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Reisen

Eine Stadt wie ein Kunstwerk

Von Peter Grubmüller   27. April 2019 00:04 Uhr

Eine Stadt wie ein Kunstwerk
Der Rhein schlängelt sich durch Basel – für die Einheimischen ist es eine Selbstverständlichkeit, im Fluss baden zu gehen.

Beinahe wäre das an Frankreich und Deutschland grenzende Basel zum Zentrum der Habsburger geworden. Heute ist die prächtige Schweizer Stadt am Rhein vitaler Knotenpunkt von Kunst und Pharmaindustrie.

Die Schweiz ist durch und durch Republik, über ein Königsgrab verfügt sie dennoch. Das ist allerdings gut versteckt. Hoch über dem Rhein im Münster aus leuchtend rotem Sandstein fallen dem Besucher nach einigem Stöbern Österreichs Farben Rot-Weiß-Rot, dann der römisch-deutsche Königsadler und der steirische Panther auf. Es ist der feierliche Wappenschmuck des Sarkophags von Anna Gertrud von Habsburg (1225-1281), die hier mit ihrem noch als Kleinkind verstorbenen Sohn Karl beigesetzt wurde.

Anna Gertrud war die Gemahlin von Rudolf von Habsburg (1218-1291), des ersten römisch-deutschen Königs, dessen Stammlande der heutige Kanton Aargau sowie das Elsass waren und der sich abstrampelte, um Basel zum Zentrum seines Reiches zu machen. Als er 1272 von Basels Bischof Heinrich III. erneut abgewiesen wurde, ließ er die Vorstadt St. Johann niederbrennen – allerdings braucht man eine Weile, um "Santihans", wie es Reiseführer Rudolf Suter nennt, zu identifizieren. 1273 belagerte der Habsburger die Stadt erneut, diesmal von Zürcher Truppen unterstützt. Aber als er im Herbst desselben Jahres zum römisch-deutschen König gewählt wurde, verlor er die Lust am widerborstigen Basel und wandte sich dem willfährigen Wien zu.

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Der Sarkophag von Anna Gertrud von Habsburg und ihrem Sohn Karl

In Wien verstarb 1281 auch Königin Anna von Habsburg. Ihr letzter Wunsch war es, bei ihrem Sohn Karl in Basel beerdigt zu werden. Also ließ Rudolf ihren Leichnam rund 700 Kilometer von Wien nach Basel bringen. Auf dem Sarkophag in der finsteren Ecke sind Mutter und Sohn lebensgroß dargestellt, obwohl sie seit 250 Jahren woanders rasten: 1770 beschloss Kaiserin Maria Theresia, dass die Habsburger Stammmutter nicht länger in Basel ruhen durfte, also wurden die Überreste ins Habsburger Kloster St. Blasien im Schwarzwald umgebettet. Heute liegt Anna im Stift St. Paul im Lavanttal in Kärnten. 1501 besiegelte Basel schließlich seine Schweizer Zukunft und trat der Eidgenossenschaft bei.

Industrieriesen und Kunstgiganten

Auf der Rückseite des Münsters bauen sich von Osten nach Westen entlang des Rheins jene Türme auf, die den heutigen Reichtum der Stadt begründen. Es sind die Nervenzentren der gigantischen Pharmakonzerne Novartis, der 1996 aus dem Zusammenschluss der im 18. und 19. Jahrhundert als Färbereien arbeitenden Unternehmen Ciba, Geigy und Sandoz gegründet wurde, und Hoffmann-La Roche. Der Börsenwert der beiden Konzernriesen beträgt jeweils mehr als 200 Milliarden Dollar. Mit insgesamt 220.000 Mitarbeitern beschäftigen diese zwei Unternehmen weltweit mehr Menschen als Basel Einwohner (170.000) zählt. Und es liegt auch am Engagement der Eigentümer, dass die Stadt in jüngster Vergangenheit keine Krisen kennt. Die Häuser im Kern der Altstadt aus dem 14. und 15. Jahrhundert sind blendend renoviert.

Eine Stadt wie ein Kunstwerk
Das Basler Münster, ein Wahrzeichen der Stadt

Die Namen über den Eingangstüren erinnern an Zeiten, in denen man Häusern noch keine Nummern gegeben hat: Sie heißen "Zum Seidenhut", "Zum Paradies" oder "Zur güldenen Laus". An so gut wie jeder Ecke steht ein Brunnen, aus denen allesamt Trinkwasser sprudelt. "Darauf sind wir stolz, das ist vermutlich einmalig auf der Welt", sagt der sonst so bescheidene Rudolf Suter. Wenn er nicht Touristen durch Basel geleitet, arbeitet er für einige der rund 40 Basler Museen als freiberuflicher Kunsthistoriker. Dass er "Das Lob der Unvernunft", das 340 Seiten starke Standardwerk über den Dadaisten und Surrealisten Hans Arp geschrieben hat, erfährt man erst, wenn man ihn besser kennt.

