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Reisen

Der lange Gang übers Hochtal

27. Januar 2019 15:00 Uhr

Der lange Gang übers Hochtal
Winterweitwandern auf dem Seefelder Hochplateau setzt ein wenig mehr Kondition voraus als für bloßes Spazierengehen. Die Etappen sind bis zu 14 Kilometer lang.

Wer das ausgedehnte Wandern von Hütte zu Hütte im Winter vermisst, findet wahrscheinlich im Leutaschtal sein Glück. Und wenn auf der Seefelder Hochebene auch noch die Sonne scheint, wird es fast schon kitschig, meint Dominika Meindl

Der Taxifahrer wundert sich über das Fehlen von Skiern und Schneeschuhen, die Erklärung mit der Winterwanderung leuchtet ihm ein. "Schee!", sagt er, plötzlich nicht mehr im breiten Tirolerisch, und erzählt auf die Frage nach seiner Herkunft, dass er vor 40 Jahren hier Urlaub gemacht habe und dann nur noch schnell zum Packen nach Wien gefahren sei. Seither lebe er auf dem Hochplateau und sei glücklich. Die Spannung auf die Gegend steigt, denn außer dichten Schneeflocken, die auf dicke Schneehaufen fallen, ist davon nichts zu sehen. Die anfängliche Skepsis gegenüber der Fortbewegung ohne Ski teilen wir im Übrigen.

Die Schneemassen erschweren nicht nur unsere Anreise, sondern auch die Vorbereitung auf die Nordische Ski-Weltmeisterschaft, die am 19. Februar im Leutaschtal beginnt. Lawinengefahr, zugeschneite Pfade und umgestürzte Bäume werden zum Improvisieren zwingen. Um es vorwegzunehmen: Wenn die WM-Organisation so flexibel reagiert wie die Organisatoren unserer Wanderung, braucht sich niemand zu sorgen.

Der lange Gang übers Hochtal
Winterweitwandern auf dem Seefelder Hochplateau setzt ein wenig mehr Kondition voraus als für bloßes Spazierengehen. Die Etappen sind bis zu 14 Kilometer lang.

Die "Olympiaregion" Seefeld galt lange als Gegend, in der man eher Nerz als Goretex trug. Das hat sich spätestens seit dem Ausbau der Loipen geändert, mittlerweile sieht man viele Wanderer, die sich auf der 142 Kilometer langen "Fußgängerzone" bewegen. Auch die Innsbrucker kommen gerne herauf in das sonnenbegünstigte Hochtal. Sie machen dasselbe wie die Gäste, nennen aber alles unter vier Stunden Marsch einen "Spaziergang". Gewandert wird hier also schon lange, neu ist der Weitwanderweg, der in Zukunft noch erweitert werden soll.

Wegen der Wetterlage haben wir nicht in Schanz genächtigt, auch den Aufstieg auf die Aussichtsplattform Kurbelgraben müssen wir auslassen. So startet die erste Etappe im dichten Schneetreiben direkt vorm Hotel in Weidach. Spätestens als wir von der Straße in den Wald abbiegen, verfliegt unsere Skepsis, ob das reine Wandern etwas tauge. Dank aufwändig und eigens präparierter Wege kommen wir überraschend flott voran, außerdem tragen wir "Schneeketten" an den Füßen, die uns noch gute Dienste leisten werden.

Der meterhohe Schnee ebnet alles ein, dämpft alle Geräusche, bis auf das Knirschen unter unseren Schuhen. Still fließt die Leutascher Ache unter den Bäumen dahin, die sich unter der weißen Last biegen. "Das ist gar nicht so außergewöhnlich hier", sagt Markus Schmidt, der uns heute begleitet. Er war es, dem im Vorjahr die Idee zum Winterweitwandern gekommen war. Es müsse doch möglich sein, eine Wintervariante zur sommerlichen Tour durch das Karwendelgebirge anzubieten. Die Planung erwies sich zunächst als kompliziert, da die meisten Hütten Winterschlaf halten. Ab heuer aber gibt es eine komplette Route, mit der Übernachtung auf der Wettersteinhütte als Höhepunkt in jederlei Hinsicht; zwei Nächte verbringen die Wanderer in Hotels im Tal. Die Streckenführung ist so konzipiert, dass die Mittagsrast in einer Hütte gemacht werden kann; ab hier kann die Distanz zum Zielort verkürzt werden, sollte man sich etwa an den ausgezeichneten Mehlspeisen in Poli’s Hütte allzu gütlich getan haben. Dient die erste Etappe noch zum Eingehen – wem der Weg vom Burggraben Richtung Kreith zu weit ist, der wird auch später nicht glücklich –, geht es am zweiten Tag schon deutlich in Richtung Wandersport.

