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Reisen

Der Öko-Alptraum vom Urlaub unter Palmen

Von Birgit Hackl und Christian Feldbauer   08. Dezember 2019 00:04 Uhr

Der Öko-Alptraum vom Urlaub unter Palmen
Natürliche Vegetation auf den Südseeinseln: „Niedrige Laubbüsche am Ufer, dahinter nur vereinzelte Palmen und – für uns gänzlich unerwartet – Laubbäume. Am Strand fanden wir Seevogelküken in Zweignestern, in den Bäumen darüber saßen noch mehr flauschige Küken, und die Elterntiere kreisten in Schwärmen über uns“, berichtet die Besatzung der Pitufa.

Wer träumt an grauen Tagen nicht von Sandstränden unter Kokospalmen? Kaum jemand weiß jedoch, dass Kokospalmen das Resultat umfangreicher Umweltzerstörung sind.

Als wir 2013 mit unserem Segelboot im Südpazifik ankamen, waren auch wir auf der Suche nach dem Südsee-Ideal vom weißen Strand unter Kokospalmen und fanden dieses in Perfektion auf den Tuamotus in Französisch-Polynesien. 78 ovale weiße Sandringe, mit grünen Palmbüscheln verziert, die mint und türkis schimmernde Lagunen umgeben und wie Juwelen im tiefen Azurblau des Pazifik verstreut liegen. Wir wähnten uns im Paradies und wurden erst misstrauisch, als wir, versteckt an der wenig besuchten Seite eines unbewohnten Atolls, eine ganz andere Art von Motu fanden: niedrige Laubbüsche am Ufer, dahinter nur vereinzelte Palmen und – für uns gänzlich unerwartet – Laubbäume. Am Strand fanden wir Seevogelküken in Zweignestern, in den Bäumen darüber saßen noch mehr flauschige Küken, und die Elterntiere kreisten in Schwärmen über uns. Wir waren fasziniert.

Der Öko-Alptraum vom Urlaub unter Palmen
Seltener Maskentölpel. Der Bodenbrüter ist eine leichte Beute für Jäger.

Die Welt der Seevögel

Anstatt wie die meisten Segler von Atoll zu Atoll zu hüpfen, blieben wir acht Wochen, beobachteten die Eltern bei der Aufzucht der Jungen und erweiterten mit Hilfe der Offline-Wikipedia unser vorher überaus dürftiges ornithologisches Wissen – kleine Vögel wurden von uns bis dahin als "Spatzen" und große Vögel als "Enten" tituliert. Nun lasen wir nach, verglichen Fotos und fanden heraus, dass hier Weißbauchtölpel, Rotfußtölpel und sogar seltene Maskentölpel gemeinsam mit unzähligen Feenseeschwalben und Noddi-Seeschwalben brüteten. Dazwischen hüpften endemische, vom Aussterben bedrohte Tuamotu-Südseeläufer und extra aus Alaska eingeflogene Borstenbrachvögel herum.

In den folgenden Jahren hielten wir zwischen Französisch-Polynesien, den Cook-Inseln und Tonga die Augen nach Vogelinseln offen, doch wir wurden enttäuscht. Bis auf vereinzelte Motus mit ein paar Seeschwalben, Tölpeln oder Fregattvögeln fanden wir überall nur postkartenperfekte Palmeninseln. Unter den vielen Atollen mussten sich doch unbewohnte, unberührte Naturparadiese finden? Wir studierten hochauflösende Satellitenbilder und mussten eine Inselgruppe nach der anderen ausschließen. Der Großteil der ostpazifischen Atolle ist mit klar ersichtlichen rasterförmigen Plantagen überzogen, weniger systematisch angelegte und teilweise überwachsene alte Plantagen sind nicht auf den ersten Blick erkennbar, und so recherchierten wir zur Kolonialgeschichte. Es zeigte sich, dass sogar die abgelegensten Atolle, wie die Line Islands des heutigen Kiribati, zu irgendeinem Zeitpunkt erschlossen und ausgebeutet worden waren. Wenige unzugängliche Inseln blieben verschont, wie zum Beispiel Vostok (südliche Line Islands).

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Südseepfeifer auf dem bewohnten Atoll Raroia (Tuamotus, Franz. Polynesien): Die Art ist vom Aussterben bedroht.

