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Reisen

Dolce vita im Armenhaus

Von Manfred Lädtke   04. Mai 2019 10:21 Uhr

Dolce vita im Armenhaus
Das Capo Vaticano mit seinen weißen Ständen und verführerischem Wasser ist einer der reizvollsten Küstenabschnitte Kalabriens.

In Kalabrien erwartet Reisende ein Stück authentisches, unpoliertes Italien mit sauberen Stränden und einer raffinierten Landküche.

Für die Schönheitskonkurrenz habe Kalabrien zu wenig Sexappeal, finden Zweifler. Kritiker behaupten, die kurvige Region am "Zeh" des italienischen Stiefels geize mit ihren Reizen und überlasse dem übrigen Bella Italia die Show. Mag sein. Manchmal blickt der Kalabrese neidisch auf den weltgewandteren reicheren Norden. Dann aber lehnt er sich bei einem Espresso zurück und tröstet sich mit dem, was er hat: Ein Stück authentisches, unpoliertes Italien mit sauberen Stränden und hellgrünem Wasser. Zauberhafte uralte Städte sowie eine raffinierte Landküche von entwaffnender Einfachheit. Spicy statt sexy.

Im wirtschaftlichen Armenhaus Italiens sind die Menschen hilfsbereit, bodenständig und folgen der Mutter Gottes. Die Strippen zieht aber die mächtige italienische Mafiaorganisation ‘Ndrángheta. Kalabrien – ein heißes Pflaster für Touristen? Keine Angst, beruhigt Fabio im alten Seefahrerstädtchen Pizzo am Tyrrhenischen Meer. Reisende wachen in Kalabrien weder mit abgetrennten Gliedmaßen auf noch werde ihnen ein Revolver unter die Nase gehalten. Wer will schon Devisen bringende Touristen abschrecken?

Der Bevölkerung mache die Mafia das Leben mit Erpressungen und Diktaten jedoch schwer. Aber kaum mehr als korrupte Lokalpolitiker und unfähige Regierungen, schimpft der Signore. "È così com‘è", es ist, wie es ist. Mit dem Ersparten aus Gastarbeiterjahren in Deutschland komme er über die Runden. Das reiche sogar für gelegentliche Restaurantbesuche oder eine süße Sünde im Eiscafé, wo das einer Trüffelpraline nachempfundene Tartufo serviert wird. Lokalpatrioten behaupten, dass hier das Eis vor 80 Jahren erfunden wurde. Die Landesspezialität aus Schokoladen- und Nusseis ist mit einem Hauch Kakao bepudert und zartbitterer Schokoladensoße gefüllt.

Auf Pizzos Piazza schicken junge Burschen flanierenden Signorinas schmachtende Blicke durch schwarze Sonnenbrillen hinterher. Ein paar Touristen in Sandalen und zu engen kurzen Hosen beeilen sich, einen flüchtigen Blick ins alte Kastell zu werfen, in dem Napoleons Schwager bis zu seiner Hinrichtung 1815 einsaß. Über sein jähes Ende geben Abschiedsbriefe an seine Frau im Burgmuseum Auskunft. Dann posieren die Urlauber mit stattlichen Eistüten vor der Stadtmauer und posten Selfies im rot-violett gefärbten Abendlicht am Golfo di Sant’Eufemia.

Grotte als Kapelle

Steile Pfade führen hinunter ans Meer zur Chiesa di Piedigrotta am nördlichen Ortsende. Als Dank für ihre Rettung hätten im 17. Jahrhundert drei neapolitanische Schiffbrüchige die Grotte zu einer Kapelle ausgehöhlt, erzählt Fremdenführerin Claudia. In den Felseinschnitt stellten sie ein Madonnenbild, das aus dem versunkenen Schiff auf wundersame Weise an den Strand gespült wurde. Ende des 19. Jahrhunderts ergänzten zwei fromme lokale Künstler den Altar mit biblischen Figuren aus Tuffstein.

Wenn weiter südlich bei Tropea am Capo Vaticano kräftige Zwiebelgerüche in die Nase steigen, dann ist Erntezeit. Die sandigen Böden und das besondere Mikroklima der weiten Küstenstreifen bieten ideale Voraussetzungen für die Saat der Cipolla Rossa di Tropea. Die berühmte rote Zwiebel Italiens ist nicht nur süß und mild, wegen vieler gesunder Inhaltsstoffe wird ihr auch eine heilende Wirkung für den menschlichen Organismus zugeschrieben. "Wenn den Zwiebeln das Wasser entzogen wurde, bleiben von 1000 Kilogramm rund 90 Kilogramm getrocknete Zwiebeln übrig", erklärt Giovanni Schiariti in seinem 35 Hektar großen Unternehmen. Die Knolle eigne sich für Kompott, Vorspeisen, Fisch- und Fleischgerichte und sogar für eine Zwiebelmarmelade. Ob die gewagte Kombination Zwiebeln und Eis eine kulinarische Innovation oder Zumutung für die Zunge ist, darf jeder für sich selbst herausfinden. Gelegen

heit zum Geschmacktest ist bei "Tonino" auf dem Corso Vittorio Emanuele 52 in Kalabriens beliebtestem Ferienort Tropea.

