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Reisen

Bilderwelten unter weitem Himmel

Von Manfred Lädtke   02. Februar 2020 00:04 Uhr

Bilderwelten unter weitem Himmel
Auf der Recknitz: eine ökologische „Schleichfahrt“ im Kanu durch die Wildnis uralter Torfmoore, vorbei an Weiden und Schilfinseln

Gemalte Melancholie, berauschende Stille und ziehende Kraniche auf der deutschen Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst.

Fischland-Darß-Zingst: Der Name klingt, als hätten übermütige Stürme ein paar Buchstaben durcheinandergewirbelt. Auf einer Landkarte zeigt der Mann vom Fahrradverleih auf das Küstenvorland, das wie eine Sichel in der Ostsee liegt: "Unsere Schatzkammer zwischen Mecklenburger Bucht und Vorpommern." Helle Steilufer und Dünen in Fischland, urwüchsige Küstenwälder auf dem Darß, breite Strände und schilfgesäumte Boddenlandschaften in Zingst. 650 Jahre mussten sich Sturm und Meer ins Zeug legen, bis die drei Landpartien zu einer 45 Kilometer langen Halbinsel zusammengewachsen waren. Dann erzählt der Biker von dramatischen Himmelsspiegelungen, von trompetenden Kranichen und vom Rohrdachidyll windumwehter Landhäuser in der Künstlerkolonie Ahrenshoop. "Schöner geht’s nicht, oder?"

Bilderwelten unter weitem Himmel
Die nassen Boddenlandschaften sind ideale Quartiere für die Kraniche.

Ob Sommerfrischler im Auto gemächlich auf schattigen Alleestraßen cruisen oder dem Küstenradweg folgen – immer wechselt die Aussicht auf das Meer und die flachen Boddengewässer. Ein im wahrsten Wortsinn malerisches Fleckchen Erde ist das Künstlerzentrum Ahrenshoop mit seinen vielen Deichübergängen zum Strand. Nahe der Dorfstraße steht ein blaugetünchter Kunstkaten. 120 Jahre ist es her, seit der Freilichtmaler Paul Müller-Kaempff (1861-1941) Künstlerkollegen aus den Städten in das weltabgelegene pommersche Dorf der Fischer, Bauern und Seefahrer folgte und das Atelierhaus als Zentrum für die junge Künstlerkolonie baute.

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Der Kunstkaten zählt zu den ältesten Galerien in Norddeutschland.

Sehnsuchtsort Ahrenshoop

Licht und Schatten der Jahreszeiten, die Atmosphäre der Einsamkeit und die Melancholie der Landschaft waren der inspirierende Stoff, aus dem damals Bilder entstanden. Jahrzehnte später, Ahrenshoop war längst auch Sehnsuchtsort für Schauspieler, Musiker, Politiker und reiche Kaufleute, soll Müller-Kaempff genervt, aber gut situiert erklärt haben: "Ich habe kein großes Interesse daran, ob man mir ein Bild abkauft oder nicht." Seine Kollegen sahen das freilich anders und arbeiteten weiter am opulenten Fundus oft menschenleerer, von Sturm, Wasser und Sand gezeichneten Gemälden.

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Wolken, Meer und Licht waren die Inspirationsquelle der Künstler von Ahrenshoop. Wo die Entstehung von Originalen vermutet wird, stehen Bildtafeln mit Werken der Landschaftsmaler.

Wer nun der bilderreichen Kunstgeschichte des Ostseebades vor der Tür des Kunstkatens auf die Spur kommen will, steigt vorzugsweise auf ein E-Bike. Am Strand zwischen Meer und kunterbunten Villen führt ein hügeliger Pfad zu zehn Tafelstationen mit Werken von Malerinnen und Malern. Die Gemälde sind jeweils dort platziert, wo die Entstehung der Originale vermutet wird. Sie gestatten Ansichten, Interpretationen und emotionale Wahrnehmungen aus der Perspektive der Maler. "Blick auf Ahrenshoop von Müller-Kaempff", liest eine junge Frau und deutet auf ein Haus hinter einer Düne. Die Aussicht vom Steilufer auf das Haus und das Meer hat sich seit 110 Jahren kaum verändert.

