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Reisen

"Der Kluge reist im Zuge"

Von Klaus Huber  29. August 2021 00:04 Uhr

Berninaexpress
Der Berninaexpress lässt Landschaftsträume wahr werden.

Nach Jahrzehnten des Reisens mit Auto, Flugzeug und Schiff bin ich schließlich auf den Zug gekommen. Wir fahren auffi-owi-auffi, von Palmen bis zum Gletscher, und erkennen: Das ist so bequem und so schön! Wir sind in der Schweiz.

Wer hierher reist, hat sich ein Hochpreisland ausgesucht. Günstig ist nur die erste Nacht, wenn man sie als Reisezeit nutzt und im ÖBB-Nightjet verschläft. Der Zugbegleiter, viel mehr als ein Schaffner, serviert zur gewünschten Zeit das im Preis inbegriffene Frühstück. Und schon beginnt der Tag in Zürich, der größten Stadt der Schweiz, zweimal so groß wie Linz, hier "Züri" genannt. Die hohe Lebensqualität am großen See und am Fluss Limmat sorgt angeblich für die weltweit drittgrößte Millionärsdichte (nach Monaco und Genf) und für die höchsten Lebenshaltungskosten. In den Garagen stehen unzählige sündteure Autos, dennoch schätzt man auch das gemütliche Reisen mit der Eisenbahn. Eidgenossen füllen ihr Bahnmotto "Der Kluge reist im Zuge" mit Leben. Laut Statistik fährt jeder Schweizer, vom Baby bis zum Greis, pro Jahr mehr als 2000 Kilometer mit dem Zug. Das ist Weltrekord, bescheinigt der Eisenbahnweltverband UIC.

"Der Kluge reist im Zuge"
Matterhorn im Vorbeifahren

Den Bahnen wird Perfektion nachgesagt – ab drei Minuten Verspätung, sagt man, geht der Schaffner durch die Waggons und entschuldigt sich bei den Fahrgästen. Der eng vernetzte Taktfahrplan verhindert lange Wartezeiten beim Umsteigen, freut sich unsere Züricher Freundin, als Reiseprofi eine verlässliche Auskunftsperson. Besonders das breite Angebot an Sondertarifen sei ein Hauptgrund für die Zufriedenheit der Schweizer mit ihrer Bahn. Das ist offenbar auch den ÖBB bewusst, werben doch auch sie unter oebb.at für die Vergünstigungen im Swiss Travel System (STS). Es zahlt sich aus, dort eines der Travel-Pass-Angebote für den individuellen Reisewunsch herauszusuchen.

Wo andere eine Seilbahn bauen, fahren die Schweizer mit dem Zug hinauf. Der staunende Gast sitzt in herrlich ausgestatteten Waggons, manche mit riesigen Panoramafenstern, draußen ziehen beeindruckende Alpengipfel vorbei, und wenn es etwa einen Hochzeitstag zu feiern gilt, bestellt man sich halt ein mehrgängiges Gourmetmenü. In acht Tagen lassen sich drei, vier Teilstrecken der "Grand Train Tour" erleben.

Zunächst sollte sich der Reisende etwas Zeit nehmen für die Stadt Luzern. Das kulturelle Zentrum der Zentralschweiz, von Einheimischen wie Lozärn ausgesprochen, liegt malerisch am Ufer des Vierwaldstättersees, überragt von den Bergen Pilatus und Rigi. Da die Stadt von der Reuss, dem Ausfluss des Sees, in Alt- und Neustadt geteilt wird, besitzt sie mehrere Brücken. Zwei von ihnen, gedeckte Holzbrücken, sind echte Attraktionen. Wer über die 202 Meter lange Kapellbrücke, einen Wehrgang aus dem Jahre 1365, schlendert, vergisst die Zeit. Das Wasser liefert den Natur-Soundtrack dazu, in Giebeln der Überdachung erinnern Gemälde an Szenen der Schweizer Geschichte, und eine vorgelagerte Palisadenreihe, die "Schwirren", belegt den Wehrcharakter der Brücke: Sie hinderte feindliche Schiffe an der Durchfahrt. Die Brücke und der achteckige Wasserturm in ihrer Mitte waren Teile der historischen Befestigungsanlage.

In der Urschweiz angekommen

Am rechten Flussufer trägt eine steile Bergflanke die neun Meter hohe "Museggmauer", früher Teil von zwei mittelalterlichen Verteidigungsringen mit 30 Türmen, von denen neun restauriert wurden. Der schweißtreibende Aufstieg wird belohnt. Was für ein Ausblick! Vertreter der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden unterzeichneten am 1. August 1291 den Bundesbrief, mit dem die Eidgenossenschaft zur gegenseitigen Unterstützung gegründet wurde. Eine Schifffahrt von Luzern über den Vierwaldstättersee bis Flüelen gilt als erste Etappe des Schiff-und-Zug-Abenteuers Gotthard-Panorama-Express (GOPEX). Dieser Zug meidet den bereits 1882 eröffneten Gotthardtunnel, er bezwingt die Passstrecke, überquert die Zentralalpen. Gebannt schauen wir zur langen Autoschlange hinab, die sich tief unten vor der Tunneleinfahrt bildet. Wir fahren auf der historischen Gotthard-Strecke vom Kanton Uri über die 2100 Meter hoch gelegene Passhöhe nach Süden in den Kanton Tessin. Es ist ein zeitraubendes Unterfangen, dafür erwartet uns in Lugano südliches Flair. Das palmenbestandene Zentrum der größten italienischsprachigen Gemeinde außerhalb Italiens liegt am Luganersee. Drei nahe Aussichtsberge schauen herunter auf einen der wärmsten Orte der Schweiz. Er liegt ja auch schon fast in der Lombardei, Mailand ist mit Auto oder Zug in einer Stunde erreichbar.

