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Reisen

Großes Kino auf schmaler Spur

Von Manfred Lädtke   11. Mai 2019

Großes Kino auf  schmaler Spur
Auf der 1000 Kilometer langen Schmalspurstrecke passiert der Transcantábrico Clásico die Provinzen Galicien, Asturien, Kantabrien und Kastilien.

In Santiago de Compostela endet nicht nur der Jakobsweg, die Wallfahrtsstadt ist auch Anfang einer Reise mit dem "El Transcantábrico". Mit nostalgischer Langsamkeit schlängelt sich der Luxuszug von April bis Oktober auf der längsten Schmalspurstrecke Europas durch Spaniens grünen Norden.

Ihrem Ruf, regenreichste Stadt Spaniens zu sein, macht Santiago de Compostela an diesem Tag keine Ehre. Als Pilgerscharen ihr Wallfahrtsziel auf dem Praza do Obradoiro vor der Kathedrale erreichen, reckt das prächtige Gotteshaus seine Zwillingstürme erhaben in einen wolkenlosen Himmel. Vis á vis steht seit 500 Jahren das Parador Nacional Reyes Católicos.

Im stilvollen Gewölbekeller wartet auf rund 50 Passagiere aus Europa, Südamerika, Russland und Australien ein 4-Gänge-Menü. Der kulinarische Auftakt ist ein vielversprechender Appetithappen für eine Reise durch die Geschichte und Gastronomie Nordspaniens. Während Reiseleiterin Anna die Suiten einteilt, ist das Gepäck schon unterwegs zum Bahnhof in der Hafenstadt Ferrol. Ein komfortabler Bus für tägliche Ausflüge ins Hinterland wird den Zug auf der Tour durch Galizien, Asturien und Kantabrien begleiten und fährt die Gruppe nach dem letzten Glas Rioja zum Bahnsteig. Das graue, schmucklose Betonambiente der tristen Bahnstation will so gar nicht zu der spanischen Besonderheit auf Schienen passen. Egal. Zwischen Tristesse und Noblesse liegt nur eine Wagenstufe.

Großes Kino auf  schmaler Spur
Luarca liegt reizvoll in einem Tal an der asturischen Küste.

Cremeweiß-blaue Waggons mit eleganten Salon-, Restaurant- und Schlafwagen geben Reisenden das Gefühl, ein rollendes Nostalgiehotel zu betreten. Plüschige Vorhänge, dicke Teppiche und Art-Déco-Leuchten vermitteln einen Hauch von anno dazumal. Ruckelnd setzt sich der Zug in Bewegung. Vor den Fenstern ziehen Galiciens weitläufige Eukalyptuswälder, sattgrüne, mit Ginster und Raps betupfte Wiesen, zauberhafte Buchten und Flusslandschaften vorbei.

Love Train

Die Schultern zur Seite gewendet tapsen die Passagiere suchend durch die schmalen Gänge der Waggons. Die holzgetäfelten Abteile passen sich den Maßen einer Schmalspurbahn an. Die Einrichtung auf sechs Quadratmetern besteht aus einem Schlafraum mit Kleiderschrank, Gepäckplatz, Telefon, Safe, einer Minibar, Klima- und Musikanlage sowie aus einem separaten Badezimmer mit Massagedusche und Dampfdüsen. Mit nur 1,20 Meter breiten Betten hat sich der Zug auch den Namen "Love Train" verdient. Vor allem bei älteren Paaren hält sich die Begeisterung über die eingeschränkte Bewegungsfreiheit jedoch in Grenzen. Ein Glöckchen bimmelt am nächsten Morgen die Passagiere aus dem Schlaf. Klingelingeling: Das heißt übersetzt "Buenos dias", raus aus den Federn.

Großes Kino auf  schmaler Spur
Das mondäne Santander mit seinen prachtvollen Bauten und zum Wasser strömenden Boulevards sollte man zu Fuß durchstreifen.

Mit einem Ruck zuckelt der Zug von seinem Nachtquartier auf einem Abstellgleis zurück in die Erlebnisspur und erreicht gegen Mittag den Küstenort Ribadeo. "Eine Kinokulisse an Europas spektakulärstem Strand" verspricht Anna, lässt die Passagiere in den Bus steigen und mahnt zur Eile. Nicht ohne Grund. Ein paar Kilometer weiter erheben sich auf feinem, weißem Sand bizarre Felsformationen wie Strebebögen einer gotischen Kathedrale. Ein Spaziergang zwischen den Kolossen auf dem "Kathedralenstrand" ist nur bei Ebbe möglich. Rauscht die Flut heran, ist "Land unter" und die bis zu 30 Meter hohen, von Brandung und Wind geschichteten Sandsteinriesen gehen auf Tauchstation. Im Sommer spazierten zuletzt bis zu 20.000 Menschen pro Tag zwischen den Naturmonumenten, traten dabei aber auch Fauna und Flora mit Füßen. Das veranlasste die Regierung, den Touristenströmen eine "Obergrenze" zu verpassen. Zwischen Juli und September ist der Zugang von der steilen Felswand hinab zum Strand nur noch mit Tickets für 4800 Besucher erlaubt. Auf der Fahrt bis Avilés blinzelt die Sonne in den Salonwagen mit Bar und Bibliothek. Selten schneller als mit 50 Kilometern pro Stunde kurvt der Zug vorbei an stillen Dörfern sowie durch Buchen- und Eschenwälder, in denen sogar noch Braunbären leben. Auf dem Tisch stehen Snacks, Obst und Schaumwein – entspannter kann Eisenbahnfahren nicht sein.