Gnadenlose Ressourcenräuber

Die ersten polynesischen Siedler brachten grundlegende Veränderungen für die unberührten Inseln. Mit der wachsenden Zahl von europäischen und amerikanischen Schiffen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert Händler und Glücksritter brachten, geriet das wackelige Ökosystem so richtig ins Schwanken. Auf der Suche nach schnellem Profit wurden ganze Inseln beim Guano-Abbau in Wüsten verwandelt, Perlmuscheln und Seegurken aus den Lagunen geräumt, und wo noch Bäume wuchsen, wurden sie abgeholzt. Diejenigen Inseln, die als ressourcenfrei und deshalb wertlos galten, konnten immer noch in Kopra-Plantagen umgewandelt werden. Die Einheimischen verloren große Teile ihrer Kultur und Werte und auch die wenigen Traditionen zur nachhaltigen Nutzung wurden vergessen. Geblendet vom Glanz der westlichen Profitwelt, tauschten sie die Autarkie im Zeichen der Kokosnuss gegen Dosenfleisch und Cracker.

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Obwohl der Weltmarktpreis für Kopra zu niedrig ist, werden weiterhin Kokospalmen gepflanzt

Das Geld für den Erwerb dieser Luxusgüter brachte ironischerweise wieder die gute alte Kokosnuss – die Händler wollten für ihre Waren Kopra. Um dieses zu gewinnen, muss man die Nüsse aufschlagen, das Fleisch herauslösen und es trocknen – ein arbeitsaufwendiger Prozess, der nur wenig Profit bringt. Diesen machen erst die Zwischenhändler, die Kokosölproduzenten und Endverkäufer.

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Motus wird abgebrannt, um Kokospalmen zu pflanzen.

Arbeiten statt feiern

Bald nach Ankunft der ersten Entdeckerschiffe begann auch der Kampf um die Seelen der Einheimischen, und verschiedenste Kirchen schickten Missionare in den Südpazifik. Im Zuge der Christianisierung wurden polynesische Kulturpraktiken und Traditionen rigoros verboten. Harte Arbeit und Gottesfurcht statt tanzen und feiern waren angesagt, und so verschifften die Missionare ganze Dörfer als Arbeitstrupps auf unbewohnte Atolle. Nachdem die Motus von endemischen Pflanzen und Tieren "gesäubert" waren, konnten die vorher fröhlichen Polynesier im Schweiße ihres Angesichts zum Wohle ihres Seelenheils Kokosnüsse aufschlagen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Kopra-Plantagen im großen Stil beinahe überall im Pazifik die Regel. Egal ob in Französisch-Polynesien, Samoa, Tonga oder Fidschi – erst wurden Bäume und Unterholz abgebrannt und dann Kokospalmen in Monokultur auf den zurückbleibenden Korallenschotter gepflanzt – sie zeichneten unser modernes Bild vom perfekten Südseeidyll.

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Die Autoren: Birgit Hackl, Christian Feldbauer und Schiffskatze Leeloo segelten 2011 von Kroatien auf ihrem Boot "Pitufa" los und erreichten 2013 ihr Traumziel, den Südpazifik. Inmitten von Monokulturwüsten fanden sie eine Handvoll Atolle mit Wildnisfaktor. www.de.pitufa.at

Verstrahlte Entwicklung

Eins der unrühmlichsten Kapitel der Kolonialmächte waren die Nukleartests, die Frankreich, England und Amerika im Pazifik durchführten. Jene Atolle (z. B. Mururoa und Fangataufa in Französisch-Polynesien) wurden erst völlig zerstört, waren dann aber als militärische Sperrzonen über Jahrzehnte vor menschlichem Einfluss sicher und haben sich zu Rückzugsgebieten für andernorts heimatlos gewordene Arten entwickelt.

Wir besuchten unzählige Atolle, befragten Einheimische und Umweltorganisationen, durchforsteten Quellen und fanden vielerlei Erklärungen, warum Seevögel in Französisch-Polynesien mittlerweile rar sind. Vögel sterben als Beifang in Fischernetzen, das Sammeln von Eiern oder sogar Küken als Delikatesse ist immer noch gängige Praxis, eingeschleppte Ratten und Katzen holen sich ihren Anteil. Doch mit der Zeit kristallisierte sich für uns immer klarer heraus, dass die großflächige Habitatzerstörung zum Anbau von Kokosnüssen der Hauptfaktor für das Verschwinden von Wildtieren ist. Unglaublich, aber wahr: Nach wie vor werden mehr Palmen gepflanzt und auch noch die letzten unberührten Motus abgebrannt. Kokosöl ist zwar gefragt, doch der Weltmarktpreis für Kopra ist so niedrig, dass sich die Kopra-Produktion im Hochpreisland Französisch-Polynesien nicht rentieren würde. Die Regierung subventioniert jedoch den Preis, um den Einwohnern der Tuamotus ihren "traditionellen" Lebenserwerb zu ermöglichen, und so geht die Umweltzerstörung staatlich gestützt weiter.

