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Der Sommelier und der "Weiße Rausch"

Von Philipp Braun  16. Februar 2020 10:44 Uhr

Der Sommelier und der "Weiße Rausch"
Heuer könnte Josef Neulinger das vierte Mal ganz oben stehen.

Josef Neulinger ist einer der besten Sommeliers. Wenn er keinen Wein degustiert, kostet er die Pisten aus. Und das erfolgreich. Dreimal gewann er mit dem Snowboard den "Weißen Rausch" am Arlberg.

Sie sind alle ein wenig verrückt. Die Furchtlosen, die sich zum Saisonende am Arlberg vom Vallugagrat auf einer unpräparierten Piste ins Tal stürzen. 555 Athleten, die nur drei Dinge im Kopf haben: Adrenalin ausschütten, verletzungsfrei bleiben, ins Ziel kommen.

Der 39-jährige Josef Neulinger aus Weitersfelden möchte nicht als Mitläufer die Ziellinie überqueren, sondern als Gewinner. Dreimal stand er auf dem Podest ganz oben.

Das Naturerlebnis am Arlberg gibt ihm Antrieb, um im Job zu bestehen. Der ist genauso anstrengend wie der "Weiße Rausch". 14 Stunden Arbeitszeit als Sommelier fordern jeden. Neulinger schafft auch das mit Bravour und wurde von Gault Millau zum Sommelier des Jahres 2018 gekürt. Die OÖNachrichten besuchten ihn in Lech und wollten wissen, was den Reiz des Winters und des Weins ausmacht:

OÖNachrichten: Was ist anstrengender: Wein zu verkosten oder mit dem Snowboard zu fahren?

Josef Neulinger: Definitiv Weine zu verkosten. Das beansprucht mich schon allein vom sensorischen Aspekt mehr. Zudem versuche ich, die Weine in meinem Gedächtnis abzuspeichern und bei Bedarf immer wieder abzurufen.

Weinverkostung als Training für den Job. Wie bereiten Sie sich auf die Winter-Weinsaison vor?

Das variiert. Gerne fahre ich im Herbst mit Kollegen ins Burgund, wo uns ein straffes Programm erwartet. Wir beginnen um halb neun, besuchen am Tag fünf bis sechs Weingüter und verkosten je nach Domaine bis zu 20 Weine. Irgendwann ist es genug. Dann gehen wir in ein Bistro, trinken zusammen eine Flasche Wein. Ohne Chichi, nur gemütlich.

Sie sind 39 Jahre alt. Zählen Sie bereits zu den Routiniers?

Ich bin mit 14 Jahren ins Internat in Bad Leonfelden gegangen und absolvierte die Tourismusschule. Meine Eltern führen in Weitersfelden das Wirtshaus zum Erzherzog Franz Salvator. Ich wollte mich zuerst weiterbilden und meinen Horizont erweitern und bin dann für eine Zeit ins Schloss Fuschl gegangen, wo ich die klassische Ausbildungsschiene im Service durchlaufen bin. Vom Commis über Demichef bis zum Chef de Rang. Wein hat mich schon immer interessiert. Deswegen absolvierte ich auch die Sommelierausbildung am WIFI.

Und vor 19 Jahren gingen Sie dann nach Lech?

Ich war in Salzburg, New York, in der Schweiz und im Noma in Kopenhagen. Nach Lech kam ich eher durch Zufall. Ein Freund von mir hatte ein Vorstellungsgespräch, ich begleitete ihn und wollte ursprünglich im Auto warten. Irgendwie habe ich mir das aber doch angeschaut und begann im Almhof Schneider zu arbeiten. Da bin ich nach wie vor.

In Lech ist die Hautevolee zu Hause. Weine um mehrere hundert Euro spielen kaum eine Rolle. Wie geht man als bodenständiger Mühlviertler damit um?

Lech und der Jetset trifft nur dann zu, wenn Gäste da sind. Die Lecher sind eigentlich Bergbauern und haben mit den Mühlviertlern viel gemeinsam. Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres, wenn Saisonniers zurück nach Hause kommen und den großen Zampano spielen. Die Bodenständigkeit muss man sich erhalten. Und das schafft man.

Ihr Arbeitsplatz ist von einer faszinierenden Bergwelt umgeben. Für Wintersportler ein Traum. Waren Sie schon davor auf dem Snowboard unterwegs oder hat sich die Liebe erst in Vorarlberg ergeben?

