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Europas letztes Geheimnis

Von Sigrid Brandstätter   02.Juni 2019

Europas letztes Geheimnis
Gjirokastër ist für die UNESCO schützenswert.

Der alte Mann sitzt auf einem weißen Plastiksessel im feinen Schotterstrand von Sarandë und hantiert mit seiner Angelschnur. Im touristischen Hauptort des südlichen Albaniens geht es in der Vorsaison sehr beschaulich zu. Geschickt wirft der Weißhaarige in Sakko und Hose seine Schnur weit in das saubere Ionische Meer. Korfu ist zwar mehr als die Länge einer Angelschnur entfernt, aber die Insel im äußersten Norden Griechenlands ist in Sichtweite und mit einem der schnellen Fährboote in einer halben Stunde erreicht.

Nach einer Minute zieht der Rentner die Schnur wieder ein. Eine Angel braucht er für sein Vergnügen in der warmen Abendsonnenicht. Im Sommer wird er nicht mehr alleine im Kieselstrand sitzen. Sarandë ist das Einfallstor für Urlauber im Süden Albaniens, das als letzte unentdeckte Destination auf unserem Kontinent angepriesen wird. Die Besucher kommen über den Flughafen Kerkira auf Korfu.

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Typisch albanisch: gebackene Reisbällchen

Zugegeben: Auf den ersten Blick von der Fähre aus entfaltet Sarandë wenig Charme. Das, obwohl oder besser weil die neugebauten mehrstöckigen Hotels und Appartementhäuser allesamt ihre zig Balkone Richtung Meer strecken.

Doch wer die engen Kehren in Richtung Burg über der Stadt bewältigt hat, sieht, dass ein Sommerurlaub in Albanien abwechslungsreicher sein kann, als in so mancher griechischen oder kroatischen Ferienstadt. Nicht umsonst war Sarandë in den Jahrzehnten der völligen Abschottung des Landes im 20. Jahrhundert für die Einheimischen die Destination für Hochzeitsreisende.

Zu Zeiten des langjährigen Staatsführers Enver Hoxha – er war Parteichef der kommunistischen Partei und damit unumschränkter Herrscher über das Land von 1943 bis 1985 – gab es ein staatliches Hotel. Heute sind es an die 130, die großteils familiengeführt, allmählich in den Sommerreise-Katalogen großer europäischer Veranstalter auftauchen.

Sarandë mausert sich zu einem Geheimtipp unter den Strandurlaubern, weil es den Südpunkt der sogenannten albanischen Riviera bildet. Die Strände südlich von Viorë tragen entweder die Namen von Südseeinseln (Bora-Bora) oder eben Mirror wie Spiegel, was nicht zu Unrecht dem glasklaren Wasser geschuldet ist.

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Bora-Bora – der Strand in Ksamil hat nicht zufällig den Namen einer Südseeinsel.

Doch zurück zu unserem Aussichtspunkt: Die Burg Lekursi hoch über Sarandë stammt aus dem 16. Jahrhundert. Ein Sonnenuntergang hier oben gehört zum Pflichtprogramm jedes Urlaubers. Und tatsächlich beeindruckt der 360-Grad-Rundblick bis hinüber nach Griechenland – aber vor allem ins Landesinnere. Hinter dem breiten Hundecova-Tal begrenzt die erste Bergkette den Horizont.

Über deren gut ausgebaute Passstraße wird uns unser Weg führen, um die Weltkulturerbe-Stadt Gijrokastër zu erreichen. Albanien ist das bergigste Land Europas. Zwei Drittel des Balkanstaates sind Berge. Mit einer durchschnittlichen Seehöhe von 700 Metern ist Albanien trotz einer 360 Kilometer langen Küste an Adria und Ionischem Meer auch das am höchsten gelegene Land Europas. Der höchste Gipfel Korab ist nicht höher als 2750 Meter und erreicht damit keine Dachstein-Dimension.

Doch die Topografie bedeutet auch, dass das Klima schon eine halbe Autostunde hinter dem ionischen Meer kontinental und damit im Sommer deutlich erträglicher als an der Küste ist.

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Bunker in der Landschaft: Die Spuren des Kommunismus sind noch allgegenwärtig.

300 Sonnentage im Jahr

Wobei umgekehrt die 300 Sonnentage im Jahr durchaus ein strahlendes Argument auch für Langzeiturlauber aus Skandinavien oder Zweitwohnungsbesitzer sind. So kommen allein in Sarandë zu 3000 Hotelbetten noch 25.000 Appartements in modernen schlanken bis zu zehnstöckigen Häusern.

Auf der etwa einstündigen Autofahrt nach Gijrokastër wird dem Reisenden auch vor Auge geführt, dass Albanien zu den ärmsten Ländern Europas gehört, das unter der Abwanderung der Jungen leidet, die sich anderswo mehr Perspektiven erhoffen. Immer wieder teilfertige Häuser, die erahnen lassen, dass das Geld nicht reicht, um das Dachgeschoß zu finalisieren.

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Im Butrint-See wachsen hervorragende Miesmuscheln heran.

