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Reisen

Das wunderbare Lago-Gefühl

Von Jochen Müssig   08. Mai 2021 14:00 Uhr

Das wunderbare Lago-Gefühl
Der Gardasee zur blauen Stunde

Schon die Römer liebten ihren Benacus, wie der Gardasee gelegentlich noch genannt wird. Heute ist er ein Paradebeispiel für Wiederholungs-Tourismus, und im Sommer finden sich halb Österreich und Deutschland ein. Warum eigentlich?

Wir fahren ja schon seit zehn Jahren an den See …" – auch das begleitende Hochziehen der Augenbrauen hilft da wenig: Wer mit gerade einmal zehn Jahren Gardasee-Erfahrung angeben will, kann gleich sagen, er sei das erste Mal am Lago. Den Lacus Benacus haben schon die römischen Dichter Catull und Vergil besungen. Und manchmal meint man, die Hälfte aller Gardasee-Urlauber von heute kannte Catull und Vergil persönlich.

Der Gardasee ist ein Urlaubsziel für alle Generationen: Papa und Mama der 1960er-Jahre sind inzwischen Opa und Oma. Die Tochter war schon im Bauch ihrer Mutter am See und nach der Geburt die folgenden 34 Jahre, ehe sie – selbst schwanger – den Lago-Kreislauf weiter ankurbelt: Auch Klein Lisa wird den See lieben lernen. Erst als Tollpatsch am Strand, dann als Teenager, vielleicht mit der ersten großen Liebe, und schließlich wie Oma und Mama als Mutter … Aus der "Casa Bottura", nicht klassifiziert, ist ein hübsches Vier-Sterne-Hotel mit Pool geworden. Und die armen Botturas von damals sind nicht nur selbst alt, sondern – wie so viele am See – auch reich geworden.

Das wunderbare Lago-Gefühl
Die Uferstraße Gardesana Occidentale mit ihren 44 Tunneln führt vom Norden bis zum südlichen Zipfel des Sees.

Liegt die Liebe zum See in den Genen? An schönsten Kindheitserinnerungen? Oder einfach an den tollen Burgen und süßen Häfen, den Olivenhainen und Zypressen, der Pizza aus dem Holzofen und den lauen Abenden bis nach Mitternacht? Die Mischung macht’s. Sie macht süchtig. Gardasee-süchtig. Über dieses Lago-Feeling, das sich bei jedem anders äußert, schrieb Heinrich Laube, ein in Vergessenheit geratener deutscher Dichter, in seinen Reisenovellen von 1834: "Der See ist kein Masculinum, sondern ein Femininum. Er ist die erste italienische Jungfrau, welche dem blöden, blonden Germanen, der von den Alpen heruntersteigt, mit dunklem südlichen Blicke in’s Herz hineinsieht."

Goethe und ein Gen

Als Verursacher der Italiensehnsucht gilt ja der berühmte Schriftstellerkollege Johann Wolfgang von Goethe. Aber wie banal gegenüber Laube klingt da die Lago-Lobpreisung des Meisters: "Ein köstliches Schauspiel, der Gardasee", schrieb er 1786 knapp. Und Tennislehrer Marino aus Cassone weiß, was dem Herrn Geheimrat verborgen blieb: "Wenn der gewusst hätte, dass der Aril einer der kürzesten Flüsse der Welt ist, hätte er sich hinrudern lassen". Denn damals gab’s noch keine Straße dorthin.

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Malcesine am Ostufer des Sees

Der kleine Ort Cassone gehört heute zu Malcesine, und in Cassone mündet der Ri, wie die Einheimischen sagen, als Zufluss in den Gardasee. Das Besondere am Aril ist, dass er sofort nach der Quelle mehrere Meter breit wird, unter einigen Häusern, drei Brücken, einem kleinen See und einem Wasserfall durchfließt – und das alles auf nur 175 Metern … Die alten Hasen unter den Gardasee-Wiederholern wissen das. Sie wissen, dass der Pizza-Weltmeister aus Bardolino ausgerechnet von einem Australier entthront wurde, dass gewisse Leute aus Limone schriftliche Heiratsanträge aus den USA bekommen. "Wegen dem A-1", sagt Elide, Friseurin aus Limone. A-1 steht für Apolipoprotein, ein Protein, das die Adern säubert, wie Domestos die Küchenrohre, vererbt werden kann und für ein langes Leben sorgt. Limone hat deshalb die älteste Bevölkerung in Italien. "Was die Amis nicht wissen: Ihnen würde eine Heirat gar nichts nützen. Es ist ja eine reine Gensache!" Elide lacht und widmet sich wieder ihrer Kundin – rein zufällig auch eine A-1-Trägerin.

Arme Bewohner, reiche Besucher

Die mondänste Zeit erlebte der Gardasee zur Zeit der K.-u.-k.-Monarchie, als die High Society der Literatur, wie Ibsen, Kafka, Rilke, Nietzsche, D. H. Lawrence oder Thomas Mann, den damals deutschsprachigen Norden zwischen Riva und Torbole bevölkerte und sich inspirieren ließ. Heinrich Mann kam sogar 20 Mal zu Besuch und war schon damals das, was man heutzutage neudeutsch einen Repeater nennt. Damals und lange Zeit danach war der See noch ein armes Gebiet, bewohnt von Fischern, Oliven- und Bergbauern. Es war eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, bestehend aus armen Anwohnern und reichen Besuchern.

