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Reisen

Charmant, alt und bunt

Von Monika Raschhofer 08. September 2019 00:04 Uhr

Charmant, alt und bunt
Die Oldtimer-Besitzer sind stolz auf ihre betagten Peugeots.

Französische Autos, schmiedeeiserne Balkone, unzählige Löwen, tausend Seen und eine Stadt, in der gerne Festivals gefeiert werden. Die Region Franche-Comté liegt dazu noch relativ nahe.

Belfort, Montbéliard, Luxeuil-les-Bains und Ronchamp gelten als Perlen des östlichen Zipfels der erst kürzlich zusammengeschlossenen Region Bourgogne (Burgund) Franche-Comté. Ihre Altstädte, Schlösser und Festungsbauten versprühen französisches Flair.

In Montbéliard (deutsch: Mömpelgarden) besteht eine kunsthistorische und für die evangelische Gemeinde doch leidvolle Verbindung nach Österreich. Denn das Original des rund 480 Jahre alten Mömpelgarder Flügelaltars befindet sich in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Nach der verlorenen Schlacht bei Nördlingen im Dreißigjährigen Krieg wurde um 1600 der Altar in die Habsburgische Sammlung gebracht. Der Regent der Grafschaft Mömpelgard, Graf Georg von Württemberg, hatte das Werk mit 157 Bildern der Bibel in Auftrag gegeben – nur ein exzellentes Duplikat ist jetzt in der schlichten Kirche ausgestellt. Fremdenführerin Evelyne Boilaux betont, dass die Montbéliarder mit den Württembergern noch immer eng verbunden seien. Ihr Schloss – Denkmal einer deutsch-französischen Liebe – beherbergt heute ein Museum.

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Idyllisch liegt der See da – einer von unzähligen in der Region.

Urform der Wimbledon-Schale

Eines der Exponate – auch eine Kopie, das Original ist in Stuttgart – kennen Tennisfreunde: Die Vorlage für die Siegestrophäe des Damenturniers in Wimbledon ist die Temperantia-Schale, die der Zinngießer Francois Briot in Montbéliard im 16. Jahrhundert geschaffen hat. Eine schier unerschöpfliche Menge an Exponaten aus der jüngeren Industriegeschichte gibt’s im 6000 Quadratmeter großen "Museum des Abenteuers Peugeot" zu sehen. Und zwar nicht nur Autos aus allen Epochen, denn davor wurden im Unternehmen allerlei Haushaltsgeräte und Werkzeuge gefertigt.

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Belfort – stolz thronen der rosa Löwe und die Zitadelle über der Festival-Stadt.

Begonnen hat alles vor rund 200 Jahren mit Kaffeemühlen und Sägen. Diese sollten so biegsam, kräftig und mit starken Zähnen ausgestattet sein wie ein Löwe, so wurde die Großkatze zum Symbol der Firma – und blieb es bis heute. Mit den Löwen von Belfort hat das nichts zu tun. Weder mit dem 22 Meter langen und elf Meter hohen aus rosarotem Sandstein an der Zitadelle – geschaffen vom Erbauer der New Yorker Freiheitsstatue Frédéric-Auguste Bartholdi –, noch mit einem der rund 150 anderen Löwen, die an Fassaden, Balkonen, Brunnen und Brüstungen zu entdecken sind. Beeindruckend ist in Belfort sowohl der Blick von der Altstadt hinauf zum Löwen und zur Zitadelle als auch der Blick von der Aussichtsplattform auf der Zitadelle hinab auf die Stadt und die hügelige Landschaft rundum. Mit Tablets ausgestattet können Besucher einen Rundgang am erhabenen Bauwerk machen und virtuell sowie mit deutscher Beschriftung sehen, wie die Zitadelle früher ausgesehen hat. Aktuell ist die Stadt in den Schlagzeilen, weil ein Großunternehmen Arbeitsplätze abbauen will. Sonst wird hier gern und bunt gefeiert – mit viel Musik, mit Filmen, dem größten Flohmarkt der Region – und heuer auch, weil Belfort Station der Tour de France war. Blumeninseln weisen auf das Radsport-Großereignis hin.

Ein Museum, das überrascht

Eine kleine Straße durchs hügelige Land, unmittelbar daneben zwei Seen – der auf der rechten Seite höher gelegen als die Fahrbahn, der linke auf deutlich tieferem Niveau. In der Region der tausend Seen genießt der Vorbeifahrende öfter eine derart bemerkenswerte Aussicht. Manche der Seen sind klein, manche werden zur Fischzucht genutzt, in andere führen Badestege, einige liegen einfach nur idyllisch da und spiegeln die Sonne wider. Viele Wander- und Radwege führen durch die mit Wäldern, Kuhweiden und Dörfern durchsetzte Landschaft.