In Basel spricht keiner darüber, welch famose Schätze die Stadt anbietet – man erfreut sich still daran. Alleine das 1936 in seinem Hauptbau eröffnete Kunstmuseum samt der baulichen Erweiterungen von 1980 und 2016 sind die Reise wert: Cranach, Dürer, van Gogh, Bruegel, Munch, Rubens und unzählige mehr – diese Institution ist ein Klassentreffen der Besten aller Epochen. Am Eingang empfängt der gewaltige Bronzeguss "Die Bürger von Calais" von Auguste Rodin die Besucher. "Genau so muss Kunst präsentiert werden", denkt man bei sich. Darin haben die Baseler auch Erfahrung, weil das heutige Haus am St. Alban-Graben das erste bürgerliche Museum der Welt war: 1661 wurde die Sammlung oberrheinischer Künstler des 15. und 16. Jahrhunderts von der Stadt gekauft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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Auch der Renaissance-Gelehrte Erasmus von Rotterdam liegt im Münster begraben.

Wer die klassische Moderne mit Giacometti, Pollock, Monet oder Picasso sucht, ist in der Fondation Beyeler und deren Pavillon des italienischen Architekten Renzo Piano, der auch das Centre Pompidou in Paris erbaut hat, blendend aufgehoben. Stiftungen und Spenden der Industriellenfamilien finanzieren die Museen genauso großzügig wie sie das Theater Basel ausstatten, das 2018 zur besten Schauspielbühne im deutschsprachigen Raum gewählt wurde. "Daran beteiligt sich die öffentliche Hand nicht, Kunst wird in Basel von den reichen Familien finanziert. Das gehört bei uns zum guten Ton", sagt Suter. Und diese Kultur hat Tradition: Schon 1967 sprachen sich die Basler in einer Volksabstimmung für den Erhalt von Picasso-Gemälden aus, als der Verkauf drohte, weil Geld gebraucht wurde. Picasso war von dieser Aktion so gerührt, dass er der Stadt zwei weitere Gemälde schenkte.

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Das rote Rathaus aus dem 16. Jahrhundert

Fasnacht und Art Basel

Auf dem Weg zum Rathaus aus dem 16. Jahrhundert spaziert man an herzigen Kleinstgeschäften und schillernden Luxusläden vorbei, an Fachwerkhäusern und futuristischer Architektur. Das meiste trägt die Handschrift des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron, das auch die Hamburger Elbphilharmonie und das St. Jakobs-Park-Stadion des gelegentlichen Champions-League-Teilnehmers FC Basel errichtete. Die größte Party der Schweiz, die dreitägige Basler Fasnacht, ist 2019 schon gelaufen. Die Art Basel, die seit 1970 immer im Juni (2019: 13. bis 16. 6.) stattfindet und sich als bedeutendste Kunstmesse der Welt etabliert hat, kann als honorige Gegenbewegung zum Feiern bis der Arzt kommt verstanden werden. Sammler, Hollywood-Aufsteiger, arabische Einsteiger, Neu- und Altreiche fliegen mit Privatjets ein und suchen um Millionen etwas für die Wand im Wohnzimmer. Der Normalsterbliche bezahlt 50 Euro für das Tagesticket und steht am Eröffnungstag trotzdem vor Kunstwerken, die bereits verkauft sind. Die besten Geschäfte der Messe werden eben schon zwei Tage vorher bei diskreten Privateinladungen abgewickelt. Also wieder raus in die Gassen und Gässchen, das eigentliche Kunstwerk ist ohnehin die Stadt.

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Affenbrunnen aus dem 17. Jahrhundert, wie alle 200 Brunnen in Basel mit Trinkwasser

Basel-Tipps

Kulinarische Sternstunden Basel wirkt entschleunigt und auf das Verwöhnen seiner Gäste konzentriert. Beim herausragenden kulinarischen Angebot lohnen sich vor allem Besuche im Restaurant „Schlüsselzunft“ (Freie Straße 25), „Kunsthalle“ (Steinenberg 7), „Hasenburg“ (Schneidergasse 20) und im Café „Volkshaus“ (Rebgasse 12-14).

Museen Mehr als 40 Museen verteilen sich über die Stadt. Verpassen Sie nicht die Fondation Beyeler mit Werken der klassischen Moderne (Baselstraße 101, Riehen, Bild), die für Experimente offene Kunsthalle (Steinenberg 7), das Kunstmuseum (St. Alban-Graben 16), die Papiermühle (St. Alban-Tal 37), das Cartoonmuseum (St. Alban-Vorstadt 25) oder das Schaulager (Ruchfeldstraße 19, Münchenstein).

Infos, Beratung, Buchung: Mehrfach pro Tag werden Züge (ab Linz) und Flüge (ab Wien) angeboten. Infos: Schweiz Tourismus, Tel: 00800 100 200 30 (kostenlos), info@myswitzerland.com, MySwitzerland.com

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