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Reisen

Cowboy und Indianer: Wildwest für Greenhorns

Von Martin Dunst   07. Januar 2014 00:04 Uhr

Cowboy und Indianer: Wildwest für Greenhorns
Wenn Charlie One Horse auf heiligem Boden erzählt, hören auch hartgesottene Cowboys gebannt zu.

Auf den Spuren von Revolverhelden und Apachenhäuptlingen: zwei Welten wie Tag und Nacht. Im Süden Arizonas rauchen die Colts, klappern die Schlangen, trommeln die Indianer.

In der 1500-Einwohner-Stadt Tombstone (Grabstein) lebt der Mythos vom Wilden Westen fort. Nur 50 Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt, vermischt sich Geschichte mit Legende, wird das Cowboyleben in einer Art Wild-West-Disneyland zelebriert: Postkutschen, Pianomusik in den Saloons und pockennarbige Pferdediebe mit Sporen und speckigen Mänteln.

Wyatt Earp in Endlosschleife. Beim "O.K. Corral" rauchen täglich um 14 Uhr die Colts. Die Earp-Brüder duellieren sich an dem Originalschauplatz mit der Claytonbande. Die Schießerei vom 26. Oktober 1881 wird als Heldenepos "gute Earp-Brüder gegen böse Clayton-Gang" inszeniert. Was damals wirklich vorgefallen ist, interessiert niemanden. Im Pulverdampf und Patronenhagel verschwimmt, wer seinerzeit The Good, The Bad oder The Ugly gewesen ist.

Szenenwechsel. Einen Tagesritt von Tombstone erstrecken sich die Dragoon Mountains von Ost nach West. Heiliges Indianerland. Die Bucklige Welt im Süden Arizonas. Ockerfarbene Granitmonolithen liegen im hüfthohen Gras wie achtlos hingeworfene Riesenbauklötze. Es ist ganz still. Selbst die Rasseln der hier weit verbreiteten Klapperschlangen schweigen.

Der Yaqui-Indianer Charlie One Horse kennt in dem Nationalpark jeden Stein. Anders als Wyatt Earp und Doc Holliday in Tombstone ist er kein Schauspieler, mimt keinen Reserve-Winnetou. One Horse ist authentisch, strahlt Ruhe aus. Während seine Cityslickers (Freizeitcowboys) mit Schnürstiefeln, den Blick sorgenvoll auf den Boden gerichtet, unterwegs sind, streift der Indianer mit Sandalen beinahe barfüßig durch die Prärie. "Ich fürchte mich nicht vor Klapperschlangen. Sie wissen, dass ich ihnen nichts tue und umgekehrt." Sehr beruhigend. Hoffentlich erstreckt sich dieses telepathische Friedensabkommen auch auf die Bleichgesichter.

Mit gebrochenen Abkommen haben die Vorfahren von Charlie One Horse viele leidvolle Erfahrungen gemacht. Am Fuße des "Council Rock" erzählt der Indianer von Apachen-Häuptling Cochise (1815–1876), der sich mit seinem Clan hierher in diese Bergfestung zurückgezogen hatte und zehn Jahre lang gegen die übermächtige US-Armee kämpfte.

Ausdauernde Krieger

Auf dem Bergplateau reicht der Blick in allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont. Die damaligen Späher sahen bereits am Freitag, wenn sich für Sonntag ungebetener Besuch ankündigte. Die Apachen-Kriege (1850–1890) waren die längsten und kostspieligsten Kriege der USA im 19. Jahrhundert – abgesehen vom Bürgerkrieg.

Die Apachen galten als grausam, schnell und zäh. Sie führten einen letztendlich aussichtslosen Guerillakrieg gegen die weißen Eindringlinge. Es war kein Kampf Mann gegen Mann. Auch Frauen und Kinder auf beiden Seiten wurden ermordet. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Apachenkinder von ihren Eltern getrennt und weißen US-Bürgern zur Adoption übergeben.

