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Reisen

Finnisches Abenteuerland

Von Melanie Tyoler   13. Oktober 2019 00:04 Uhr

Finnisches Abenteuerland
Nach dem Polarlicht sollte man, sobald es dunkel wird, Ausschau halten

Der Winter im finnischen Lappland ist lang und dunkel, aber unterbrochen von Abenteuern und flauschigen Vierbeinern vor wilder, wunderschöner Landschaft.

Schon die Landung am winzigen Flughafen Kuusamo ist ein kleines Abenteuer. Der Linzer Flughafen scheint im Vergleich dazu fast riesig. Die Maschine parkt direkt vor dem kleinen Gebäude, es sind nur ein paar Schritte durch knirschenden Schnee.

Von hier aus geht es ins 26 Kilometer entfernte Ruka. Ein kleiner, autofreier Skiort, dessen höchster "Gipfel", der Fjell Rukatunturi, mit 493 Metern das Skifahren zwar möglich macht, doch für den pistenverwöhnten Österreicher gibt es hier weit spannendere Dinge zu entdecken. Ruka liegt 60 Kilometer südlich vom nördlichen Polarkreis – perfekt, um die märchenhafte Aurora Borealis, das Polarlicht, zu beobachten. Einmal die wunderschön in Grün, Lila oder Gelb schimmernden Himmelslichter zu sehen, lässt niemanden kalt. Ein kurzer, allabendlicher Spaziergang vor dem Zubettgehen sollte reichen, um die Nordlichter zu Gesicht zu bekommen.

So kurz die Tage im Norden sind, sie wollen gut genutzt werden, etwa mit einer Schneeschuhwanderung durch die tief verschneiten, finnischen Wälder. Verleiher gibt es genug und man kann auf eigene Faust – die Wanderwege sind gut ausgeschildert – oder mit einem Tourguide die Landschaft erkunden. In den Oulanka-Nationalpark, rund 30 Kilometer nordöstlich von Ruka und nahe der russischen Grenze, begleitet uns Ralf, ein steirischer Biologe. Er lebt seit sechs Jahren in Ruka und bringt Touristen den Wald und seine Bewohner näher.

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Rentierhirte Juha mit Pete

Die ersten Meter sind ungewohnt in den übergroßen, flachen Schuhen. Doch nach Ralfs Hinweis, wir sollen "dahinschlapfen" und die Beine nicht zu sehr anheben, bewegen wir uns bald recht zügig vorwärts. Durch den knirschenden, glitzernden Tiefschnee wandern wir entlang des ruhig fließenden Oulankajoki-Flusses, dessen Ufer teilweise zugefroren sind. Doch der Schein trügt, hundert Meter weiter zeigt er ein anderes Gesicht: reißende Stromschnellen, über die eine doch recht schmale Holzbrücke führt. Mit einem mulmigen Gefühl überqueren wir – einer nach dem anderen – die kleine Brücke. Auf der anderen Seite wird es wieder ruhiger. Die Bäume biegen sich unter dem Gewicht des Schnees, der sich an die Äste schmiegt.

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Juha ist der Selfie-König unter Rentierhirte Juhas Rentieren

Kämpft sich die Sonne durch den Wald, sieht die Szenerie aus wie in einem Märchenwald. Wir schlapfen beseelt voran und entdecken im Schnee noch nie gesehene Tierspuren, bis wir bei einer Holzhütte mit Feuerstelle und vollem Holzlager davor ankommen.

Erst als wir stehen bleiben, merken wir, wie kalt es ist. Ralf hat schnell ein Feuer entzündet und überrascht uns mit selbst gemachtem Beerensaft und finnischen Keksen. Wir wärmen uns am Feuer und Ralf erzählt von der nahen Grenze zu Russland und dass damit nicht zu spaßen ist. Wir glauben ihm und wandern zurück, hinaus aus dem Märchenwald, hinein in die Zivilisation.

