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Reisen

Faszination Super-GAU

Von Carsten Hebestreit 22. Juni 2019 00:04 Uhr

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Bild 1/64 Bildergalerie: Unterwegs in Tschernobyl

50.000 Touristen besuchen pro Jahr Tschernobyl, um den Reaktor 4 und die Stadt Prypjat zu sehen. Nach einer TV-Serie über die Nuklearkatastrophe stieg heuer der Strom an Tagesausflüglern an.

Freilichtmuseum mit Gruselfaktor
Zalissia: Im Kindergarten erinnern Fundstücke an bessere Tage.

Der Staat lässt Gras, Sträucher und Bäume über die Sache wachsen. Und gerade darin liegt auch die Faszination der Sperrzone rund um den explodierten Reaktor 4 des Atomkraftwerkes von Tschernobyl. Einst, im April 1986, wurden Prypjat und 30 andere Kommunen innerhalb weniger Stunden geräumt, seither holt sich dort die Natur zurück, was ihr einst der Mensch genommen hat. Weltweit existiert wohl heute kein Ort, der derart grün ist wie die einstige Modellstadt der Sowjetunion. Evakuiert, geplündert, zugewachsen – Prypjat ist mehr als 33 Jahre nach dem Super-GAU ein Freilichtmuseum mit Gruselfaktor.

Freilichtmuseum mit Gruselfaktor
Im Roten Wald: 7,77 Mikrosievert pro Stunde.

"Alles völlig verstrahlt", "Todeszone", "Tödliche Kontamination" – über Hunderte wenn nicht Tausende Jahre sei diese ukrainische Region unbewohnbar, suggerierten Wissenschafter, Politiker und auch Medien nach der verheerenden Explosion. Fakt ist: Hunderte Einheimische weigerten sich nach 1986 die flugs eingerichtete Sperrzone zu verlassen. "Vor Kurzem erst starb eine Frau, die 82 Jahre alt wurde", erzählt Yulia, eine von Dutzenden Reiseleitern, die tagtäglich Touristen in die Sperrzone führt. 70, 80 Meter von dem neuen Sarkophag über dem Reaktor 4 zeigt der Geigerzähler unter 1,0 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h) Strahlenbelastung an – weniger als beispielsweise in den Alpen, vergleicht der Schweizer Kernphysiker Walter Rüegg in seinem Reisebericht auf nuklearia.de. Trotzdem existieren hochradioaktive Hotspots, zu denen Reiseführer gerne Touristen lotsen – wegen des Nervenkitzels. 

Freilichtmuseum mit Gruselfaktor

Vadim fährt gefühlvoll Slalom um die Schlaglöcher. Auf dem Mercedes Sprinter steht in riesigen Lettern „Chernobyl-Tour“. Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt vom Maidan-Platz in Kiew zum offiziellen Eingang in die 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl. „Ja, es kommen heuer deutlich mehr Touristen“, sagt Yulia. Die HBO-TV-Serie über die Nuklearkatastrophe, die auch Sky zeigt, löste den aktuellen Tschernobyl-Boom aus. Die 23-Jährige begleitet seit einigen Monaten Tagesausflügler nach Prypjat, nach Tschernobyl. „Ich bin auf dieses Thema spezialisiert“, sagt sie. Und: „Diese Woche fahre ich sechs Mal die Tour.“ An diesem Juni-Tag sitzen Gäste aus den USA, aus Belgien, Neuseeland, der Türkei und Österreich im Kleinbus.

Freilichtmuseum mit Gruselfaktor
Einst und jetzt: Die Wohnhäuser wurden geplündert und sind verfallen.

Penible Kontrolle

Vor dem Schranken bei der Einfahrt zur 30-Kilometer-Sperrzone kontrolliert ein Mann in Camouflage-Montur die Teilnehmerliste samt Reisepässen. Jeder muss Verhaltensregeln unterschreiben (kein Alkohol, keine Drogen, keine Wege verlassen, respektvolles Verhalten usw.).

Erster Stopp: Ein Denkmal für die Gefallenen des „Großen Vaterländischen Krieges“ – des Zweiten Weltkrieges. „Jeder Ort hat so ein Monument“, sagt Yulia. Zweiter Stopp: der Ort Zalissia. Verlassen, verfallen, zugewachsen. 30 Jahre alte Bäume verwehren die Sicht auf das Bankinstitut, auf den Laden, das Kulturzentrum, ein Wohnhaus. „Da dürft ihr rein!“, sagt Yulia. Der Kindergarten ist geplündert, verfallen, aber nicht einsturzgefährdet. Kaputte Puppen, eine Tafel, demolierte Kästen und Regale und viele kleine Betten. Alles Zeugen eines überstürzten Aufbruchs. Auf dem Boden liegt ein A5-Heft mit einem Eintrag aus 1976. Die kyrillische Handschrift ist gut lesbar. Ein Tagebuch? Eine Tatsache wird hier überdeutlich: Fotografen hinterließen perfekt komponierte Fotomotive. Spielsachen, Kinderschuhe, Malbücher. Inszenierungen am Rande der Atomkatastrophe.