Wer den rotglühenden Sonnenuntergang am ursprünglichsten Küstenstrich der Ostsee erleben will, sollte das Fahrrad spätestens am frühen Nachmittag in Position bringen. Ein aussichtsreicher, sechs Kilometer langer Radweg führt vom lichtdurchfluteten Ahrenshoop hinein ins Grün des Darß-Waldes. Das Tschilpen, Trällern und Tirilieren tausender Vögel verwandelt den Wald in einen Konzertsaal, bleibt allerdings nur Frühaufstehern vorbehalten. Kommt der Frühling ins Land, treten die gefiederten Meistersinger in Hochform auf. Ob deren Liebeslieder bei den Weibchen ankommen?

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Flugshow mit Adler im Vogelpark Marlow: Wo lauert die nächste Beute?

Fast 40 Wanderwege kreuzen das 5500 Hektar große Idyll, das einst Seeräubern wie Klaus Störtebeker Unterschlupf bot. Sonnenstrahlen blinzeln durch das rauschende Blätterdach uralter, knorriger Rotbuchen und Fichten. Daneben schweigen nasse, geheimnisvolle Erlenbruchwälder. Hinter einer Lichtung öffnet sich unter blauem Himmel der sonnenwarme Weststrand, das Goldstück des Darß. Kiefern kommt ihr Platz in der ersten Strandreihe meist teuer zu stehen. Mit ihren tiefen, dem Meer abgewandten Baumkronen scheinen die bizarren "Windflüchter" vor den Stürmen fliehen zu wollen. Vor aufgetürmten Dünen prägen skulpturale Gebilde entwurzelter Baumreste die Szenerie dieses 14 Kilometer langen, kompromisslosen Naturjuwels. Im Sommer tummeln sich Badende in der schläfrigen See. An Herbst- und Wintertagen wandern dick eingemummte Spaziergänger durch den Sandkasten am Urwald und lauschen dem Donnern und Grollen der entfesselten Wellen.

Gefräßiges Wasser

Welch grandiose Aussicht! 134 Stufen führen hinauf auf die Plattform des Leuchtturms am Darßer Ort. Der Blick reicht hinüber bis ins benachbarte Ostseebad Zingst und über die bereits 100 Meter vor dem Turm lauernde See. Rund 1,30 Meter Land schluckt das gefräßige Wasser jedes Jahr. Ein paar Pedaltritte weiter versteckt sich am Ostzipfel von Zingst Mitteleuropas größter Rastplatz für jährlich rund 60.000 Kraniche. Wie aus dem Nichts tauchen die Zugvögel plötzlich in großen, keilförmigen Formationen am roten Abendhimmel auf. Mit trompetenähnlichen Rufen landen sie auf ihren Schlafplätzen in flachen Wassern, die Schutz vor Wildschweinen und Füchsen bieten. Genauso geräuschvoll brechen die Kraniche bei Sonnenaufgang wieder auf, um sich auf Feldern für den weiten Flug ins südliche Winterquartier die Bäuche vollzuschlagen. Im Frühling kann man sie an den Uferzonen manchmal sogar bei einem flotten Tänzchen beobachten. Die sangesfreudigen Vögel tanzen nämlich nicht nur bei der Balz, sondern auch aus purem Vergnügen.

Im Landesinneren, nur eine halbe Autostunde von der Ostsee entfernt, befindet sich im Recknitztal eine andere bunte Vogelwelt. Krickenten, Adler, Emus und Störche sind die Superstars im Vogelpark Marlow. Im Pfahlbaumhaus "Storchennest" schleppt eine Familie ihr Gepäck die steile Holztreppe hinauf. Auf der weiten Wiese unter der Terrasse der rustikalen Unterkunft tummeln sich mehr als zwei Dutzend Weißstörche, die als verletzte, flugunfähige Pfleglinge hier ein Zuhause haben.