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Abseits der Pisten versinkt man sofort im Tiefschnee.

Vom Wandern zum Klettern

Zurück in Ruka erwarten uns zwei finnische Iceclimbing-Profis, Liisa und Jusin. Eine Eiswand soll erklommen werden, 30 Meter hoch und glatt. Die Einführung geht erstaunlich schnell, dann geht es zu Fuß zum Einstieg. Es sind nur etwa 400 Meter, doch wir müssen uns sehr langsam, die Skipiste entlang bewegen. "Ihr dürft auf keinen Fall schwitzen, ihr friert sonst in der Eiswand", sagt Liisa mit liebevoller Strenge.

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Mitten in der Eiswand

Gut vom Partner gesichert, geht es ans Klettern. Zwei Eispickel in den Händen, und die Steigeisen an den Füßen werden ins Eis gerammt. Eissplitter brechen ab. Hände und Knie beginnen zu zittern. Liisa hilft bei den ersten paar Metern. "Hände hoch, erst den linken, dann den rechten Pickel ins Eis. Mit den Füßen hochtrippeln, Po raus, aufstehen und von vorne. Nicht nach unten sehen." Mit der Zeit kommt das Gefühl für das Eis und die Zehen finden tatsächlich immer wieder Halt.

Oben angekommen, entschädigt der Blick über Ruka, die Skipiste, die Wälder und Seen für die Strapazen des Aufstiegs. Dann schon die nächste Überwindung, der Abstieg. Jusin schreit: "Lass dich in den Gurt fallen und mach ein Sieger-Selfie!" Scherzkeks. Aber so ein Selfie wäre wirklich nicht schlecht.

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Schmale Hängebrücke über den Oulankajoki-Fluss im Oulanka- Nationalpark

Ein Blick nach unten und ein Daumen nach oben signalisieren dem Sichernden den Anfang vom Abstieg. Zug am Klettergurt, Füße parallel zum Eis und langsam in den Gurt fallen. Dann mit zitternder Hand das Handy hervorkramen, gequält lächeln, abdrücken und langsam absteigen. Ein Foto wie ein Geständnis.

Die heiße Schokolade am Fuß des Eishügels haben wir uns redlich verdient. Sie schmeckt erstaunlich gut mit einem Schuss Minttu, einem Pfefferminzschnaps. Der perfekte Abschluss eines ereignisreichen Tages. Der Spaziergang zurück ins Quartier kann und sollte auf der Jagd nach dem Polarlicht ausgedehnt werden.

Mit 80 km/h über den Schnee

Der nächste Tag beginnt mit Sonnenschein und wir machen uns auf zu einem PS-starken Abenteuer – Skidoo fahren. Kai, ein kerniger, finnischer Naturbursche, empfängt uns außerhalb der Stadt.

Dort stehen schon Dutzende Boliden für uns bereit. Nach dem notwendigen Papierkram wird jeder mit Overall, Stiefeln, Handschuhen und Helm ausgestattet. Angenehm ist, dass die Skidoos eine Handheizung haben und man nicht friert, wenn man mit 80 Stundenkilometer durch die Landschaft jagt.

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Stopp mit dem Schneemobil an einem See

600 Kilometer Skidoo-Pisten gibt es in der Umgebung, eine tolle Möglichkeit, das Umland zu erkunden. Langlaufloipen und Straßen kreuzen manchmal den Weg. "Menschen und Autos haben immer Vorrang!", erklärt Kai. Dann geht es los. Die Bedienung ist einfach und schnell gelernt. Rechts mit dem Daumen Gas geben, beidseitig bremsen – auch nicht schwerer als Fahrrad fahren.

Eine kurze Einführungsrunde auf dem Übungsgelände, danach geht es hinaus in die Wildnis. Langsam fahren wir in einer kleinen Gruppe, hintereinander, mit genug Abstand zum Vordermann, eine kleine Straße entlang, unter einer Brücke durch und plötzlich erscheint vor uns ein riesiger See.

