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Reisen

Familie Koller in Australien: Der ungezähmte Westen

24. August 2019 09:48 Uhr

Westlicher geht’s nicht

Etappe fünf führt Familie Koller aus St. Gotthard im Mühlkreis an den westlichen Punkt Australiens. Sie genießt die ungezähmte Natur und das frische Wasser, erlebt Wiedersehensfreude, Vorfreude und auch die ein oder andere Enttäuschung.

Um Perth, mit ihren über zwei Millionen Einwohnern die größte Stadt Westaustraliens, machen wir diesmal einen Bogen, lediglich Fremantle, den hippen Vorort, besuchen wir kurz. Es zieht uns weiter Richtung Geraldton, unsere "zweite Heimat" aus dem Vorjahr, wo wir drei Monate unser Haus in St. Gotthard mit einer anderen Familie getauscht haben. Ab jetzt beginnt die eigentliche Westküste, wenig Menschen, wenig Grün – dafür atemberaubende Natur. Nach einigen Fahrstunden bilden die Pinnacles, tausende Kalksteinsäulen, die bis zu einer Höhe von 3,5 Meter wie Pilze aus dem Boden wachsen, gemeinsam mit der untergehenden Sonne eine unglaubliche Kulisse.

Weil wir alle die Landschaft wiedererkennen, verfliegen die paar Hundert Kilometer bis Geraldton im Nu. Die Tauschfamilie aus dem Vorjahr ist mittlerweile in das ferne Darwin übersiedelt, doch im Nachbarhaus wohnt unsere liebgewonnene Sabine, eine deutsche Zahnärztin, die vor 20 Jahren ausgewandert ist. Ihre beiden Hunde begrüßen uns schwanzwedelnd, als wäre keine Zeit vergangen, und Sabine lädt uns mit einem verschmitzten Lachen zum Abendessen ein. Der Nachbar hat ihr vor ein einigen Tagen Hummer mitgebracht, und den gilt es zu verspeisen. Was für ein Festessen und willkommene Abwechslung zur Camping-Kost! Der Abend ist lang und gemütlich und der Weg in unser mobiles Zuhause kurz, denn der Wohnwagen parkt direkt auf dem Nachbargrundstück. Ein wohliges Gefühl des "Ankommens" macht sich breit nach mehr als fünf Monaten unbekannter Menschen und Orte.

Aber Geraldton ist diesmal auch ein Platz für Erledigungen. Das "Pickerl" für Auto und Wohnwagen müssen erneuert werden. Der Inspektor wirft einen Blick vorab auf unser Gespann: Der Wohnwagen braucht drei neue Reifen, das Auto hinten rote Rückstrahler und zusätzliche Blinker vorne. Schnell noch alles besorgt, montiert und … durchgekommen! Die Erleichterung ist groß, drücken Autoprobleme doch nicht nur auf das Gemüt, sondern auch das Reisebudget.

Abseits der Straßen

Auf der Besucherliste steht noch eine deutsch-australische Familie, in deren Haus wir bereits im Vorjahr ein und aus gegangen sind. Auch Adam, der sich vermutlich bereits sein Surfboard unter den Arm klemmte, noch bevor er laufen konnte, wollen wir einen Besuch abstatten. Der waschechte Australier nimmt uns mit an den Strand. Recht lange halten wir uns zwar noch nicht auf dem Brett, aber für jemanden aus einem Land ohne Meerzugang halten wir uns nicht schlecht – wie wir finden.

Nach fünf Tagen zieht uns das nächste bereits bekannte Ziel an: Shark Bay (Höhepunkt 1). Wir übernachten am Eingang des Nationalpark in Hamelin Pool, eine alte Telegrafenstation. Nur ein paar Schritte weiter lassen sich die ältesten Lebewesen auf diesem Planeten erkunden (siehe Infobox). Dieser Platz dient auch als Ausgangspunkt für unser großes Offroad-Abenteuer. Steep Point, der westlichste Punkt des australischen Festlandes, will erkundet werden. Frühmorgens hüpfen wir aus den Federn, überprüfen nochmals Wasser, Treibstoff und Notfall-Ausrüstung, brettern wenig später mit reduziertem Reifendruck die nächsten dreieinhalb Stunden über Schotterpisten und driften mit noch weniger Reifendruck über weiche Sanddünen. Es macht so viel Spaß! Nach 186 teils sehr abenteuerlichen Kilometern erreichen wir den westlichsten Punkt. Dieser mag zwar magisch sein, landschaftlich haben wir aber schon viel schönere Plätze gesehen. Hier ist wohl der Weg das Ziel und die Tatsache, am äußersten Rand Australiens angekommen zu sein.