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Durch das einsame Fludertal steigen wir zur Wildmoosalm hinauf. Mit der Stille ist es dort vorbei, der Wirt "Ronaldo" hat ein Faible für ausgestopfte Waldwesen, Fußball und Schlager der ärgeren Sorte. Aber allein des Schnapsbrunnens wegen sollte man sich das skurrile Ensemble nicht entgehen lassen.

Als am Nachmittag zum ersten Mal seit Tagen der Himmel aufreißt, sehen wir endlich die zu Recht gepriesene Landschaft. Wobei in diesen Tagen jeder Zentimeter über 1,60 Metern Körpergröße von Vorteil ist, so hoch

rahmen nämlich die Schneewände den Weg. Deswegen schaffen wir es auch nicht auf die Panoramaplattform am Brunschkopf; zwar kämpfen wir uns eine Stunde durch den hüfthohen Tiefschnee, brechen die sportliche Einlage aber ab und kehren zum Normalweg zurück, um noch bei Tageslicht Mösern zu erreichen. Wer dort den Sonnenuntergang über dem Inntal sehen will, investiert in eine der Lichtblick-Suiten des Inntalerhofes.

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Rauth- statt Wettersteinhütte

Der dritte Tag umfasst die längste und schönste Etappe. Sie beginnt am Möserer See und sollte eigentlich auf der Wettersteinhütte enden. Die Lawinensituation macht uns aber einen Strich durch die Rechnung. Es sei ihnen in all den Jahren noch nie passiert, dass sie so lange zusperren mussten, sagt Wirtin Beate Schütz. So wandern wir über Buchen hinüber zur Ropferstub’m, für die wir eine gastronomische Empfehlung aussprechen. Nach dem üppigen Mittagessen haben wir ausreichend Energie für den Weg durch das Katzenloch. Früher jagten hier Luchse, Wölfe und Füchse, heute pirschen wir durch den einsamen Bergwald. Als wir wieder unter freiem Himmel stehen, breitet sich über die Ebene von Moos ein zauberhafter, aber saukalter Nebel.

Im Mondschein erreichen wir Weidach, wo man uns ein Ersatzquartier für die Wettersteinhütte gebucht hat. Noch trauern wir dem Hüttenabend auf 1700 Metern Höhe nach, doch da wissen wir noch nicht, dass uns die frühmorgendliche Wanderung auf die Rauthhütte schadlos halten wird. So ein Sonnenaufgang über den Stubaier Alpen kann wirklich etwas. Auf der Schulter der Hohen Munde warten Kaffee, Kuchen und Zirbenschnaps (nein, der freundliche Hund hat kein Fässchen umgebunden, wenden Sie sich an den Wirt). Hinunter geht’s dann ganz hurtig, als Wiedergutmachung hat man uns Rodeln besorgt, mit denen wir lachend die Piste hinunterrasen.

Fazit: Der Weitwanderweg ist ein lohnendes Angebot für Menschen, die das Wandern im Winter vermissen. Ein Vorteil gegenüber dem Sommer ist das Wetter – auch wenn es schneit, ist das Wandern schön und hält gut warm. Fanatische Skitourengeher werden angesichts der Berghänge ringsum wohl nicht ganz bekehrt werden, freuen sich im Fall des Falles aber über die absolute Lawinensicherheit. Gut zu Fuß sollten Interessierte auf jeden Fall sein, die Etappen sind bis zu 14 Kilometer weit und führen bis zu 700 Höhenmeter hinauf.

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Weitwandern

Die viertägige, maximal 43 Kilometer lange Wanderung führt jeweils von Sonntag bis Donnerstag über das Seefelder Hochplateau. Die "Schneeketten" für die Wanderschuhe können im lokalen Sporthandel erworben werden und kosten zwischen 15 und 49 Euro. Die Buchung in wanderfreundlichen Unterkünften und den Gepäcktransport übernimmt der Tourismusverband Olympiaregion Seefeld. Die Wanderstrecken sind speziell präpariert und mit einem eigenen Beschilderungssystem markiert. Ein bebildertes Booklet macht die Orientierung einfach. Das Paket "Klassik" ist ab 198 Euro erhältlich, das "Deluxe"-Paket ab 298 Euro jeweils für zwei Nächtigungen in Pensionen oder Hotels sowie einer Übernachtung auf der Wettersteinhütte.

Markus Schmidts Blog: www.karwendel-urlaub.de

Infos und Buchung: www.seefeld.com +43 508800

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