Häuptling Cochise war ein angesehener und gefürchteter Anführer. 1872 kam es auf Vermittlung von Tom Jeffords, einem US-amerikanischen Postreiter und Vertrauten des Apachenanführers, zu Friedensverhandlungen mit General Oliver Otis Howard. Den Apachen aus den Dragoon Mountains wurde ein eigenes Reservat zugesprochen. Nur zwei Jahre nach Cochise’ Tod brach die Armee einmal mehr ihr Wort. Die Apachen mussten wirtschaftlichen Interessen weichen. Ein Grund mehr für die nächste Generation der Apachen, den Krieg um ihr Land fortzuführen. Häuptling Geronimo leistete weitere zehn Jahre Widerstand.

Cochise liegt in den Dragoons begraben. Seine Grabstätte ist ein gut gehütetes Geheimnis. Das südwestlichste County Arizonas (in etwa Bezirk) ist nach ihm benannt. Der Film "Broken Arrow" (1950) mit Jeff Chandler in der Hauptrolle handelt von der Freundschaft zwischen Cochise und dem weißen Postreiter. Der Film gilt als erster indianerfreundlicher Western.

Charlie One Horse bittet zum Wildnis-Buffet. Er demonstriert, wie Cochise und seine Leute in der kargen Berglandschaft überleben konnten. Auf dem Menüplan stehen Kaktusblätter, Yucca-Wurzeln und getrocknetes Pferdefleisch. Man kann davon leben, aber es schmeckt beschissen – so lautet das kulinarische Fazit. One Horse zieht an einem Agavendorn – Nadel und Zwirn aus der Natur. Der Indianer streut etwas Tabak auf die Pflanze: "Nehmen und geben", antwortet er auf fragende Blicke.

Achtung, Schlange! Falscher Alarm. Das Reptil ist nur schemenhaft als Zeichnung auf einer Felswand zu erkennen. Rund um Council Rock finden sich 1500 Jahre alte Wandmalereien. "Die Schlange steht wie der Blitz für Regen und für Fruchtbarkeit", erläutert One Horse. Damals wie heute glauben Indianer, "dass alles auf unserer Erde zusammen gehört."

Stein und Flöte

Im Schatten der Felsen halten Indianerfamilien immer wieder spirituelle Zeremonien auf dem für sie heiligen und mit Energie aufgeladenen Boden ab. "Manche hören an diesem Platz zwischen den Felsen leises Flötenspiel unserer Ahnen", erzählt Charlie One Horse. Angestrengtes Lauschen. Es bleibt still. Oder rasselt da etwas im Gras? Normalerweise halten die Klapperschlangen jetzt Winterschlaf. Lieber rasch weitergehen. Sicher ist sicher.

Trommelklänge statt Flötenspiel. Charlie One Horse stimmt ein Dankeslied in der Sprache der Yaqui an. Solche Lieder werden über Jahrhunderte von einer Generation an die nächste mündlich überliefert. One Horse hat viele Traditionen von seiner Großmutter gelernt. Dieses Wissen zu bewahren und an die Jugend weiterzugeben, ist eine der großen Herausforderungen für alle Indianerstämme in der Gegenwart. Das trostlose Bild von arbeitslosen betrunkenen Ureinwohnern, die in ihren Reservaten auf eine bessere Zukunft warten, die nicht kommt, ist nur eine Seite der Medaille. "Wir legen Wert auf eine gute Ausbildung möglichst vieler junger Menschen, binden die Alten wieder mehr ein, versuchen Neugierde für unsere althergebrachten Lebensweisen zu wecken", sagt One Horse. Der Indianer verschweigt nicht, "dass es in Zeiten von Social Media und globalen Modetrends nicht einfach ist, junge Menschen für altes Wissen zu gewinnen." Aber alle Stämme würden in diesen Fragen zusammen arbeiten.