Eine weiße, flache Ebene, die zum Dahinsausen einlädt. Aber den See sollte man links liegen lassen, sagt Kai. Einbruchgefahr, trotz Eiseskälte. Wir umfahren ihn und es wird das erste Mal richtig Gas gegeben.

Die Strecke führt uns durch Wälder und offenes Gelände. Manchmal ist die Straße so schmal, dass lediglich Schritttempo möglich ist, nur um sich danach in eine gefühlt zwölfspurige Piste zu verwandeln. Nach 20 Kilometern gibt es die erste kleine Pause. Kai lässt uns kurz absteigen und erkundigt sich, ob alle mit ihrem Schießer zufrieden sind. Wir sollten ein paar Meter gehen, rät er und grinst wissend. Prompt sinken wir bis zu den Hüften im Schnee ein. Das ist echter Tiefschnee. Weich und weiß, wie früher, als es in Linz noch Schnee gab. Wir fahren weiter. Nach 30 Kilometern durch die wunderschöne Winterwunderlandschaft erreichen wir unseren nächsten Stopp: ein typisch finnisches Zelt, eine Kote mit großer Feuerstelle in der Mitte. Es bietet Platz für bis zu 20 Personen.

Gut, dass wir uns aufwärmen können. Die Sitzplätze – Bänke entlang der Zeltwände – sind mit weichem, flauschigem Rentierfell ausgelegt und es ist wohlig warm. Gut gestärkt starten wir zur letzten Etappe zurück nach Ruka.

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Das entzückende, kleine Skidorf Ruka

Freundliche, flauschige Rentiere

Ein tierisches Abenteuer darf natürlich nicht fehlen. Die Kujalan Rentierfarm 14 Kilometer südlich von Ruka liegt am wunderschönen Nissinjärvi-See und empfängt die Touristen mit Einblicken in das ursprüngliche Farmleben der Samen.

Das Urvolk der europäischen Nordländer ließ ab dem Mittelalter das Leben der Jäger und Sammler hinter sich und wurde mit zahmen Rentierherden sesshaft. Am Eingang zur riesigen Farm erwartet uns Juha mit Pete, seinem derzeitigen Vorzeigerentier. "Pete ist gutmütig, ausgesprochen schön und der perfekte Selfie-Partner", erzählt uns Juha gut gelaunt. Nachdem Pete jeden von uns begrüßt und tatsächlich geduldig für die Fotografen Modell gestanden hat, machen wir uns auf den Weg zur Rentierherde. Einen kleinen Hügel hoch und wir überblicken bald das riesige Gelände. Rentiere stehen vereinzelt hinter Bäumen. Dann erreichen wir das große Gehege, in dem es von Rentieren nur so wuselt. Wie viele es sind, wollen wir von Juha wissen. "Hunderte, wir wissen es nicht genau. Zwei hinter jedem Baum, mindestens", sagt der Farmer.

Es ist Fütterungszeit und Juha reicht jedem von uns einen Sack voll Moos, das Lieblingsessen der putzigen Vierbeiner. Er führt uns mitten in die Herde. "Ich werde jetzt pfeifen und von allen Seiten laufen dann Rentiere auf euch zu. Bleibt ruhig und füttert sie mit der flachen Hand, sie tun euch nichts", versichert Juha und er sollte recht behalten. Hunderte kleine, große, weiße und braune Geweihträger stupsen uns mit ihren Mäulern an und knabbern uns das Moos aus den Händen. Sie lassen sich streicheln, das Fell ist dick und weich. Sie sind recht zivilisiert, sehr freundlich und – ja, man muss es sagen – unfassbar süß.

Die Zeit vergeht wie im Flug auf einem Rentierschlitten. Die Sonne verschwindet hinter dem Wald und so endet ein viel zu kurzer Abenteuerurlaub in Finnland.

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