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Reisen

Ganz in Glas

Von Johannes Jetschgo   11. September 2021 14:30 Uhr

Ganz in Glas
20 Architekturpreise holte das Gläserne Haus in Novy Bor in zwei Jahren.

Im "Crystal Valley" trifft der Reisende auf böhmische Glashütten zwischen Tradition und Moderne.

Es ist ein lebendiger Auftritt von Klein- und Mittelbetrieben, Glashütten, Designern und Schleifereien quer durch die waldreiche Landschaft des Riesen- und Isergebirges im Norden Tschechiens. Die Region ist ein Naherholungsgebiet für den Großraum Prag und die Stadt Liberec/Reichenberg.

Die verbliebenen Holzhäuser, Zeugen ländlicher Architektur vergangener Jahrhunderte, tschechisch "roubenka" genannt, "Umgebinde-Häuser" in speziellem Fachwerkbau, sind vielfach Wochenenddomizile geworden. Die Gegend, das einstige Sudetenland, sah nach 1945 – wie die schlesische Nachbarschaft in Polen – einen gewaltsamen Bevölkerungsaustausch. Es blieben jahrzehntelang Narben in den Ortsbildern.

Als vor mehr als dreißig Jahren die kommunistischen Wirtschaftskombinate der Textil- und Glasindustrie kollabierten, war nicht zu erwarten, dass es zu einer Neustrukturierung der Branchen kommen könnte. Die Textilindustrie wanderte, wie anderswo, nach Asien aus. Die Glasindustrie hingegen erfährt eine Renaissance.

Ganz in Glas
Glasbläser in Harrachov

Es gelingt eine Wiederbelebung der bis in die Zwischenkriegszeit höchst erfolgreichen Glas- und Bijouterie-Manufakturen. Mit ihrer Dachmarke "Crystal Valley" machen sie heute international auf sich aufmerksam. Jablonec/Gablonz war seit der Biedermeierzeit weltweit bekannt, ein Beispiel für Anpassungsstärke und Innovation. Die Stadt hatte zu Zeiten der Monarchie ein höheres Steueraufkommen als das gesamte Kronland Dalmatien und setzte Trends im Modeschmuck. Erst die Nazis verunglimpften Gablonzer Ware als "Mumpitz-Industrie".

In Novy´ Bor/Haida hat die Firma "Lasvit" die Glashütte Ajeto übernommen. Sie produziert auf Auftrag, im Verbund mit Designern. Wer will, kann im firmeneigenen Restaurant böhmische Spezialitäten verkosten und das knapp dreiprozentige Leichtbier, das auch die Glasbläser trinken, sagt man, die direkt vor den Gästen an eigenen Brennöfen ihre Kunst demonstrieren.

Nach der Wende

Hier hatte Bor?ek S?ípek, einer der bekanntesten tschechischen Glasdesigner, nach der Wende der brachliegenden Werkstatt neues Leben eingehaucht. Er war ein Freund Václav Havels und vorher im Exil in Deutschland und den Niederlanden. Wie Stefan Rath von der Wiener Firma Lobmeyer im benachbarten Kamenicky´ S?enov/Steinschönau, so bemühte sich Sipek ebenfalls um Facharbeiter-Nachwuchs. Inzwischen haben sich sechs von zehn Glas-Fachschulen Tschechiens in der Region um Novy´ Bor etabliert und jedes dritte Jahr findet ein internationales Symposium statt.

Die Brücke von der erfolgreichen fernen Vergangenheit ins Jetzt scheint gelungen. Der Firmensitz von "Lasvit" in Novy´ Bor ist ein architektonisches Meisterstück und wurde vom Magazin "Design" zum "schönsten Bürogebäude weltweit" gekürt. Die Architekten Opocensky & Valouch haben ein Gebäude aus Glastafeln, die alten Schiefertafeln nachempfunden sind, verbindend zwischen zwei Barockhäuser gestellt. Besucher sind willkommen und erfahren auch, wie sich die Tradition seit der Gründung durch den Leipziger Carl Schappel 1790 bis heute ungeachtet historischer Brüche wiedergefunden hat. Der Betrieb fertigt Installationen für die Oper von Dubai oder die Trophäe der Tour de France. In der Nachbarschaft finden wir ein architektonisch anmutendes Natur-Monument, den bekannten Herrenhausfelsen, eine beeindruckende Basaltformation, die hier an die Oberfläche tritt, vom Wind in Jahrtausenden freigelegte vulkanische Zeugnisse in steinerner Geometrie.

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Basaltsäulen erinnern an die alte Vulkanlandschaft.

In Kunratice hat, ebenfalls ein Nachfolger Bor?ek S?ípeks, Jiri Pacinek seine Glashütte in einer ehemaligen Traktorwerkstatt eröffnet. In guten Zeiten schauen bis zu hundert Interessierte täglich vorbei. Viele der neuen Glasmacher kommen aus Familien, die durch Generationen diesem Beruf nachgingen und die sich nun als Spezialisten selbstständig machen.

