von der Hand. Einige inszenieren ihr Erinnerungsfoto mit Sprüngen oder akrobatischen Verrenkungen auf dem 25 mal 25 Meter messenden Felsen. Bei gutem Wetter, nicht gerade häufig bei durchschnittlich 260 Regentagen pro Jahr, ist das Felsplateau des Preikestolen voll – auch dank Tom Cruise.

Der kam den norwegischen Tourismuswerbern gerade recht. Schließlich ist Stavanger eigentlich keine Ferienhochburg. Noch vor 100 Jahren war die Hafenstadt das Zentrum der norwegischen Fischkonservenindustrie. Ende der sechziger Jahre wurden vor der Küste große Öl- und Gasvorkommen entdeckt und Stavanger mutierte zum Zentrum der Verarbeitung dieser Energieträger. Erst in jüngster Zeit setzt die Stadt auch auf Tourismus – vor allem wegen ihres spektakulären Naturdenkmals Preikestolen.

Dabei ist nicht der Berg, sondern auch der Weg dorthin eine Attraktion. Von Stavanger schippert erst die Fähre eine halbe Stunde lang über den Fjord. Am anderen Ufer warten bereits Busse auf die Wanderer und bringen sie zum Ausgangspunkt des Weges. Der geht über Stock und Stein, steigt steil an, eine Dreiviertelstunde vor dem Preikestolen lässt man Kiefer- und Fichtenwälder unter sich. Ab dann gibt es grandiose Blicke Richtung Lysefjord. Der windet sich kilometerlang zwischen graubraunen Felsen und schimmert als eindrucksvoll leuchtendes, blaues Band.

Doch nicht nur die wilde Natur, auch die Stadt Stavanger ist einen Besuch wert. Ihr Kern ist das Altstadtviertel Gamle Stavanger, in dem abends das warme Licht von Gaslaternen mehr als 170 weiß gestrichene Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert stimmungsvoll beleuchtet. Das Viertel wurde mit viel Geld aus dem Ölgeschäft liebevoll restauriert. Rund um den Vågen, das historische Hafenbecken, gruppieren sich Restaurants in pittoresken, farbigen Holzhäusern.

Essen im Restaurant ist in Stavanger wegen des vorzüglichen frischen Fischs ein Hochgenuss, allerdings kein billiger. Ein Abendessen für zwei Personen mit Wein in einem der Hafenrestaurants kostet mindestens 100 Euro. Einziges Manko bei der Stadtbesichtigung: Wenn eines der gigantischen Kreuzfahrtschiffe anlegt, stürmen Tausende die Domkirche aus dem 11. Jahrhundert und fotografieren in der Altstadt buchstäblich jeden Blumentopf. Der Spuk endet, wenn am späten Nachmittag die Sirenen heulen, die weißen Giganten die Massen wieder einsaugen und wie von Geisterhand gezogen den engen Naturfelshafen verlassen. Dann wird es gemütlich und der Bummel durch die Altstadt macht wieder Freude.

Im Tiefdrucktaucheranzug

Und wo sieht man das Öl in Norwegens Ölhauptstadt? Die Plattformen liegen weit vor der Küste, oft treten die Ölarbeiter ihren Arbeitstag per Hubschrauberflug an. Trotzdem kann man in einem Bau am Fährhafen die raue Lebenswelt auf den Nordseeplattformen erfahren: bei einem Besuch im Erdölmuseum. Das moderne Museum lockt mit Filmen, Animationen und interaktiven Informationstafeln. Wer mag, kann in einen Tiefdrucktaucheranzug schlüpfen, mit dem Arbeiten an den Plattformen der Erdölfelder Ekofisk und Statfjord vorgenommen werden.

Ein weiterer Tipp ist das einzige Fischkonservenmuseum des Landes. Es befindet sich südlich des Hafens in der Altstadt. Hier erhält man eine Idee davon, unter welch anstrengenden Bedingungen vorwiegend Frauen bis in die fünfziger Jahre sechs Tage die Woche im Akkord Hering, Makrele und Sardinen in Dosen fingerten. Stolz erzählt Museumspraktikant Frederik, dass in Stavanger der Dosenöffner mit Schlitz erfunden wurde, mit dem die Lasche des Fischkonservendeckels aufgerollt werden kann.

 

Beste Reisezeit im Hochsommer von Juli bis September.
Anreise: Norwegian Air Shuttle, SAS, KLM und Lufthansa fliegen von größeren Flughäfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Unterkunft: Hotels ab 55 Euro, Pensionen ab 39 Euro
Ausflug zum Preikestolen: Vom Fährhafen, zehn Fußminuten vom Kreuzfahrthafen, rund 26 Euro hin und zurück, inkl. Bus.
Essen: "Fisketorget": Frischfisch aus der Vitrine, fisketorget-stavanger.no; "Pasha", orientalisch, vegetarisch, vegan, preiswert, pasharestuarant.no

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