Vorsicht, Kopf einziehen!

Vorbei an Kranichen, Humboldt-Pinguinen und handzahmen Kängurus liegt am Ende der weitläufigen Anlage der Flugplatz für Adler, Falke & Co. Ein bunter Papageientrupp flattert im Formationsflug über die Parkbesucher hinweg. Dann heißt es: Vorsicht, Kopf einziehen! Auf einem Hügel bereiten Tiertrainer die nächste Showeinlage vor. Adler lauern auf ausgestreckten Armen auf Beute, die sie sich im Sturzflug hinweg über klickende Kameras als Lohn für ihren luftigen Auftritt auf einer Anhöhe vis-à-vis greifen.

Mystisch und auch nach 900 Jahren historisch nicht greifbar sind Geschichten über das sagenhafte, wegen Habgier und Hochmut seiner Bewohner vom Meer verschlungene Vineta. Historiker haben es zuletzt im Hafenstädtchen Barth verortet. Und so führt ein Ausflug in die alte Handelsstadt nicht nur in einen der romantischsten kleinen Hafenorte der Ostsee, sondern auch in eine mit Seemannsgarn gewickelte, für den Tourismus einträgliche Sagenwelt.

Klar, auch andere Städte Pommerns bringen sich als Heimat von "Vineta" in Stellung. Kaum aber hatten sich die Chronisten auf Barth eingenordet, nutzte der Bürgermeister die Gunst der Stunde, sicherte "Vineta" als Markenname und ließ den Wind fortan werbewirksam aus seinem Städtchen wehen. Im örtlichen Vineta-Museum hat der Mythos nun seine bildreiche Heimat gefunden.

Am Hafenufer von Barth schaut ein Ehepaar den Wolken nach. Einen halben Tag lang waren die Literaturscouts Spuren von Martha Müller-Grählert (1876-1936) gefolgt, die hier ihr berühmtes Lied "Mine Heimat" gedichtet hat, das – fälschlicherweise auch als nord-deutsches Friesenlied – in zahlreichen Adaptionen die Welt eroberte. In der Hoffnung, die versunkene Stadt zu sehen, wirft das Paar einige Münzen ins Meer. Nichts passiert. Wie denn auch? Laut Sage soll das Geld ja an einem Ostermorgen und nur bei Glockengeläut ins Wasser fallen! Sehr wahrscheinlich aber taucht Vineta auch in Zukunft nur als episches Element auf … In Büchern von Heinrich Heine, Ferdinand Freiligrath oder Günter Grass etwa.

Informationen

Das Fischland ist eine Landbrücke zum Darß und zur Halbinsel Zingst.

Adressen: fischland-darss-zingst.de, vogelpark-marlow.m-vp.de, stadt-barth.de

Besuchstipps: Backsteinstädtchen Ribnitz-Damgarten mit Bernsteinmuseum und gruseliger Stadtführung (ribnitz-damgarten.de). Geführte Kanutour auf dem Flüsschen Recknitz (kanuverleih-marlow.de); einige Werke auf dem Kunstpfad Ahrenshoop zeigt das dortige Kunstmuseum als Originale, kunstmuseum-ahrenshoop.de

Kraniche können im Frühjahr und Herbst beobachtet werden. Den Tieren sollte man mit Respekt und Distanz begegnen. Werden sie aufgescheucht, suchen sie das Weite und verbrauchen wertvolle Energie, die ihnen beim Weiterflug fehlt. Auch grelle Kleidung schreckt die Vögel auf.

Übernachten: In Altenpleen in idyllisch stiller Boddenlandschaft: Bio-Familienhof Gut Nisdorf (gut-nisdorf.de);

in Ahrenshoop: exklusives Wellness-Hotel mit Meerblick „The Grand“ (the-grand.de); schwimmende Ferienhäuser in Ribnitz (wellenreiter-ferienhaus.de);

Vogelpark Marlow: Pfahlhaus (vogelpark-marlow.de)

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