Tags darauf erkunden wir Denham und stocken Wasser und Lebensmittel auf, um noch am gleichen Abend zum Francois Peron National Park weiterzufahren, der sich als der bisher farbenfrohste entpuppt. Neben türkisblauem Meer und tiefroter australischer Erde leuchten noch Ockertöne und grünes Buschwerk. Die 20 Kilometer lange Anfahrt durch den Busch erweist sich als ziemlich herausfordernd. Die tiefen Sandpassagen erfordern vollste Konzentration auf Auto und Wohnwagen und auch ein gewisses Maß an Momentum und Mut.

Kurz bevor wir uns nach einigen Tagen wieder am Highway einordnen, machen wir noch einen Abstecher zum schneeweißen Shell Beach. Der hohe Salzgehalt des Wassers lässt hier eine Muschelart ohne natürliche Feinde gedeihen. Das Resultat ist ein 60 Kilometer langer Strand, der ausschließlich und bis zu zehn Meter dick aus dieser einen Muschelart besteht.

Das Staunen über den Muschelstrand wird abgelöst von der Vorfreude auf Carnarvon. Von Avocados bis Bananen gibt es hier alles – sogar in Bio-Qualität. Diese fruchtbare Region wird vom Gascoyne River gespeist und ist nur eine von zwei in Westaustralien, die das ganze Jahr über ausreichend Wasser für Mensch und Landwirtschaft zur Verfügung haben (siehe Infobox). Außerdem findet am Tag unserer Ankunft ein Pferderennen statt – genau das Richtige für unsere Pferdenärrinnen. Jolanda und Birgit platzen vor Aufregung und können es kaum erwarten, die Hufe klappern zu hören und den Jockeys Löcher in den Bauch zu fragen. Auch wenn die Vollblüter vital aussehen, tun sie uns trotzdem leid. Wenn die letzten Meter über Sieg oder Niederlage entscheiden, prasseln die Gerten unaufhörlich auf die Pferdekörper nieder.

Diverse Fontänen

Wir biegen bei Carnarvon in die nächste Sackgasse. An den Ziel "Blowholes" am Quobba Point bleiben wir mehrere Nächte, um das Naturschauspiel zu bestaunen. Tosende Wellen zwängen sich durch enge Felslöcher und erzeugen dabei eine Gischtfontäne von mehr als 15 Metern Höhe. Doch nicht nur diese Fontänen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Unweit der schroffen Klippen tauchen immer wieder Wale auf. Es ist fast so, als würden sie uns mit ihren Schwanzflossen zuwinken. In einer kleinen geschützten Bucht, genannt Aquarium, verbringen wir die Nachmittage mit Schnorcheln und Strandspaziergängen. Der Wettergott verwöhnt uns mit durchgehendem Sonnenschein und 30 Grad. Auch die Nächte sind angenehm warm, was wir nach dem kalten Süden sehr genießen.

Plagen und Enttäuschungen

Erst durch die Empfehlungen von anderen reisenden Familien entscheiden wir uns, auf einen weiteren Küstenabschnitt zuzusteuern. In Warroora Station (Höhepunkt 2) verbringen wir mehr als eine Woche mit Fischen, Spaziergängen, Lesen und den Geschichten anderer Reisender lauschend. Einziger Wermutstropfen sind die tausenden Buschfliegen, die Menschen auf Schritt und Tritt verfolgen und auf der Suche nach Protein gezielt in Nase, Ohren und Mund eindringen. Doch dank der Fliegennetze wird die schlimmste Fliegenplage seit 20 Jahren halbwegs erträglich. Ein einziges Mal fahren wir querfeldein auf alten Busch-Pfaden ins 40 Kilometer entfernte und sehr touristische Coral Bay, um Wasser zu tanken. Die Zeit verfliegt, Laurin und Linus lernen viel über Gezeiten, Strömungen und Fischen, und so landet immer wieder Fisch auf unseren Tellern. Was für ein Leben so ohne Supermarkt und nur mit dem, was die Natur uns schenkt. Und weil sich auch die eine oder andere Haiflosse erblicken lässt, sind wir mit dem Baden etwas vorsichtig.

