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Reisen

Das Holzhotel mit 210.000 Holzdübeln

Von Jochen Müssig   15. Dezember 2019 15:00 Uhr

Ich und mein Holz

In Leogang schläft man in einem Holzhotel mit 210.000 Holzdübeln und trinkt sein Gläschen an einer Holzbar aus 16.000 Eichenblöcken.

Ich und mein Holz. Ich und mein Holz. Ok, der Song beginnt, und er bekommt ein Thema. Ich und mein Holz …"

Als das erfolgreichste Lied der sonst eher unbekannten "257ers" in die Charts kam (und sich dort dann 32 Wochen lang hielt), wunderte man sich anfangs über den doch etwas plumpen Text und die einfach gestrickte Melodie. Aber je öfter man das Liedchen hörte, umso mehr dachte man darüber nach – über den Stoff, aus dem die Bäume sind. Holz wärmt, Holz schützt, Holz riecht so gut, Holz fasst man gerne an.

Und Holzbauten sind fast so alt wie die Menschheit. Schon in der Jungsteinzeit ab etwa 11.000 vor Christus gab es Pfahlbauten. In der Bronzezeit, 10.000 Jahre später, fanden Wissenschafter die Ursprünge des Blockhauses. Interessant dabei: Zu dieser Zeit bestimmte noch die Länge der Baumstämme die Ausmaße der Häuser. Bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert war der Baustoff Holz das dominierende Material. Und in Skandinavien oder in den Alpen sowie in vielen Regionen mit dichtem Holzbestand waren und sind Holzhäuser über all die Jahrhunderte bis heute ein fester und wichtiger Bestandteil von Siedlungen.

Sieben Etagen in Bio-Vollholz

Heute erlebt die Holzbaugeschichte ein Revival: Nicht nur Stararchitekten wie Matteo Thun entwerfen und bauen Holzhäuser, der Trend geht durchaus in die Breite. Und wenn ein Holzhotel mit leim- und metallfreien Zimmern aus Mondholz wirbt, deren Massivwände von mehr als 210.000 Holzdübeln zusammengehalten werden, lohnt sich ein genauerer Blick. Es ist schließlich das erste siebengeschoßige Bio-Vollholz-Hotel in Europa. "Lederhosenarchitektur wollte ich nicht!", sagt Markus Widauer. Er hat keine Lederhose an.

Von der Bar kommt Chill-out- Musik. Sein Hotelprospekt zeigt vollbärtige Hipster mit Tattoos in der Saunalandschaft. "Holz und Öko sind nicht langweilig!", stellt Markus gleich eine zweite These in den nach Holz riechenden Raum. Auch wenn seine Klientel in der Realität offensichtlich keine Hipster mit Vollbart sind, will er mit der zeitgeistig gemachten Broschüre seinen beiden Thesen Ausdruck verleihen und diese dann in seinem Hotel beweisen.

Markus Widauer ist der Besitzer der "Forsthofalm" auf 1050 Metern Höhe in Leogang. In diesem Haus ist er aufgewachsen. "Mein Vater baute Anfang der 1970er-Jahre ein kleines Alpengasthaus", sagt der 45-Jährige. Und es dauerte bis 2008 bis Markus seine Vision realisieren konnte. "Holz hat mich schon immer fasziniert. Und nachdem ich Erwin Thoma kennengelernt hatte, wusste ich, dass ich auch einmal ein Holzhaus bauen werde".

Thoma, gelernter Förster, Buchautor und Inhaber der gleichnamigen Holzbaufirma, ist eine Art Holz-Guru. Von Geigenbauern, Holzknechten und Zimmerleuten erhielt er altes Wissen, das er in seiner Holzbaufirma einsetzt.