Die Stadt mit ihren hübschen Plätzen und Adelspalästen gilt als "Schönheitskönigin" an der kalabrischen Mittelmeerküste. Bei der Wertung punkte ganz sicher auch die Ausflugsnähe des wilden Capo Vaticano, relativiert die Reiseleiterin. Marketingstrategen, die den Superlativ auf Tropeas Strände und Aussichtsplätze für weite Blicke über das azurblaue Meer beziehen, ist indes kaum zu widersprechen. Tatsächlich toppt allenfalls das romantische Kap Tropeas viel gerühmte aussichtsreiche Lage. Das schroffe Felsplateau vor den Toren des Badeortes bietet dem Auge eine filmreife Kulisse bis hinüber zu den Liparischen Inseln. Star der Panoramaschau ist der rauchende, oft Feuer spuckende Stromboli. Am Fuße der massigen Felskappe verstecken sich unter einem blitzblanken Sommerhimmel vom Meer weiß geleckte paradiesische Strandabschnitte. Ein Postkartenidyll, das Italiensehnsucht aus den sechziger Jahren und alten Ohrwürmern wie Vico Torrianis "Azzurro" oder Margot Eskens "Himmelblaue Serenade" ein perfektes Bild gibt.

Höllenscharfe Streichwurst

Wie schön, dass Kalabrien mit seiner mit Delikatessen gefüllten Speisekammer für eine Fastenreise ungeeignet ist. Also ran an die Würste. Im nahen Spilinga bringt der Familienbetrieb Livasì die höllenscharfe "Nduja" auf den Tisch. Die fettreiche Streichwurst aus der Zucht schwarzer kalabrischer Freiland-Schweine hängt inmitten anderer pfiffig-scharfer Fleischfusionen auch als würzige Light-Version am Haken. Überflüssige Kalorien abspecken kann man anschließend bei einem Spaziergang durch die benachbarte Felsenstadt von Zungri. Stufen weisen den einsamen Weg in eine verwaiste Welt, die sich vor der Zeit versteckt. Mehr als hundert, zum Teil zweistöckige Grotten, finstere Stollen und kühle Nischen verteilen sich auf einer 3000 Quadratmeter großen Hochfläche. Wie surreale Traumbilder muten die Reste einer vergangenen Zivilisation an diesem magischen Ort der Einfachheit an.

Italien-Nostalgiker spüren lieber im Jetzt einem Gestern mit Sechzigerjahre-Flair nach und fahren über holprige Straßen hinauf in die bewaldete Bergprovinz Catanzaro. In Serrastretta haben Bewohner der Chansonette Dalida ("Am Tag als der Regen kam", "Er war gerade 18 Jahr") ein Denkmal gebaut. Der französische Weltstar wurde in Kairo geboren, hat seine elterlichen Wurzeln aber in diesem Bergnest. Unter Bildern und Plakaten drehen sich im "Museo Casa Dalida" Scheiben der Sängerin mit dem rollenden R. Und auch im Restaurant "Dalida" legt der Wirt für seltene Touristen hocherfreut eine melancholische Canzone der "Calabrese of Paris" auf den (Platten-)Teller.

 

Kalabrien

Anreise: Dertour bietet eine achttägige Standortrundreise mit DZ/HP im Hotel Cannamele Resort bzw. Villagio Baia d’Ercole und diversen Ausflügen ab 646 Euro p.P. an.

Eine Flugpauschalreise kostet für 7 Nächte/DZ/F im Cooee Michelizia Tropea Resort inkl. Transfer p.P. ab 546 Euro. www.dertour.de

Essen: Feinschmecker finden in Trattorien im Waldgebiet von Serre sowie im Landesinneren ausgezeichnete Steinpilzgerichte. Empfehlenswert sind auch im Backofen geschmortes oder im Tontopf gegartes Lamm und Zicklein. Ordentlich essen kann man in Familienbetrieben abseits der Küste bereits ab 12 Euro. Tipp: Nach dem Essen einen Limoncello oder Cirò Rosé probieren. Ein gastronomisches und folkloristisches Fest mit hausgemachten Produkten aus der Region veranstaltet das Dorf Spilinga im August.

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