Das nächste und letzte Ziel dieser Etappe ist Exmouth, eine beschauliche kleine Stadt und Heimat vieler sonnenhungriger Südaustralier, die hier oben überwintern. Doch unser Ziel ist der Cape Range National Park und das vorgelagerte Ningaloo Reef, ein langersehnter Höhepunkt der Reise. Die bunten Korallenbänke mit der schieren Vielfalt an Fischen, Schildkröten und Muscheln beginnen direkt am Strand, und bis zum Riff sind es teilweise nur ein paar hundert Meter. Wir können es kaum erwarten, wieder zu schnorcheln und in die farbenfrohe Unterwasserwelt einzutauchen. Doch der Wind und die damit unruhig werdende See machen unsere Vorfreude zunichte. Bis auf Wellen und dunkle Wolken bekommen wir nichts zu Gesicht. Auf dem Rückweg kreuzt unerwartet ein Dingo unseren Weg, das versöhnt ein wenig, aber ist dann doch kein wirklicher Ersatz für das Riff. Sichtlich enttäuscht packen wir unsere Siebensachen und verlassen, vom Regen begleitet, diesen malerischen Küstenteil Australiens. Den Abschluss der Westküste haben wir uns anders vorgestellt, die nächsten Wochen werden wir fernab vom Meer im Landesinneren verbringen. Doch wie letztes Jahr haben wir die kaum besiedelte und unberührte Natur genossen, und die unzähligen, hunderte Kilometer langen Küstenlandschaften machen schlichtweg jeden Tag zu einem schönen Reiseerlebnis.

Höhepunkte

Shark Bay
Wegen unberührter Buchten und Strände, teils einzigartiger Tier- und Pflanzenarten über und unter Wasser sowie der historischen Bedeutung (holländische Seefahrer sind 1616 hier gelandet) wurde Shark Bay 1991 in das Welterbe der UNESCO aufgenommen. Beste Reisezeit sind die Monate April bis Dezember.

Warroora Station
67 Kilometer Küste und einige Hektar Buschland stehen zur Verfügung, um eine der letzten Bastionen des Wildnis-Campens zu erleben. Die Anfahrt ist mühselig und nur über Schotterstraßen zu bewerkstelligen. Bedingung zum Campen sind, eigenes Wasser und eigene Toilette mitzuhaben. Gegen ein paar wenige Dollar pro Nacht steht man hier an Plätzen, wo die Natur noch vollkommen intakt und ungezähmt ist.

Wissenswertes

Wasser in Australien

Wir trinken es, bewässern den Garten, waschen das Auto und bekommen eine verlässliche Information von der Gemeinde, sollte es einmal für eine Stunde abgeschaltet werden. Anders hierzulande. In Westaustralien gibt es nur zwei Regionen, die sich ganzjährig selbstständig mit Wasser versorgen können. Alle anderen Regionen haben oft Bohrwasser in schlechter Qualität. In den Städten gibt es aufbereitetes Wasser, das mit Chlor und Fluorid versetzt wird. Einige Häuser haben Regenwassertanks, um für einige Monate über die Runden zu kommen. Der Garten darf nur an bestimmten Tagen zu bestimmten Zeiten bewässert werden, wenn überhaupt. Das Autowaschen ist den Waschanlagen vorbehalten. Seit wir unterwegs sind, gibt es kaum etwas, das für uns kostbarer geworden ist als gutes Trinkwasser. Wir achten auf jeden Liter, den wir verwenden, und sind uns bewusst, dass Wasser eine begrenzte Ressource ist.

Stromatolithen ...

... sind Gesteinsbildungen, die durch vier Milliarden Jahre alte Urbakterien entstanden sind. Die Shark Bay in Westaustralien zählt zu den wenigen Orten weltweit, an denen noch wachsende Stromatolithen vorkommen. Diese Bakterien sind vor 3 Milliarden Jahren entstanden und haben dafür gesorgt, dass der Planet einen Mantel aus Sauerstoff erhält.

Wie der Bergbau als wirtschaftlicher Motor Australiens und die unberührten Nationalparks als Tourismusmagneten ein gutes Auskommen miteinander finden, lesen Sie im nächsten Artikel.

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