400 Tonnen Massivholz verbaut

Nach einem Brand im elterlichen Haus ergab sich 2008 dann für den studierten Tourismusmanager Widauer die Möglichkeit, den Gasthof komplett neu zu errichten: stattliche vier Geschoße hoch, als Passivbau aus Holz mit niedrigen Energiekosten und dem sorgsamen Umgang mit der Umwelt. Zuletzt kamen drei weitere Geschoße dazu – wiederum komplett aus Holz. Insgesamt wurden 400 Tonnen Massivholz verbaut.

"Wir haben Mondholz verwendet", erklärt Markus Widauer. "Es ist das ideale Holz und wurde im Winter bei abnehmendem Mond geschlagen". Das scheint kein Esoterik-Firlefanz zu sein, denn "in dieser Phase ziehen sich die Säfte des Baumes in die Wurzeln zurück, das Holz wird also trockener und verzieht sich nicht so leicht". Er und sein Holz.

Das Lied kommt einem wieder in den Sinn, wenn man sein Vollholzzimmer betritt: Wände, Decke, Boden, Bett, Schrank und das ganze Mobiliar – ich und mein Holz … Es strahlt Wärme aus. Natürlichkeit. Und gibt diesen Hauch von früher, als ein Gasthof immer etwas von daheim hatte, während heutzutage der Alpine-Style um sich greift und mit ein paar Anglizismen und etwas Lounge-Musik aus traditionellem alpinen Stil auf einmal Alpine- Lifestyle macht. Nur die Beschläge und alles, was mit Licht und Strom zu tun hat, die bodenlange Glaswand zum Balkon sowie das Schieferbad sind nicht aus Holz.

Fichte für die Wände, Lärche für die Einrichtung und Zirbe für das Bett und einen gesunden Schlaf. Aus Lärchenholz gibt es sogar Holzleitplanken, die selbst tonnenschweren Gefährten wie Bussen standhalten. Während die ätherischen Öle im Zirbenholz die Herzfrequenz leicht sinken lassen. "Wissenschaftliche Studien zeigen, dass in einem Hotel wie der ‚Forsthofalm’ jeder Gast tiefer schläft und sich das Herz die Arbeit von einer ganzen Stunde pro Nacht erspart", sagt Holzbauer Erwin Thoma. Die Bauern in den Alpen verwenden seit Jahrhunderten Zirbenholz für die Innenräume und die Wiegen ihrer Kinder.

Die Nachbarschaft

Wie man eine Bar geradezu spektakulär aus Holz erbauen kann, zeigt Michael Madreiter ebenfalls in Leogang. Sein heutiges "Puradies" mit bewirtschaftetem Biobauernhof geht auf einen Vollholzbau aus dem Jahr 1768 zurück.

"Früher haben die Armen mit Holz gebaut und die Reichen mit Stein", sagt Michael. Heute scheint es eher umgekehrt zu sein. Zwar ist das "Puradies" kein purer Holzbau, aber das Herz des Resorts schlägt aus Holz. Es ist die Bar mit dem Namen "Freiraum", dem früheren Stall.

"Wir haben aus hundert Kubikmeter Eiche 16.000 Eichenblöcke gewonnen und daraus unsere 40 Meter lange, geschwungene Bar gemacht", sagt Michael. 100.000 Euro kostete allein das Rohholz und nach 5000 Arbeitsstunden kam eine Gesamtsumme von knapp 500.000 Euro raus. Für eine Bar! "Ich weiß, dass sie sich nie amortisieren wird. Aber wir haben mit dem ‚Freiraum’ ein Unikat. Wir haben Designpreise gewonnen, jeder Gast macht sofort ein Foto. Und jeder Gast erzählt auch zuhause von dieser Holzbar aus 16.000 Eichenblöcken", sagt Michael. Auch für ihn gilt ganz offensichtlich: Ich und mein Holz …

Forsthofalm: Vier-Sterne-Holzhotel mit Top-Spa, Bade-Biotop, Bioküche-Halbpension ab 256 Euro, www.forsthofalm.com
Puradies: Vier-Sterne-Hotel mit Chalets, Top-Spa, Badeteich, Bioküche-Halbpension ab 212 Euro, www.puradies.com

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