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Reisen

Hemmungslos sentimental

Von Manfred Lädtke   25. Oktober 2019 00:04 Uhr

Hemmungslos sentimental
Eine kleine Nachtmusik aus Textbüchern im Café Verhoeff

Wenn es dunkel wird, stimmen die Menschen im Amsterdamer Jordaan-Viertel ihre "Levenslieder" an.

Wenige Schritte vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam entfernt, beginnt an der Prinsengracht das Jordaan-Viertel mit seinen nostalgischen Musiklokalen. Das ehemalige Armenquartier ist heute Hollands originellster Kiez. "Levenslieder" (Lebenslieder) nennen Amsterdamer zu Akkordeon und Gitarre geschmetterte, hemmungslos sentimentale Volksweisen und Schlager mit viel Witz und einer Portion Kitsch. Freitagabend ist das Café "De Twee Zwaantjes" (Die zwei Schwäne) an der Prinsengracht 114 gut gefüllt. Zwei leidenschaftlich aufspielende Akkordeonisten begleiten die vom Publikum mit Inbrunst vorgetragenen Lieder von Liebe, Hoffnung und ihrem Amsterdam.

"Ich will nur Amsterdam"

Männer und Frauen zwischen 18 und 80 Jahren halten ihre Partner fest im Arm. Mit dem Bierglas in der Hand singen, nein, klagen sie wehmütig, "Wenn ich Dir morgen nicht mehr schreibe…" Dann wird es leise in dem schummrigen Lokal. Wirtin Trees Ruzette greift zum Mikrofon und singt mit schmachtendem Vibrato "Es ist so still in Amsterdam". Die Gäste singen und summen ergriffen mit, einem älteren Herrn kullern Tränen über die Wangen. Zwei Damen fordern lautstark die Hymne "Geef mij maar Amsterdam" (Ich will nur Amsterdam) des 1989 verstorbenen Grachtentroubadours Johnny Jordaan. Als die Akkordeons die vertraute Melodie vorgeben, stimmt die Beislschar begeistert ein.

Trees hat wieder das Mikrofon mit dem Zapfhahn getauscht. Ihr Lokal erlebe das Kommen und Gehen seit 88 Jahren, berichtet sie. In den 1930er-Jahren hätten Franzosen und Italiener mit ihrer Volks-musik den Ton angegeben. In den 60er-Jahren seien dann die typischen Jordaan-Schnulzen entstanden. Als verklärende Erinnerung an eine alte Zeit genießen diese Lieder heute Kultstatus. Die bekanntesten Interpreten jener herzergreifenden "Smartlappen" waren Johnny Jordaan und Tante Leen. An sie und drei andere Originale erinnert an der Prinsen-/Ecke Elandsgracht auf dem Johnny-Jordaan-Plein ein Denkmal.

Vom Kirchturm schlägt es Mitternacht. Donnerstags geht es zu dieser Stunde auch in der Westerstraat 109 hoch her. Das Café Nol ist seit über 40 Jahren eine in Rotlicht getauchte, plüschige Institution für Herzschmerz-Abende. Hauptsächlich jüngere, textsichere Damen und Herren sind ganz aus dem Häuschen, wenn der cool aussehende Sänger auf der winzigen Bühne Johnny Jordaan und seinen typischen Amsterdamer Akzent imitiert: "Lieber mittellos in Amsterdam, als Millionär in Paris".

Geld wie Heu war auch nie das Ziel von Tante Leen (1912-1992), der 1956 bei einem Talentwettbewerb die Herzen zuflogen. Ihren größten Erfolg feierte die singende Putzfrau, als sie "Oh Johnny" schmachtete und mit Mijnheer Jordaan zum Traumduo in Amsterdam avancierte.

Nahe dem Café Nol fährt von der Westerkerk die Tramlinie 16 zur Albert Cuypstraat. Wie der Jordaan war auch "De Pijp" ein Arbeiterbezirk. Den Namen "Röhre" verpasste der Volksmund dem bunten Stadtteil, weil früher ein von 20 Mühlen gesäumter, langer Graben den Bezirk dominierte. Der zugeschüttete Kanal wurde zur Albert Cuypstraat und längsten und grellsten Marktmeile in Holland. Zwischen Möbeln, Erotikartikeln und Accessoires tauchen Hering mit Gurke, Gewürze, Tapas, Früchte und afrikanische Spezialitäten die Nase in ein Wechselbad der Düfte. Wer jetzt auf seine Figur achtet, ist selber schuld.

An der Ecke der "Eerste Sweelinckstraat" steht das Denkmal von André Hazes. Der Lebemann und Interpret zuckersüßer Liebeslyrik schluchzte seine Lieder zunächst als akustischer Lockvogel für Händler auf dem Cuyp-Markt, schaffte es aber später bis in die Top Ten. Als das Stadtteil-Idol 2004 im Alter von nur 53 Jahren starb, nahmen im Stadion des Fußballclubs Ajax Amsterdam 50.000 Menschen Abschied von ihrem "Volksjongen".

Je später der Abend, umso trauriger die Musik. Im Café Verhoeff lauschen Nachtschwärmer dem melancholischen Spiel von Handharmonika und Gitarre. Auf ein Zeichen der Musiker schlagen sie Textbücher auf, besingen lauschige Sommerabende an einer Gracht und erinnern sich mit Wehmut: "Sie sagte nicht einmal, ich liebe Dich!"

Info: "Levenslieder" singen Holländer auch im Café Bolle Jan, Reguliersdwarsstraat 3, und im Lowietje Café, Drittens Goudsbloemdwaesstraat 2. Gesungen und gespielt wird in der dunklen Jahreszeit zwischen November und März.

Deutschsprachige Rundgänge im Jordaan-Viertel: local-experts.com

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