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Reisen

Eine Stadt erfindet sich neu

Von Tinga Horny   05. Januar 2020 00:04 Uhr

Eine Stadt erfindet sich neu
Der Kontrast zwischen Pracht und Industriebrache macht die drittgrößte Stadt Kroatiens aus.

Rijeka, Kulturhauptstadt Europas 2020, zwischen k. u. k. Pracht und morbidem Industriecharme.

Es ist schwer, Rijeka auf den ersten Blick schön zu finden. Wer sich der 130.000-Einwohner-Stadt vom Wasser her nähert, dem präsentiert sich keine harmonische Silhouette mit hübschen Häusern, Kirchtürmen und Stadtmauern – so wie in vielen anderen kroatischen Orten. Stattdessen stechen an den Hängen des Ucka-Gebirges hohe Plattenbauten sowie nicht wenige Bausünden aus der Nachwendezeit ins Auge. Der Altstadtkern mit seinen k. u. k. Palästen und italienischen Neobarock-Palazzi versteckt sich diskret hinter dem Hafen und dem Damm, der wegen seiner ungewöhnlichen Länge von 1700 Metern auch Molo Longo genannt wird und die fehlende Uferpromenade ersetzt.

Im Gegensatz zum nahen Opatija war Rijeka nie ein Seebad. Es wurde nicht promeniert, sondern hart gearbeitet. Die Habsburger, die hier rund 400 Jahre bis zum Ersten Weltkrieg herrschten, ließen den Hafen ausbauen. Zeitweise war Rijeka der große Konkurrent Venedigs. Und selbst heute behauptet sich der Hafen immer noch als wichtiger Umschlagplatz für Waren Richtung Südosteuropa.

Als Europäische Kulturhauptstadt teilt sich Rijeka ab Februar 2020 das Motto "Hafen der Vielfalt" mit dem irischen Galway. Kroatiens drittgrößte Stadt ist dabei klug genug, gar nicht erst zu versuchen, das industrielle Erbe zu verstecken. Stattdessen bietet der Kontrast zwischen Pracht und Industriebrache genug Reibungspunkte, um ein urbanes Zentrum vorzustellen, das als das liberalste im ziemlich katholischen Kroatien gilt und Trends setzte. Hier wurde in den 60er-Jahren die erste jugoslawische Rockband Uragani (Hurrikan) gegründet. Von hier aus fanden Punk und Hip-Hop den Weg nach Kroatien.

Kosmopolitische Traditionen

Wie reich Rijeka einst war, lässt sich zu beiden Seiten des Korzo an den schmucken Fassaden ablesen. Der Laufsteg der Stadt verläuft parallel zur Küste. Zentral markiert der Stadtturm den Eingang zur Altstadt. Elegante Stadthäuser und protzige Paläste aller Stilepochen erzählen vom einstigen Wohlstand. Wer entlang des Korzo bummelt, entdeckt schnell kosmopolitische Traditionen. Kaffeehäuser im Wiener Stil sind ein Erbe aus der Habsburger Epoche, italienische Ristoranti erinnern daran, dass Rijeka zeitweise von Italien regiert wurde. Dazu kommen typische Konobas, kleine kroatische Tavernen, die mit Njoki, Rizoto und Surlice Gerichte auftischen, deren Herkunft leicht zu erraten ist: Gnocchi, Risotto, Schupfnudeln.

Die Nahtstelle zwischen Altstadt und jüngerer Vergangenheit beginnt direkt neben der barocken Rundkirche des heiligen St. Vitus. Hinter einer Eisentür geht es hinab in einen 350 Meter langen und bis zu zehn Meter tiefen Tunnel, der unter der Altstadt bis zur Grundschule Dolac führt. Er schützte zunächst die Bewohner vor den Bomben der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und in den 1990er-Jahren vor den Geschützen der Jugoslawienkriege. Erst 2017 wurde er für das Publikum freigegeben und avancierte sofort zu einer beliebten, kostenlosen Touristenattraktion mit einem gewissen Gruselfaktor, der sich bestens für Partys und Konzerte eignet.

Abblätternde Fassaden, kaputte Fenster sowie verschlossene Tore: Verlassene Werkhallen und Ruinen gehören zum Stadtbild Rijekas. Der Industrieboom im 19. Jahrhundert nutzte die Wasserkraft des Flusses Rjecina, der die Stadt teilt, als günstige Energiequelle. Doch viele Fabriken gingen nach der Wende pleite. Rijeka kämpft seitdem mit hoher Arbeitslosigkeit. Ein Schwerpunkt des Kulturhauptstadtprogramms liegt daher auf der Erneuerung des Flussufers sowie der Industriebrachen. Ein Großteil des 30-Millionen-Euro-Etats fließt in dementsprechende Projekte.

Zipline von der Burg

Einiges ist bereits zu besichtigen. Das Museum of Modern and Contemporary Art ist in einer ehemaligen Gießerei und Motorradfabrik untergebracht. Für das Haus der Kinder wird eine Tabaktrocknungsanlage und für die neue Stadtbibliothek ein altes Gebäude des sogenannten Bencic-Blocks umgebaut. Geht alles nach Plan, dann wird rechtzeitig zur Eröffnung des Kulturjahres eine Zipline für Wagemutige die altehrwürdige Burg Trsat hoch über Rijeka mit dem neuen Kulturzentrum am Fluss verbinden. Für den Komplex mit Café, Galerie, Lounge, Kino und Club musste ebenfalls nichts neu gebaut werden. Es reichte, eine frühere Lagerhalle wiederzubeleben.

Info: Das Kulturhauptstadtjahr mit rund 1000 Einzelveranstaltungen beginnt am 1. Februar. Unter dem Motto "Sweet & Salt" werden im Laufe des Jahres Kunstaktionen zeigen, dass stillgelegte Industrieanlagen als öffentliche Orte wieder Verwendung finden können. Die Ausstellung "Die Neunziger: Narben" wird sich mit dem Umbruch Osteuropas auseinandersetzen. "Der unbekannte Klimt: Liebe, Tod, Ekstase" stellt das frühe Werk des Wiener Sezessionisten vor. Umstrittenstes Projekt ist die detailgetreue Restauration von Titos Jacht "Galeb" (Seemöwe) um 5,4 Millionen Euro, die als Museum mit Café dienen soll. rijeka2020.eu/en/

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