Nach Stopps beim Ortsschild „Tschernobyl“, beim Monument, das der 200.000 Menschen gedenkt, die im April 1986 ihre Heimat verlassen mussten, und beim Mittagessen direkt im Ort Tschernobyl („Alle Lebensmittel stammen von außerhalb der Sperrzone.) führt die Route vorbei an den Ruinen der Reaktoren 5 und 6 (Baustopp 1988). „Insgesamt waren zwölf Blöcke geplant“, erzählt Yulia.

Freilichtmuseum mit Gruselfaktor
Der Spaß, der keiner war: Der Vergnügungspark wurde nie eröffnet.

„Und hier sehen wir die Reaktoren 1, 2 und 3“, sagt die 23-Jährige. „Und den Reaktor 4.“ Der Unglücksreaktor ist 300 Meter entfernt, im Vordergrund verläuft ein breiter Wasserkanal, auf dem metallenen, zwei Milliarden Euro teuren Sarkophag spiegelt sich die Sonne. Der erste Blick auf das Unfassbare: Das ist also DER Block 4! Das Kernkraftwerk W. I. Lenin, das seit dem 26. April 1986 extreme Angst verbreitet. Teleobjektive werden bis zum Anschlag gedreht, es ist Selfie-Zeit. Und der Geigerzähler? Die Leihgeräte zeigen allesamt unter 1,0 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h). Harmlos, urteilt der Schweizer Kernphysiker Walter Rüegg auf nuklearia.de. Die jährliche Belastung liege rechnerisch bei fünf Millisievert (mSv), in den Alpen würden Dosen von 30 mSv pro Jahr gemessen. Diese Gebirgsregionen müssten konsequenterweise „zu Todeszonen erklärt“ werden, kritisiert der Wissenschafter Panikmache rund um das Thema Tschernobyl.

Offiziell 31 Strahlentote

Zurück im Bus ziehen die Blöcke 1 bis 3 vorbei. Auf Druck der EU legte die Ukraine die Reaktoren im Jahr 2000 still. Nächster Stopp: der Parkplatz direkt vor dem Reaktor 4. Yulia mahnt, sich nicht von der Gruppe zu entfernen („Hier wird alles mit Kameras überwacht!“) und der offiziell nur 31 Strahlentoten zu gedenken – Feuerwehmänner und AKW-Mitarbeiter. Kein Lachen, keine Witze, nichts! Der Sarkophag ragt in 70, 80 Metern Entfernung in die Höhe. Unvorstellbar, diese Nähe zu dem weltweit berüchtigten Block 4, dessen freigesetzte Strahlung mittelbar Tausende Menschen tötete (genaue Zahlen existieren nicht) und das Leben von Millionen veränderte.

 

Reise-Tipps

Von Kiew aus starten täglich Busse Richtung Tschernobyl. Ratsam ist, eine Tour vorab zu buchen – am besten über das Internet. Seit mehr als 20 Jahren bietet SoloEast Travel Tagesausflüge in die Sperrzone an (tourkiev.com). Eine Ein-Tages-Tour kostete knapp unter 100 Euro pro Person, die Zwei-Tages-Tour mehr als 300 Euro. Gefahren wird mit modernen Mercedes Sprintern und VW Craftern. Private Anbieter bieten die Trips in eigenen Autos deutlich billiger an. Nachteil: Die Pkw sind zumeist alt. Und zu fünft in einem Kleinwagen …
Wichtig: Die Touren starten an verschiedenen Punkten in Kiew. Daher ist ratsam, eine Abfahrt in der Nähe des eigenen Hotels zu wählen. Gegen Aufpreis holt der Veranstalter Ausflügler auch direkt beim Hotel ab.
Die Anmeldung via Internet ist bis fünf Tage vor dem Tourstart möglich. Die Reisepassdaten sind obligatorisch und werden an den Checkpunkten kontrolliert.