Für Kraftplätze wie die Dragoon Mountains und die Lebensweise der Indianer im Einklang mit der Natur interessieren sich immer mehr auch die Nachfahren der weißen Einwanderer – die Feinde von einst. "Wir können eine Alternative zum rein materiellen Denken anbieten", sagt One Horse. Seine Worte symbolisieren: Friedenspfeife statt Kriegsbeil.

 

Gut behütet

Ein Cowboyhut gehört zum Wilden Westen wie die Legende von Wyatt Earp zu Tombstone. Mann trägt Hut im südlichen Arizona. Wer ohne passende Kopfbedeckung auf Entdeckungsreise durch Tombstone streunt, zeigt sich so gut wie nackt, wird auf den ersten Schritten als Greenhorn und Fremder misstrauisch beäugt. Kein guter Einstand.

Abhilfe für bloße Häupter findet sich bei Hutmacher Grant Sergot in der alten Minenstadt Bisbee, 20 Kilometer von Tombstone entfernt. Das kleine Geschäft gleicht einem Museum und bietet einen riesigen Fundus von 200 Hutmodellen. Hier gibt es für jeden Kopf den passenden Deckel. Seit 40 Jahren fertigt und restauriert der Hutmacher Hüte in Handarbeit. Die Holzformen in seiner Werkstatt sind 120 Jahre alt. Vom Panama-Hut bis zum Kopfschmuck aus Biberfell reicht die Angebotspalette. Von 100 bis 800 Dollar kostet ein handgefertigter Hut. Die TV-Serie „Bonanza“, in der alle Protagonisten gut behütet sind, hat in Sergot die Leidenschaft für seine Berufung geweckt. Mit Instrumenten, die Folterwerkzeugen gleichen, einer Art Käfig, vermisst er jeden Kopf. Der Fachmann ist überzeugt: Mit dem richtigen Hut gehen seine Kunden als ganz andere Menschen aus seinem Geschäft.

Man merkt intuitiv sofort, wenn obenauf alles stimmt. Es fühlt sich fast so an, als ob sich der Hut den Kopf aussucht und nicht umgekehrt. Noch ein Tipp vom Hutmacher in puncto Aufbewahrung: Ob Panama-, Cowboy- oder Filzhut – sein bestes Stück nie achtlos auf dem Rücksitz transportieren. www.optimohatworks.com

 

Der Ranger aus Bayern

Der Old Trappmann Saloon ist das Zentrum der Apache Spirit Ranch nahe Tombstone. Keine Waffen und schmutzigen Stiefel, warnt ein Schild Besucher am Eingang. Auch sonst ist hier alles so, wie man es aus einschlägigen Western-Filmen kennt: ein Billard-Tisch, eine großzügige Theke, jede Menge Feuerwasser und eine Pokernische.

Vor gut 100 Jahren träumte die deutsche Einwandererfamilie Trappmann genau hier vom großen Glück im Wilden Westen. Nicht im Saloon, sondern auf der eigenen kleinen Farm. Jetzt gehört das Land wieder einem Deutschen. Der Münchner Peter Stenger (48) hat sich mit der Apache Spirit Ranch seinen Jugendtraum erfüllt: Ihn faszinieren Cowboys und Indianer. Aus dem Spiel ist Ernst geworden. Just zum Höhepunkt der Wirtschafts- und Immobilienkrise kaufte er 110 Hektar Land und begann seinen Traum zu realisieren. Mit dem Saloon, dem Grand-Hotel oder dem Marshall’s Office sollen Besucher in die Zeit von Wyatt Earp versetzt werden. Stenger hat keine Lust, sich entweder für die Seite der Cowboys oder für jene der Indianer zu entscheiden. Auf seiner Ranch hat beides Platz: raues Cowboy-Dasein und spirituelle Indianer-Weisheiten.

Auf der Apache Spirit Ranch schlüpfen Touristen einen Tag lang in die Rolle des Revolverhelden, veranstalten Schießübungen und reisen durch ausgetrocknete Flussbette, um kurz darauf Fährten zu suchen und Überlieferungen von
Nachfahren der Apachen zu hören. www.apachespiritranch.com

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