Ausweg sanfter Ökotourismus

Das Hauptargument, Kopra-Produktion sei Tradition, ist leicht zu entkräften, denn vielerorts wurde das Konzept erst in den letzten 100 Jahren eingeführt. Traditionell wäre vielmehr eine autarke Subsistenzwirtschaft wie vor der Installation regelmäßiger Versorgungsschiffe. Gut wäre die Vergabe von Mikrokrediten, um Unternehmergeist und lokale Kleinbetriebe zu fördern sowie die Förderung von ökologischer Landwirtschaft zur Gewährleistung der Lebensmittelversorgung und von sanftem Ökotourismus, bei dem das Geld direkt in der Gemeinde bleibt, anstatt durch internationale Hotelketten ins Ausland zu fließen. Solche Maßnahmen müssten aber schnell greifen, bevor noch die letzten Rückzugsgebiete zerstört werden.

Sobald der Primärwald abgeholzt ist, verschwindet der Humus

 

Während sich über Jahrmillionen Säugetiere entwickelten und verbreiteten, blieben die pazifischen Inseln aufgrund ihrer abgelegenen Lage unbesiedelt und unentdeckt. Nur Vögel und Krabben gediehen auf den hohen Inseln und niedrigen Atollen in üppigen Wäldern, umgeben von einem Meer voller Fische und Meeressäuger. Theorien differieren über genaue Daten, aber die ersten polynesischen Seefahrer dürften die westlichen Pazifikinseln vor etwa 3000 Jahren von Südostasien aus erreicht haben. Die weit verstreuten Inseln im Ostpazifik lagen weitere 2000 Jahre in einem Dornröschenschlaf, bis auch sie durch die Ankunft der großen Auslegerkanus, die nicht nur Menschen, sondern auch allerhand Kulturpflanzen und Haustiere brachten, höchst unsanft geweckt wurden.

1300 Vogelarten ausgerottet

Binnen kürzester Zeit wurden ganze Ökosysteme umgekrempelt. Ohne Gedanken an Nachhaltigkeit holzten die Entdecker die ursprüngliche Vegetation ab und jagten die endemischen Tierarten gnadenlos. Besonders flugunfähige Vogelarten und bodenbrütende Seevögel waren leichte Beute. Gemäß einer Studie der Zoological Society of London wurden im Zuge dieser ersten Besiedelungswelle unglaubliche 1300 Vogelarten ausgerottet.

Kokospalmen mögen laut älteren Verbreitungstheorien von Strömungen angeschwemmt in den Uferbereichen der Pazifikinseln vertreten gewesen sein, wahrscheinlicher ist aber, dass sie erst im Zuge der polynesischen Migration als Nutzpflanzen angesiedelt wurden. Die Kokospalme stellte insbesondere auf Atollen die Lebensgrundlage der Siedler dar, die praktisch alle Teile verwendeten: Kokoswasser grüner Nüsse zum Trinken; Brei aus reifem Kokosnussfleisch als wichtigste Protein- und Vitaminquelle. Aus den Stämmen wurden Häuser, aus den Blättern Waffen; aus Blattfasern entstanden Hauswände, Transportkörbe und sogar Kleidung.

Sobald der Primärwald abgeholzt ist, verschwindet der Humus
Angestammtes, aber falsches Bild von der Südsee

Wahrscheinlich zogen die ersten Siedler als nomadische Jäger und Sammler eine Zerstörungsspur durch Inselketten. Nachdem sie jedoch sesshaft geworden waren, musste ein System zur Einteilung der Ressourcen gefunden werden – dazu wurde von den Inselältesten ein Bann, ein „Rahui“, auf Tierarten oder Motus (niedrige Inselchen) gelegt, die damit ganzjährig bis auf Festtage, oder zumindest temporär, tabu waren. Auf manchen Atollen sind noch heute ein paar Motus auf diese Art geschützt, dort blieb auch die natürliche Vegetation aus Büschen und Laubbäumen erhalten. Die übrigen Motus wurden mit wachsender Bevölkerung nach und nach mit Kokospalmen bepflanzt. Unglücklicherweise zeigte sich auch hier die für karge Böden typische Symptomatik: Sobald der perfekt an die Bedingungen angepasste, üppig scheinende Primärwald abgeholzt ist, verschwindet die dünne Humusschicht und das Land wird unfruchtbar. Die flachwurzelnden Kokospalmen entwässern ein Motu, und ohne das dichte, tiefe Wurzelwerk der endemischen Büsche knabbert bald Erosion an den Ufern.

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