Vorgeschrieben ist Kleidung, die schützt: lange Ärmel und lange Hosen sowie feste Schuhe.
Jeder Tschernobyl-Besucher erhält ein personalisiertes Messgerät, das die Strahlungsdosis während des gesamten Aufenthalts in der Sperrzone aufzeichnet. Ebenso wird jeder Ausflügler bei der Ausfahrt aus der Sperrzone auf Strahlung kontrolliert – an Händen, Schuhen, Knien etc. Zumindest beim OÖN-Besucher interessierte sich kein Offizieller für diese Messung …

2000 Techniker, Förster etc. pendeln täglich in die 10-Kilometer-Sperrzone, um dort zu arbeiten. 2000 Forst- und Fabrikarbeiter, Polizisten, Verkäuferinnen usw. wohnen 15 Tage lang im Ort Tschernobyl, dann haben die Menschen 15 Tage frei und müssen die Sperrzone verlassen. Viele der Pendler wohnen in Slavutitsch, das nach der Katastrophe 45 Kilometer vom AKW entfernt für die Bewohner aus der Sperrzone errichtet worden ist.

Auch heute noch gilt die Strahlenbelastung unter dem Schutzschild nach wenigen Minuten als tödlich. Auf dem Parkplatz zeigt der Geigerzähler harmlose Werte an – alle unter 1,0 Mikrosievert pro Stunde. Tod und Tourismus in einer absurden Nähe zueinander. Auf der Fahrt nach Prypjat ein kurzer Stopp beim Roten Wald. Jenem Waldstück nahe dem explodierten Kernreaktor, das die radioaktive Strahlung damals absterben ließ. Die roten Bäume sind weg, neue Bäume nachgewachsen, die extreme Strahlung ist geblieben.
Prypjat. Vorzeigeprojekt der Sowjetunion, ab 1970 gebaut für die AKW-Mitarbeiter und ihre Familien. „Hier zu wohnen war ein Privileg“, erzählt Yulia. Die besten Techniker des ganzen Landes wurden hierher gelockt. Der erste Supermarkt der Sowjetunion öffnete hier, Schwimmbad, Vergnügungspark, Cafés – alles inklusive. Fünf Tage vor der Eröffnung des Vergnügungsparks am 1. Mai 1986 explodierte der Block 4, einen Tag nach der Katastrophe wurde die 50.000-Einwohner-Stadt evakuiert.

Radioaktiver Staub verflog

„Unbedingt auf befestigtem Boden bleiben“, sagt Yulia. Reinigungstrupps hatten einst den Asphalt und den Beton abgewaschen. Den Rest erledigte der Wind. Der radioaktive Staub ist längst verflogen. Dafür wachsen überall Bäume. Aus jeder noch so kleinen Ritze keimt Grün. Die 23-Jährige zeigt Fotos der einst blühenden Modellstadt – vor dem Hintergrund der jetzigen Realität: zerschlagene Fensterscheiben, zertrümmerte Möbel, kaputte Mauern. Räumkommandos haben stark verstrahlte Kleidung, Einrichtungsgegenstände etc. nahe dem Prypjat-Fluss vergraben, dort wächst heute, 33 Jahre nach dem Unglück, noch immer kein Gras. „Die Strahlung ist einfach zu hoch.“ Die zurückgelassenen Relikte ergeben bedrückende Fotomotive. Die Einkaufswagerl im Supermarkt, die riesigen Politikerporträts in der Parteizentrale. Prypjat erwuchs zu einem Freilichtmuseum mit Gruselfaktor.

Und dann wäre da noch der berühmte Vergnügungspark mit dem Autodrom, dem Riesenrad, der Schaukel und dem Karussell. „Da, halte den Geigerzähler hierher!“ Yulia kennt die Hotspots. 51 µSv/h. Das Ticken überschlägt sich. „Halt noch einmal hin!“ 36 µSv/h, mehr geht plötzlich nicht mehr. Irgendwie schade, da waren die 51 Mikrosievert das bessere Fotomotiv. Katastrophentourismus orientiert sich nicht am Hausverstand.
Der Stolz der Sowjetunion lässt sich auch heute noch spüren, irgendwie. Über die Atomkraft, über Prypjat. Aber da ist auch noch immer überall die Verzweiflung sichtbar – in Form von Zeugen der überstürzten Evakuierung. Die Schulhefte, die Schuhe, die vielen persönlichen Dinge. Und der Tourist fotografiert mittendrin – mit Respekt, aber auch mit Nervenkitzel.

Freilichtmuseum mit Gruselfaktor
Obligatorisch: Strahlungs-Check beim Verlassen der Sperrzone

Auf der Rückfahrt beschleunigt Vadim auf 130 km/h, der im Sprinter fix montierte Geigerzähler spielt verrückt. „Wir fahren durch den Roten Wald“, erklärt Yulia. Ein paar Sekunden später tickt das Gerät wieder im unverdächtigen Takt.

Die Strahlenmessungen bei der Ausfahrt aus der Sperrzone, der sich jeder Tschernobyl-Besucher stellen muss, ergeben unauffällige Werte. Also alles in Ordnung.

 

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