Schäfer treiben ihre Herden die Berghänge entlang, stets begleitet von Hunden. Das ist auch einer der Gründe, warum es noch wenige Wanderwege gibt, obwohl sich etliche Bergkämme oder Gipfel erklimmen ließen. "Wir warnen die Wanderer davor, den Schafen und Hunden zu nahe zu kommen", sagt unser Guide Vasil Berka, der aber nicht müde wird, die Vorzüge seines Landes zu rühmen. Denn so hat auch Albanien ein fruchtbares Zwischenstromland, genannt Mesopotamien. Die Flüsse sind mehrfach aufgestaut. Die Kleinwasserkraftwerke tragen aber längst nicht mehr die Namen Stalin oder Lenin, sondern sind nach dem nächstgelegenen Ort benannt.

Wir sehen zahllose Ginsterbüsche, die ein gelbes Blütenmeer bilden. Die kurvigen Straßen durchqueren Laubwälder und Olivenhaine. Und überall herrlich unberührte Natur. Wo bei uns die Intensivlandwirtschaft die Artenvielfalt zwischen den Feldern längst dezimiert hat, sprießen hier Blumenwiesen.

Dass es im Land einst durchaus Wohlhabende gab, lässt sich in der Stadt Gjirokastër nachvollziehen. Die Stadt war einst Stammsitz einer Fürstenfamilie, später Sitz der osmanischen Provinzverwaltung und profitierte ab dem 17. Jahrhundert als Handelsstützpunkt.

Museumsstadt und Kulturerbe

Aufwändig errichtete Bürgerhäuser scheinen an den Felswänden zu kleben. Weil die Dächer mit grauen Steinplatten gedeckt sind und diese nach Regengüssen silbrig glänzen, heißt es dort auch "Silberberg".

Seit 1961 ist Gjirokastër eine Museumsstadt. Zu diesem Status kam sie als Geburtsort von Langzeitführer Hoxha. Sein Elternhaus ist heute ein ethnographisches Museum, das Einblick in die Funktionen dieser Häuser und die Lebensweise der Bewohner gibt.

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Ein Bürgerhaus als Museum

Vasil erklärt die unterschiedlichen Ebenen. Zu ebener Erde gibt es nur kleine Lichtschlitze. Die Außenmauern sind so dick, dass selbst im Sommer innen noch Vorräte aufbewahrt werden konnten. Die geschlossene Fassade und die engen Stufen nach oben hat es auch Angreifern schwer gemacht, ins Innere vorzudringen. Im niedrigen ersten Stock befinden sich Schlafräume und die Winter-Wohnräume. Diese liegen im Kern des Gebäudes – weil dort mit Kälte leichter umzugehen war. Geheizt wurde mit Kaminen oder offenen Feuerstellen. Vereinzelt wurden die steinernen Wände zu kleinen Dampfbädern ausgebaut.

Die Sommer-Wohnräume befinden sich im dritten Stock, dessen Raumhöhe viel großzügiger als weiter unten ist. Die Fenster erlauben wunderbare Ausblicke über die Stadt und einen kühlenden Luftzug im Sommer, während die Dachvorsprünge direkte Sonneneinstrahlung verhindern. Hier oben finden sich auch teils überdachte Veranden und der große Festsaal, in dem Gäste empfangen wurden.

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Auch die antike Stadt Butrint ist Weltkulturerbe.

Die Räume wurden flexibel genutzt: Auf niedrige Holzrahmen, die in der Mitte des Raumes platziert wurden, kamen große runde metallene Tischplatten. Nach der Mahlzeit oder dem Teegenuss wurden diese zurück in die Küche gerollt. Der Holzrahmen fand an der Wand eine Zweitnutzung als Regal. In der Küche wurde statt eines Waschbeckens einige mehrere Zentimeter dicke Steine waagrecht in eine Ecke eingemauert. Ein schmaler Schlitz an der Wand blieb offen. Er bildete den Abfluss. Mit dem Abwasser kamen die Bäume darunter zu ihrem regelmäßigen Nass.

Statt Betten gab es Matratzen am Boden, die am Morgen in Nischen an den Wänden gestellt wurden. So wie es überhaupt wenig Möbel gab. Hinter filigran geschnitzten Holzwänden wurde verstaut, was nicht gesehen werden sollte.

Frauen, die an den Männergesellschaften nicht teilnehmen durften, beobachteten das Treiben hinter kleinen, mit Holz vergitterten Fenstern. Aber das ist heute nicht mehr so, beeilt sich Vasil zu betonen.

Eine Premiere

Anbieter: Zum ersten Mal nimmt Rewe Austria Touristik und damit Billa Reisen heuer Albanien ins Angebot auf. Der Pauschalreisen-Spezialist zielt auf Strandurlauber ab, die auch das Land kennenlernen wollen, die die griechische und kroatische Küste schon allzu gut kennen und die einen Urlaub für die kleine Brieftasche suchen. All-inklusiv wird vorwiegend im Norden angeboten, im Süden ist das Frühstück inkludiert.

Touristische Infrastruktur: In Küstenorten wie Sarandë gibt es Bootsausflüge an kleine Strände, Mietautos sowie Ausflugsangebote. In Ksamil sind die Strände flach und damit kindergerecht.

Preisbeispiele: Eine Woche mit Nächtigung und Frühstück in 3,5-Sterne-Kategorie inklusive Flug ab Wien via Korfu inklusive Transfers ab 547 Euro (Preis für Abreise am 27. August).

Ab Linz mit Abflug am 28. Juni gleiches Angebot ab 599 Euro. Wegen der Ankunft am späten Abend ist bei der Hinreise eine Zwischennächtigung auf Korfu enthalten.

Nähere Informationen: billareisen.at hat drei Hotels im Katalog, weitere kommen ins Onlineangebot.

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19. November 2019