Und dann, im kleinen Champagney überrascht ein Museum über die Abschaffung des Sklavenhandels. Diese wurde 1789 von der Dorfbevölkerung gefordert, als König Ludwig XVI. von allen Dörfern und Städten seines Reiches erfahren wollte, was sie wollen. Der Artikel 29 begann mit "Die Einwohner und Gemeinschaft von Champagney können nicht an die Übel, die die Negersklaven in den Kolonien erleiden, denken, ohne das Herz vom lebhaftesten Schmerz durchdrungen zu haben" und endet mit dem Flehen, die Sklaven zu nützlichen Untertanen werden zu lassen. Vermutlich kam der Anstoß von einem Pariser Offizier auf Heimaturlaub. Die Bilder und Exponate im Museum berühren und schaffen auch eine Verbindung zu weltweiter Ausbeutung in der Gegenwart.

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Vom Schöffenturm in Luxeuil-les-Bains lässt sich ein herrlicher Ausblick auf die Stadt und die Umgebung genießen .

Locker, leicht und etwas verträumt wirkt ganz im Gegensatz dazu der Thermenort Luxeuil-les-Bains an den Ausläufern der Vogesen. Vor allem von oben betrachtet. Vom Schöffenturm gibt es einen guten Ausblick. Kein Wunder, dass hier die regionaltypische Schweinswurst, die heimischen Käsehäppchen und vor allem die Griottines vorzüglich schmecken – Schwarzkirschen in Likören eingelegt … Eine köstlich-intensive Verbindung.

Altes Bad und junge Kapelle

Filigrane, schmiedeeiserne Balkone sind ein Markenzeichen von Luxeuil, viele sind liebevoll renoviert, manche mit Patina überzogen, einige mit farbintensiven Blumen geschmückt. Kirche und Kreuzgang sind sehenswert. Galloromanische Funde belegen, dass das Thermalbad eine lange Geschichte hat. Im Wasser sind Chlor, Natrium, Natron, Fluor und Lithium enthalten, es hilft bei Venenerkrankungen, Rheuma und in der Frauenheilkunde. Ein Jäger soll die warme Heilquelle einst durch Zufall entdeckt haben. Das imposante Gebäude wurde aus rosafarbenem Vogesen-Gestein im neoklassizistischen Stil errichtet. Die ausnahmslose Badehaubenpflicht, die Kleiderabgabe an das Personal sowie die puristische Ausstattung des Thermalbades sind allerdings gewöhnungsbedürftig und wirken etwas aus der Zeit gefallen.

Charmant, alt und bunt
Die Kapelle in Ronchamp fällt wegen ihrer besonderen Architektur ins Auge.

Ausgefallen ist die Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp. Der bekannte Schweizer Architekt Le Corbusier hat die in den 50er- Jahren erbaute Wallfahrtskirche entworfen, seit 2016 ist sie UNESCO-Welterbe. Der siloähnliche Turm, das pilzförmige Dach, das durch einen Glasspalt von den Wänden abgesetzt ist und dadurch schwebend wirkt, die bis zu drei Meter dicken Mauern mit den trapezförmigen Fenstern – der Sakralbau beeindruckt durch seine außergewöhnliche Architektur. Ein faszinierender Kontrast zu den geschichtsträchtigen Dörfern und Städten der Region.

Der Nordosten der Region Bourgogne-Franche-Comté

 

Burgund (Bourgogne) und Freigrafschaft (Franche-Comté) wurden 2016 zu einer Region zusammengeschlossen. Sie hat rund 2,8 Millionen Einwohner. Hauptstadt ist Dijon. Am nordöstlichen Rand der Region, die an die Schweiz angrenzt, liegen die Städte Belfort, Montbéliard und Luxeuil-les-Bains.

Anreise: Belfort-Montbéliard ist eine Station des Schnellzugs TGV, der bis Basel fährt. Der Flughafen Basel-Mülhausen-Freiburg (EuroAirport Basel Mulhouse Freiburg) liegt in der Nähe.

Links: belfort-tourisme.com/de; montbeliard.fr; luxeuil.frhttps://de.bourgognefranchecomte.com/

Artikel von

Monika Raschhofer

Lokalredakteurin Innviertel

Monika Raschhofer
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