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Reisen

Es lebe die freie Liebe

Von Bernhard Lichtenberger  21. August 2021 00:04 Uhr

Es lebe die freie Liebe
Mitte des 17. Jahrhunderts fast ausgerottet, freut man sich im Pitztal heute über die größte Steinbock-Population der Ostalpen..

Im Pitztal zeigt sich der König der Alpen dem Wanderer in freier Wildbahn. Noch näher kommt man ihm im Steinbockzentrum in St. Leonhard.

Da haben sie sich weiland ordentlich geschnitten, die Pitztaler, als sie Bock auf Bock hatten – auf Steinbock. Die mystifizierte alpine Ziege galt seit Mitte des 17. Jahrhunderts als ausgestorben. Um die Tiere mit den prächtigen Hörnern wieder anzusiedeln, holten sich die Pitztaler allen bürokratischen Hürden zum Trotz im Jahr 1953 sechs Exemplare aus dem schweizerischen Graubünden. Der Libido war das Dasein im Gehege allerdings nicht förderlich. Kein Bock hatte Lust, ein geiler zu sein. Statt sich zu vermehren, suchten die zur Zucht Bestimmten eines Tages das Weite. Als kein Zaun mehr das Verlangen im Zaum hielt, brachte die freie Liebe im Hochgebirge Nachwuchs hervor. Heute umfasst die Population rund 1200 Tiere.

Es lebe die freie Liebe
Matthias Helmer kümmert sich um das Steinbockzentrum.

Steinbock, fein geschnitten

Das weckt das Begehren, dem König der Alpen in freier Wildbahn zu begegnen. Nach der Ortschaft Weißwald geht es, begleitet vom Rauschen des Kitzlesbaches, im steilen Zickzack in weniger als zwei Stunden hinauf zur 2328 Meter hoch gelegenen Rüsselsheimer Hütte. Dort fädeln sich vor einem Dreitausender wie Hohe Geige, Silberschneid und Ampferkogel auf. "Steinbock Carpaccio" steht zu oberst auf der Speisekarte der Raststätte – denn Steinwild sein, schützt vor Abschuss nicht. Der Bestand muss reguliert werden, da eine unkontrollierte Vermehrung einen enormen Druck auf das Gamswild ausübt, das sich in niedere Gefilde flüchtet, wo ihm wiederum Konkurrenz durch das Rotwild erwächst.

Jedoch sind wir nicht hier, um uns lediglich das hauchdünn geschnittene, mit gehobeltem Parmesan bestreute und mit Öl beträufelte Fleisch des Pitztaler Wappentiers auf der Zunge zergehen zu lassen. Florian Kirschner, der gute Geist der Hütte, verrät, wo sich in den vergangenen Tagen in den späten Nachmittagsstunden Steinwild am liebsten herumgetrieben hat. Über steinige Pfade marschieren wir weiter nach oben, vorbei an einem trüben Schmelzwassersee. Der suchende Blick verliert sich im felsigen Grau, das nur spärlich von dunklem Latschengrün durchbrochen wird. "Da!" sagt mein kundiger Pirschbegleiter Markus Lietz und dient sein Fernglas an. "Eins, zwei, drei, vier . . .", zähle ich laut, und höre bei 18 auf, weil weitere Tiere in den Sehkreis drängen. Gut 30 Stück umfasst das Rudel aus Kitzen, Geißen und Böcken.

Über unwegsames Geröll nähern wir uns bis zu einem Schneefeld, über dem ein kapitaler Steinbock von Büschel zu Büschel grast – ein bewegender Moment. Unbeeindruckt von den ergriffenen Beobachtern zieht die Schar bedächtig höher.

Es lebe die freie Liebe
Der Bestand von Steinböcken wird reguliert, was dem Genießer ein feines Carpaccio beschert.

Wem diese Tour zu mühsam oder die Aussicht auf eine erfolgreiche Begegnung zu vage ist, der kann seit dem vergangenen Jahr den Kletterkünstlern in St. Leonhard im Pitztal noch näher rücken. Vier Böcke und drei Geißen aus dem Alpenzoo Innsbruck haben im 3700 Quadratmeter großen Gehege des Steinbockzentrums ein neues Zuhause gefunden. Anders als seine Urahnen Mitte der 1950er Jahre ließ der älteste Bock auch im Gatter seinen Trieben freien Lauf. Mit Cyprian kam vor sechs Wochen das erste Kitz zur Welt. Auf einem Pfad ist das Gehege frei begehbar, "aber angreifen geht nicht, wir wollen kein Streichelzoo sein", sagt der gelernte Maurer und Bauer Matthias Helmer, der den Betrieb leitet. "Unser Ziel ist es, 15 bis 20 Stück zu halten. Werden es mehr, dann wird ausgewildert, das funktioniert, denn die Tiere haben ihre Instinkte."

Der wechselhaften Geschichte zwischen Mensch, Natur und Kultur widmet sich auf mehreren Ebenen das architektonisch überzeugende, in Cortenstahl und rötlichem Beton gehaltene Besucherzentrum neben dem Schrofenhof, der 1265 erstmals urkundlich erwähnt wurde. So erlauben Bilder von vier Pionieren der Fotografie einen beeindruckenden Blick zurück ins Pitztaler Dasein von anno dazumal. Auf einem anderen Geschoß stehen die stolzen Gratwanderer im Mittelpunkt, denen einst der Garaus gemacht wurde. Daran trug auch Aberglaube Schuld: Das zermahlene Horn der Steinböcke galt als potenzbelebend, dem Kot gestand man verjüngende Wirkung zu, das Bezoar, eine kugelförmige Verhärtung im Magen, sollte gegen Pest, Gelbsucht und Melancholie helfen und Zauberkräfte verleihen. Und das Herzkreuzl, eine Verknöcherung, mochte Glück bringen und unverwundbar machen. Wie gut, dass die Pitztaler weiland ohne Hornpulverl wieder Bock auf Bock hatten.

  • Tiroler Steinbockzentrum in St. Leonhard im Pitztal: Mai bis Oktober tägl. 10-17 Uhr, Dezember bis April Do-So 10-16 Uhr, Erwachsene 8, Kinder (6-14 J.) 5 Euro, steinbockzentrum.tirol
  • Unterkunft: z.B. Sport & Vital Hotel Seppl, Weißwald 41, St. Leonhard; von hier kann man direkt zur Rüsselsheimer Hütte und zur Steinbockbeobachtung wandern.

Artikel von

Bernhard Lichtenberger

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