Zwischen Architektur und Natur

Genießen können Reisende die Zugfahrt seit 1984. Damals stellte die Ferrocarriles Espanoles de Vía Estrecha (FEVE) den Touristenzug mit zunächst bescheidenem Komfort, ab 2001 mit Luxusambiente auf die schmalen Gleise. Heute gönnen sich jedes Jahr rund 2000 Passagiere das Vergnügen auf Schienen. Avilés mit seinen Industriebrachen ließen Reisende bisher allerdings links liegen. Als Stararchitekt Oscar Niemeyer 2011 dort auf einer künstlichen Insel ein Kultur-Ufo landen ließ, erhofften sich die Stadtväter von dem Kulturzentrum einen Bilbao-Guggenheim-Effekt. Wohl vergeblich. Ein allzu provinzieller Veranstaltungskalender macht das weiße Architekturensemble letztlich doch nur zu einer grauen Kulturmaus.

Mehr Flair verspricht der Genuss eines "Sidra" auf einem der arkadengesäumten Plätze in der Altstadt Avilés. Zuhause ist der Apfelwein Sidra unter den "Picos de Europa", wo sich Asturien von seiner wilden schroffen Seite zeigt. Über 2000 Meter hoch ragen in dem Nationalpark die "Gipfel Europas" in das Reich der Nebel. Tobender Wind pfeift den Ausflüglern entgegen, als sie am tiefblauen Lago de la Ercina den Hügel zu einer Almhütte emporsteigen, in deren Regalen ein Dutzend grüner Flaschen mit Apfelwein stehen. Einschenken und trinken? Bloß nicht! Der Wirt legt Hand für ein Prozedere an, ohne das eine Verkostung des asturischen Nationalgetränks nicht stilgerecht wäre: Mit einem Arm die Flasche möglichst hoch über den Kopf und mit dem anderen das Glas tief unter die Hüfte halten. Erst durch den Aufprall des langen Strahls entwickelt der perlige Durstlöscher sein mildes, süßes Aroma.

Alte Höhlen und Dörfchen

Im Zugrestaurant bereiten kreative Hände das Dinner vor. "Caldeirada", ein kantabrischer Fischeintopf, wird als erster Gang und Vorgeschmack auf die mediterrane Küche in Kantabrien serviert. Auf der Strecke bei Llanes zwängt sich El Transcántabrico zwischen harschen Gebirgsklippen hindurch Richtung Santander. Bevor die ersten Passagiere in dem Seebad mit eleganten Promenaden, mondänen Belle-Epoque-Bauten und weiten Stränden den Zug vor seiner Weiterfahrt über Bilbao bis León verlassen, steigen sie hinab in einen millimetergenauen Nachbau der 20.000 Jahre alten Altamira-Höhle. Die 1879 von einem Jäger entdeckten Tiermalereien adelten Kunsthistoriker mit dem Titel "Sixtinische Kapelle vorgeschichtlicher Kunst". Das nur wenige Minuten entfernte Santillana del Mar liegt freilich weder am Meer (el Mar), noch ist es flach (llana). Für Jean Paul Sartre war das hügelige Bilderbuchdörfchen mit seinen stattlichen Herrenhäusern dennoch kein Ort im Irgendwo. Er feierte das mittelalterliche Gesamtkunstwerk als "das schönste Dorf Spaniens".

 

Reiseinfos

Pauschalreise: Die 8-tägige Bahnreise im El Transcantábrico Clásico mit Vollpension von Santiago de Compostela bis León kostet bei Ameropa 3700 Euro. Der Zug verkehrt von Santiago de Compostela vom 11.5. bis 12.10. und ab León vom 18.5. bis 5.10. Das Programm beinhaltet u. a. Busausflüge und Begegnungen mit landestypischer Küche. www.ameropa.de

Anreise: Mit verschiedenen Fluglinien bis Santiago de Compostela sowie zurück ab Santander, Bilbao oder San Sebastián. Bei Zugstart in León: Flug bis Bilbao und zurück ab Santiago de Compostela

Unterkünfte: Santiago de Compostela: Carris Casa de la Troya, charmantes Altstadt-Hotel ab 130 Euro;
www.carrishoteles.com.

Santander: Hotel Abba ab 108 Euro, nahe Bahnhof und Flughafen-Shuttle; www.abbasantanderhotel.com

Bilbao: Gran Hotel Domine ab 126 Euro; www.hotelgranbilbao.com.

Probieren: Spanferkel Asturcelta mit jungen Blättern und gebratenem Mais oder ein Seeteufelfilet mit Spinnenkrabben-Stew. Populärer Eintopf in Kantabrien: Cocido Montanés mit Kohl, weißen Bohnen, Kartoffeln und gebeizten Rippchen.

Auskünfte: Bahn: www.transcantabrico.feve.es;

Region: www.spain.info.de

Literatur: „Nordspanien“, Michael Müller Verlag, 24,90 Euro; „Auf Schienen um die Welt“, Bruckmann Verlag, 39,99 Euro.

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