Lade Inhalte...

Reisen

Diesseits von Afrika

Von Sigrid Brandstätter 03. August 2019 00:04 Uhr

Diesseits von Afrika
Die Serengeti ist Sehnsuchtsort für Safari-Liebhaber – hier in abendlicher Gewitterstimmung.

Siringitu – endlose Ebene. So nennen die Massai die Serengeti. Die Naturlandschaft steht für eine unüberbietbare Artenvielfalt und die letzte große Tierwanderung auf dem Erdball.

Ihren Reiz zeigt die endlose Ebene aber nicht auf den ersten Blick. Vom Südosten aus kommend werden die Besucher in den Sommermonaten von einer steppenartigen Halbwüste empfangen. Jeder Geländewagen wirbelt pulvrigen Staub von der Erdpiste auf, der sich minutenlang nicht legt und der die braungraue Steppe in eine Nebelglocke zu tauchen scheint.

Die anfangs noch baumlose Gegend ist leer gefegt. Nicht einmal Dornbüsche bieten Abwechslung oder Orientierung. Dass dieser Nationalpark der tierreichste der Welt ist, ist in dieser ersten Stunde kaum vorstellbar.

25 Kilometer weiter nördlich dann ein komplett anderes Bild. Akazienbäume breiten ihre weiten Schatten über das Grasland, das inzwischen viel höher steht. Hier stärken sich die Gnus und Zebras zu Tausenden auf ihrem Weg Richtung Nordwesten. Die Huftiere, die stets in gemeinsamen Herden ziehen, haben ihr Frühlingsrevier längst verlassen. Im Laufe eines Jahres werden sie rund tausend Kilometer zurücklegen, bis sie hierher zurückkehren und ihre Fohlen zur Welt bringen.

Diesseits von Afrika
So nah kommen die Elefanten ans Auto.

Wie Antilopen und Gazellen folgt heute auch der Mensch den Tierherden. Erstmals hat der Tierfilmer Bernhard Grzimek Ende der 1950er-Jahre begonnen, die Tierherden wissenschaftlich zu begleiten – und vor allem zu zählen. Bernhard und sein Sohn Michael kamen damals auf 99.500 Tiere, die in einem großen Kreis der Vegetation folgten. Heute wird von 1,2 Millionen Gnus und Zebras ausgegangen. Die Zählungen waren damals nicht nur unpräzise, weil sie vom Flugzeug aus erfolgten. Der Bestand war nach einer Epidemie massiv zusammengeschrumpft.

Die Grzimeks haben sich in den 50er-Jahren massiv dafür eingesetzt, die Serengeti in ihrer Gesamtheit zu erhalten, um die große Tierwanderung weiter möglich zu machen. Heute steht eine Region, die größer ist als Oberösterreich, als Nationalpark unter Schutz.

Diesseits von Afrika
Die letzte große Tierwanderung der Welt spielt sich hier ab.

Feine Nase, scharfe Augen

Wo es Gnus, Zebras und Gazellen gibt, sind auch die fleischfressenden Großkatzen nicht weit. Löwen, Geparden und Leoparden folgen ihren Beutetieren. Den anspruchslosen Gazellen und Antilopen reicht in der Trockenzeit das verbliebene trockene Gras. Gnus hingegen sind – ähnlich wie Kühe – anspruchsvoll und heikel. Zebras sind – wie Pferde – im Zweifel auch mit Stroh zufrieden. So sind sie keine Konkurrenten um Nahrung und leben miteinander in Symbiose, weil beide voneinander profitieren. Die Gnus haben eine feine Nase und riechen die Gefahr. Zebras verfügen über die bessere Sehkraft – und das bessere Gedächtnis. Sie erinnern sich an die immer gleichen Routen. Oftmals ziehen sich die Herden über Hunderte Meter auseinander. Mehr oder weniger im Gänsemarsch wandern sie durch das Grasland und treten dabei richtige Pfade aus.

Diesseits von Afrika
Baumkletternde Löwen – so ein Schnappschuss hat Seltenheitswert.

Bernhard Grzimeks berühmter und oscarprämierter Film "Serengeti darf nicht sterben" ist heuer 50 Jahre alt geworden. Das Vermächtnis des Direktors des Frankfurter Zoos, Tierfilmers und Verhaltensforschers ist intakt: Die letzte große Tiermigration auf der Erde kann Jahr für Jahr stattfinden – inzwischen gesichert durch die Einnahmen von mehr als einer Million Touristen im Jahr.

In der Hochsaison sind bis zu 500 lizensierte Driverguides mit ihren Toyota-Landcruisern unterwegs, um Amerikaner, Asiaten und Europäer über die ruppigen Erdpisten zu den besten Spots zu bringen. Per Funk miteinander verbunden, geben sie weiter, wenn sie Großkatzen gesichtet haben. Die Fahrer kennen die Felsformationen, in denen sich Leoparden verstecken und wissen, in welchen sogenannten Leberwurstbäumen sich die Großkatzen zum Schlafen zurückziehen. Wenn sich die Fahrer auf Suaheli unterhalten, bleibt den Gästen noch verborgen, was der Kollege irgendwo entdeckt hat.

Wer Glück hat, findet unmittelbar neben einer Piste unter einem Baum ein schlafendes, satt gefressenes Löwenrudel. Ist mehr als ein Männchen dabei, so ist davon auszugehen, dass es sich um Brüder handelt. Mehrere Weibchen und Jungtiere verschiedener Jahrgänge liegen dann oft stundenlang im Schatten und wackeln gerade einmal mit den Ohren, zucken mit den Rumpfmuskeln oder schlagen mit dem Schwanz, um Fliegen zu verscheuchen. Mehr Action gibt es selten.