Pacinek ließ einen "gläsernen Garten" anlegen, wo die Glasgebilde mit Pflanzen wetteifern. Und als das Geschäft durch Corona stagnierte, begannen seine Mitarbeiter die Kirche nebenan zu sanieren. Der künstlerische Leiter schildert das wie ein Erweckungserlebnis: Er sei nicht gläubig, aber der Pfarrer habe die Aktion begrüßt, schließlich seien viele Sakralbauten auf dem Land gar nicht mehr zu retten und man habe in der Pandemie daraus tatsächlich Kraft geschöpft. Aus der Ausstattung des Kirchenraums mit Glasobjekten wurde ein spirituelles Projekt. Und nebenbei entdeckte man hier eine Rarität: ein "Heiliges Grab" aus Glasmosaik, Kunsthandwerk aus dem 19. Jahrhundert, ein "Wunder", ist sich der Glasmacher sicher, jedenfalls ein schon seltenes Exemplar, denn es gibt nur mehr acht dieser Karfreitagsaltäre in Europa.

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Handarbeit um 1870: das „Heilige Grab“ in Kunratice

Profan und doch nahe am Himmel baut sich der Hausberg Jeschken über der Stadt Liberec/Reichenberg auf. Die multifunktionale Aussichtswarte auf dem Gipfel ist Sender, Restaurant und Hotel zugleich und bietet eine Zeitreise in die Formenwelt der Siebzigerjahre. Natürlich waren auch hier Glaskünstler am Werk, das Paar Libensky´-Brychtova, das an noch prominenterem Platz in Prag aus Glaskuben die "Neue Szene" neben dem Nationaltheater gestaltete.

Liberec/Reichenberg ist das Zentrum des Landes zwischen Isergebirge und Riesengebirge. Eine Stadt, deren prächtiges Rathaus – dem Wiener Rathaus verwandt – hier den ganzen Stolz der einstigen deutschböhmischen Industriegesellschaft spiegelt. Auch wenn Gustav Klimt den Eisernen Vorhang des Städtischen Theaters schmückte, die Bürger hier hatten andere Ideale als Wien und die Habsburger. Dass nach der verheerenden Niederlage der Österreicher gegen Preußen 1866 in Königgrätz hier ein Platz zu Ehren Bismarcks benannt wurde, bestätigt die Orientierung der deutschen Minderheit in der Donaumonarchie. Das Selbstbewusstsein der Bürger des 19. Jahrhunderts feierte sich im Historismus. Die Basis des Wohlstands, die Textilindustrie, ist verschwunden. Auch die Tatsache, dass sich hier die deutsche und tschechische Sozialdemokratie zu Zeiten der Donaumonarchie formierte, ist vergessen.

Die Villa des "Glaskönigs"

Es gibt immer noch Enklaven, wo österreichische Geschichte unvermutet auftaucht, etwa in Hejnice/Haindorf. Der engagierte Verwalter des ehemaligen Franziskanerklosters, das heute ein Pilger- und Seminarhotel ist, liefert auf Wunsch alle Details dieser Clam-Gallas-Stiftung und ihrer Bindung an altösterreichische Wurzeln. Die Wallfahrtskirche, deren Einzugsgebiet Schlesien war, hieß im Volksmund "Böhmisch-Mariazell". Jedenfalls ist der Ort auch der Geburtsort Josef Riedels. Er hat der Kirche den Kronleuchter spendiert, ein Produkt einer seiner 13 Glashütten. Die Familie Riedel ist, wie vor ihr die Swarowskis, in Tirol zu einem Synonym österreichischer Glaskultur geworden. Hier aber liegen ihre Anfänge. Die Villa des Unternehmers und "Glaskönigs" Josef Riedel ist heute geöffnet, der Name jedenfalls ins "Crystal Valley" nach Desná zurückgekehrt. Auch die Familiengruft mit Blick auf die Industrieanlage ist als "Kulturdenkmal" ausgewiesen. Riedel war einer jener Industrie-Patriarchen, die sich auch um Wohngelegenheiten der Arbeiter und deren Krankenversicherung kümmerten.

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Villa Riedel: Stammhaus der Kufsteiner Glasindustriellen

Vergleichsweise klein erscheint der Auftritt der Manufaktur Rautis in Poniklá. Immerhin wurde die auf Heimarbeit basierende Werkstatt 2020 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet. Der bescheidene Laden, die angeschlossene Glasfärberei, lassen nicht gleich auf weltweite Nachfrage schließen. Hier wird Weihnachtsschmuck aus Hohlglasperlen in traditionellen Verfahren gefertigt. Die Nachfrage aus Asien und besonders der Export nach Japan steigen.

Wer das "Crystal Valley", das von naturgeschützten Buchenwäldern eingefasste Tal der Neisse, besucht, erfährt viel über industrielle Kultur und einen engagierten Neubeginn, der die schwierige Geschichte der Region nicht tabuisiert. Es gibt wieder individuelle Gastronomie, es gibt kleine Hotels und Brauereien und es gibt mit dem Stadtmuseum Jablonec/Gablonz eine moderne Institution, die (mit deutschsprachigem Audioguide) einen anregenden Überblick bietet.

Info

  • Harrachov: älteste Glashütte in Mittelosteuropa, Führungen tgl. dt. engl., de.sklarnaharrachov.cz
  • Kamenicky Senov: Lasvit-Haus, Führungen freitags, engl. www.lasvit.com
  • Jablonec/Gablonz: Museum für Glas und Bijouterie, www.msb-jablonec.cz
  • Liberec/Reichenberg: Hotel Kleis, Pivovarska 405 (im ehem. Getreidespeicher der Brauerei)
  • Hejnice: Hotel im Kloster, www.klasterhejnice.cz
  • Poniklá: Weihnachtsschmuck- Manufaktur Rautis, Werksbesichtigungen, info@rautis.cz
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