Mit drei Jahren bin ich bereits auf Skiern gestanden. Und irgendwann stellte sich die Frage: neue Ski oder cooles Snowboard. Vor 30 Jahren begann ich dann mit dem Snowboarden. Zu Beginn noch in Sandl und zu einer Zeit, wo du nicht mit jedem Lift fahren durftest.

Apropos Verbot. In Winterskiorten ist es dem Personal oft untersagt, auf die Pisten zu gehen. Die Verletzungsgefahr ist zu groß?

Alle unsere Mitarbeiter dürfen auf die Piste. Wir transportieren das auch so. Lieber auf den Skiern stehen, als sich die Nächte in Clubs oder Kneipen um die Ohren schlagen. Ich merke es auch nach einigen intensiven Arbeitstagen. Wenn ich am Morgen nur ein bis zwei Stunden Skifahren gehe – ich bin fokussierter, aufnahmefähiger und habe wesentlich mehr Spaß an der Arbeit.

Haben Sie sich schon einmal verletzt?

Das Kreuzband zweimal gerissen, und mehrmals eingerissen. Aber ich war in der Lage, zu arbeiten.

Wie bereiten Sie sich auf den "Weißen Rausch" vor?

Das ist relativ einfach. Ein wenig laufen gehen, trainieren und am Tag des Rennens den Kopf ausschalten.

Was sagen die Tiroler oder Vorarlberger, wenn ein Mühlviertler auf dem Podium ganz oben steht?

Am Anfang waren sie etwas überrascht, vor allem weil ich mit einem 2,01 Meter langen Longboard gefahren bin. Jetzt machen die Jungen aber Druck.

Angenommen, Sie gewinnen dieses Jahr wieder – zum vierten Mal. Was trinken Sie zur Feier des Tages?

(Lacht). Dann gönne ich mir bei der Siegerehrung eine Flasche Bier.

Und zu Hause? Welchen Wein schätzen Sie?

Ich mag keine Mainstream-Weine. Ich lagere deshalb in meinem Keller Weine, die nicht jeder hat. Besonders gefällt mir der Grüne Veltliner Federspiel 2010 vom Nikolaihof. Eine Spätfüllung, die sieben Jahre im 1000-Liter-Fass war. Ich finde das einen genialen Stil für die Wachau. Geht weg von der Überfruchtung und der Opulenz, ist sehr vielschichtig und gering im Alkohol.

Weißer Rausch

Er gilt als eines der härtesten Skirennen der Welt. Zum Saisonende donnern 555 Athleten von der Bergstation bis ins Tal zur Galzigbahn hinunter. Neun Kilometer beträgt die Renndistanz, die von den besten Skifahrern, Snowboardern oder Telemarkern in bis zu acht Minuten gemeistert wird. Das maximale Gefälle beträgt 45 Grad. Größtes Hindernis sind jedoch die unpräparierte Piste und der „Schmerzensberg“: eine rund 150 Meter lange Steigung, die den Athleten alles abverlangt.

Der „Weiße Rausch“ ist eine Disziplin des alpinen Triathlons „Der Arlberg Adler“.

Zudem gibt es eine Mini-Ausgabe des Extremrennens für Jugendliche zwischen elf und 16 Jahren.

www.stantonamarlberg.com

Naturtyp: Josef Neulinger (39)

Der Mühlviertler startete seine Laufbahn im elterlichen Wirtshaus „Zum Erzherzog Franz Salvator“ in Weitersfelden und absolvierte die Tourismusschule in Bad Leonfelden. Nach Praktika im Schloss Fuschl, in New York, in der Schweiz und im Noma in Kopenhagen, das damals das erste Mal zum weltbesten Restaurant ausgezeichnet wurde, arbeitet Neulinger seit 19 Jahren im Almhof Schneider in Lech. Im Jahr 2018 kürte ihn Gault Millau zum Sommelier des Jahres.

Vor dreißig Jahren begann Neulinger mit dem Snowboarden; den „Weißen Rausch“ fuhr er erstmals vor 15 Jahren aus Spaß. Danach stand er im Snowboard-Ranking immer auf dem Stockerl. Dreimal gewann er den Bewerb.

Artikel von

Philipp Braun

Kulinarik-Redakteur

Philipp Braun
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