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Ein Blick auf das Schloss auf der Isola del Garda, zu dem die Besitzerin bescheiden „Villa“ sagt.

In den 1950ern hielt der Camping-, in den 1960er-Jahren der Albergo-Tourismus Einzug. Mit der Mistgabel verscheuchte man zunächst die Kühe, um Platz für Zelte zu machen. Und etwas später wurde das Kinderzimmer im Sommer vermietet, um den Besuchern, die schon damals wiederkamen, ein Bett anbieten zu können. Erst nach und nach wurde das Niveau angehoben und die ersten privaten Hotels mit ein paar Zimmern entstanden. Jetzt beherrschen Drei- und Vier-Sterne-Häuser den See – ohne Snobs und George Clooney wie am Comer See. Viele der Be

sucher haben die Entwicklung Jahr für Jahr miterlebt. Das bindet, das bringt Freundschaften: "Unsere Stammgäste haben uns während Corona nicht im Stich gelassen", sagt Anna Brighenti, Besitzerin des zuckersüßen Vier-Sterne-Hotels "Brenzone" direkt am See. "Sie haben während Corona gebucht, bezahlt und gesagt: ‚Wir kommen dann halt nächstes Jahr …‘" So mancher bezahlte Voucher hat in der Corona-Zeit viel geholfen. Andere kommen (sicher nächstes Jahr wieder) auch außerhalb der Sommerferien, um im fast verlassenen Dorf Campo, das nur noch von fünf Menschen bewohnt wird, mit italienischen Freunden den Ostermontag zu feiern, mit Spaghetti con le sarde, die nach der Messe in großen Kupferkesseln auf offenem Feuer gekocht und kostenfrei gereicht werden. Solche Traditionen machen aus einem Urlaubs- ein Sehnsuchtsziel.

"Che bella!" Zwei Bauarbeiter stützen sich an der Promenade von Val di Sogno auf ihre Schaufeln und spendieren bewundernde Blicke. Die vorbeischlendernde Blondine schaut verwirrt. Die Burschen glotzen doch tatsächlich nicht ihr, sondern dieser Sieben-Meter-Kieljacht nach, die gerade die Bucht verlässt. Als sei nichts passiert, stöckelt sie weiter.

Ein Stück Nostalgie

Italien und Erotik gehören zusammen wie Italien und flotte Autos, eine Riva oder eben ein schmuckes Segelboot. Und gerade der Gardasee verkörpert immer noch ein Stück Italien, als Italien für Österreicher und Deutsche noch ein Traum war und nicht ein Reiseziel wie viele andere. Da saßen die Fräulein romantisch am Ufer bei strahlender Sonne und wurden besungen von einem liebeshungrigen Italiener mit schwarzem Haar und Ringel-T-Shirt. Klischees, die in den 1950er- und 60er-Jahren in Form einer fast abgöttischen Italiensehnsucht ihren Höhepunkt erreichten. Die Sehnsucht nach Arkadien gipfelte dabei stets in Rot: roter Wein und rote Lippen – ein mondäner Lebensgenuss, üppig wie Zuckerguss und Schlagobers, abgehoben wie "La Dolce Vita", Fellinis zeitloses cineastisches Meisterstück. Das Leben war heiter und unbeschwert, kein Wölkchen trübte den Himmel. So ein Tag ist heute.

Natürlich gibt es auch praktische Antworten auf die Frage, warum der Lago von den meisten immer wieder besucht wird. Etwa die Freizeitparks um den Pionier Gardaland bei Peschiera, der Sporttourismus, ob die Leute nun auf dem Wasser oder am Berg aktiv sind, die Riesenauswahl an Campingplätzen. Und in der Nebensaison kommen die Bustouristen mit Senioren, die den Lago nach Jahren der Abstinenz wiederentdecken. Scheinbar leiden alle an der gleichen Sehnsucht … In Zahlen ausgedrückt, liest sich diese Gardasee-Sehnsucht im 21. Jahrhundert wie folgt: Geschätzte fünf Millionen Übernachtungs- und Tagesgäste lassen pro Jahr an die drei Milliarden Euro am See – Corona-Zeiten nicht gerechnet. Und einige sicher auch deutlich mehr als der Durchschnittsbürger: König Juan Carlos etwa oder Prinz Charles. Anders als der Durchschnitt kam jeder der Herren aber nur einmal – und das ist nach Gardasee-Arithmetik keinmal, wenn zehnmal doch nur wie einmal zählt …

  • Buchtipp: Jochen Müssig kennt den Gardasee seit Kindheitstagen und ist selbst Gardasee-süchtig. Der Reisejournalist hat 40 Mikro-Abenteuer zusammengestellt, im handlichen Mikroformat. Das macht Lust.
    256 Seiten, Verlag 360 ° medien, 14,95 Euro.
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