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Frei, fromm, verfolgt

Von Sylvia Wörgetter   06. Oktober 2019 15:00 Uhr

Frei, fromm, verfolgt
Die Beginen sind verschwunden, ihre Wohnstätten nicht.

Im Mittelalter begannen Frauen ein eigenständiges Leben – ohne Mann und Kirche. In Flandern stehen noch ihre Wohnstätten. Auf den Spuren der Beginen.

Es ist der 1. Juni 1310, ein Pfingstmontag. Auf der Place de Grève in Paris haben sich hohe Würdenträger von Staat und Kirche ebenso versammelt wie das gemeine Volk. Die Menge will und wird eine Frau brennen sehen: Marguerite Porete, verurteilt zum Tod auf dem Scheiterhaufen.

In den Augen der Kirche ist sie eine verstockte Ketzerin, die auch nach zwei Jahren im Kerker ihren "Irrlehren" nicht abgeschworen hat. Zu lesen sind diese im "Spiegel der einfachen Seelen". Porete hat das Buch nicht auf Latein, sondern auf Französisch verfasst, der Sprache des Volkes. Entsprechend beliebt und verbreitet ist das Werk. Sie beschreibt darin den Weg, den die Seele nehmen muss, um zu Gott zu gelangen. Passagen, wonach die Verbindung mit Gott auch ohne kirchliche Vermittlung möglich sei, rufen die Inquisition auf den Plan.

Die Delinquentin ist der Kirche nicht nur wegen ihres Buches, sondern auch wegen ihres Lebenswandels verdächtig. Sie ist Begine, also eine unverheiratete Frau, die weder unter der Aufsicht eines Ehemannes noch eines Klosters steht. Unerhört, damals.

Frei, fromm, verfolgt
Ein Beginenhof im Stadtteil Anderlech in Brüssel.

Über Mitteleuropa verbreitet

Porete stammt aus der Grafschaft Hennegau (französisch: Hainau). Die Gegend ist heute ein Teil der Wallonie in Belgien. Von dort nahm im 12. und 13. Jahrhundert die Bewegung der Beginen ihren Ausgang. Und zog immer weitere Kreise in Flandern, Frankreich, Italien und Deutschland. Das Beginentum war für die Frauen der Zeit verlockend. Denn es bot, was in den Epochen davor unmöglich war: ein freies, auch wirtschaftlich unabhängiges Leben.

Die Frauen schlossen sich zu frommen Gemeinschaften zusammen, widmeten ihr Leben dem Gebet und der Wohltätigkeit, arbeiteten für ihren Lebensunterhalt und behielten ihr Hab und Gut. Zwar lebten auch sie hinter Mauern. Diese schützten die sogenannten Beginenhöfe, aber sie schlossen die Frauen – anders als Klostermauern – nicht ein. Denn das Gelübde, das sie ablegten, konnten sie jederzeit widerrufen. Manche Beginen verließen die Gemeinschaft auch wieder, um zu heiraten. Kurz: Sie wählten eine Lebensform, die für viele verdammenswert war.

Frei, fromm, verfolgt
Bildnis einer Vorsteherin eines Beginenhofs, einer "Grand Dame"

Ein Jahr nach Marguerite Poretes Tod auf dem Scheiterhaufen begann das Konzil von Vienne, in dessen Verlauf Papst Clemens V. die Beginen in einer Bulle ächtete. Die "falschen Nonnen" werden verfolgt, manche landen auf dem Scheiterhaufen, vernichtet aber werden sie nicht. Seine Nachfolger Johannes XXII. und Clemens VI. stellen sich in Bullen wiederum schützend vor die frommen Frauen. Deren Gemeinschaften haben sich da bereits über ganz Mitteleuropa verbreitet. Man schätzt, dass sich am Höhepunkt der Bewegung im 13. Jahrhundert eine Million Frauen den Beginen angeschlossen haben.

Die Ursprünge des Beginentums liegen völlig im Dunkeln. Keine Gründerin ist bekannt. Nicht einmal die Bedeutung des Namens konnte bisher geklärt werden.

Besuchertipps

Sie arbeiten in der Tuchindustrie – als Wäscherinnen, Schneiderinnen und Färberinnen. Viele Beginenhöfe sind deshalb am Ufer von Flüssen und Bächen angelegt. Ein Beispiel dafür ist der kleine Beginenhof in Gent, der an einem Nebenarm der Schelde liegt. Er zählt wie auch die Beginenhöfe in Brügge, Löwen und Mechelen zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Beginenhöfe in Belgien sind Oasen der Ruhe im geschäftigen Treiben der Städte. Die größten von ihnen wie jener in Löwen sind inzwischen urbane Quartiere, durch deren Gassen ein Bummel lohnt. In die Gebäude selbst sind neue Bewohner eingezogen. In Löwen dienen die ehemaligen Beginenhäuser heute als Studentenwohnungen. In Brügge haben Benediktinerinnen den Beginenhof bezogen, ein Haus kann noch besichtigt werden. In Anderlecht hat einer der kleinsten Beginenhöfe überdauert. Er besteht nur aus zwei Häusern, die als kleines Museum für Besucher zugänglich sind (täglich außer Montag).

Insgesamt haben 26 ehemalige Wohnstätten der frommen Frauen in Belgien die Jahrhunderte überdauert. Sie selbst sind verschwunden. Am 21. Mai 2008 stirbt Marcella Van Hoecke, die letzte Begine von Gent, im Alter von 100 Jahren.

www.brusselsmuseums.be

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