Nicht ganz so einfach lassen sich Leoparden aufspüren. Sie gelten als besonders scheu. Während andere Wildtiere sich von den beige- oder dunkelgrünen Geländewagen nicht von ihrem Alltag abhalten lassen, bleibt die wunderschön gefleckte Großkatze den Pisten fern.

Weil es den Touristenautos streng verboten ist, die Pisten zu verlassen, sind Sichtungen meist nur aus großer Entfernung möglich. Üblicherweise ist das eigene Fahrzeug auch nicht das erste Auto. Eng nebeneinander stehen fünf oder mehr hochgestellte Geländewagen mit aufgestelltem Dach. Alle Insassen suchen mit Fernglas oder Kameras die Richtung ab, in die der Guide zeigt.

Gut versteckte Leoparden

"Siehst du was?" "Nein, du?" "Doch, jetzt!" "Wo?" "An der Felsspalte: Siehst du den Strauch dazwischen? Dahinter rührt sich etwas. Ein Schwanz. Es dreht sich." Und tatsächlich: Zwischen Dornen ist weit oben in der Felsformation ein Leopardenkörper zu erkennen. Als sich das Tier dreht, ist der Kopf zu sehen. "Da ist ein zweiter Schwanz auf der Höhe des Kopfes", flüstert der mit dem besten Fernglas im Auto.

Einen Augenblick später klettert ein graugeschecktes Kätzchen den glatten, steilen Felsen hinunter auf den nächsten Felsvorsprung. Die nächsten Minuten können wir Mutter und Kind beobachten, wie sie die Kopje entlangklettern.

Diesseits von Afrika
Mutter und Jungtier spielten quasi auf offener Bühne.

Kopjes nennt man monolithische Felsen, die in Jahrmillionen von Wind und Regen freigelegt und abgeschliffen wurden. Groß wie Dome und bewachsen mit Bäumen und Büschen ragen sie aus der Savanne heraus.

Als die beiden Raubtiere den Kamm erreichen, sind beide Körper vollständig und deutlich zu sehen: Ein Glücksmoment für jeden Liebhaber einer Fotosafari. Die Aufnahmegeräte klicken im Sportmodus ohne Unterlass. Aus dieser Fülle später die besten Bilder auszuwählen, fällt schwer.

Ein großes "Gluck"

Dann setzt die Ältere zum Sprung an auf den nächsthöheren Steinbrocken. Rasch verschwindet sie im Gestrüpp und taucht kurz darauf mit der jüngst erlegten Beute im Maul wieder auf. In der Nacht zuvor muss sie eine junge Gazelle erwischt haben, die sie nun am Vormittag weiter zerlegt.

Dabei will sie sich offenbar nicht von Touristen zuschauen lassen. Ihre Beute bleibt bald wieder zwischen Grünzeug verborgen. Noch einmal springt sie zurück auf den Bergkamm, um nach dem verspielten Nachwuchs zu schauen. Der nutzt einen kleinen Schattenplatz und entzieht sich damit den Kameras.

Diesseits von Afrika
Büffel zählen neben Löwen, Elefanten, Leoparden und Nashörnern zu den "Big Five" – gemeinsam ist diesen Tieren ihr gutes Gedächtnis.

Mit jedem neu entdeckten Tier schärft sich der Blick. Aber ohne Fahrer, die die Staubpisten und die Weite bis zum Horizont offenbar mit Weitwinkelperspektive im Auge haben, würden die Urlauber die wenigsten Tiere sehen.

Unser zweiter Leopard ist nämlich kaum auszumachen. In der großen Akazie in 150 Metern Entfernung ist nur mit dem Fernglas das Schwanzende zu finden. Der Kopf zwischen zwei Ästen ist nur noch zu erahnen. Lediglich das junge Gnu, das die Raubkatze wenige Stunden zuvor gerissen hatte, hängt gut sichtbar zwischen den weit ausladenden Ästen.

Darum nennt es Gaspar, unser Begleiter durch die Serengeti, in seinem unnachahmlichen Deutsch "ein großes Gluck", die Leopardenmutter mit ihrem Jungen so deutlich und lange gesehen zu haben.

 

Reiseland Tansania

Das ostafrikanische Land gilt als Safari-Einsteiger-Destination. Die touristische Infrastruktur ist deutlich besser ausgebaut als in den Ländern im südlichen Afrika.

Weil die Serengeti eine Hochebene auf 1100 Metern und aufwärts ist, sind die Temperaturen selbst im Sommer nicht extrem hoch.

Der zweite, sehr beliebte Nationalpark – der Ngorongoro- Krater – liegt auf 1800 Meter. Der Kraterrand befindet sich auf 2200 bis 3200 Meter, entsprechend kühlt es ab.

Die Geländewagen geben die maximale Gruppengröße pro Fahrzeug vor: sieben Personen. Wer einen deutschsprachigen Guide nimmt, hat – zumindest außerhalb der Hochsaison in den Sommermonaten – die Chance, in einer ganz kleinen Gruppe zu reisen.

Die englischsprachigen Tourfahrzeuge sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein Begleiter ist unbedingt zu empfehlen. Die Straßen sind schlecht und die Tiere nur von geübten Augen zu finden.

Diesseits von Afrika
Akut vom Aussterben bedroht: Nashörner – wenn überhaupt, sind sie in großer Entfernung zu entdecken.

 

Artikel von

Sigrid Brandstätter

Redakteurin Wirtschaft

Sigrid Brandstätter
Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Reisen

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less