"Der Kluge reist im Zuge"
Die Kapellbrücke in Luzern ist die älteste und die zweitlängste (204 Meter) überdachte Holzbrücke Europas.

Bahnlinie als UNESCO-Welterbe

Der nächste Tag beginnt mit einer Busfahrt entlang des Como-Sees ins italienische Tirano. Dort erwartet uns der Bernina Express (BEX), eine Zugverbindung der Rhätischen Bahn, die 2008 als UNESCO-Welterbe ausgezeichnet wurde. Sie verbindet Sprachregionen und Kulturen, lässt Landschaftsträume wahr werden. Europas höchste Bahnstrecke klettert ohne Zahnräder, daher in Schlangenlinien die Gebirgswelt hinauf. Dutzende Viadukte fügen sich harmonisch in die Natur ein. In manchen Abschnitten fährt der BEX langsam durch

enge Ortschaften, hält oft und fungiert für die Bergbevölkerung als Straßenbahn. Doch schon im nächsten Augenblick gibt der Panoramawagen den Blick frei auf steile Abhänge, in tief eingeschnittene Täler und darüber thronende Gipfel. Der Scheitelpunkt der Strecke liegt auf 2253 Meter beim Ospizio Bernina am Lago Bianco.

Von nun an geht’s bergab. In St. Moritz, auf 1800 Meter im Engadin gelegen, treffen wir einen alten Bekannten von daheim, den hier noch jungen Inn. Vom Bahnhof führen lange, eingehauste Rolltreppen hinauf ins Zentrum des Ortsteils St. Moritz-Dorf am steilen Nordufer des St. Moritzersees. Ansonsten entspricht der weltberühmte Wintersportort, Samorítz genannt, den üblichen Vorurteilen: mondän, teuer, doch weniger versnobt als befürchtet, architektonisch aus der Schweizer Art gefallen, international üblicher Baustil wie überall sonst, und fürs Klima bemühen wir die offiziellen Angaben: Es sei subarktisch, mit langen, extrem kalten, schneereichen Wintern und kurzen, kühlen, regnerischen Sommern.

Schmalspurig zum Matterhorn

Wir wollen eh nicht dableiben. Mit dem "langsamsten Schnellzug der Welt", dem Glacier Express (GEX), nähern wir uns dem, subjektiv betrachtet, einsamen Höhepunkt der Reise. Mehr als acht Stunden lang präsentiert uns der Gletscherexpress grandiose Ansichten der Kantone Graubünden, Uri und Wallis. Dabei fährt er über 291 Brücken, durch 91 Tunnel und über den 2033 Meter hohen Oberalppass nahe der Quelle des Rheins. Man merkt es ihm gar nicht an, dass er auf kleinem Fuße lebt: Der GEX ist eine Schmalspurbahn mit Ein-Meter-Spur. So zuckelt er auch durch die Rheinschlucht in das Bergsteigerdorf Zermatt mit einem fantastischen alten Ortskern aus Holzhäuschen.

Wer zu spät kommt...

Nur 14 Minuten später wollen wir die vom anderen Bahnhof abfahrende Gornergratbahn erreichen, müssen aber vorher noch das Gepäck deponieren und die Tickets kaufen (verbilligte Abendkarten: 80 Euro/Person). Eineinhalb Minuten kommen wir zu spät, und schon schimpft der Schaffner lauthals mit uns: "60 Leute müssen ihretwegen warten!" Teuer und pünktlich, wir sind in der Schweiz. Aber es zahlt sich aus. Die Gornergratbahn bringt uns in der Monte-Rosa-Region auf 3100 Meter Höhe. Zwei Steinböcke zeigen sich ganz nahe, der Blick schweift hinab zu einer Gletscherzunge – und gegenüber reckt einer der schönsten Berge der Welt seinen Gipfel in die Luft: das Matterhorn, 4478 Meter hoch, Schicksalsberg vieler Alpinisten. Jedes Jahr kommen acht bis zehn Bergsteiger am Matterhorn ums Leben, insgesamt mehr als 500. Dennoch verliert dieser markante Riese mit der typischen "Matterhorn-Wolke", die wie ein Banner fast ständig vom Gipfel weht, nie seine immense Anziehungskraft.

Weitere Infos: rhb.ch, glacier-express.de, myswitzerland.com

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Klaus Huber

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